Wie Heise-Redakteure und andere offensichtlich zur eigenen Belustigung die Surfgewohnheiten ihrer Mitmenschen analysieren

BlogosphereWann war das noch? Lasst mich nachschauen. Es war zu einer Zeit, in der .get privacy noch in vollem Glanz erblühte, Kennedy war noch Präsident der USA und die Mauer in Berlin stand auch noch, während Honecker mit Gorbi heiße Zungenküsse austauschte. Naja — fast zumindest. Mitte Mai diesen Jahres schrieb ich nebenan über die neue Aktion von dataloo — Überwach! Ich muss die Argumente von damals nicht wiederholen — das perverse Spiel soll jeder für sich selbst beurteilen und dementsprechend handeln. Über die etablierten Medien haben wir schon das eine oder andere geschrieben, auch über die immer tiefer in den Keller sinkende Telepolis hatt ich schon mal ein paar Worte verloren. Was macht also die Telepolis nun ein knappes halbes Jahr später, ein knappes halbes Jahr nach Start von Überwach? Sie berichtet darüber, dass es für eine Aktion wie Überwach höchste Zeit war. Das ging ja mal flott…

Über die Qualität der Telepolis zu schreiben, bringt nicht mehr viel — aber ich frage mich schon, wo der kritische Geist gelieben ist, wenn man ein derartiges Projekt lobt und seinen Lesern empfiehlt. Die Hinweise des Autors bestätigen genau meine Argumentation zum Start der Aktion. Da werden die Charts hervorgekramt, geschaut, wo angeblich die Überwachten hinklicken und als Schlußargumentation wird empfohlen, dass die Überwachten sich doch alle in den Arm nehmen mögen — weil sie angeblich gerne das Forum Planet-Liebe.de ansurfen. Sprich: Da wird das angebliche Surfverhalten der Überwachten analysiert und sich lustig drüber gemacht.

Ich glaub’ das nicht wirklich. Da werden Menschen überwacht, und ihre angeblichen Surfgewohnheiten ins Lächerliche gezogen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Gleiches mit Gleichem vergelten — nichts anderes ist es. Wie auch im Fall des AK Vorratsdatenspeicherung zeigt sich hier, dass die Kritiker kaum einen Deut besser sind, wie die Kritisierten — im Gegenteil. Ein Missbrauch unserer Daten durch die Bundesregerung zwecks eigener Belustigung ist bisher nicht bekannt. Wieder einmal bin ich froh, dass .get privacy geschlossen wurde, damit ich nicht mit diesen sogenannten Bürgerrechtlern in einen Topf geschmissen werden kann. Wenn ich nur daran denke, dass irgendjemand die Info, dass ich auch schon mal YouPorn.com (Arcor-Kunden brauchen nicht klicken) besucht habe, zur Belustigung, als Argumentation gegen das böse F!XMBR anführen würde — merkt eigentlich wer, wie lächerlich und auch grundsätzlich falsch das ist?

Die einen überwachen selbst, die anderen empfehlen die Abmahnung der Webmaster, die weiterhin die IP’s der Besucher speichern. Was für eine wunderbare Welt. Dazu das sagenhafte Web 2.0 und schon weiß man, warum Schäuble, Zypries, unsere gesamte Bundesregierung ein so leichtes Spiel hat — die Masse will es genauso haben. Sie handelt und argumentiert ähnlich, sobald die Möglichkeiten da sind, werden sie selbst genutzt, Personensuchmaschinen werden von den Web 2.0-Junkies in den Himmel gelobt. Was die staatlichen Überwacher nicht bekommen, wird freiwillig offenbart, man hat ja nichts zu verbergen. Gleichzeitig lächelt oben rechts der Wolle Schäuble dem Besucher der Homepage entgegen — man braucht halt das Feindbild für die eigene Unzulänglichkeit, das Spiegelbild nimmt man da halt nicht so gerne…

Bild blogosphere: samlustgarten unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

5 Antworten zu “Wie Heise-Redakteure und andere offensichtlich zur eigenen Belustigung die Surfgewohnheiten ihrer Mitmenschen analysieren”

  1. Annika sagt:

    Dem habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen. Ich fand beide Aktionen des Arbeitskreises, und auch einiges andere, das dort stattfindet, ungefähr genauso unmöglich wie Du offenbar. Über die Sache mit der IP-Speicherung habe ich damals auch sehr kritisch gebloggt und dafür auch ziemlich was zu hören bekommen. Anfangs war ich im AK ziemlich engagiert aber momentan…
    Du sprichst mir aus der Seele, wenn Du schreibst, dass hüben wie drüben offenbar vollkommen die Maßstäbe verloren gehen. Ich bin sehr dafür, gegen den Überwachungswahn zu kämpfen– aber doch bitte nicht mit allen Mitteln, sondern lieber mit gesundem Menschenverstand und Augenmaß. Hinter einigem kann man einfach nicht mehr stehen, auch nicht als Überwachungsgegnerin. Und selbst denken muss unter allen Umständen erlaubt bleiben, auch wenn dabei rauskommt, dass man mal mit der Gegenseite einer Meinung ist, oder aber eine völlig neue Meinung vertritt.

  2. […] Und selbst wenns die Kollegen von der Telepolis in den Himmel loben — im Prinzip macht mans genau so wie das, was man bekämpft — und spätestens dann sollte man innehalten und sich überlegen was man da anstellt… […]

  3. Callinator sagt:

    wieder mal ein absolut geiler beitrag…

  4. […] Reactions : Simon Columbus | Blogger for Freedom | Hauptstadtblog | Swiss Metablog | F!XMBR | Nerdcore | […]

  5. […] Hier hatte ich spaßeshalber einen YouPorn-Link in den Text eingebaut. Den musste ich gerade wieder löschen, weil ich nicht in der Lage bin, den Link mit dem entsprechenden Alters-Verifikations-System (AVS) zu versehen. Ja, Ihr lest richtig — Deutsche Gerichte arbeiten weiter fleißig an der Zerstörung der Internetstruktur in unserem Land. Es dauert nicht mehr lange, und Deutschland ist nicht mehr nur 1 Generation hinter anderen Nationen, was das Internet angeht — bald sind es 2 Generationen. Um es kurz zu machen: Das VG Lüneburg hat entschieden, dass auch schon bei Links auf pornographische Inhalte das AVS greifen muss. Das VG Lüneburg (Beschl. v. 16.10.2007 — Az.: 6 B 33/07) hat entschieden, dass auch bei einer bloßen Verlinkung auf pornographische Seiten die jugendschutzrechtlichen Bestimmungen greifen und der Betreiber der verlinkten Seite demnach ein Alters-Verifikations-System (AVS) schalten muss. […]

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