Wir befinden uns im Krieg

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Foto: F!XMBR

Befinden wir uns um Krieg? Das mag auf den ersten Blick weit hergeholt sein — und doch kämpfen weltweit die Menschen gegeneinander, virtuell wie real. Auf der einen Seite Politik und Medien, die den alten Status Quo bewahren möchten, auf der anderen Seite diejenigen, die das Informationszeitalter mit seinen positiven und auch negativen Begleiterscheinungen akzeptiert haben. Wikileaks ist derzeit in aller Munde — nach der Veröffentlichung der Diplomaten-Depeschen fordern in den USA namhafte Politiker die Tötung von Julian Assange. Und ja, wir sprechen von den USA, das große demokratische Vorbild der westlichen und freien Welt. Wikileaks ist dabei nur die Spitze des Eisberges. In Europa stehen Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung auf dem Plan, im Iran schaffen es Oppositionelle immer wieder, Informationen via Internet außer Landes zu bringen. Weltweit kämpfen Regierungen verbissen gegen das Internet, sei es in Deutschland, dem Iran, den USA oder in Nordkorea. In diktatorischen Staaten und den USA müssen Aktivisten wie Julian Assange damit rechnen, getötet zu werden — soweit ist es in Deutschland noch nicht, jedoch ist der Jugendmedienschutzvertrag der erste Schritt, um unliebsame Aktivisten der Existenz zu berauben. Anwälte und Gerichte werden es möglich machen.

Die Erfindung des Internets kann und muss mit der Erfindung des Buchdrucks gleichgesetzt werden. Noch nie war es einfacher, Informationen um die Welt zu tragen und aufzunehmen, wie heute. Am Morgen unterhält man sich via Twitter mit deutschen Leidensgenossen, die auf dem Weg zur Arbeit sind, wie man selbst. In der Mittagspause grüßt man New York, dort ist man gerade dabei, die Zähne zu putzen. Und während man auf dem Heimweg in der U-Bahn sitzt, klingelt in Mütterchen Russland gerade der Wecker. «Die Welt ist ein Dorf.» Vor Jahren ein gern genutzter Satz, wenn man in anderen Landesteilen einen Freund oder Bekannten getroffen hat. Heute ist dieser einfache Satz schlichte Realität geworden.

Theo Zwanziger, der DFB-Präsident, hat einmal davon gesprochen, dass er in Diskussionen die Kommunikationsherrschaft haben müsse. Ein einfacher Satz in einer damals hitzigen Diskussion — und doch trifft dieser Satz den Punkt wie kein anderer. Jahrhundertelang waren Politik und Medien, kurz: die Elite, daran gewöhnt, diese Kommunikationsherrschaft inne zu haben. Die Politik sendete, die Medien verbreiteten willig, filterten selten, die Menschen nahmen die Informationen willig auf. Sie wussten es halt nicht besser. Auf diesem System wurden Diktaturen und auch Demokratien aufgebaut.

Das Internet stellt die mediale und politische Kommunikation auf dem Kopf. Die Menschen haben die Möglichkeit bekommen, neben den alten, besser: gealterten Medien, andere Quellen und Meinungen einzuholen. Politiker müssen weltweit erkennen, dass das Senden nicht mehr funktioniert. Die Menschen werden selbst zum Sender, hinterfragen Politik und Politiker, diskutieren, beobachten und kontrollieren die Politik selbst, begnügen sich nicht mehr damit, diese Aufgabe den Medien zu überlassen und Empfänger der alten Schule zu bleiben. Mit diesen neuen Verhältnissen haben nicht nur Diktaturen zu kämpfen, auch Demokratien muss sich neu aufstellen, insbesondere repräsentative Demokratien, wie es in Deutschland der Fall ist, schon der Name sagt es, sie begnügte sich bisher damit, in erster Linie zu senden.

Dies zu akzeptieren, fällt Politik und Medien zunehmend schwerer. Noch vor wenigen Jahren hat man das Internet und die Partizipierenden nicht ernst genommen, Spinner nannte man die Mitglieder des CCC, das Bild des Pizza essenden wohlbeleibten und pickeligen Nerds wurde jahrelang verbreitet. Heute erkennt man, dass man die Menschen durchaus ernst nehmen muss. Das Gesicht des CCC ist eine attraktive Frau, Großmutter und Großvater sind ebenso im Internet vertreten, wie die jungen Enkel. Das Internet hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung etabliert und ist Teil des Alltags der Menschen geworden. Gleichzeitig bleibt der Protest nicht nur im Internet, er wird mittlerweile auf die Straße getragen, somit gezwungenermaßen in die Medien und erreicht letzten Endes die Menschen beim Frühstück, die immer noch die Tageszeitung lesen, wie sie es seit Jahrzehnten tun. Somit erreicht das Internet selbst die Menschen, die noch nie online waren. Das Internet ist nicht nur online, das Internet ist auch offline.

