Wir sind grün

Was früher nur den Grünen vorbehalten war, trifft heute praktisch auf jede Partei, jedes Unternehmen, ja sogar fast jeden Menschen in Deutschland zu — alle sind grün. Zumindest behaupten sie es. In diesem ganzen PR-Gehechel ist es schon sehr  bezeichnend, wenn sich die Union mit Tante Merkel an der Spitze als die Öko-Partei etablieren kann, noch vor den Grünen. Ein Armutszeugnis für Roth, Bütikofer & Co. — aber bei den Grünen will man ja offenbar die Union und die FDP rechts überholen. Passt schon. Nun hat LobbyControl eine Studie veröffentlicht — Greenwash in Zeiten des Klimawandels. Was man vorher vielleicht nur geahnt hat, ob der abhängigen und gekauften Medien, wird nun offenbar — die ökologischen Leistungen der Unternehmen werden dabei systematisch übertrieben und positiv verzerrt dargestellt. Diese Art der Imagewerbung ist eine gezielte Desinformation der Bürgerinnen und Bürger, so LobbyControl.

LobbyControl übernimmt den Begriff Greenwash, das Grünfärben — ein Begriff, der sich selbst in dieser medialer Zeit erklärt. Gezielte Desinformation führt zu einem grünen Image, in Zeiten des Klimawandels ist dieser Part des eigenen Images ungemein wichtig. Man kann zu dem Schluss kommen, dass Unternehmen mehr Anstrengungen anstellen, das Image grün zu färben, als wirklich etwas für die Umwelt, für die nahe Zukunft unserer Kinder zu tun. Zudem sollen durch diese Kampagnen die Politiker gesteuert werden — diese sollen davon abgehalten werden, ökologische Gesetze umzusetzen, schließlich hat die Industrie ja alles selbst hervorragend im Griff. Genau, und die Erde ist eine Scheibe. Langfristig ist das Ziel solcher Kampagnen, Gesetzesinitiativen zu verhindern — es soll auf Freiwilligkeit beschränkt werden. Und wer die beschränkte Politik kennt, weiß, dass dies sicherlich kein frommer Wunsch ist, sondern ein realistisches Ziel. GreenBrainwash halt.

Die Instrumente der Industrie sind dabei weit gefächert, von Anzeigen bis zu Briefkastenfirmen Tarnorganisationen ist alles zu finden. Die Übernahme des Öko-Jargons ist die einfachste Form des «Ich bin grün»-Buttons, Beispiel: Heute spricht fast ganz Deutschland von Kernenergie anstelle von Atomenergie. Der Begriff Atom ist durch die Atombombe negativ belegt. Es gibt Kooperationen mit Umweltorganisationen, man denke nur an diese unsägliche Geschichte von Greenpeace und anderen und dann werden noch kaum relevante Randprojekte eines Unternehmens hochgejubelt. Es mag durchaus sein, dass Unternehmen Fortschritte im Bereich Umwelt machen, diese erfolgen jedoch nur Schritt für Schritt, werden aber oftmals zum Hauptbestandteil ihrer Öko-Kampagne, eigentliche schwerwiegende Umweltprobleme und –belastungen werden verschwiegen, sogar weiter gefördert.

Die einfachste und am weitesten verbreiteste Form dieses Greenwashing ist sicherlich die ganz profane Anzeigen– und Werbekampagne. Grün, grüner [bitte Vorstandsvorsitzenden Deiner Wahl einsetzen]. Das eigentliche Hauptgeschäft eines Unternehmens wird dabei in den Hintergrund gedrängt, selbst bei schwerwiegenden gesellschaftlichen Problemen hat die weitere PR– und Medienarbeit nur ein Ziel: Wir sind grün, alles andere hat sich unterzuordnen. Die Unternehmen bestimmen selbst, wie sie berichten, die abhängige, etablierte Presse übernimmt oftmals diese PR-Meldungen unreflektiert, Nachrichtenagenturen werfen sie leicht abgeändert in den Ticker — die PR-Meldung wird so zur seriösen Nachricht des Tages auf allen Kanälen.

Und wenn gar nichts mehr hilft, dann wird auf die Tränendrüse gedrückt — mit den sogenannten Hope Stories. Um ein Beispiel zu nennen — Gentechnik hat in unserem Land nicht den leichtesten Stand — so wird die Mär verbreitet, man könne damit den Hunger der Welt aus derselbigen schaffen. Wie allerdings Dritte Welt-Länder das Saatgut bezahlen soll, mit diesen Entwicklungskosten, bleibt das Geheimnis der Unternehmen. Hoffnungen werden genährt, Hoffnungen muss man nicht rational begründen — wer kennt das nicht von sich selbst.

