Wie gut ist die Wikipedia?

Diese Frage wurde vom Stern beantwortet, dem spätestens seit den berüchtigten Hitler-Tagebüchern seine Reputation vollständig verlustig ging. Vergleich, natürlich mit dem primus inter pares, dem Brockhaus. 50 Artikel griff man heraus und ließ diese vom Wissenschaftlichen Informationsdienst Köln prüfen/vergleichen. Fazit: Sieg nach Punkten für die Wikipedia. Das Team bestand im Prinzip aus Chemikern und Biologen, was imho nur eine arg begrenzte Aussage rechtfertigt. Natürlich kann ein Wissenschaftler auch Qualität fern der eigenen Profession erkennen und teils bewerten, von den Naturwissenschaften hin zu Details der Informatik, Elektrotechnik oder gar den Geisteswissenschaften ist es jedoch ein weiter Schritt. Quantität ersetzt dann noch lange keine Qualität und gerade im Bereich der Geisteswissenschaften tun sich teils(!) erbärmliche Abgründe auf, die eine profane Enzyklopädie auch teils(!) besser bewerkstelligt. Natürlich unter der Premisse das immer eine Abstrahierung notwendig ist, bei dieser Art Gratwanderung schneiden jedoch oft Wissenschaftler besser ab. Der deutsche Bereich z.B. ist de Regel durchzogen von rechten Meinungsbildern, Esoterik-Geschwafel und halbseidendem Laienwissen — ein regelrechter Kampf ist da in gewissen Bereichen zu beobachten.

Dem Ergebnis dieser Prüfung traue ich schon, jedoch nur für gewisse Bereiche. Einer Pauschalisierung hält dieses aber nicht im mindesten Stand, was auch in der Natur der Sache liegt und wahrscheinlich von den untersuchenden Wissenschaftlern so nie verlautbart wurde (vade retro Journalist). Profan ausgedrückt, grundlegende Dinge wie 1+1=2 kann man auch gekonnt verifizieren, darüber hinaus verlangt es Experten der jeweiligen Fachgebiete die zumindest redaktionell begutachten. Wir wissen also jetzt das die Wikipedia zum Teil(!) besser abschneidet als der Brockhaus. Was aber sagt dies in puncto Qualität für die Online-Enzyklopädie aus? Nicht viel, außer wir sehen den Brockhaus als nonplusultra des Wissens an, was ehrlich gesagt recht dämlich wäre, denn nur mittels Quellenkritik erschließt man sich tatsächlich Wissen. Aber für den Hype gereicht es immer noch, denn gerade die deutsche Wikipedia wurde und wird ja in letzter Zeit arg gebeutelt in puncto Verläßlichkeit und demokratischem Gebaren, Stichwort Blockwart. Your mileage may vary, das sicherlich, aber auch dies müßte unter jeder dieser Studien mittels fetter Lettern ersichtlich gemacht werden.

heise

8 Antworten zu “Wie gut ist die Wikipedia?”

  1. phoibos sagt:

    brockhaus? der ist doch nur zitierfähig, wenn man eine auflage von vor 1920 oder so findet :-) wie dem auch sei, ein lexikon kann immer nur der anfang einer recherche sein, danach kommt die fleißarbeit und vor allem das selberdenken.

    ciao
    phoibos

  2. Oliver sagt:

    >wenn man eine auflage von vor 1920 oder so findet

    In jeder IB bzw. UB, teils noch ältere 😉

  3. corax sagt:

    Jeder vernünftige Mensch checkt Quellen eh erstmal gegen, bevor er sie übernimmt, zumindest bei komplizierteren Sachen und hier liegt das «Wikiproblem«
    Das nervige an Wiki, hab ich festgestellt, ist nicht Wiki selbst, sondern dass teils wortwörtlich daraus abgeschrieben wird, und man keine gegenteilige oder abweichende Meinung mehr im Netz findet.
    Also Standardablauf: man gibt ein Stichwort bei gugel ein
    und erhält über 20.000 Treffer die ersten beiden sind Werbung(geschenkt) der dritte ist der Wikiartikel. Ist ja auch gut so wenn man was einfaches kurz nachschlagen will. Hat man aber was komplizierteres will man ja auch ne zweite Meinung dazu und jetzt fängt der Ärger an, auf den ersten 20–50 Seiten stehen unter Garantie nur Treffer bei denen die Kernaussagen fast wortgleich mit dem Wikiartikel sind, abweichende Meinungen gibt es offenbar nicht. Man findet erst nach stundemlangen Rumklicken was oder muss sich auf gut Glück selber Filteroptionen ausdenken die eventuell ein Ergebnis liefern. Durch diese «Verdrängung» abweichender Meinungen erst wird Wiki so nervig, wofür ja Wiki selbst nichts kann sondern die Suchmaschinen.

