Wo sind die Inhalte?

Das, was der Don gestern als Wortkotze bezeichnet hat, ist augenscheinlich ein weit verbreitetes Phänomen in der deutschen Blogosphäre. Intern werden bei uns manche Blogs nur noch Linklisten genannt. Doch ist dem wirklich so? Oder gehen wir da mit den Kollegen ein wenig zu hart ins Gericht? Ich habe mir deswegen mal die Top 30 der deutschen Blogs angeschaut. Angemerkt dazu sei natürlich, nicht das BILDblog, das ist nunmal kein Blog, angeschaut habe ich mir also die Plätze 2–31 der deutschen Blogcharts.

Man mag es kaum glauben, genau 100 Artikel wurden gestern auf den 30 Blogs verfasst. Den größten Part der Inhalte auf den deutschen Blogs nimmt dabei die Kategorie Links, mit 2, 3 — manchmal auch sagenhafte 4 — begleitenden Sätzen ein. 36% der gestrigen Inhalte der deutschen Topblogs waren also mehr oder weniger profane Linktipps — unnötig zu erwähnen, das manche Linktipps doppelt und dreifach auftraten.

Auf Platz zwei mit 19 Artikeln folgt dann immerhin der Part, Links mit 2, 3 — manchmal auch sagenhafte 4 — begleitende Sätze, der Artikel wird zusätzlich mit einen Zitat garniert. 19 Artikel wurden gestern in dieser Art verfasst. Mir ist durchaus bewusst, dass Verlinkungen auf Blogs nicht unwichtig sind, aber 45% aller Inhalte gestern auf den Topblogs profane Links mit ein wenig Gesülze, das ist mal richtig peinlich.

Platz 3 nimmt dann endlich der Part ein, der auf Platz 1 liegen sollte — die eigenen Inhalte. 17 Artikel, mehr als zwei Absätze, die ich — immer rein subjektiv natürlich — als eigenen Inhalt, als Artikel bezeichnen würde. Dazu kommen 2 Artikel mit aktuellem Bezug, wo aber etwas mehr zu geschrieben wurde. Ein eigenes Video wurde ebenso veröffentlicht, bleiben unter dem Strich 20% eigene Inhalte auf den deutschen Topblogs. Das ist nicht wirklich viel.

Das ist noch Luft nach oben. Privates und Vermischtes, 1, 2 kleinere Absätze ist die nächste Kategorie auf meinem Zettel mit immerhin noch 16 Artikeln. Diese Inhalte sind meiner Meinung nach so Twitter Zwitterdinger, nichts Halbes und nichts Ganzes, etwas mehr, und man könnte sie wirklich geniessen, so aber bleibt nicht viel im Gedächtnis.

Zu guter Letzt wurde auf 9 YouTube-Videos verlinkt, bzw. diese ins eigene Blog eingebunden. Schnell gemacht, anderer Leute Urheberrecht, ob mir das nun gefällt oder nicht, die Leser sind zufrieden gestellt. Manchmal ist das ja ganz nett, auch wir nehmen uns da nicht raus — doch fast jeder 10. Artikel (ausschließlich) mit YouTube-Inhalt? Interessante Randbemerkung. Sevenload scheint auf den deutschen Blogs nicht wirklich interessant zu sein — mag mit dem Urheberrecht zusammenhängen, und das die Kollegen in Köln da ein besonderes Auge drauf haben. Die letzten werden die ersten sein, in diesem Fall wäre ich dafür.

Ich habe es die Tage in einer Mail geschrieben, hier auf F!XMBR in den Comments wiederholt. Die deutsche Blogosphäre ist ein kleiner Hühnerschiß, da nehme ich dieses Blog auch nicht aus. Wenn man sich mal — sorry Johnny, Ihr steht an der Spitze — die Zahlen von Spreeblick anschaut, dann muss man feststellen, dass diese einfach lächerlich sind. Die deutsche Blogosphäre ist verschwindend gering, in sich selbst gefangen. Denn die Schnittmenge darf man auch nicht vergessen — diese wird bei vielen Zahlenspielereien ja gerne totgeschwiegen. Nehmen wir mal Spreeblick, die Blogbar und hier F!XMBR. Zusammen — an guten Tagen — 15.000 unique IP’s. Doch wer glaubt schon die Mär von 15.000 unique IP’s? Auch adical wird dieses Problem den Kunden irgendwann erklären müssen. Ich will nicht wissen, wieviele User alle 3 Blogs lesen, eben Spreeblick, die Blogbar und F!XMBR, zusätzlich noch andere — und auf jedem einzelnen Blog werden sie als unique IP gezählt. Fällt wem irgendwas auf?

