Zwanziger vs. Journalist — DFB vs. Meinungsfreiheit?

PlattTheo Zwanziger ist der Präsident des Deutschen Fußballbundes — und damit sicherlich auch für die TV-Verträge mitverantwortlich. Nun könnte ich eine große Litanei darüber verfassen, dass der DFB (und die DFL) den Fan schon lange aus den Augen verloren haben. Das Dollarzeichen in den Augen kann der Fan den Fußball fast nur noch im überteuerten Stadion sehen oder ausgiebig im Pay-TV. Während der Fußball früher für alle da war, ist er heute in seiner ganzen Breite nur noch für den gut betuchten Bevölkerungsteil zu haben. Man denke allein an die Champions-League: Selbst bei deutscher Beteiligung werden den Fans das Gros der Spiele vorenthalten. Es sei denn, sie bezahlten teuer dafür. Doch das brauche ich aber nicht weiter auszuführen, das tun bereits andere. Und der dabei für mich entscheidende Grund: Dank des Wirkens von Theo Zwanziger und seiner Mannen interessiert Fußball mich immer weniger. Ich habe halt nur an Dingen Interesse, die ich auch verfolgen kann. Ohne das Gefühl zu haben, vom Pay-TV über den Tisch gezogen zu werden. Jens Weinreich ist der beste Sportjournalist, den dieses Land zu bieten hat, ich haben mehrfach auf ihn verwiesen. Auf direkter-freistoss.de wurde ein Artikel zur Kartellamtsentscheidung und die Reaktion des DFB, namentlich auch Theo Zwanziger, veröffentlicht. Jens Weinreich schrieb in den Kommentaren (Nr. 4) über Zwanziger:

Er ist ein unglaublicher Demagoge.

Ob man sich nun dieser Meinung anschließt, oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Leichtfertig wiederholen sollte man dies allerdings nicht — Justizia lässt grüßen. In der Folge hat sich nämlich ein pikanter Rechtsstreit entwickelt. Für diesen Satz verlangte Theo Zwanziger von Jens Weinreich eine Unterlassungserklärung. Sowohl das Landgericht wie und das Kammergericht Berlin entschieden zugunsten Jens Weinreichs. Das Landgericht Berlin führte unter anderem aus:

Mit der Äußerung des Antragsgegners, der Antragsteller sei ein “unglaublicher Demagoge”, wird dessen Persönlichkeitsrecht nicht rechtswidrig verletzt, weil es sich um eine zulässige Meinungsäußerung handelt, die keinen schmähenden Charakter hat.

Soweit so gut, man sollte hier eigentlich die Akte schließen — und den Mut Jens Weinreichs hervorheben, dass er sich nicht geduckt hat und die Unterlassungserklärung unterschrieben hat, sondern den Rechtsstreit hat auf sich zukommen lassen. Zumal Theo Zwanziger ebenso auf direkter-freistoss.de die Chance bekam, sich zu äußern:

Ich bin kein Prozesshansel, ich kann Kritik einstecken. Doch in diesem Fall muss ich darauf verweisen, dass Artikel 5 unseres Grundgesetzes nicht nur die Meinungsfreiheit schützt, sondern auch die persönliche Ehre. Herr Weinreich hat mich Demagoge genannt. Daraufhin habe ich im Duden nachgeschlagen, und der definiert dieses Wort genau wie ich es empfinde: „Volksverhetzung“. Das ist laut § 130 des Strafgesetzbuches eine strafbare Handlung, die mit Freiheitsstrafe bedroht ist. Und nun will ich von Gerichten geprüft wissen: Darf man mich als Volksverhetzer bezeichnen? Das bin ich dem Verband und mir selbst schuldig, zumal Herr Weinreich noch eins drauf gesetzt und mich als „unglaublichen“ Demagogen bezeichnet hat.

Da bleibt man fast sprachlos zurück — Jens Weinreich:

Erstens glaube ich nicht, dass der Duden die alleinverbindliche Instanz für diese Auseinandersetzung sein sollte.

Danach wurde es laut Medienberichten dann richtig bizarr. Der Gießener Anzeiger berichtet über eine Diskussionsrunde an der Theo Zwanziger teilnahm. Der gute Präsident soll sehr aufgebracht gewesen sein, als Kritik aufkam und sogar das Publikum in diese eingebunden wurde:

Als schließlich Fischer-Solms bezüglich der TV-Pläne das Wort «Zersplitterung» fallen lässt und mehrfach kritisch nachhakt, was die neuen Anstoßzeiten für den Amateurfußball bedeuteten, platzt es aus dem DFB-Chef, der «demagogische Fragen» beklagt, heraus. «Das sind Totschlagargumente, die Sie da anbringen. Wir haben ein Top-Produkt. Ohne Pay-TV ist der Spitzenfußball nicht zu finanzieren. Wir haben ein vernünftiges System.» Sprach der Mann des Ausgleichs — und verließ den Saal.

Hervorhebung von mir, Zwanziger hat mittlerweile dementiert — direkter-freistoss.de dazu:

Heute habe ich mit Willi Heuser telefoniert, dem Organisator des Podiums und ehemaligen Leiter des Sportressorts des „Gießener Anzeigers”. Heuser bestätigt die Darstellung seiner ehemaligen Kollegen, also der von mir befragten Zeugen.

