wo bitte gehts zum Leben?

Lassen wir mal SEOs, Naive, Neuankömmlinge und Gelegenheitsnutzer beiseite und beschäftigen uns mit jenen alten Säcken Veteranen die schon eine gute Weile im Web zubringen, 90er und so, sprich die Zeit der schrecklichen Echsen. Jene die u.U. noch früher anfingen mit der Computerei aus Spaß an der Sache und nicht um ganz pragmatisch auf einen lukrativen Job hinzusteuern. Gibt es diese noch da draußen? Menschen die mit allen Aspekten des Lebens kreativ umzugehen wissen. Wenn ja bitte melden 😉

Aber mal Spaß beiseite, zum Teil wenigstens, wo ist dieser Spaß heute noch, abgesehen von jenen die alles und jeden für spannend befinden? Ich meine nicht diese Art von Spaß, wenn irgendein irrer Frosch in Videos sein Dasein fristet. Existieren noch echte Nerds oder sind diese ebenso schon vom Mainstream unterwandert? Versteht mich nicht falsch, das Internet per se ist immer noch ein interessanter Ort, welchem ich durchaus auch heute eine Menge Potential zugestehe. Selbst wenn ich der inhaltsleeren Ausartung eines Web 2.0 kaum bis gar nichts abgewinnen kann und mich der Hoffnung auf ein Web X.X hingebe — diesmal mit der extra Portion Inhalt.

Ich sehe massive Datenschutz-Attacken, Feierabend-Voyeure die auf den zünftigen flame im Web warten, Leute die sich mit inhaltsleeren Buttons schmücken und jene die überall mitmischen und zum Schein eben alles spannend finden, denn der Rubel rollt nur ist man denn offen für alles. Wo verstecken sich diejenigen, die beispielsweise Datenschutz leben, auch des Differenzierens mächtig sind und nicht in die entweder-oder-Mentalität verfallen — im Web ohnehin nur ein Mittel des flamewars, die Politik ändern möchten und nicht nur dem Dampfgeplaudere verfallen sind, die ohne Kompromisse pro Mensch sind und nicht in letzter Instanz doch unmenschlichen Wirtschaftspropheten verfallen, die die Computerei lieben, aber auch andere Aspekte des Lebens kreativ angehen etc.? Wo kann man diese finden oder ist dies zuviel verlangt?

Sind meine Ansprüche zu hoch gesteckt weil ich mich seit Kindes Beinen an als Nerd zwischen der Welt und dem Computer bewege oder wie ich es heute nenne: a nerd between classics and cyberspace? Jene Leute die der Welt mit Kreativität begegnen, keine Genies, sonder normale Leute die leben und nicht nur Soll erfüllen möchten. Familie, Beruf etc. pp. alles keine Ausrede, das habe ich selbst und weiß damit umzugehen, das gehört mit zum Leben. Aber warum zur Hölle gibt man sich mehr und mehr der Oberflächlichkeit hin? Mein Großvater mußte erst weit über 70 sein, um einzusehen — der jüngste, der ist er nun wirklich nicht mehr und er stand in früher Jugend schon in der Grube und konnte kaum von großartiger Freizeit berichten. Dennoch wußte er zu leben, er ging mit dieser spärlichen Zeit hochkreativ um und weiß bis heute mehr damit anzufangen als nachfolgende Generationen. A nerd of life …

Heute besitzt man mehr Zeit, mehr Möglichkeiten — Dinge die noch in den 70ern eher Mangelware waren. Und dennoch hat man heute keine Zeit, in der Woche über ist ohnehin alles zuviel, verschieben wir es auf das Wochende oder nein besser auf den Urlaub und letztendlich hat man es vergessen — die Jahre vergehen, man lebt nicht wirklich. Man läßt sich willentlich hinabreißen und den Rest besorgt die unmenschliche Politik aus Berliner Gefilden. Warum nutzt man nicht dieses Plus an Zeit und lebt kreativ? Warum engagiert man sich nicht im Web, bei Kultur, für andere Menschen usw.? Warum muß sich alles erst lohnen, um überhaupt den Hauch einer Beachtung zu finden?

So manch einer wird sich jetzt sicherlich fragen: Wtf? Worauf will er denn hinaus, von Web 2.0 zum Leben? Das ist genau der Punkt: all dies gehört zum Leben, zur Kultur. Und man sollte all diese Möglichkeiten eben kreativ nutzen, anwenden für sich, aber auch zum Wohle anderer. Der Spaß an der Sache an sich, die Wissensvermittlung bzw. Wissensakquise, die Hilfe, das Engagement, der Kampf für Minderheiten — gegen unmenschliche Politik … all diese Dinge sind kein Widerspruch. Man muß diese Dinge jedoch erst mit Inhalt füllen und dies scheint dieser Gesellschaft ohne Zeit mehr und mehr abhanden zu kommen.