Man kann sich auf Konferenzen treffen, direkt gesagt, sich gegenseitig die Eier schaukeln, sich gegenseitig verlinken, das ist alles wunderbar, vielleicht spiele ich das Spiel beim Barcamp Hamburg auch einmal mit. Doch das bringt alles keine Inhalte. Als ich genau das ansprach in einer Mail, hat man mir geantwortet, dass es eben genau deshalb so wichtig ist, dass Blogger Geld verdienen, unabhängig werden, dass eben deswegen die Werbung ein Muss ist. Das sehe ich nicht so.

Erstmal müssen die Inhalte her, dann folgen die Einnahmen von ganz alleine. Und von Unabhängigkeit in Zusammenhang mit Werbung, gar bezahlter Artikel, wollen wir gar nicht erst reden. Schaut man sich die internationalen Topblogs an, die ja auch gerne von den Verfechtern der Werbung angeführt werden — die machen schließlich auch Werbung — so wird man gegenüber der deutschen Blogosphäre einen Unterschied feststellen: Dort sind tolle, eigene Inhalte zu finden, es sind grandiose Publikationen. Da haben wir noch sehr viel zu tun. Step by Step, und nicht den dritten Schritt vor dem zweiten — lasst uns einfach für Inhalte sorgen.

Disclaimer: Die Auswertung ist natürlich nicht repräsentativ und rein subjektiv, auch kann ich mich natürlich um 1, 2 Artikel verzählt haben, da ich gerade nur nebenbei geschaut und getippselt habe. Nichtsdestotrotz ist die Grundaussage, die Grundausrichtung der deutschen Blogosphäre: Der Inhalt anderer ist wichtiger als das eigene Blog. Und ja, natürlich gibt es positive Ausnahmen — ich habe bewusst auf irgendwelche Namensnennungen mit Ausnahme des Zahlenbeispiels verzichtet.

22 Antworten zu “Wo sind die Inhalte?”

  1. Armin sagt:

    Interessante Analyse bei den Inhalten/Artikeln, zumindest teilweise passt das wohl. Allerdings frage ich mich inwieweit die Durchlauferhitzerblogs das Bild etwas verfaelschen: Die hauen natuerlich immer gleich 10, 15 oder 20 Eintraege pro Tag raus, waehrend die Blogs mit echten eigenen Inhalten vielleicht nur auf 1–3 Eintraege pro Tag kommen.

    Und einige (wie z.B der Herr Kantel) werden sowieso sagen dass das Posten von massenhaft Links das Wesen des Bloggens ist. Kommt doch das Wort angeblich daher das man ein Logbuch schreibt ueber interessante Links die man auf seinen Reisen durch’s Web gefunden hat.

    Wie sich das dann mit Werbung vertraegt ist ein anderes Thema.

  2. […] von F!XMBR fragt “Wo sind die Inhalte?“, nachdem er sich gestern 30 deutsche Top Blogs angesehen und deren Artikel ausgewertet hat. […]

  3. Chris sagt:

    Jochen, wie kommst Du auf den Blödsinn, ich würde hier gegen Verlinkung argumentieren? Es spricht selbstverständlich nichts gegen eine Verlinkung. Wir verlinken hier selbst jeden Furz. Das nennt man auch Respekt. Respekt, den die etablierten Medien schon lange verloren haben.

    Das Problem ist, da gibbet dann eine Verlinkung, ein Satz wird dazu hingerotzt und das als Artikel rausgehauen. Das ist nicht wirklich prickelnd, wenn ein Großteil der deutschen Blogosphäre aus diesen Artikeln besteht.

    Ich nehme uns da nicht raus, auch ich mache das des öfteren — berauschend ist das trotzdem nicht.

  4. Gerrit sagt:

    Hmm, nun steht man als «a-Blogger» doch wohl ziemlich unter «Content-Zwang», sonst geht gleich das grosse Flenn-Kommentieren los, oder schlimmer. Auch das kann man eher als Negativum der Blog-Szene betrachten, wirkt sich aber auch ziemlich auf die Qualität der Beiträge aus, schliesslich ist man ja auch ein bisschen stolz auf das Erreichte und eben auch etwas eitel. Darunter leidet dann die Originalität, das ist aber auch ganz normal. Man kann ja nicht von jedem Einzelnen verlangen, dass es täglich neue, eigene und originelle Geschichten abliefert. Das können nur sehr Wenige. Und Content, egal in welcher Form, hält die Massen beisammen, siehe BILD und Co. Zu befürchten ist, dass genau solcher Massencontent auch die erfolgreichen Blogs ausmacht, die ihre Leserschaft beibehalten.

