Was war nur schiefgelaufen?

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Die ersten Herbststürme erreichten Berlin. Innenminister Christopher Lauer saß in seinem Dienstwagen und wurde von seinem Chauffeur ins Schloss Bellevue gefahren. Lauer dachte zurück, an die letzten Jahre, den Kampf, Erfolge und Niederlagen. Er lächelte: 22 Jahre waren es jetzt her, seit er und 14 weitere Mitstreiter in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen waren. Politische Sensation wurde es damals genannt, eine Protestwahl, eine Eintagsfliege. Doch die Piraten hatten alle Kritiker Lügen gestraft. 2013 erreichten sie bei der Bundestagswahl 5,4% und zogen in den Deutschen  Bundestag ein. Die gleichen Experten, die zwei Jahre zuvor die Piraten als Eintagsfliege bezeichnet hatten, erklärten im Oktober 2013 warum die Piraten die neue fünfte Kraft im Parteienspektrum seien, nachdem die FDP pulverisiert wurde. Lauer blieb in Berlin Abgeordneter — erst vier Jahre später sollte seine große Bundestagskarriere beginnen.

Noch vor der Bundestagswahl 2013 wurde Lauer zum Vorsitzenden der Piratenpartei gewählt. Der Erfolg in Berlin, seine Auftritte in den Medien und seine Arbeit als Berliner Fraktionsvorsitzender ließen den Piraten keine andere Wahl. 2016 riefen die Piraten Lauer als Spitzenkandidaten zur nächsten Bundestagswahl aus. Die damalige Favoritin, Julia Schramm, gab auf, Lauers Kandidatur wurde von allen Flügeln, Spackeria und Aluhüte, links und rechts, konservativ und liberal unterstützt. Ende des Jahres war er Fraktionsvorsitzender der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, eine große Koalition unter Bundeskanzlerin Ursula von der Leyen regierte das Land.

Noch heute wusste Lauer, was er am 23. Mai 2022 getan hatte — wie jeder andere Mensch in Deutschland auch. Der Tag des Anschlags. Er war früh am Morgen aufgestanden um in die Redaktion der Bild-Zeitung zu eilen. Ein Interviewtermin stand an, neue Sicherheitsgesetze sollten verabschiedet werden, die Piratenpartei protestiert lauthals. Gegen 09.30h klingelte sein Telefon: Kurz zuvor war in Berlin eine Bombe explodiert. Ein Selbstmordattentäter, der sich später selbst als Sohn Anders Behring Breiviks bezeichnete,  hatte vor dem Deutschen Bundestag zwei Schülergruppen und 100 weitere Menschen in den Tod gerissen.

«Die Nation steht solidarisch an der Seite der Opfer und Hinterbliebenen», so Lauer in seiner Rede im Deutschen Bundestag, bevor die Piraten den neuen Sicherheitsgesetzen unter Federführung Lauers zustimmten. Er musste viel innerhalb der eigenen Partei kämpfen und lächelte, als er daran dachte, wie er die Gesetze unter dem Schlagwort «semi-transparente Speicherung von Nutzerdaten zur Verhinderung von Terroranschlägen» verkaufte. «In einer Demokratie» müssen man nicht nur «Verantwortung übernehmen», sondern auch «Kompromisse schließen», so Lauer auf einem außerordentlichen Parteitag der Piratenpartei.

Die Öffentlichkeit honorierte dies. 2029 wurden die Piraten in Regierungsverantwortung gewählt. Lauer wurde Innenminister, er stand im Zenit seiner Macht. Seine erste Bewährungsprobe folgte zwei Monate später: In Berlin fand das Innenministertreffen der EU-Staaten statt. Christopher Lauer tat seinen Job, wie er es immer getan hatte: Journalisten wurden durchleuchtet, das Regierungsviertel weiträumig abgesperrt, Demonstrationen verboten, Verdächtige proaktiv überwacht. Lauer musste sich kurzzeitig Kritik aus den eigenen Reihen gefallen lassen, als Sicherheitsbehörden die Zentrale der Jungen Piraten durchsuchten. Der Verdacht der «Störung der öffentlichen Ruhe» erhärtete sich nicht, jedoch wurden auch Datenträger mit mehreren Raubkopien in der Zentrale der JuPis gefunden. Wieder hatte Lauer die Presse und Kommentatoren auf seiner Seite. Die Bild-Zeitung nannte ihn an dem Tag «Felix — der Glückliche».

