Yahoo, China und das Goldene Kalb

Neues Altbekanntes aus dem Reich der Mitte. Nein, hier wird nicht in Jubelstürme verfallen, dass Tante Merkel Wirtschaftsverträge abschließt, einmal die Augenbraue hebt und grinsend wieder nach Deutschland zurückkehrt, wohlwissend, dass ein großter Teil der Lemminge in diesem Land ihren Mut bewundert, für die Menschenrechte eingetreten zu sein. Zensur und Folter haben in der schönen neuen Web-2.0-Welt nichts verlorendas ist mit die genialste Einleitung ever, die ich jemals bei Heise gelesen habe. Passt sie doch so schön auf die adicalianer und deren Gefolgschaft sowie auch zu immer noch aktuellen Yahoo-Debatte. Wang Xiaoning hat Yahoo verklagt, weil er in der Haft gefoltert worden war, die er der Datenweitergabe Yahoss zu verdanken hatte. Yahoo hat nun beantragt, diese Klage abzuweisen — die Ausrede (sinngemäß): So ist das halt im Reich der Mitte, man müsse sich an die dortigen Gesetze halten.

Vor einem US-Gericht muss sich der Konzern seit April wegen Beihilfe zur Verhaftung der Dissidenten Wang Xiaoning und Shi Tao verantworten. […] Weil Wang auch gefoltert worden sein soll, reichte die Organisation Klage unter dem 1992 verabschiedeten Gesetz zum Schutz von Folteropfern ein, nach dem ein US-Gericht im Falle von Folter auch für außerhalb der US-Jurisdiktion begangenes Unrecht zuständig sein kann. Wang, der sich in einem Yahoo-Forum für demokratische Reformen ausgesprochen hatte, war 2003 verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. […] Yahoo hat nun die Abweisung der Klage beantragt.

Heise — Yahoo: In China ist das eben so

Man hätte ja von nichts gewusst, die gängige Ausrede, auch immer in unserem Land gerne genutzt. Dass diese Version mittlerweile als urban legend gelten kann, wird geflissentlich verschwiegen. Ich zitiere nochmals Heise, weil der Artikel einfach grandios ist, bis auf den letzten Absatz, dazu aber gleich mehr:

Für den Internetanbieter ist es völlig normal, dass man sich im Ausland an geltendes Recht hält. Yahoo tut hier gerne so, als gehe es dabei um so etwas wie unterschiedliche Regeln zur Steuerpflicht in Frankreich oder Großbritannien.

Dass es um Zensur, politische Folter, politischen Mord geht, wird verschweigen — andere Länder, andere Sitten darf niemals als Ausrede für solche Machenschaften gelten. Deswegen sehe ich auch keine Zwischmühle, in der sich Yahoo und Google in China befinden. Sei gehen bewusst diesen Weg, um den Kampf ums Goldene Kalb zu gewinnen. Wenn man ernsthaft sehen würde, wie Menschenrechte in China mit Füßen getreten wird, gäbe es nur eine einzige Konsequenz: Wirtschaftliche und politische Isolation. Aber das passt weder Tante Merkel noch Yahoo — Geld ist solchen Menschen und Unternehmen wichtiger, als Menschenleben. Solche Kollateralschäden müssen den großen Märkten untergeordnet werden.

Die taz konnte im Übrigen vor ein paar Tagen schon weiteres berichten:

Die Internetanbieter Yahoo! und MSN haben einen «Pakt für Selbstdisziplinierung» mit dem chinesischen Staat abgeschlossen. Er bedeutet das Ende des anonymen Blogs.

Sie nennen es politische Benimmregeln, es bedeutet nichts weiter als die bewusste Entscheidung, Teil eines mörderischen Regimes zu sein. Aber ich halte ja schon den Mund. Bald sind Olympische Sommerspiele, Tante Merkel klopft den Herren in Perking auf die Finger und ausserdem habe ich ja sowieso das Maul zu halten, weil ich es gewagt habe, in der Vergangenheit del.icio.us zu nutzen. Und trotzdem sollte der eine oder andere mal daran denken, wie Menschen dort gefoltert und ermordet werden — und das mit breiter, westlicher, finanzieller und politischer Unterstützung, sei es nun auf Regierungsebene mit Tante Merkel, auf Unternehmensebene mit Yahoo und deren Partnern wie adical oder auch auf gesellschaftlicher Ebene. Man hat ja von nichts gewusst.

Reporter ohne Grenzen

amnesty international

The Dui Hua Foundation (Blog)

Human Rights in China

3 Antworten zu “Yahoo, China und das Goldene Kalb”

  1. from hades sagt:

    […] das derlei Fälle schon existieren im Zusammenhang mit Youtube (Google-Besitz) oder auch dem freundlichen Yahoo. Wiederum naiv wäre es diese Dinge als Einzelfälle abzutun und dem Google-Slogan we’re not evil […]

  2. […] das es kein Schwein interessiert, aber es ist schon interessant das u.a. höchstwahrscheinlich Yahoo helfend zur Seite stand, um den afghanischen Staat so richtig zünftig zu bespitzeln inkl. […]

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