  5. Marnem sagt:

    @Gerrit
    Genau das ist in der Technorati-Liste ja nachzulesen: Top-Blogs sind fast ausschließlich Gruppenblogs. Die Gründe hast Du gerade angesprochen.

  6. Jochen Hoff sagt:

    Was verdammt noch mal spricht eigentlich gegen eine Verlinkung. Jedes Thema das nicht meinem privaten Umfeld entspringt, beruht auf Informationen anderer.

    Ich kann doch nicht so tun, als ob ich die Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen hätte und die Gedanken die ich verarbeitet habe, als meine auszugeben.

    Da hat sich nämlich jemand anders Arbeit gemacht, die ich mir nicht mehr machen muss. Dafür alleine ist es richtig den Link zu setzen. Aber bei meinen meist politischen Themen braucht der Leser den Originaltext um nachvollziehen zu können wie ich überhaupt auf meine Idee gekommen bin.

    Außerdem hilft das dem Leser meine Irrtümer zu erkennen.

    Es gibt aber noch einen weiteren Grund. Täglich stoßen neue Leute dazu.Die brauchen Leseempfehlungen um sich ihr eigenes Meinungsumfeld aufzubauen. Ein doppelter Link schadet da niemand.

    Ich verstehe meinen RSS-Feed als meine Zeitung. Alleine im Bereich Presse kommen die meisten Meldungen drei-achtfach. Ja und. Ich muss sie doch nicht lesen, aber ich sehe schon an den Überschriften Tendenzen. Ob ich denen folge oder nicht ist mein Problem.

    Wir müssen dringend zwischen einem Schwanzvergleichslinking und sachbezogener Vorgehensweise unterscheiden. Der Schwanz ist für den Spass, der Rest teil dessen was wir tun sollten wenn wir uns nachvollziehbar halten wollen.

    So. Genug geknurrt.

  7. Armin sagt:

    Gerrit/Marnem, das kann man auch anders sehen: Einige der in meinen Augen besten Blogs (auch und gerade auf diesen Toplisten) sind Einzelblogs. Und viele davon haben nur einen oder sogar weniger Eintraege pro Tag.

    Das ist auch eine Frage der Erwartungshaltung die der Blogger beim Leser erzeugt indem er/sie sich halt eine bestimmte Postingfrequenz zulegt. Und da kann ein wohldurchdachter, gut recherchierter Artikel pro Tag (oder auch alle zwei Tage) durchaus ausreichen. Vor allem wenn es halt wirklich einmalige Sachen sind die es halt nicht auf 435 anderen Blogs auch verlinkt gibt.

  8. Marnem sagt:

    @Armin
    Genau! Top-Listen-Top-Blogs != gute Blogs
    Blogs wie den Spiegelfechter wird man in diesen Listen nie oben finden, egal wie gut dessen Artikel sind.

    @Jochen Hoff
    Ich kannte bisher dein Blog noch nicht, also kann ich dazu leider nichts sagen.
    Aber das was Du ansprichst, war gerade die Aufgabe, die sich Digg und wie sie alle heissen gestellt haben. Bloß ist diese Idee aufgrund der Größe der Plattform inzwischen hinfällig.

    Vielleicht sollte man einen Digg-Klon aufziehen, bei dem nur eine sehr begrenzte und ausgewählte Anzahl an Leuten voten dürfen. Dann könnte sowas klappen. Die Frage ist bloß, wieviele Leser hätte eine solche Seite?

  9. Sammy sagt:

    Bloggersdorf ist wohl ein sehr offener Markt. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Angeboten wird, was die meisten Leute verlangen.

  10. Jochen Hoff sagt:

    @Chris ich wollte es nur noch mal klargestellt haben.

    @marnem & Gerrit
    Content ist zumindest in dem Bereich in dem ich schreibe ja in Mengen vorhanden, ich kann weniger als 10 Prozent von dem verarbeiten.

    Aber es bleibt die Frage warum es nicht viel mehr Blogs gibt die Content anderer zusammenfassen. Wer wie ich am Rande von Klein-Blogersdorf wohnt, hat nur eine geringe Reichweite, aber ab und an Content der auch für eine größere Zielgruppe interessant wäre.

    Da ist irgendwie noch ein 2.0 Loch.

  11. Jochen Hoff sagt:

    @marnem
    muss man auch nicht kennen, aber die Idee mit einer deutschsprachigen Variante ist nicht schlecht. Readers Edition der Blogszene aber mit Demokratie. mein Parteibuch und andere versuchen da ja schon was.

