Wer gegen die Überwachung der Bevölkerung argumentiert, muss die Religion überwinden

Wir kämpfen heute an vielen Fronten gegen die Vorratsdatenspeicherung und gegen die totalitären Überwachungspläne der deutschen und internationalen Politik. Wir kritisieren Facebook und Google+, ernten bei einem Großteil der Bevölkerung aber nur ein Kopfschütteln, wir haben nichts zu verbergen ist ein weit verbreiteter Satz.

Dieser Satz wird schon unseren Kindern in die Wiege gelegt. Gott sieht und weiß Alles, verzeiht uns unsere Sünden und wenn wir uns gut benehmen, wartet der Himmel auf uns. Der Nikolaus, der uns am 06. Dezember besucht, führt eine Liste über alle Kinder — und so gibt es Geschenke oder er holt die Rute hervor.

Für die Politik ist es ein Leichtes, tiefgreifende Überwachungsmaßnahmen umzusetzen. Überwachung ist gut und richtig, solange es für eine gute Sache eingesetzt wird. Gott und der Nikolaus sind eine gute Sache, genauso wie unsere Bundesregierung — im Gegensatz zu totalitären Regimen, wie wir sie beispielsweise in China vorfinden.

Wir werden den Gedanken, wir haben nichts zu verbergen, erst aus den Köpfen der Bevölkerung drängen können, wenn wir die Religion überwunden haben. Zugegeben, dies ist nur ein kleiner Baustein — aber wenn wir kein Weihnachten mehr feiern, der Nikolaus nicht mehr zu Besuch kommt, wird unseren Kindern nicht schon in die Wiege gelegt, dass Überwachung eine gute Sache sei, solange sie von den Guten durchgeführt wird.

Überwachung ist immer eine schlechte Sache, ob nun Gott auf uns herabschaut, der Nikolaus seine private Vorratsdatenspeicherung führt oder Union und SPD neue Pläne zur Überwachung der Bevölkerung auf die politische Agenda setzen. Diesen Gedanken sollten wir unseren Kindern in die Wiege legen. Erst dann können wir die nächste Stufe zu unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit erklimmen.

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8 Antworten zu “Wer gegen die Überwachung der Bevölkerung argumentiert, muss die Religion überwinden”

  1. Tom sagt:

    Interessante Theorie …
    Aber (leider) ist dort doch etwas wahres dran.

  2. Blaine sagt:

    Gewagte These. Ich denke nicht, dass man mit einer «Ausrottung» der Religion dieses Problem lösen könnte. Zumal die zahlreichen Fürsprecher gar nicht mit Religion argumentieren (sie ist nicht einmal die Grundlage). Weihnachtsmann und Nikolaus würden eine eventuelle Auslöschung zudem überleben, weil sie auch ohne Religion funktionieren.

  3. flippah sagt:

    alle leute, die nichts zu verbergen haben, einfach mal fragen, ob sie vor dem Gang aufs Klo die Tür schließen. Wenn ja, haben sie offenbar doch was zu verbergen.

  4. Freddy Halle sagt:

    hm, das mit dem «Überwinden» der Religion haben schon einige versucht. Vornehmlich solche die sich hinterher als totalitäre Regime bezeichnen lassen mussten. Und geklappt hat es bisher bei keinem Versuch.

    Im Gegenteil. Die Kirche (als Institution) ist im Untergrund nur noch fester verankert worden und vor allem, weniger hinterfragt worden. Und Religion ist für Viele eine Erklärung für das Unerklärbare. Man mag das für richtig oder falsch halten.

    Und ob die These so wirklich wahr ist? Den Nikolaus mit dem Staatstrojaner in Verbindung zu bringen, ist schon ein wenig weit hergeholt. Denn es könnte ja im Umkehrschluß bedeuten, das Atheisten eine bessere Einstellung zum Thema Datenschutz haben. Kann ich mir nur schwerlich vorstellen.

