Wir alle leben in einer Antiwelt voller Hass und Wahn — sagt Wolfgang Schäuble

Von Politikern hat man ja schon einiges gehört. Erhellendes zum Computer, Stilblüten zur technischen Wunderwelt oder auch Interessantes zum Internet. Nun hat sich Wolfgang Schäuble, seines Zeichens Innenminister dieses Landes, wieder aufgetan, den Menschen zu erklären, wieso der Terrorismus so gefährlich ist, wieso Terroristen außerhalb der Gesellschaft stehen, wieso das Internet mit allen Mitteln bekämpft werden muss.

Wie kann es sein, so fragt der Innenminister, dass Menschen aus unserer Mitte zu Extremisten, Terroristen und Mördern werden? […] Die Antwort, so Schäuble: Die leben gar nicht in unserer Mitte. Oder jedenfalls nicht nur. Einen Teil ihrer Existenz führen sie in einem weltumspannenden virtuellen Raum, einer gespenstischen Anti-Welt voller Hass und Wahn – dem Internet.

Autsch — da bleibt man ein wenig sprachlos zurück. Wer meint, diese Äußerungen sind ein kleiner Ausrutscher gewesen, den muss ich leider enttäuschen. Auch mit folgenden Aussagen wird er zitiert:

Das Internet, so Schäuble, ist heute so etwas wie die universelle Plattform des heiligen Krieges gegen die westliche Welt. Es ist Kommunikationsmedium, Werbeträger, Fernuniversität, Trainingscamp und Think Tank der Islamisten zugleich. Im Cyberspace sei eine virtuelle und exterritoriale, zugleich aber reale und höchst gewalttätige Gegenbewegung zur westlichen Demokratie entstanden. […] An diesem Punkt wird die absolute Offenheit des virtuellen Raums zur Gefahr für die offene Gesellschaft und ihre Verfassung als freiheitlicher Demokratie.

Die Ahnungslosen

Das sind so die wenigen Momente, wo denen man den wirklich kranken Gedankengänge der Politik fassungslos gegenübersteht. Im Internet ist noch keine Bombe gezündet worden, im Internet ist noch keine Vergewaltigung verübt worden — das passiert jeweils im realen Leben, und im realen Leben sind demenstprechend die Gründe zu suchen und auch Gegenmaßnahmen einzuleiten. Ein reales Leben, dass anscheinend Politiker schon lange nicht mehr leben.

Wenn die Politik wirklich der Meinung ist, das Internet mit allen Mitteln bekämpfen zu müssen, wenn sich ein Verfassungsminister, der immer mehr freiheitliche Rechte abschafft, dieses mit Lehren, die man aus der Weimarer Republik gezogen hätte, entschuldigt, dann geht die wirkliche Gefahr nicht von ein paar Terroristen aus. Die wirklich Gefahr für unser Land sitzt in Berlin. Es sind ein paar Politiker, die nicht einen blassen Schimmer von dem haben, worüber sie entscheiden, die selbst voller Panik, voller Angst in ihren Ministerien sitzen, in ihrer kleinen Antiwelt voller Hass und Wahn, in ihrer eigenen Antiwelt zu der Gesellschaft, zu jedem Einzelnen von uns. Unsere Politiker leben in ihrem eigenen Second Life — fernab der Bürger und der Gesellschaft dieses Landes. Es ist ein Punkt erreicht, wo die Ahnungslosigkeit der Politik gefährlich für die Bürger, die Gesellschaft wird — und dagegen muss mit allen demokratischen Mitteln vorgegangen werden. Nur das wird sehr schwierig, weil wir kaum noch in einer funktionierenden Demokratie leben.

Handelsblatt — Angst vor dem virtuellen Raum

Bild: Der große Vorsitzende der ZAF

9 Antworten zu “Wir alle leben in einer Antiwelt voller Hass und Wahn — sagt Wolfgang Schäuble”

  1. Stefan sagt:

    > Es sind ein paar Politiker, die nicht einen blassen Schimmer von dem
    > haben, worüber sie entscheiden, die selbst voller Panik, voller Angst
    > in ihren Ministerien sitzen, in ihrer kleinen Antiwelt voller Hass
    > und Wahn, in ihrer Antiwelt zu der Gesellschaft, zu jedem Einzelnen
    > von uns. Unsere Politiker leben in ihrem eigenen Second Life — fernab
    > der Bürger und der Gesellschaft dieses Landes.

    So und nicht anders ist es. Nagel auf den Kopf.
    Ich empfehle zur Unterstützung dieser Aussage den Artikel der ZEIT «Die Welt der Politiker»:

    > So entstehen Rituale und Bilder, die nur noch Simulationen sind.
    > […] Es ist eine Scheinwelt, in der Politiker bei ihren Sommerreisen
    > Volksnähe simulieren, während sich, keine Armlänge entfernt, die
    > Fotografen um die besten Plätze kloppen. Alles muss symbolisch sein
    http://images.zeit.de/tex.….r-Alltag

  2. Bernd sagt:

    Im Cyberspace sei eine virtuelle und exterritoriale, zugleich aber reale und höchst gewalttätige Gegenbewegung zur westlichen Demokratie entstanden. […]

    Mag schon sein, dass es hier und da zutrifft, nur sollte man sich jetzt die Frage stellen, warum das so ist. Ich gehe immer noch davon aus, dass kein Mensch einfach Just-For-Fun hasst, irgendeinen Hintergrund muss es haben.

  3. […] Angeregt durch F!XMBR  […]

  4. Falk sagt:

    In der Mitte von Politikern möcht ich gar nicht leben, ich würde entweder verrückt oder zum Amokläufer. Danke für diesen Beweis von Unkenntnis, Unsachlichkeit, Polemik und Weltfremdheit. Ich kann heute gar nicht mehr soviel essen, wie ich kotzen möchte, wenn ich mir die letzten Äußerungen unserer sogenannten Elite mal auf der Zunge zergehen lasse.

  5. […] Jedes Buzzword der letzten Monate in einem Satz. Jedes? Nein! Eines der wichtigsten Buzzwörter der Neuzeit, um von Online-Durchsuchung bis Vorratsdatenspeicherung alles zu genehmigen wurde hier vergessen. Kinderpornographie! Ich bin gespannt, wann unser Innenminister in einem seiner nächsten Interviews von Kinderpornos auf Terrorfestplatten und kinderfi**enden Islamisten berichtet. […]

  6. […] mich! Ich habe einen Internetanschluss! Ich tue ganz böse Dinge wie electronische Potschaften verteilen oder in dieser Hasswelt mit […]

  7. […] Chris von F¡XMBR hat sich auch seine Gedanken darüber gemacht. […]

  8. […] Siehe Weltgeschichte. So Udo vom law blog — ich mag ihm da nicht widersprechen wollen. Dagegen sind diese Äusserungen aktionistischer […]

  9. Christian sagt:

    Wir Menschen müßen aufhören die Dinge als unser eigentum an zu sehen, denn die Welt gehört uns nicht.

RSS-Feed abonnieren