Wir haben doch nur Befehle ausgeführt

Es gibt in Deutschland wieder eine Berufsgruppe, die doch nur Befehle ausführt. Mir fehlen ehrlich gesagt völlig die Worte. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband spricht davon, dass wir noch nie so weit unten waren. Was ist passiert? Ein alkoholkranker Hartz-IV-Empfänger wusste nicht mehr, wie er überleben sollte. Und so bettelte er. Ein Mitarbeiter von der Arge beobachtete ihn dabei, schaute in dessen Hut, rechnete die Almosen hoch und kürzte die Hartz-IV-Leistung, weil ja zusätzliche Einkünfte des Leistungsempfängers generiert wurden. Ich könnte jetzt mit Begrifflichkeiten wie Gestapo und Stasi um mich schmeißen, lassen wir das. Diese Gesellschaft hat es so gewollt. Diese Leute handeln nach deutschen Recht, sie führen Befehle aus, auf Grundlage deutscher Gesetze, die wir so gewollt haben. Sie sind treue Staatsdiener. Banken werden 3-stellige Milliardenbeträge in den Rachen geworfen, den Menschen wird Bettelei als Einkommen angerechnet und der sowieso schon klägliche, kaum zum Überleben reichende, Hartz-IV-Satz gekürzt. Das ist Deutschland, Du bist Deutschland, wir sind Deutschland.

Deutschland ganz unten

Nachtrag: Die Stadt Göttingen lenkt im Streit über Bettelei ein: Einkünfte werden nicht mehr von Sozialleistungen abgezogen. Dass der obige Fall dabei kein Einzelfall ist, ist der eigentliche Skandal: Laut Oberbürgermeister Meyer wurden auch in zwei anderen Fällen Einkünfte aus Bettelei auf die Sozialhilfe angerechnet.

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15 Antworten zu “Wir haben doch nur Befehle ausgeführt”

  1. caschy sagt:

    Ich könnte kotzen. Nun stelle ich mir einfach die Menschen vor, deren Geschichte uns unbekannt ist — die, die bisher kein Gehör gefunden haben. Schlimm.

  2. Casi sagt:

    Ekelhaft, widerlich… Sind so die ersten Vokabeln, die mir dazu einfallen. Kein Wort der Entschuldigung der verantwortlichen der Krise, stattdessen werden Bonuszahlungen in Millionenhöhe eingeklagt. Dem gegenüber stehen Menschen wie aus diesem Beispiel — der Staat zeigt sein hässlichstes Gesicht…

  3. Streifzug sagt:

    Es ist doch nur gut gemeint. Diese hilfreichen Engel vom Amt bieten dem armen Schlucker morgen bestimmt einen Traumjob bei einer Zeitarbeitsfirma für 2,71 Euro brutto an. Dann kann er richtig schwelgen und muss nicht mehr die heile Welt verschandeln.

  4. phoibos sagt:

    und immer wieder muss auch daran erinnert werden, dass in unserem sozialdemokratisch demontierten sozialstaat menschen verhungern:

    Hartz-IV-Empfänger stirbt an Unterernährung

    aber das sind ja nur «bedauernswerte einzelfälle» — so jedenfalls die lesart von spd-agitprop-truppen. die der noch asozialeren menschen kann man in den kommentaren zum artikel nachlesen. weitere pressemitteilungen zum thema via Argezeiten

    tja, dahin führt uns eine partei, die vorgibt, sozial wirken zu wollen und die interessen der vertretungslosen zu vertreten. eine partei, die sozial definiert als das, was arbeit schafft (die zuspitzung kann man heute noch an einigen institutionen eines damals von den eliten gewollten (und von den linken nicht verhinderten) systems sehen). sind das zufälle? nein! das ist programm. kein geld für zehn euro mehr hartz vier, aber milliarden für die täter (banker als opfer zu bezeichnen, widerstrebt mir) selbstverschuldete gier.

  5. Anonymous sagt:

    Vor allem:

    Wie in aller Welt kann man den Inhal einer Dose (Geld) hochrechnen auf etwaige Einkünfte? .…. .… .… .…

    Um so etwas in Zukunft zu verhindern, sollte man jedem ARGE Angestellten 12 Monate Zwangsschnorren verordnen.

  6. dieter sagt:

    Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht, dass da ein Beamter (nehme ich an) wie damals Herr Eichmann (war kein Beamter, nach den Buchstaben seiner Vorschriften handelte, sondern ich sehe das mittlerweile diverse Online Zeitungen das Thema aufgegriffen haben und ich sehe wie wenig Kommentare zu den Artikeln verfaßt wurden. Jetzt sind viele Internetnutzer womöglich beim Wochenendeinkauf oder wühlen im Garten, aber die mangelnde Resonanz sollte zu denken geben. Interessant ist auch wie wenige Politiker der SPD sich zu dem Thema äußerten und bislang übrigens keiner von der CDU/CSU und FDP. Jedenfalls habe ich bisher aus dieser Ecke keinen gelesen.