    Es ist aus meiner Sicht ein anderes Problem: Die Leute halten sich selbst für so unbedeutend (was ja für den einzelnen auch zutrifft), dass sie sich schwerlich vorstellen können, dass sie überwacht werden sollten. Sie glauben einfach nicht, dass es für irgendwen interessant ist, diese Informationen zu erlangen. Es muss also an zwei Fronten angesetzt werden:

    Zum einen muss den Leuten erklärt werden, dass es sehr wohl interessant ist (für den Staat), was sie so den lieben langen Tag treiben. Weil man auf staatlicher Seite dann seine «Wähler» besser steuern kann. Das ist wahrscheinlich noch der leichtere Part, gerade im Osten sollte das kein Problem sein.
    Zum anderen muss man Ihnen aufzeigen, wie sich Daten kombinieren lassen und was man dann damit alles an Informationen gewinnen kann und somit steuern könnte. Also Payback, Schufa, Gesundheitskarte & Co. Hier fehlt es den meisten schlicht an Vorstellungskraft, resultierend aus fehlendem Wissen und Gleichgültigkeit. Das in die Köpfe reinzubekommen, ist wesentlich schwieriger.

    Und die Religion kann dann meinetwegen bleiben.

  5. Tom sagt:

    > hm, das mit dem «Überwinden» der Religion haben schon einige
    > versucht. Vornehmlich solche die sich hinterher als totalitäre
    > Regime bezeichnen lassen mussten. Und geklappt hat es bisher
    > bei keinem Versuch.

    Als aktuelles Beispiel muss man sich nur mal ansehen, wie Nord-Koreas «geliebter Führer» vergöttert wird.
    Der Mensch braucht einen Gott um halt zu haben — entweder ist wirklich der «Allmächtige» selbst oder es sind Geld, Ruhm, Reichtum etc. oder halt der «geliebte Führer».

  6. Tobi-Wan sagt:

    «aber wenn wir kein Weihnachten mehr feiern, der Nikolaus nicht mehr zu Besuch kommt, wird unseren Kindern nicht schon in die Wiege gelegt, dass Überwachung eine gute Sache sei, solange sie von den Guten durchgeführt wird»

    Ich glaube, dass damit ein Stück Magie in der Kindheit sterben würde.

    Und von Gott muss man sich nicht nur überwacht fühlen. Er kann auch Geborgenheit spenden.

  7. FERNmann sagt:

    Und von Gott muss man sich nicht nur überwacht fühlen. Er kann auch Geborgenheit spenden.

    Das kann die staatliche Überwachung auch. Darauf wollte der Autor glaube ich auch hinaus, dass das blinde Vertrauen, dass der liebe Gott schon alles richten wird, mit dem Glauben vergleichbar ist, dass sich der Staat um alles kümmert, nur Gutes im Sinn hat und seine Bürger vor Gefahren bewahren will.

    Der wichtige Unterschied ist: Der Staat existiert, und wir als Volk müssen ihn dauernd daran erinnern, dass er eigentlich unser Diener ist und nicht umgekehrt.

  8. Nuri sagt:

    Ich sehe das Problem eher darin, dass die Leute glauben, dass ihnen der Staat nichts tut, solange sie nichts zu verbergen haben — Das in gewissem Maße auch zu Recht: Im Rahmen des Wiederaufbaus Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg hat das politische System eine sehr starke Demokratisierung und das Staatswesen eine hohe Liberalität bewiesen.
    Ganz besonders im Kontrast zu den östlichen Staaten und zu dem, was über praktisch alle anderen Staaten in den Medien vermittelt wird und selbst zu dem, was in den anderen «westlichen liberalen Staaten» passiert.
    Unser politisches System hat sich in den Augen der Leute den Vertrauensvorschuss, den es noch immer genießt, eben einfach verdient. Es ist uns eine ganze Weile wirtschaftlich, wissenschaftlich und gesellschaftlich immer besser ergangen. Dies wird von den Menschen mit der Funktionstüchtigkeit und Sicherheit des Systems in Verbindung gebracht.
    Während man sich in den Fünfzigern also noch sehr bewusst war, dass der Staat eine bedeutende Gefahr darstellen kann, haben die Menschen dieses Bewusstsein über die Jahre verloren.
    Es wird einfach noch eine Weile dauern, bis die Leute lernen, dass bspw. Privatisierung, Globalisierung oder Kriegstreiberei eben doch nicht zu unserem Besten geschehen, bloß weil unsere Regierung das so sagt — und bis sie erkennen, dass wir all den Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte nun verloren haben, bzw. bald verloren haben werden. Hier muss angesetzt werden.

    Jetzt einen Kleinkrieg gegen religiöse Anschauungen zu beginnen, ist daher völlig am Ziel vorbei.

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