Was war nur schiefgelaufen?

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Foto: F!XMBR

Ein Schneesturm legte große Gebiete in Deutschland lahm. Einen solchen Winter hatte es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Frank Schirrmacher stieg in Frankfurt in seinen Dienstwagen, er wurde in Hamburg bei Google Deutschland zur Unterzeichnung der neuen Verträge erwartet. Als sein Fahrer den Wagen auf die Autobahn lenkte, dachte Schirrmacher zurück, an die gute alte Zeit des Leistungsschutzrechtes. Die Politik hatte verstanden, damals 2013: Kurz vor ihrer Abwahl hatte die schwarz-gelbe Koalition unter lautem Beifall der rot-grünen Opposition das emotional diskutierte Leistungsschutzrecht verabschiedet. Die Zukunft des Journalismus schien gesichert.

Sie feierten es damals als Erfolg, als das Leistungsschutzrecht im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. Endlich konnten die FAZ, der Axel-Springer-Konzern, die SZ, der Spiegel, alle Kolleginnen und Kollegen Google für seinen Dienst Google News eine Rechnung stellen, Blogger, Facebook– und Google+-Nutzer wurde untersagt, weiter gegen das Urheberrecht zu verstoßen und mit der harten Arbeit deutscher Journalisten Aufmerksamkeit zu generieren und Geld zu verdienen. In einer privaten Unterredung mit der Chefredaktion hörte Frank Schirrmacher den Satz eines Kollegen, «wie bei Alice im Wunderland.».

Schirrmacher dachte mit einem süß-saurem Lächeln an den zweiten Frühling des Journalismus zurück. Die Rechtsabteilung der FAZ wurde ausgebaut. Sicher, am Anfang musste sich Frank Schirrmacher, gerade auf Twitter, für das rigorose Vorgehen gegen Blogger rechtfertigen, heute waren sie vorsichtiger, die Blogger, die Amateure hatten durchaus gelernt. Ein Kollege Schirrmachers hatte in einer Rückschau kürzlich vom «ersten digitalen Krieg 2014″ gesprochen. Auch Google und Facebook hatten verstanden: Bei einer Verlinkung wurde in den sozialen Netzwerken kein Snippet mehr eingebunden, nur noch der blanke Link. So schien es zumindest.

Das Leitungsschutzrecht wirkte, die meisten Blogger wurden vorsichtiger, wie Schirrmacher 2014 auf der Weihnachtsfeier der FAZ freudig verkündete, die FAZ lehnte es ab, von einer «inneren Sperre», gar einer «Zensur» zu sprechen. Recht war Recht und durfte nicht gebrochen werden. Auch das laute Geschrei, als vier große Blogs in einer gemeinsamen Erklärung ankündigten, ihre Publikationen aufgrund der unklaren Rechtslage zu schließen, ließen Politik und Medien nicht zurückrudern. Wen interessieren schon ein paar Tausend Leser, hier ging es um das große Ganze, um Millionen von Lesern, die von der FAZ und ihren Kollegen täglich mit Informationen versorgt wurden. Die Vierte Gewalt musste auch im digitalen Zeitalter ihrer großen Verantwortung gerecht werden, private Publizisten, die «Kommunisten des Internets», wie die Bild-Zeitung sie während dieser Kämpfe nannte, kannten diese Verantwortung nicht.

Bei Google News dauerte der Kampf länger. Google Deutschland ließ es auf mehrere Prozesse ankommen. Die Pressekammer Hamburg hatte in einem Eilverfahren gegen Google entschieden und den Internetgiganten zu einer Strafe in siebenstelliger Höhe verurteilt. Schirrmacher lächelte, es durfte niemand wissen, dass das neue Verlagsgebäude der FAZ durch Google teilfinanziert worden war. Letztinstanzlich entschied der Bundesgerichtshof gegen Google, eine Verfassungsklage gegen das Leistungsschutzrecht wurde daraufhin verworfen. «Ein Sommernachtsmärchen — Wir haben gewonnen!» titelten daraufhin am selben Tag die FAZ, die BILD, der Spiegel und 37 weitere Medien. Ein Traum war wahr geworden.

Die Medienhäuser und Verlage standen Anfang 2015 gegenüber Google im Zenit ihrer Macht. Schirrmacher dachte zurück an die ersten Verhandlungen, wie viel Google pro Snippet zukünftig an die Medien zahlen sollte. Man lag bei den Vorstellungen meilenweit auseinander. Als sich die Verhandlungen in einer Sackgasse befanden, kündigte Google an, seinen Dienst Google News in Deutschland zu schließen. Soweit wollte man es dann doch nicht kommen lassen, man gewährte Google eine Frist, auch ohne Übereinkunft Google News vorerst weiterzuführen.

Einen Tag nachdem die Verhandlungen endgültig gescheitert waren, wurde Google News in Deutschland geschlossen. In den Vorstandsetagen der FAZ wurde gefeiert, nur Frank Schirrmacher hatte ein ungutes Gefühl. Warum, das konnte er erst jetzt, ein Jahr später sagen: Google beließ es nicht bei der Schließung seines News-Dienstes. Wie schon vier Jahre zuvor in Belgien sah sich Google veranlasst, Zeitungen und Zeitschriften zusätzlich aus dem eigenen Suchindex zu entfernen. Das Leistungsschutzrecht und das Urteil des Bundesgerichtshofs ließen keine andere Deutung zu.