Medien die einem fortwährend diese Dinge eintrichtern — zu alt, zu dumm, zu anders, Politiker die einem das Leben vermiesen möchten, all dies ist kein Grund der Kreativität zu entsagen und die quasi selbsterfüllende Prophezeiung einiger weniger auszufüllen. Das Web wiederum könnte Spannungen diverser Klassen überbrücken, Zäsuren jüngster Zeit kitten, der anhaltenden Unmenschlichkeit entgegenwirken, aufklären, bilden, zur Kultur beitragen … doch es bedarf auch der Motivation und dem Willen etwas zu tun das sich eben nicht in der Börse manifestiert.

Die wenigen echten Nerds da draußen, Nerds of life, leben dieses Leben kreativ. Nerds sind nicht die Leute die 20h den Computer beackern, Nerds sind kreative Menschen die in der Lage sind diverse Aspekte des Lebens zu meistern, Technik kreativ anzuwenden auch im Zusammenhang mit dem Mensch. Man könnte es ihnen gleich tun und mehr Lebensqualität erlangen, weniger Jammern — dafür kreativ anpacken und u.U. die tatsächlichen Mißstände um so effektiver angehen, Minderheiten tolerieren und diesen helfen. Man kann sich halt keine Monokultur schaffen und sich mit der achso knappen Zeit fortwährend herausreden, gleichermaßen entzieht man sich damit nämlich auch die Lebensgrundlage über kurz oder lang.

Ich scheue mich immer noch den Begriff digitale Bohème zu verwenden, ist dieser doch in einem Umfeld geschaffen worden, welches bis dato lukrative Möglichkeiten sucht dem modernen Menschen im Web Träume zu verkaufen, eine Art digitale Noblesse einiger weniger, die es sich leisten können, zu leben. Exakt also das Gegenteil von dem oben gesagten. Bohème für sich genommen ohne den sinnbefreienden Zusatz digital umschreibt genau dieses kreative Leben — das Schillernde, das doch mehr und mehr verlustig geht. Bohème gibt es gratis, da muß man nichts erwerben, man muß auch diesen Begriff wie sooft heutzutage nur mit Inhalt füllen, der Oberflächlichkeit und den allgegenwärtigen Buzzwords entsagen.

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3 Antworten zu “wo bitte gehts zum Leben?”

  1. Solarix sagt:

    Ich frage mich eher was ist Web 2.0 ? Ich hab dieses Bullshit Bingo Wort nie wirklich verstanden und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Mir ist so eine Kategorisierung zu wider.

    Besonders dann, wenn es von irgendwelchen Marketingmenschen und selbsternannten Betriebswirten kommt, die weder Ahnung von der Materie haben und deshalb solche Begriffe brauchen um sich das selbst zurecht zu legen zu können, was im Web passiert und dem ganzen dann eine «geldverdienfreundliche» Struktur zu geben.

    Sorry für den Endlossatz. 😉

  2. Siegfried sagt:

    Naja, abseits des Buzzwords hat Web 2.0 durchaus eine gewisse Bedeutung. Web 1.0 war das Einweg-Web. Also Veröffentlichungen durch Personen oder Gruppen, aber ohne ein direktes Feeback durch die Nutzer. Web 2.0 ergänzt genau dieses: Die Interaktionsmöglichkeiten, das Feedback durch die Nutzer. Es macht aus dem unidirektionalen Web ein bidirektionales Web. Mehr möchte ich mit diesem Begriff lieber nicht assoziieren.

    Ich bin übrigens 51, habe die Computerei mit Lochkarten an einem Großrechner angefangen habe mir ohne ein Studium das Programmieren selber beigebracht, arbeite heute als Programmierer im Maschinenbau und habe immer noch Spaß daran. So ist mein Blog beispielsweise eine Eigenkreation, basierend auf Bash und XSL, und wurde aus Neugier erschaffen, damit ich mich anhand eines konkreten Nutzens in die XML-Thematik einarbeiten konnte. Auch heute noch macht die Beschäftigung mit dem Computer Spaß.

    Als Nerd würde ich mich jetzt aber nicht bezeichnen wollen :)

  3. Oliver sagt:

    Nerd sollte man auch nicht wortwörtlich übersetzen.

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