Politik und Medien kommen mit diesen Begebenheiten nicht zurecht. Sie versuchen, das Internet zu regulieren, Aktivisten müssen mit Repressalien rechnen — oder gar den Tod fürchten. Es ist der letzte Kampf einer Elite, die nicht verstanden hat, wie sehr sich unsere Gesellschaft auf der ganzen Welt gerade verändert. Wir befinden uns im WW III. In jedem Land auf dieser Welt werden Kämpfe ausgetragen — im Norden und im Süden, im Westen und im Osten. Sascha Lobo hat am Sonntag bei Anne Will einen richtigen Satz gesagt: «Legal, illegal, irrelevant». Weder wir, noch viel weniger Politik und Medien, können die Zeit, das Informationszeitalter aufhalten. Unsere Zukunft wird nicht mehr begrenzt von lokalen Politikern bestimmt, unsere Zukunft wird weltweit von den Menschen und unserem Miteinander bestimmt. Die Gründung eines Startups in einer kleinen Garage in Burma kann heute weitreichendere Folgen für unsere Zukunft haben, als die nächste Bundestagssitzung. Unsere Zukunft liegt in Mexiko genauso, wie in China oder im australischen Busch. Politik und Medien sind dabei irrelevant.

Politik und Medien müssen dies endlich akzeptieren. Geschieht dies nicht, verlieren wir unsere Freiheit, die wir so sehr schätzen und um die wir von den Menschen in den Diktaturen dieser Welt beneidet werden. Jeder Angriff auf das Internet, egal, welchen Namen das Kind nun trägt, ob Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren oder auch Jugendmedienschutzvertrag, ist ein Angriff auf unsere Freiheit, unsere Demokratie, die Macht der freien Meinungsäußerung. Die Partizipierenden haben dies verstanden und kämpfen weltweit gegen Regierungen und Medien. Diese argumentieren mit dem Schutz der Freiheit und Demokratie und verstehen dabei nicht, dass gerade sie dabei sind, die größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts Stück für Stück abzubauen.

Wir befinden uns im WW III. Wir mögen die eine oder andere Schlacht verlieren. Wir werden jedoch diesen Krieg gewinnen. Am Ende des Weges werden wir uns vielleicht in der Demokratie 3.0 wiederfinden. Das allein ist es wert, weiter zu kämpfen. Die Zeit ist dabei unser größter Verbündeter. Wir mögen vielleicht die Netzsperren oder den Jugendmedienschutzvertrag bekommen, am Ende jedoch werden wir unsere Freiheit gewinnen. Die Freiheit und Unabhängigkeit von Politik und Medien. Unsere Zukunft sieht weltweit großartig aus. Begonnen hat sie mit der Erfindung des Internets.

Tim Berners-Lee hatte dies sicherlich nicht im Kopf, als er vor 20 Jahren den ersten Webserver der Welt online stellte. Doch genau damit begann ein neues Zeitalter: unser Zeitalter der Befreiung und der Unabhängigkeit von den Herrschenden. Unsere Zukunft liegt im Miteinander und der gegenseitigen Aufklärung, nicht mehr in der Unterdrückung und dem simplen Empfangen von Informationen. Das Internet hat uns emanzipiert. Bald gilt es, diese Verantwortung anzunehmen und darüber nachzudenken, wie wir diese ausfüllen. Große Macht bringt große Verantwortung mit sich. Lasst uns nicht die gleichen Fehler machen, wie die Regierungen unserer Zeit. Wir müssen es besser hinbekommen.

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6 Antworten zu “Wir befinden uns im Krieg”

  1. Anonymous sagt:

    Die Partizipierenden haben dies verstanden und kämpfen weltweit gegen Regierungen und Medien. Diese argumentieren mit dem Schutz der Freiheit und Demokratie und verstehen dabei nicht, dass gerade sie dabei sind, die größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts Stück für Stück abzubauen.

    Unsere Herrschenden als es eigentlich gut meinende Idioten darzustellen trifft meiner Meinung nach nicht nur nicht die Realität, sondern birgt die Gefahr, falsche Abwehrstrategien zu wählen und Kräfte zu vergeuden. Beispiehaft dafür ist der aktuelle Widerstand gegen den JMSTV. Als Strategie wird von vielen Gegnern vor allem das Aufklären angeblich ahnungsloser Politiker gewählt. Die wenigstens machen sich Gedanken, wie die herrschenden Parteien zu genau jenem Vertragstext gekommen sind. Die Inhalte und ihre Auswirkungen sind aber keineswegs Zufall. Tatsächlich passt der JMSTV genau in die Strategie von Vorratsdatenspeicherung, Internetzensur und Neuem Personalausweis. Die geforderten wirksamen Altersverifikationssysteme sollen den ePass pushen und Bürger ausschließen, die selbigen nicht benutzen wollen. Die Wirkungslosigkeit der Verpflichtung zu Altersverifikation/Sendezeiten/Labeling für Seiten aus dem Ausland liefert neue Munition für die Forderung nach Netzsperren. Und Jugendliche, die sexy Bilder von sich an andere Jugendliche verschicken, lassen sich am besten mit einer erweiteren Vorratsdatenspeicherung aufspüren.
    Das alles ist wie gesagt nicht nur ein (aus Sicht der Herrschenden) glücklicher Zufall, sondern eine gut geplante Strategie. Selbstverständlich lassen sich die Anhänger dieser Strategie dann auch nicht durch eine Aufklärung über die bekannten Folgen ihrer Vorhaben davon abbringen.

