Werben mit Hartz IV

Meine Meinung zu Hartz IV, der Agenda 2010 und der Gesellschaft habe ich schon des öfteren niedergeschrieben. Die Agenda 2010 war der vorläufige Tiefpunkt unserer Politik, unserer Gesellschaft, die offenbar das Miteinander, das Menschsein ad acta gelegt hat. Der (finanzielle) Erfolg ist der Heilsbringer des Landes — wer keinen Erfolg hat, der ist nichts mehr wert, wird abgeschoben, entsorgt. Es wird ihm sogar offiziell per Hartz IV mitgeteilt — weitgehende Grundrechte, die in unserem Grundgesetz niedergeschrieben wurden, werden per Hartz IV-Bescheid außer Kraft gesetzt. Nun sollte man meinen, dass die Menschen zumindest immer noch eine gewisse Scham besitzen, was das Thema Armut in unserem Land angeht. Doch auch dies ist mal wieder ein typischer Fall von denkste. Nun kommt eine Regionalpostille daher, und es zeigt sich: Wie tief das Niveau unserer Gesellschaft auch gesunken ist — es kommt immer wer daher und unterbietet dieses noch locker. Der Kölner Stadtanzeiger wirbt wie folgt:

Auf dem Bild zu sehen: Zwei Menschen, die offenbar zwei (demonstrierende) Hartz IV-Empfänger darstellen sollen. Sie haben ein Schild in der (nicht vorhandenen) Hand, auf dem steht: STOP Hartz IV. Man hat ihnen die Arme und das Gesicht ausgeschnitten — man unterlässt es, Armut, der Agenda 2010, Hartz IV ein Gesicht zu geben. Marketingtechnisch vielleicht gar nicht so verkehrt. Doch reichen diese Verstümmelungen nicht aus — man setzt dem Ganzen noch eine Krone auf. Um für das eigene Quiz zu werben, wird eine Frage gestellt — und mögliche Antworten gleich mitgeliefert:

Was bedeutet die IV in Hartz IV ?

  • IV ist Hartz’ Lieblingszahl
  • IV. Gesetz einer Reform
  • Aller guten Dinge sind IV
  • Das Geld gibt’s am IV.

Meine Oma hat früher immer gesagt, das ist unredlich. Ich denke, hier muss man härtere Worte verwenden — doch kennen wir die Gesetzgebung in diesem Land. Der Kölner Stadtanzeiger darf sich meiner Meinung nach menschenverachtend über knapp 6,4 Mio. ALG II-Bezieher lustig machen, zynisch für die eigene Webseite werben — ich darf leider nur durch die Blume sagen, was ich davon halte. Es ist unfassbar, dass durch das Schild, welches die beiden Menschen in der Hand haben, in Verbindung mit Antwortmöglichkeit 4 dieses sogenannten Quizzes, den Menschen wieder einmal mit auf den Weg gegeben wird, dass dort nur Abzocker und Schmarotzer am Werk sind. Damit zu werben ist schon schlimm genug, die alten Vorurteile, die so tief verwurzelt sind, weiter zu verbreiten, geht noch wieder eine Eskalationsstufe weiter. Unfassbar.

Nun mag man mir entgegenhalten, dass ich die Werbung des Kölner Stadtanzeigers nur falsch verstehe — es werde doch für die Abschaffung von Hartz IV plädiert, ich habe STOP Hartz IV doch selbst zitiert. Dem kann ich nur erwidern, dass laut 4SUXX auch dort immer wieder die Arbeitsmarktzahlen aus Nürnberg gefeiert werden — man sich also selbst zum Jubelperser der neoliberalen Propaganda und Unwahrheiten macht. Eine kurze Suche innerhalb der Seite zu verschiedenen Protagonisten der letzten 2 Jahrzehnte bestätigt durchaus diesen Eindruck. Neben einem großen Prozentsatz Agenturmeldungen, bleibt meiner Meinung nach keine Qualität über. Naja — solange es für die Praktikanten ausreichend Kaffee gibt, ist ja alles gut.

Die Agenda 2010, Hartz IV war die menschliche Bankrotterklärung dieser Gesellschaft. Damit nun zynisch, menschenverachtend zu werben, lässt mich doch ein stückweit sprachlos zurück. Und doch ist auch dieser Fall ein Spiegelbild des heutigen Journalismus. Jahrzehntelang wurde der neoliberale Umbau dieses Landes nicht nur PR-technisch, mit einem Jubelpersertum, der seines gleichen sucht, begleitet — er wurde sogar von den sogenannten Alpha-Journalisten immer wieder gefordert. Dass sich dieser Weg nun als Irrweg herausgestellt hat — geschenkt. Wenn man dies nun zugeben würde, würde man das eigene Gesicht verlieren, die Menschen würden nicht mehr einen Satz glauben, den man schreibt. Und somit ist diese Werbung, die mit verstümmelten, gesichtslosen Rumpfmenschen um die Aufmerksamkeit der Kölner buhlt, nur die Fortsetzung des sogenannten Qualitätsjournalismus in unserem Land. Gerne würde ich ja ab und zu mal in die Zukunft schauen. Heute ist wieder so ein Tag. Gerne würde ich in ein Geschichtsbuch schauen um dort nachzulesen, wann der Qualitätsjournalismus in diesem Land zu Grabe getragen wurde. Waren es die Siebziger, die Sechziger oder war es noch früher der Fall? Heute jedenfalls gibt es keinen Journalismus mehr. Heute gibt es nur noch PR-Fritzen und Marketingleute — und Praktikanten.