Nun könnten wir eigentlich alle zusammen eine Runde lachen — und eine Runde Fußball schauen, wenn es denn im Free-TV läuft. Doch Theo Zwanziger scheint nicht nur ein Mann zu sein, der ein Problem mit dem Wort Demagoge hat, wenn man es in Bezug auf ihn gebraucht. Er scheint sich nicht damit abzufinden, dass er bereits von zwei Gerichten eine Niederlage erlitten hat. Theo Zwanziger will offensichtlich in die dritte Runde — und diese wird es in sich haben. Jens Weinreich berichtet:

Die Unterlassungsklage soll nun, nachdem Landgericht und Kammergericht Berlin den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung zurückgewiesen hatten, beim Landgericht Koblenz erhoben werden. Warum? Weil Internettexte auch in Koblenz abrufbar seien, argumentiert die Gegenseite, deshalb sei das Landgericht Koblenz zuständig.

Koblenz? Wtf is Koblenz? Warum nicht die Dunkelkammer in Hamburg war meine erste Reaktion. Bis ich das Schreiben von Weinreichs Anwalt las:

Ratlos macht mich schließlich, dass Ihr Mandant beabsichtigt, das Hauptsacheklageverfahren vor dem Landgericht Koblenz zu führen. Nach meiner Kenntnis gibt es hier keinerlei sachlichen oder persönlichen Zusammenhang, der diesen Gerichtsstand rechtfertigen könnte. Sollte Ihr Mandant allerdings Koblenz gewählt haben, weil er dort lange Jahre selbst als Richter und Regierungspräsident tätig war und dort womöglich noch persönliche Kontakte zu Richterkollegen unterhält, wäre dies aus meiner Sicht ein höchst befremdlicher Vorgang, der im Hinblick auf die Position Ihres Mandanten von erheblichem öffentlichen Informationsinteresse sein dürfte.

Bitte was? Ja, man mag es kaum glauben, die Vita des Theo Zwanziger auf der Homepage des DFB:

1980 — 1985:
Verwaltungsrichter in Koblenz

[…]

1987:
Regierungspräsident in Koblenz

Pikant, bizarr, da fallen mir ein Menge Worte zu ein. Doch bevor ich mir die Zunge verbrenne und Jens Weinreich demnächst in Koblenz die Hand geben kann, verweise ich noch einmal auf die grandiose Literatur von Jens Weinreich (und anderen). Jedes einzelne Buch lohnt sich:

Korruption im Sport: Mafiose Dribblings — Organisiertes Schweigen
Der olympische Sumpf
Das Milliardenspiel. Fußball, Geld und Medien.
Muskelspiele. Ein Abgesang auf Olympia

Jens Weinreich ist einer der größten Kritiker des sogenannten professionellen Sports und der angeschlossenen Funkhäuser, seien es nun der IOC, die FIFA oder der DFB. Ich bin mir sicher, die Reaktionen Theo Zwanziger haben mit alldem nichts zu tun. Selbstverständlich nicht. Aber bald ist ja Weihnachten und da kommt das Christkind und der Weihnachtsmann schaut auch vorbei. Und wer für seine(n) Liebste(n) noch ein tiefgehendes Buch zur Sportpolitik auf diesem Planeten sucht, der wird um Jens Weinreich (und Thomas Kistner) nicht herum kommen.

Zum Nachlesen: Der «Kategorie» Theo Zwanziger auf der Webseite von Jens Weinreich

Foto: Björn unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

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4 Antworten zu “Zwanziger vs. Journalist — DFB vs. Meinungsfreiheit?”

  1. phoibos sagt:

    der arme theo… humanistische bildung ist halt gold wert. besonders entlarvend finde ich, dass er aufgrund einer sechst– oder siebtbedeutung eines wortes versucht, einen maulkorberlass zu erwirken.

  2. Peter sagt:

    «Dank des Wirkens von Theo Zwanziger und seiner Mannen interessiert Fußball mich immer weniger.»

    Da fällst du gerade auf das Spiel von DFB/Bundesliga herein. Die zwei Verbände beanspruchen für sich die Alleinvertretung des Fußballs.

    Dabei gibt es Fußball jede Woche in Dorfclubs für gut angelegte 3 Euro (incl. Jugendförderung) oder unter der Woche in der Kneipentruppe. Hier spielen die Jungs und Mädels weil es ihnen Spass macht und wenn in der Bundesliga mal ein Club pleite geht, wird darüber zwar beim Bier nach dem Spiel gesprochen, aber es juckt einen nicht weiter.

    Man darf Zwanziger halt nicht die absolute Vertretung des Fußballs zubilligen. Die Posse um Jens Weinreich macht das einmal mehr deutlich.

  3. slowcar sagt:

    Solange sich nicht wirklich ein Koblenzer Richter findet der sich nicht zu schade ist können wir weiterhin drüber schmunzeln.
    Nur zu oft trifft es aber auch Leute die sich nicht so eloquent wehren können.

  4. […] Zwanziger vs. Journalist — DFB vs. Meinungsfreiheit? Lesen. (tags: fussball) […]

  5. […] | colosseum 2.0, nachgedacht, sidekick | 16. November 2008 Hier hatte ich bereits über den Fall Zwanziger vs. Weinreich geschrieben, über das seltsam anmutende Verhalten des DFB-Präsidenten. Mittlerweile hat der Fall […]

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