    Es ist der letzte Kampf einer Elite, die nicht verstanden hat, wie sehr sich unsere Gesellschaft auf der ganzen Welt gerade verändert.

    Ich denke die haben das sehr gut verstanden, deswegen reagieren sie ja mit unzähligen Gesetzesvorhaben, die genau diesen Wandel bekämpfen sollen. Ob das erfolgversprechend ist, ist die andere Frage.

  2. Klingelhella sagt:

    Hahaha, Grüße von Hegel 😀

    Der Kontext des Lobo-Zitats wäre interessant; habe die Will-Sendung (wie alle anderen Will-Sendungen auch) nicht gesehen. Der ähnliche Spruch «legal, illegal, scheißegal» scheint mir momentan tatsächlich eher die Einstellung der sog. Elite zu beschreiben und nicht die der Menschen, die offen und bestrebt sind, eine neue Wirklichkeit zu schaffen («Krieg» halte ich hierbei für eine Übertreibung; da werden mir viele Irakis, Afghanen etc. sicher zustimmen).

    Die wirklich desolate Verfassung der Fürsten und ihrer Herolde lässt darauf schließen, dass ihnen der Ball tatsächlich am Davonrollen ist. Vielleicht schaffen wir’s endlich, uns von unserer jahrhundertealten europäischen Raubritterkultur abzuwenden und ihr diesmal nicht bloß ein moderneres Gewand («Globalisierung») überzustülpen.

  3. steff sagt:

    @Anonymous

    unterschrieben 😉

  4. simonr sagt:

    Seit spätestens 2008 und dem Beginn der Wirtschaftskrise ist viel Vertrauen in die Regierungen und Wirtschaft verloren gegangen– zurecht, wie ich finde. Die Menschen haben in den letzten Jahren gelernt, die emanzipatorische Kraft des Internets für ihre Zwecke zu nutzen. Ein Paradebeispiel wie sich die Massen schnell, unkompliziert und am wichtigsten zwanglos ohne Herrschaft austauschen und rasend schnell organisieren können. Praktisch alle Aufstände («riots», wie es in der Fachterminologie so schön heißt) der frühen Vergangenheit haben ihren Ausgang im Internet: Die #unibrennt-Proteste und die AudiMax-Besetzung in Österreich und in Folge in ganz Europa, die Jugenddemos in Athen und Frankreich, der Aufstand gegen #S21, …

    Dieser III.Weltkrieg ist ein Krieg der Bürger gegen ein durch und durch marionettisiertes Politsystem, dass lägnst nicht mehr die Interessen seiner Bürger vertritt und nach möglichst fairen und augleichenden Lösungen sucht. Das nervöse Zucken und Zittern der Mächtigen wird angesichts der «Bedrohungslage» kaum jemanden verwundern. Die Welt steht vor einer Revolution. Und das ist gut so!

    Revolutionäre Netze durch kollektive Bewegungen

  5. René sagt:

    Die wirksamste Waffe gegen Veränderung ist die Angst. Die Angst etwas zu verlieren. Es ist egal ob wir Angst davor haben unsere Macht, unser Geld oder unseren Status zu verlieren — es hat die selben Auswirkungen: wir halten am Status Quo fest. Wir klammern uns an das Bekannte und Bewährte mit dem wir umgehen können, auf das wir uns verlassen können, mit dem wir «rechnen» können. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind tut dies jeder. Die Konsequenzen unseres Handelns sind sicherlich andere wenn wir politische oder wirtschaftliche Macht haben, aber die Motivation ist die gleiche. Unsere Gründe sind dabei verschieden und reichen von purem Egoismus über Hilflosigkeit bis hin zur bedingungslosen Liebe gegenüber unser Familie oder einem Ideal.
    Wenn diese Angst benutzt oder geschürt wird dann aus der selben Motivation. Es ist ähnlich einer Krankheit, aber es ist keine «Verschwörung» oder Strategie einer «Elite». Wir sind alle beteiligt. Es gibt kein oben und unten, nur ein hier und da. Ein wir oder ihr. Ein ich oder du. Und letztlich: ein ich. Auch selbstloses Handeln ist wie Mitleid: es dient letztlich nur uns selbst.
    Wir führen diesen Krieg gegen uns.
    Durchbrechen kann man diese Angst wohl nur mit Vertrauen, mit Empathie, mit Neugier und Interesse an unserer Welt und vor allem: mit Menschlichkeit.
    Das Internet wirkt wie eine Art Katalysator. Und ich gebe Chris recht: die Zeit ist unser großer Verbündeter. Das Problem sind wir — aber auch die Lösung…

  6. […] und Pressefreiheit (nicht nur im Internet). Nicht nur bei F!XMBR spricht man denn von einem Krieg zwischen Politik und Medien vs. Informationsfreiheit (siehe auch), sondern selbst beim meist zurückhaltenden law blog ist von „Kriegsgerät“ die […]

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