Foto: 4SUXX unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

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8 Antworten zu “Werben mit Hartz IV”

  1. Fenrir sagt:

    Wobei die Arge Köln wohl mit ihren Praktiken einer der übelsten im Land zu sein scheint.

    siehe Elo-Forum.de

    Danke für den Artikel. Es tut gut das es noch Menschen gibt die den Umbau der Republik so sehen wie er in Wirklichkeit ist. Menschenverachtend und zynisch.

  2. Arbeitsamt heißt es doch schon länger nicht mehr. Agentur für Arbeit oder Jobcenter (besonders in bezug auf Hartz IV/ALG II) wäre wohl passender gewesen. Ich ziehe da mal keine Rückschlüße auf die Aktualität des werbenden Printmediums.

    Und, mein Herren, Hartz IV ist doch nach Aussagen unserer notleidenden Bundestagsabgeordneten durchaus üppig bemessen, man kann sogar etwas davon zur Seite legen.
    Fragen Sie mal Angelika Krüger-Leißner (natürlich von den Asozialdemokratien):

    «50 Euro im Regelsatz sind für einmalige Ereignisse oder Leistungen und dazu gehört auch mal ein Krankenhausaufenthalt wie ne Geburtstagsfeier oder ‘nen Schulabschluss, alles so was. Und ich kann nur jedem raten, nicht am Monatsende auf Null zu kommen, sondern sich schon ein paar Euro auch zurecht zu legen. Ich denke, das geht auch.»

    Denken ist halt einfach nicht so die Sache vieler Bundestagsabgeordneter.

  3. Ronni sagt:

    @2
    Auf dem Plakat steht «vom 13.05. — 31.05.1008″ … soviel zur Aktualität. 😉

  4. […] eingedämmt wird? Ach ja, selbstverständlich braucht man dann noch Straflager für HartzIV-Empfänger, um die Schwarzarbeit abschaffen zu […]

  5. Leto sagt:

    Wie sagte ich damals in meiner mündlichen Abiturprüfung noch: «Neoliberale Politik kann nicht funktionieren das müsste jedem klar spätestens seit dem Manchesterkapitalismus». Dennoch wird unter dem Vorwand des selbstregulierten Marktes das ganze voran getrieben. Das ganze wäre ohne die etablierten Medien nie möglich gewesen man denke nur an das immer wieder verwendete Bild des arbeitsunwilligen Sozialhilfeempfängers. In der selben Liga gehören auch die Bemerkungen zum Gesundheitssystem und der Bevorzugung von Sozialhielfe über die «normale» versichertem und ähnliches.
    Kurz ich habe immer mehr das Gefühl das sich die Reste des kritischen Journalismus in Internetnischen abspielt.
    Also wen wunderts da noch das eine solche Werbung gemacht wird? Ich warte noch darauf das ein Politiker bald nicht mehr zurück treten muss weil er einen Obdachlosen mit Sekt übergoßen hat auch wenn das bei Peter Gloystein noch notwendig war.

  6. Martina sagt:

    @1: ich dachte, die ärgste ARGE sei die in Siegburg!

  7. rudy sagt:

    Also ich sage zu H4 der Arbeitsdienst wurde wieder eingeführt. War selber lange Zeit davon betroffen und wenn man da mal drinsteckt ist es sehr sehr schwer da rauszukommen.
    Mal ein selbsterlebtes Beispiel, wurde während meiner H4 Zeit zur Arge zitiert, mir wurde ein Jobangebot unterbreitet, war seinerzeit ne Zeitarbeitsfirma 5,80 Euro Brutto Stundenlohn, so dieses Zeitarbeitsunternehmen gehörte einem Ehepaar wovon der weibliche Teil rein zufällig noch privater Arbeitsvermittler war, und zu der wurden wir von der Arge geschickt.

    Da standen wir nun und die wussten genau wenn wir das ablehnen kommt die Sperre, es wurde also 2 mal kassiert, einmal 2000 Euronen Kopfgeld jo und dann noch dieser extrem hohe Stundenlohn von 5,80.

    So sieht das aus und der Hammer das ist auch noch legal.

    Hinzu kommt Rechte als Zeit/Leiharbeiter hasste in der Regel nicht, ständig wechselnde Einsatzorte, dann natürlich die minderwertige Arbeit die sonst keine/r machen will. Wenn überhaupt nur den Mindestanspruch an Urlaub, kein Weihnachtsgeld oder sonstige Vergütungen die die höhere Klasse der Arbeitnehmer so haben.

    Zuhaus immer auf Telefonnrufe des Unternehmens warten die Dir dann den Einsatzort mitteilen, also kannst Dir Null vornehmen.
    Dann oftmals Arbeitsveträge aus Rumänien, oder anderen Staaten, siehe Bericht hierzu in der ARD.

    Das ist die Realität die sich so und noch schlimmer darstellt, 2 oder 3 oder sogar 4 Jobs um zu überleben.

    Das sind keine Sprüche, kenne genug die das so durchziehen.

    Der Arbeitsdienst ist angekommen !

  8. […] hat auch wenn das bei Peter Gloystein noch notwendig war. Martina 18. Mai 2008, 23:11 Uhr @ … more on this… Uncategorized […]

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