Frank Schirrmacher konnte sich noch gut an den Vormittag erinnern, als er in Frankfurt in die Redaktion kam. «Krieg, sie erklären uns den Krieg!», rief ihm ein Kollege zu. Die Folgen waren verheerend: Die Besucherzahlen brachen nicht nur online ein, auch die Verkäufe am Kiosk halbierten sich. Eine eilig in Auftrag gegebene Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der Leser über Google auf die Internetseiten kam und dass diese als Werbung für die Printausgabe dienten. Mit dem von den Medien forcierten und der Politik umgesetzten Leistungsschutzrecht hatte man sich selbst den Kopf abgeschlagen. «Suizid aus Angst vor dem Tod?» nannte Schirrmacher seine nächste Kolumne im Feuilleton der FAS.

Sie kamen in dichtem Schneegestöber in Hamburg an. Frank Schirrmacher dachte über die Kollegen nach, die in den letzten Monaten ihren Job verloren hatten. Kein Google, keine Besucher, keine verkauften Ausgaben, keine gebuchten Werbeplätze, Mitarbeiter verloren ihre sicher geglaubten Jobs. In einem privaten Krisengespräch hatten die FAZ, der Axel-Springer-Konzern und andere Verlage schließlich nach einer Lösung gesucht. Die Lösung war so banal wie einfach: Google ist und war immer ein Partner, der den eigenen Angeboten Besucher zuführte, Werbeeinnahmen erhöhte und Printverkäufe ankurbelte. Man hätte Google umarmen, nicht wegstoßen sollen.

Warum musste es erst zu diesem Desaster kommen? Frank Schirrmacher dachte darüber nach. Gerade er hätte es doch besser wissen müssen, war er doch bestens vernetzt und konnte auf Expertisen von Koryphäen wie Frank Rieger oder Constanze Kurz zählen. Vielleicht hatte er sich blenden lassen: Google als weitere Einnahmequelle war einfach zu verlockend. Und schließlich hatten alle anderen Medien auch pro Leistungsschutzrecht argumentiert und die Politik unter Druck gesetzt. Niemand hätte sich vorstellen können, dass Google auch ohne die großen Medienhäuser seinen Dienst fortsetzt.

Damit ist es nun vorbei, dachte Schirrmacher erleichtert. Gleich würden die Verträge unterzeichnet werden, die es Google wie vor dem Leistungsschutzrecht erlauben würde, wieder Snippets zu verwenden, ohne dafür bezahlen zu müssen und abgemahnt zu werden. Deutschland wurde mit den Verträge medienpolitisch wieder zurück ins Jahr 2012 versetzt. Schirrmacher spürte einen kleinen Stich in der Magengegend: Während in Deutschland die digitalen Kriege ausgefochten wurde, entstanden in den USA und anderen Ländern neue Angebote, die Nutzer und Anbieter zufrieden stellten, Google und Verlage, Wählerinnen und Wähler und die Politik. Von dieser Entwicklung, die in einer kleinen Garage eines Startups in Silicon Valley ihren Anfang nahm, hatte in Deutschland kaum jemand Notiz genommen: Alle Kraft wurde in den digitalen Kriegen 2014/15 verschwendet. Frank Schirrmacher schob sich seinen Schal ins Gesicht.

Was war nur schiefgelaufen?

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6 Antworten zu “Was war nur schiefgelaufen?”

  1. […] haben. F!XMBR zeigen die Auswirkungen eines möglichen Leistungsschutzrechts an einer wunderschöne Dystopie zur Zukunft Frank Schirrmachers. Ein kluger Mensch hat mal gesagt: “Beiß nicht in die Hand, die dich füttert.” In […]

  2. willi sagt:

    «Gier schlägt Hirn» –soll öfter vorkommen.
    Die Medienkonzerne brauchen wohl noch eine Zeit, bis sie begreifen, das der publizistische Geist, den die technischen Möglichkeiten des Internets ins Freie befördert hat, nicht in dieselbe zurückgeht.
    Die Zeit der absoluten Meinungsherrschaft der Medienkonzerne besteht nicht mehr und das neue Leistungsschutzrecht wird das Rad nicht zurückdrehen können und es geht natürlich um viel Geld, von dem man träumt –das aber wohl weniger von den Verlagen verdient werden wird als von schmierigen Abmahnanwälten, die sich schon mal die Hände reiben dürften.

  3. Niedermeyer sagt:

    Mir fehlt die Pointe:

    Am Ende des Krieges kapitulierten die Verleger und zahlten Google jährlich eine 8-stellige Summe für die Aufnahme in den Suchindex und Google News. Auch alle anderen Suchmaschinen und Aggregatoren bekamen erhebliche Beträge für ihre Leistungen von den Verlegern.

    Google hatte erkannt, dass die Verleger total abhängig geworden waren und nutzte das jetzt schamlos aus. Bei einem so bösartigen Gegner wie den Verlegern gilt «Don’t be evil» halt nicht

  4. Manuel sagt:

    Wow, beeindruckende und auch erschreckende Dystopie, die mich zum Denken angeregt hat, Respekt dafür!
    Die Diskrepanz zwischen Meinungsfreiheit + dem Recht auf Information auf der einen Seite und dem Urheberschutz auf der anderen Seite ist im digitalen Zeitalter wohl nur sehr schwer lösbar…

  5. Christina S. sagt:

    Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut. Es ist inzwischen eine undurchschaubare Gemengelage zwischen den von den Europäern so hoch geachtete Meinungsfreiheit und eine sich immer mehr zurückziehende Privatsphäre. Google ist nur das Instrument zu einem personalisierten Weltbürger;(

  6. Peter sagt:

    @Christian Sickendieck: In Deiner Dystopie fehlt noch, dass Google nicht mal mehr Links setzen dürfte, weil diese aus SEO-Gründen die komplette, gebührenpflichtige Überschrift im Wortlaut enthalten (oft «slug» genannt)

    @Niedermayer: Dein Nachsatz ist super. Nur zu verbessern dadurch, dass Frank Schirrmacher nicht nach Hamburg zu Kreuze kriechen muss, sondern nach Compiègne…

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