    Aber das braucht eine breitere Basis.

    Mit ein wenig Geschick entsteht eine Zeitung im Netz. Die hätte Leser. Weil die auch außerhalb der Szene Leser finden kann die keine Feedrolle mit ein paar Hundert Feeds haben wollen.

    Müsste man wirklich mal drüber zu Tische liegen.

    Bin jetzt zu Familienleben dienstverpflichtet — morgen mehr.

  12. derherold sagt:

    Nun gehöre ich nicht zu den «üblichen Verdächtigen», komme also nicht aus dem Bereich Medien/IT/Werbung.

    Beiträge, die Links beinhalten, sind für mich zuweilen nützlich. Das Negative rührt für mich aus der Ödnis der gesamten «Top-Szene», wo die «Verweis-Schreibkultur» einem geballt entgegenschlägt.

    Mit wenigen Ausnahmen halte ich die «A»-Liste für kaum lesenswert — Content is king und da wirkt sich halt das «Selbstbezogenheits-Asyl» für den Nicht-Medien-, IT-, Werbe-Leser ein wenig langweilend aus.

  13. Maxx sagt:

    Ich denke, das ganze verhält sich ähnlich wie mit dem Fernsehen — die Masse will einfach keine tiefgründigen, langen Texte. Die «Massenblogs» passen sich dem an oder es fällt ihnen einfach nicht mehr ein 😀

    Aber zum Glück gibt es neben dem «Blogosphären-Mainstream» noch intressante Blogs zu lesen :-) (z.B. auch dieses hier)

    Ich fange gerade selbst an zu bloggen und habe mir vorgenommen, die Menge der Linktipps sehr einzuschränken und stattdesssen lieber eigenen Content zu produzieren.

  14. ignorant sagt:

    Nun ist es ja kein neues Phänomen, dass Schreiber/Leser und die sogenannte Kurze Form in unserem Sprachraum nur äußerst selten glücklich zusammenfinden. Da fehlt ein ganzer Traditionsstrang, der im angelsächsischen Sprachraum sehr präsent ist: short story, literarische Reportage usf.
    Woher soll’s also plötzlich kommen?

  15. Oliver sagt:

    >Woher soll?s also plötzlich kommen?

    Indem man das fest verdrahtete Teil in der Birne nutzt?

  16. ignorant sagt:

    Die Verdrahtung kommt aber erst durch Lernen zustande (Lektüre &c.). Niemand kann ad hoc, aus dem Nichts, ohne Training einen Text von sagnwermal 5.000 Zeichen mit Sinn und Stil produzieren oder auch nur goutieren.

  17. ignorant sagt:

    Jochen, unbenommen und –stritten. Ich wollte auch nur einen Hinweis darauf geben, warum die internationalen Blogcharts so anders aussehen als die hierzulande (wo Journalismus igitt ist, man wennschon mindestens einen dicken Roman in der Schublade zu haben hat und Kurzgeschichtensammlungen seit jeher Kassengift sind).

  18. Jochen Hoff sagt:

    @ignorant
    Genau das wird aber doch an vielen Stellen im Netz geübt. Fiction Writing, Schreiblust und hunderte andere mehr.

    Außerdem ist Schreiben wie Schwimmen. Man lernt es nur wenn man es tut.

  19. Jochen Hoff sagt:

    Yepp. Kurzes ist Kassengift und die Romane liegen auf der Festplatte und in den Schubladen. http://www.franktireur.de.…./
    Frank stellt seinen Krimi lieber gleich ins Netz. Ich werde es mit meinem grausamen Blauen Leuchten wohl auch machen.

    Trotzdem glaube ich das es genug lesenswerten Content innerhalb der Blogszene gibt um daraus eine
    Blogging Review zu machen. Sagen wir mal eine Wochenzeitung mit täglichen Updates.

    Schwierig wird nur die Verwaltung von dem Ding.

  20. […] einer Diskussion auf F!XMBR bin ich auf die Idee gekommen, dass man Digg mit social networks mischen sollte. Die Idee ist, dass […]

  21. […] Since all the cool kids are doing it (link in German, it’s basically about the “importan…, here’s a pointer to an interesting article by Bruce “Chuck Norris of the Internet” Schneier. […]

  22. Chris sagt:

    Hab hier gerade 4 Comments gelöscht, das ist mir echt zu blöde hier. Ich hab jetzt Wochenende. :)

    Ausserdem ist und bleibt die Blogbar mit genau einem Namen verbunden, das ist bestimmt nicht der, der hier meint, mir dumm kommen zu müssen. 😉


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