  7. Martina sagt:

    Komisch, warum erinnert mich die aktuelle Geschichte an die, geschehen vor einiger Zeit, wo eine alleinerziehende Mutter von der ARGE als Bardame in einem Puff arbeiten sollte. Und als sie sich weigerte, wurden ihr die Mittel gekürzt.

    Ihr Glück war, dass sie einen Journalisten kannte, der das an die Öffentlichkeit brachte. Und die ARGE entschuldigte sich darauf hin.

    Ohne eine öffentliche Aufmerksamkeit scheinen wohl noch viele skurile Dinge um HartzIV abzulaufen.…

  8. Blockwarte nannte man diese Schnüffler damals…

  9. Grainger sagt:

    Es fällt mir schwer, den übertriebenen [i]Pflichteifer[/i] mancher Erfüllungsgehilfen unseres Staates nachzuvollziehen.

    Was hat so ein Mensch denn davon?

    Das Gefühl, Macht über andere auszuüben und nach unten zu treten (während sie gleichzeitig nach oben buckeln) muss für Manche etwas Berauschendes sein (möglicherweise das einzig aufregende in ihrem sonst banalen und ereignislosen Leben).

    Ich stelle mir so jemanden immer wie den [i]Briefträger Himmelstoß[/i] in Erich Maria Remarques [i]Im Westen nichts Neues[/i] vor. Wer das Buch oder die Verfilmung (ich meine damit ausdrücklich Lewis Milestones Film von 1930 und [b]nicht[/b] das unsägliche TV-Remake von 1979 mit [i]Johnboy[/i] Richard Thomas in der Hauptrolle) kennt, weiß, was ich meine.

  10. Horst sagt:

    Die Saat geht auf.

    Heute las ich das:

    In Deutschland finde ich es ziemlich inhuman, dass Geringqualifizierte so wenig Möglichkeit haben, aufzusteigen. Sie werden in einer Weise abgesichert, die sie ihrer Anreize beraubt, ihre Ziele zu verwirklichen. Das haben wir nach der Wiedervereinigung gesehen. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosigkeit viel höher als im Westen, irgendwas ist da sehr schief gelaufen und das ist inhuman.

    Dieser Text stammt aus einem Interview mit dem us-amerikanischen Top-Ökonomen Dennis Shower. Er ist seit 5 Jahren Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Solche Gedanken tragen mit dazu bei, dass die Schergen sich am Ende noch richtig gut mit ihren Taten vorkommen.

  11. N. sagt:

    Wunderbar übrigens auch beim Artikel über den selben Vorfall bei Welt Online der Kommentarbereich. Absolute Leseempfehlung.

  12. phoibos sagt:

    das problem @ horst ist woanders anzusiedeln. in ihren texten sagen diese menschen viel richtiges, nur um in einem halbsatz ihre neoliberale unmenschlichkeit zu präsentieren.

    «In Deutschland finde ich es ziemlich inhuman, dass Geringqualifizierte so wenig Möglichkeit haben, aufzusteigen.«
    hat er recht. unesco sagt das auch. pisa letztlich auch.

    «Sie werden in einer Weise abgesichert, die sie ihrer Anreize beraubt, ihre Ziele zu verwirklichen.«
    nein. das system verwirkt den unteren schichten schlicht die aufstiegsmöglichkeiten. anreize gibt es genug, seine ziele (überhaupt, welche?) zu verwirklichen, jedoch überlassen jene klugscheissernden ökonomen nicht die möglichkeiten…

    «Das haben wir nach der Wiedervereinigung gesehen.«
    nein, wir haben nur westdeutsche firmen und individuen gesehen, die heuschrecken gleich und staatlich gefördert (sic!) mehr oder weniger erfolgreiche bestehende unternehmen sich abgriffen.

    «In Ostdeutschland ist die Arbeitslosigkeit viel höher als im Westen, irgendwas ist da sehr schief gelaufen und das ist inhuman.«
    damit hat er wieder recht. die wessis haben die ostdeutschen arbeitsplätze abgebaut, etc. …

    ciao
    phoibos

  13. bernd sagt:

    Begrifflichkeiten wie Gestapo und Stasi
    Ja das würde es nicht treffen. Aber hier sehen wir noch einmal die hässliche Fratze der oder des Deutschen.

    Sie sind treue Staatsdiener.
    Nicht jeder treue Staatsdiener würde so etwas tun. Es kommt halt immer auf den Menschen an, ob er des Denkens fähig ist oder nicht. Menschlichkeit ist in unserem Staat nicht per Gesetz verboten.

  14. Oliver sagt:

    Späte Einsicht, die auch wenig glaubhaft ist im Wahljahr. Aber zumindest bewegte sich überhaupt etwas. Pedanterie liegt übrigens im Deutschen Blut, wohlwollend oft als preußische Genauigkeit verklärt, gereichte dieser Habitus oftmals in der Geschichte zu allerlei befremdlichen Blüten, bis hin zur ultimativen Radikalisierung.

  15. Chris sagt:

    Ich hab oben nochmal die taz verlinkt — das ganze war kein Einzelfall…

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