    Wenn man nicht vorher schon genau weiß wo man suchen muss, findet man nur noch Wikikonforme Meinungen, das kann ja nicht im Sinne der Erfinder der Vernetzung sein. Ich brauch keine 50 seiten zu einem Thema die alle voneinander abgeschrieben haben.

    Pax

  4. Oliver sagt:

    >Jeder vernünftige Mensch checkt Quellen eh erstmal gegen,

    Würde heißen das Gros der Bevölkerung ist unvernünftig, dumm, whatever, kann aber auch simpel heißen sie wissens nicht besser und habens auch nie gelernt. Und im Zeitalter des medialen Overkills nimmt man gerne die omnipotente «Wissentränke» und schöpft aus dieser.

    Und das führt letztendlich auch dazu,

    >Wenn man nicht vorher schon genau weiß wo man suchen muss, findet man nur noch Wikikonforme Meinungen

    Man zentralisiert das Wissen für andere ebenso und erschwert immens die Recherche im Netz, von dem üblichen Spam etc. ganz zu schweigen.

  5. dan sagt:

    Interessant ist auch die Art und Weise wie mit Wikipedia in der Schule umgegangen wird.
    Für die Facharbeiten wollen einige Lehrer mittlerweile sogar jede Internetquelle in ausgedruckter Form zusätzlich zur eigentlichen Schrift bekommen. Wenn man den Großteil des Kollegiums nach Wikipedia fragt, hört man nur derbes Phrasengedresche, welches sich immer wieder darum schart, dass Wikipedia ja «nicht sicher und fast nie richtig ist». Da wird dann gemotzt ohne Ende, wobei die meisten Leute einfach nur sauer sind, da ein Großteil der Schüler oft nur komplette Artikel ausdruckt und dann meint er hätte eine eigenhändige Erläuterung zu Thema X geschrieben.
    Ich persönlich warte noch auf den Tag an dem diese Leute aufhören zu motzen und stattdessen ihr Fachwissen beisteuern.

  6. Oliver sagt:

    Und was haben sie davon? Sollen sie ihr Fachwissen für lau auf eigenen Seiten aufbereiten, dann fingert auch keiner daran herum. Auf der Wikipedia entscheidet nicht das Wissen, außer die Artikel sind geschützt, sondern der längere Atem und dafür haben viele Fachleute einfach keine Zeit.

    Man muß in aller Euphorie die Wikipedia realistisch betrachten, sie kann viel und kann auch nicht viel, sie steuert einen kleinen Teil(!) zum Wissen bei. Unter dieser Prämisse klappts auch mit den Ansprüchen diverser Informationsquellen. Offen allein ist ein Garant für Offenheit, aber auch erst einmal nicht mehr.

  7. Grainger sagt:

    Gerade im schulischen Bereich liegt das doch im Ermessen der Lehrer, dann muss man halt einen Aufsatz über ein gegebenes Thema mit dem Wortlaut der Wikipedia abgleichen.

    Und wenn man feststellt, dass das Material zu 99% (vermutlich sind es aber eher 100%) wortidentisch übernommen wurde einfach entsprechend zensieren.

    Note 6, setzen! 😀

  8. Oliver sagt:

    An den unbekannten Troll, mir ist Abstraktion ebenso ein Begriff, wie der lateinische Ursprung. Allerdings mit Wikipedia als Quelle zu kontern machte wirklich meinen Tag. Im Moment bin ich mir selbst unsicher, findet sich doch Abstrahierung in diverser Fachliteratur wieder (möglicherweise auch ein älteres Wort), nur mein Duden habe ich im Moment nicht zu Hand. Wie dem auch sei, derlei Dinge überlasse ich den Germanisten, wollen ja auch was tun =) Ich lasse mich mehr durch die Praxis leiten.

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