Zensursula — die kriminelle Energie deutscher Telekommunikationsunternehmen

Aus dem E-Mail-Postfach gefischt:

Hallo Chris,

ich arbeite im Support bei einem der großen Telekommunikationsunternehmen, die den Vertrag zu den Kinderporno-Sperren unterschrieben haben, auch als Zensurprovider bekannt geworden. Schon als die Politik davon sprach, dass nur wenige Menschen in Deutschland den DNS-Server (von Windows) ändern können, musste ich schmunzeln.

In den Diskussionen auf F!XMBR bin ich nun auf die FAQ der Kinderhilfe gestoßen. Dort heißt es: Diese Sperren sind nur für den zu umgehen, der mit krimineller Energie an kinder“pornographische“ Dateien  gelangen  möchte. Damit werden nicht nur Computernutzer in Deutschland kriminalisiert, sondern ganz normale Familien, Mütter, Väter, Kinder und die Support-Hotlines der Telekommunikationsunternehmen, egal, ob nun Zensurprovider oder nicht.

Die Angebote der Telekommunikationsunternehmen beinhalten heutzutage nicht den schlichten DSL-Zugang und eine Telefonleitung, sondern auch Hardware, sehr oft wird ein Modem gestellt, ein Router subventioniert angeboten. Nun haben diese Geräte alles eines gemeinsam: Sie sind gut, ich will nichts anderes behaupten, gehören aber auch zum unteren Preissegment. Da können schon Fehler auftreten.

Dann landen die Kunden bei uns. Ein sehr häufiger Fehler: Der DHCP-Server des Routers weist Windows keine IP zu. Dementsprechend übernimmt der windows-eigene DHCP-Server diesen Job. Die Folge, vereinfacht gesagt: Rechner und Router liegen in verschiedenen Netzwerken. Häufig beginnt die interne IP dann mit 169… während ein Router meist eine IP mit 192… erwartet. Der Kunde kann dann auf den Router zugreifen, geschweige denn online gehen. Es folgt ein Anruf, meist mit den Worten: Das Internet funktioniert nicht. Besser: Ich habe das Internet kaputt gemacht. Antwort: Oh, das wird teuer.

Die Lösung ist ganz einfach: Dem Rechner wird eine feste IP zugewiesen, ebenso der Standardgateway und bevor der Kunde nochmal anruft, bekommt er auch einen DNS-Server verpasst, in der Regel die IP des Routers oder auch direkt die Nameserver meines Brötchengebers. Das passiert täglich, mehrere tausend Male. Selbst wenn das Problem abschließend noch nicht ganz erkannt wurde, ein Ping auf den Router ohne Erfolg bleibt, IPCONFIG /ALL nicht das gewünschte Ergebnis liefert, wird zuerst immer eine feste IP und der zugehörige DNS-Server vergeben.

Während wir mit Kunden diese Lösung durchgehen, erklären wir natürlich in wenigen Sätzen was wir da machen. Ob Hausfrau, Manager oder Sohnemann, so schwer ist das nicht zu verstehen. Das Zuweisen einer festen IP und eines DNS-Servers ist das tägliche Brot der Support-Hotlines der Telekommunikationsunternehmen. Es passiert jeden Tag. Und wir haben selbstverständlich Erfolg damit, sonst würden wir es nicht tun. Die Menschen verstehen es und können es beim nächsten Mal selbst. Learning by doing.

Das ist keine kriminelle Energie, es ist schlichte Technik, damit das Internet bei Menschen, die dieses Problem haben, überhaupt funktioniert.

Ich kann nur hoffen, dass diese Problemlösung niemals verboten wird. Mit dem Hackerparagrafen hat unsere Bundesregierung schon bewiesen, dass sie von Technik keinen Schimmer hat, sie hat dem IT-Standort Deutschland massiv geschadet und ganze seriöse Berufsgruppen, wie den des Systemadministrators, kriminalisiert.

Es ist meiner Meinung nach pures Unwissen und schlichte Propaganda der Bundesregierung und der Deutschen Kinderhilfe. Man will mich jetzt kriminalisieren, weil ich meinen Job gut mache. Was folgt als Nächstes? Ich möchte nicht darüber nachdenken. Werden wir in Zukunft Urlaub im freien China machen?

Die Politik in Deutschland macht mir Angst.

Alex

Danke. :) Links, Bild, Formatierung nachträglich eingearbeitet. Ich hoffe, das war okay.

, , , , , ,

5 Antworten zu “Zensursula — die kriminelle Energie deutscher Telekommunikationsunternehmen”

  1. Phil sagt:

    Dem kann ich mich nur anschließen.

  2. Chris sagt:

    eine Mail eines Mitarbeiters eines Zensurproviders, das erhellt die Stimmung doch gleich, beweist es doch, dass dort auch Leute mit Verstand arbeiten, die dann vielleicht sogar in der L.….….wikileaks.….…Liste.….…*tuuuuuuuuut*

  3. Grumpy sagt:

    Schön. Herrlich. Mehr davon… wie eine ‘Einstiegsdroge’.

    P.S. Leider ist die «in Skandinavien funktioniert das ja auch» ‘technische Grundlage’, auf die sich die deutsche Regierung bezieht, seit heute ‘per se’. Es gibt momentan leider keine deutsche oder englische Übersetzung … aber gestorben ist verstorben.

    In der seit 1. April (haha) staatlich sanktionierten filteraktivenschwedischen Presse steht heute ein schönes Interview: ”Ipred helt verkningslös” — auf deutsch «das Ipred (IP-Filter-System) ist komplett wirkungslos» — technisch jedoch ein Brüller aus der rechtskonservativen Ecke Schwedens — wenn bahnhof.se und Tele2 dort oben schon nicht mitmachen, wer noch nicht?

  4. Jens sagt:

    @Chris: Jo, die Liste wird dann hoffentlich recht fix geleakt werden.

  5. […] passend gleich noch eine Email eines Kundenservicemitarbeiters eines der Zensur-Provider. Während wir mit Kunden diese Lösung durchgehen, erklären […]

RSS-Feed abonnieren