Die PR-Agenturen dieses Landes setzen für die Kunden oftmals auch Mietmäuler ein. Glaubwürdige Fürsprechen kann man sie auch nennen — die Wünsche der Unternehmen, die PR-Arbeit wird von in der Bevölkerung bekannten Gesichter übernommen. Das Volk traut ihren Helden, und so wird die Botschaft profan als Werbung verpackt ins Wohnzimmer geliefert. Ein weiterer Aspekt: Wer hat nicht schon davon gehört, es gibt sie mittlerweile in allen Varianten, die Ökozertifizierungen, ISO 007, ISO 4711 oder auch ISO 0815. Welcher Endverbraucher will schon einem Zertifikat widersprechen, die fachliche Kompetenz dürfte bei den wenigsten vorhanden sein. Auf die Siegerurkunde früher bei den Bundesjugendspielen war man schließlich auch stolz. Dazu gehören natürlich auch Ökopreis-Verleihungen. Wer hat nicht alles schon wem was verliehen. Ein wunderbarer Abend, Champagner in Eimern, Stromverbrauch exorbitant hoch — aber die PR-Abteilung kann eine neue Mitteilung rausschicken, dass man ausgezeichnet wurde. Die Erziehung des Volkes beginnt, um fast zum Schluss zu kommen, bereits im Kindesalter. Umwelterziehung in der Schule — sponsored by Atomkraftwerk XYZ, die Kinder werden ökologisch geschult und bekommen gleich mit auf ihren Lebensweg gegeben, welches Unternehmen grün ist.

Früher, in Zeiten der Schlümpfe, wollten alle blau sein. Heute ist es die Farbe grün. Jedoch nicht aus der Notwendigkeit heraus, unser eigenes Leben zu retten (wer behauptet, der Planet würde zerstört, der sollte sich mal an den Kopf packen — der existiert noch ein paar Millionen Jahre, es geht um die derzeit lebenden Lebewesen), sondern weil es bares Geld bedeutet. Ein ökologisches Image hat eine glasklare Zielsetzung als Grundlage — das sollte jedem Menschen bewusst gemacht werden. Nicht alles was grün ist, ist auch wirklich grün — ein genauer Blick und man erkennt sogar die Farbe pechschwarz. Wir sind grün ist zu großen Teilen reines PR-Gewäsch — Unterstützung finden Unternehmen bei den abhängigen und etablierten Medien, von den Politikern indes ist nichts zu befürchten. Wer sich ein paar Beispiele unverschämter PR-Kampagnen mal genauer anschauen möchte, ist mit der Kurzstudie gut bedient — auch ist sie als Argumentationsgrundlage für den Freundes– und Bekanntenkreis hervorragend geeignet. Und auch wenn man es geahnt hat, manche Dinge muss man sich auch mit einer solchen Kurzstudie wieder selbst verinnerlichen. LobbyControl hat mal wieder hervorragende Arbeit geleistet.

LobbyControl — Neue Welle des Grünfärbens — und der Desinformation

Studie: Greenwash in Zeiten des Klimawandels — Wie Unternehmen ihr Image grün färben (PDF 1,2 MB)

2 Antworten zu “Wir sind grün”

  1. Das Hauptproblem, das ich bei der «grünen Welle» sehe, ist der Abbau von kognitiven Dissonanzen. Dem Bürger wird es sehr einfach gemacht, «grün» zu sein, so dass er seine Verhaltensweisen emotional motiviert, und nicht sinnvoll abwägt.

    Beispiel: Sinnlose «Umweltschutzaktivitäten», die bei näherer Betrachtung gar keine sind, wie «Mülltrennen», «Wasser sparen» oder eben «vermeintlich umweltfreundliche Produkte zu kaufen», befriedigen die grüne Seele des Michels. Sinnvolle Aktivitäten, die mit Unanehmlichkeiten verbunden sind, werden daher ausgeblendet. Man tut ja bereits eine ganze Menge für die Umwelt.

    Da kann man ruhig mal den dicken SUV kaufen — man trennt ja schliesslich schon den Müll, hat eine Sparspülung im Klo.

  2. Chris sagt:

    Da ist auch ein riesen Problem, richtig. Dadurch, dass alle Welt beweist, wie grün sie doch ist, die Politik hebt sich selbst in den Himmel, ist dem Bürger kaum noch bewusst, dass er selbst ne Menge tun kann. Warum auch. Wir sind ja alle grün.

RSS-Feed abonnieren