Lauer hatte all die Jahre seine Piraten fest im Griff. Er brauchte nur mit Machtverlust argumentieren, die Piraten würden aufgrund der negativen Berichterstattung ihre Posten verlieren und schon wurde in seinem Sinne entschieden. Er war sich sicher, das Richtige zu tun. Für Ideologie war bei ihm kein Platz. 2032 stimmten alle im Bundestag vertretenen Parteien einer Änderung des Grundgesetzes zu. In der Folge wurden viele Sicherheitsgesetze beschlossen. Am selben Tag, als das Gesetz zur «Neureglung der verdachtsunabhängigen Netzsperren» verabschiedet wurde, trat Lauer auf der Frankfurter Buchmesse auf und stellte die Biographie Ursula von der Leyens vor. Man mochte und schätzte sich.

Dann folgten die Bundestagswahlen diesen Jahres. Sie endeten mit einem Erdrutschsieg der SPD und ihres neuen Juniorpartners, der wieder auferstandenen FDP. Eine sozial-liberale Koalition wurde ausgerufen. Die Piraten schafften gerade noch den erneuten Einzug in den Bundestag — allerdings verloren sie knapp 75% ihrer Wählerinnen und Wähler. Ein Desaster, wie es die Parteiengeschichte in Deutschland noch nie erlebt hatte. Noch am Wahlabend trat Lauer als Vorsitzender der Piratenpartei zurück. Jetzt stieg er aus seinem Dienstfahrzeug — um gleich von der Bundespräsidentin seine Entlassungsurkunde überreicht zu bekommen.

Was war nur schiefgelaufen?

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12 Antworten zu “Was war nur schiefgelaufen?”

  1. StormCraft sagt:

    Ich verstehe die Intention hinter diesem Text sehr wohl, er is mir in seiner radikalität aber schon wieder zu übertrieben. Ein bisschen weniger und man hätte diese Dystopie als schönen «Das könnte passieren wenn wir nicht genau hinschaun» Warnruf nehmen können, in diesem maße wie du das Bild allerdings überzeichnest wirkt es, jedenfalls für mich, so unrealistisch das ich es nicht mehr richtig ernst nehmen kann.

    Die Grundaussage ist aber dennnoch unterstützenswert, die Piratenbasis muss jetzt bei diesem und allen möglichen zukünftigen Erfolgen sehr genau hinschaun das wir uns und unserer Ziele und Prinzipien nicht auf dem Altar der Macht opfern oder von einzelen opfern lassen.

    MfG
    Storm

  2. Jochen Hoff sagt:

    Christian mir graut vor dir. Aber vermutlich stimmt dein Blick in die Kristallkugel. Leider. Aber was sonst? Was tun sprach Zeus?

  3. So’n Quatsch — der Herr Lauer wurde doch schon 2020 während einer innerpiratösen Palastrevolte vom Thron gestürzt und programmiert seither auf öder englischer Heide ebenso öde Algorithmen, wobei er dem Sturm lauthals seine Klage über die üblen Intriganten und Thronpiraten entgegenbrüllt.

  4. Gaston sagt:

    @ StormCraft
    > Ich verstehe die Intention hinter diesem Text sehr wohl,
    > er is mir in seiner radikalität aber schon wieder zu
    > übertrieben.

    Übertrieben?
    Hätte ein solcher Text in den 80er über die Grünen im WeltWeitenWeb gestanden, wäre die Reaktion wohl nicht andersa ausgefallen.
    Es ist ja nicht so, das die Basis nicht damals mit Aufgepasst hat. Nur diese Basis ist inzwischen Ausgetauscht worden, bzw. in die Belanglosigkeit verschoben worden.
    Ich selbst habe mehrere Jahre aktiv bei der ersten (und 2.) Fraktion der Grünen in Köln mitgearbeitet. Schon kurz nach der ersten Wahl kamen Sprüche wie «Sachzwänge», «das kann man den Bürgern nicht verständlich machen», «mir ist doch scheißegal ob Bäume gefällt werden oder nicht» oder «gut das wir uns der Stimme enthalten haben».

    Ich habe Trittin nicht vergessen, der meinte, das die Basis nun gefälligst nicht mehr gegen den Castor Demonstrieren darf.

    Ich wünsche den Piraten alles gute, aber nach meinen Erfahrungen fehlt mir der Glaube und ich fürchte, das der obige Text sogar noch eher harmlos ist.
    Ich lasse mich aber gerne positiv überraschen und ich denke Christian auch.

  5. Scribine sagt:

    Gut, und danke!
    Hatte es bereits aus dem Blick verloren — dieses «Mit-Parteien-Systemen-wird-Zukunft-nicht-sein-können»

    Dabei war es ja schon ziemlich massiv in mir — dieser Eindruck, dass es sich ändern muss. Überleben und Fortbestehen kann die Weltgemeinschaft nur, wenn «Althergebrachtes» sich einordnet.

    Ja, es sind noch etliche mentale Abenteuer nötig, um begreifen zu können, wie wir ihn gemeinsam ordnen können, — diesen Organismus «Mensch».

    Vorallem, dieses «Lernen» in der Gesamtheit des Lebenszykluses zu agieren. Wir müssen uns nicht herauslösen, wir müssen nur begreifen im Miteinander zu sein

  6. […] von F!XMBR einen fiktiven Artikel über die Entwicklung der Piraten gelesen. Unter dem Titel “Was war nur schiefgelaufen?” wird im Jahr 2033 der Erfolg und Fall der Piraten als Gedankengang durch den (fiktiven) […]

  7. hehe sagt:

    Ich hab auch den Eindruck, manche haben da berauscht vom Erfolg bischen zu tief ins Glas der dunklen Macht geguckt.

  8. tztz sagt:

    tja, wenn die welt so einfach wäre…würde man so etwas als warnung verstehen. leider wird 2022 die welt eine andere sein und europa keine demokratie mehr haben. die piratenpartei ist so schnell verschwunden wie sie gekommen ist weil 2011– 2013 die springer presse und all ihre ableger die partei als chaotentruppe entlarvt hat auch wenn sie das nie war und wurde. sie hatten dummerweise nur eingeschleuste versteckt operierende mitglieder übersehen, die die partei in ihren innerem kern zu streitereien und handlungslosigkeit angestiftet hatten. man hätte wohl auch unter anderem gabriele pauli nicht aufnehmen sollen. es war leider ein versuch die demokratie in deutschland zu retten..er kam zu spät. das land und seine bewohner waren schon längst verdummt und wählten weiter den metzger der sie schlussendlich auch schlachtete. so wurde europa wieder und immer noch ein kannibalen land…2030 ist es dann nuklear abgebrannt.

  9. Oelsen sagt:

    Als ob es bis 2030 noch irgendwelches Uran geben wird in Europa. Das werden unsere geldgierigen Industriemanager ganz brav nach Indien und China verscherbeln.

    Dort wird es in Universalbrütern zusammen mit Thorium in endlich inhärent sicheren Reaktoren wegverbrannt. Und hier hocken wir im Dunkeln, auf strahlendem Abfall. Die werden uns noch auslachen, dass sogar Homer neidisch wird!

  10. datengammelstelle sagt:

    Ich halte die Wahrscheinlichkeit, dass die PIRATEN und einige andere nichtmarktkonforme Kräfte 2033 noch existieren für äußerst optimistisch. — Wartet mal ab bis Spinger und Bertelsmann die Deutsche Teaparty richtig an den Start gebracht haben. Also eine Funsion aus F.D.P. und NPD. Entweder faktisch oder «inhaltlich» Dann regiert hier nur noch einzig und allein der Markt. Der Rechtsstaat wird obsolet sein. Menschen– und Bürgerrechte werden obsolet sein. Daran werden auch ein paar humanitär-gefühlsduselige PIRATEN nichts ändern. — Frau Merkel hier Text. «Das ist alternativlos!» Danke.

  11. Ali Baba sagt:

    So sehr das aus der Luft gegriffen klingen mag, so sehr stimmt leider auch das alte Sprichwort: „Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely.“

    Je weiter man in den «Sündenpfuhl» Politik vorstößt, desto schwieriger wird es, sich selbst treu zu bleiben. Ist man einmal ein kleines Rädchen im System, muss man sich einfach mitdrehen. Jede Möglichkeit sich querzulegen, wird am Anfang abgewürgt. Spielt man nicht mit, ist man schon so gut wie draussen. Früher oder später werden auch die Piraten einsehen müssen, dass die verkrusteten politischen Systeme und Ansichten, wie sie heute herrschen, nicht von Innen heraus geändert werden können…

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