Warum Facebook del.icio.us kaufen muss

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Yahoo. Dead Man Walking. Ich denke, niemand der derzeitigen Web-2.0-Generation kann sich vorstellen, dass es Google einmal nicht mehr geben wird. Im Hause Googles wird man jedoch das schleichende Ende von Yahoo genau beobachten und analysieren. Dead Man Walking — Yahoo wird vielerorts nur noch als Schatten seiner selbst bezeichnet. Diese Woche wurde wieder einmal bekannt, dass mehrere Hundert Mitarbeiter ihre Kündigung unter dem Weihnachtsbaum vorfinden — zusätzlich wird Altavista, einer der Internetpioniere wohl geschlossen. Auch del.icio.us, so wurde gemutmaßt, sollte geschlossen worden. Nun heißt es, del.icio.us solle «nur» verkauft werden. Yahoo schiebt den schwarzen Peter der Presse zu — doch ist die Posse um del.icio.us nur ein weiteres Beispiel rund um die Unfähigkeit des ehemaligen Giganten. del.icio.us selbst, als eigenständiges Unternehmen, ist meiner Meinung nach nicht überlebensfähig. Deshalb kann es für einen Käufer nur darum gehen, mit del.icio.us sein Angebot an die Nutzer zu erweitern, einen zusätzlichen Service zu bieten, die Nutzer noch enger an das eigene Unternehmen zu binden. Hervorzuheben ist hier sicherlich Facebook, hier würden sich einige Vorteile ergeben.

Facebook ist die derzeit größte Erfolgsstory im Web 2.0. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wurde gerade vom Time Magazine zum Mann des Jahres gewählt — und das, obwohl Facebook schon einige Jahre auf dem Buckel hat, nicht als «The next big Thing» angesehen wird. Facebook ist «The big Thing» und wächst jährlich immer noch atemberaubend. Allein in Deutschland sollen mittlerweile über 10. Mio. Menschen auf Facebook registriert sein. In den USA verzeichnen Webseiten mittlerweile mehr Traffic von Besuchern, die über Facebook kommen, als über Google. Trotz der Größe und den entsprechenden Kosten, hat Facebook schon 2009 einen Gewinn von 700 Mio. Dollar verzeichnen können. Es ist zu erwarten, dass der Gewinn 2010 noch im einiges höher ausfallen wird. Finanziell wäre es für Facebook also kein Problem, del.icio.us zu übernehmen.

Links bedeuten im Web nicht nur Empfehlung, sie sind zugleich Wissen und auch eine harte Währung. Ohne Links kein Internet. Derzeit ist dies für den Facebook-Nutzer eher suboptimal organisiert. Er teilt einen Link mit seinen Kontakten, kann dann selbstverständlich seine Links ansehen, sind diese aber in einer Reihe chronologisch darstellt, ohne Möglichkeit, sie zu organisieren. del.icio.us würde hier eine große Lücke schließen. Der Nutzer würde nicht nur automatische seine Links, die er (früher) bei del.icio.us hinterlegt hat, abspeichern, sondern gleich mit seinen Kontakten teilen. Facebook kann so seinen Nutzern einen etablierten und gut organsierten Bookmarking-Service anbieten. Facebook könnte so noch mehr, als es sowieso schon der Fall ist, zur Startseite des Nutzers werden, man könnte dem Nutzer einen weiteren Reiter, del.icio.us anbieten, den dieser in seinen Einstellungen als Startseite setzt. Die klassischen Bookmarks im Browser hätten so weiter für die neue, junge Generation ausgedient. Facebook würde als die Möglichkeit bieten, seine Bookmarks an jedem Ort, online verwalten zu können. Das war sicherlich auch mit del.icio.us der Fall — doch kommt hier das «persönliche» Umfeld Facebooks hinzu. Facebook, vielleicht in Zusammenarbeit mit Microsoft Live, wird zur persönlichen Cloud des Nutzers.

Eine Übernahme von del.icio.us würde für Facebook große neue Möglichkeiten ergeben und den Nutzer weiter an die eigene Webseite, somit das Unternehmen binden. Ich bin sicher, nicht nur im Hause Facebook laufen solche Planspiele. Dem Vernehmen nach soll auch Kevin Rose von Digg.com nicht abgeneigt sein — und auch Google selbst wird sicherlich ähnliche Überlegungen anstellen. Wie dem auch sei: Yahoo hat es vermasselt. Aus einem ganz Großen ist eine «lame duck» geworden. Dead Man Walking. Nach Altavista und del.icio.us bleibt Yahoo als Aushängeschild praktisch nur noch flickr. Doch auch flickr at man in den Sand gesetzt — auch hier sieht die Zukunft eher düster aus. Links auf Twitter oder Facebook führen in der Regel nur noch zu TwitPic oder yFrog, lediglich ganze flickr-Streams, wie zum Beispiel den der Library of Congress, werden empfohlen.

Endlich kommt mal wieder Bewegung in den Web-2.0-Markt. Die Bieterschlacht ist eröffnet. Ob nun Google, Facebook oder Digg.com — der neue Inhaber von del.icio.us wird die Synergien besser zu nutzen wissen, als es Yahoo jemals getan hat. Wer del.icio.us übernimmt, ist den Konkurrenten einen großen Schritt voraus. Es wird spannend zu beobachten sein, wer das Rennen macht und wie del.icio.us dann in den Dienst integriert wird. Egal, wie das Rennen ausgehen wird, in einer Sache haben viele Kommentatoren der letzten Woche Recht: del.icio.us ist tot. Den Dienst wird es zukünftig nach und nach nur noch als integriertes Angebot zu einem vorhandenen Dienst geben. Es sei denn, Google macht es zum Beispiel wie bei YouTube. Wie dem auch sei: die Gerüchteküche wird nun wochenlang heiß laufen. Endlich ist mal wieder Etwas los, hier im Web 2.0.

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11 Antworten zu “Warum Facebook del.icio.us kaufen muss”

  1. Marc sagt:

    Ich glaube nicht, dass delicious ein passender Service für Facebook wäre. Der Großteil der Nutzer dürfte ja noch nicht einmal wissen, was eine URL ist. Und damit mit dem simplen Interface von delicious schon überfordert sein — von Tags gar nicht zu reden …

  2. tschill sagt:

    Als es darum ging, Häuserfassaden in das Internet zu stellen, war hier auf fixmbr das Ende der Privatsphäre ausgebrochen. Böser Konzern, der unschuldige Menschen ihrer Intimität beraubt. Einem Data-Mining-Konzern wie Facebook hingegen werden sogar noch Vorschläge unterbreitet, wie man mehr Daten für den Verkauf an die Werbeindustrie an sich reißen kann.
    Finde den Widerspruch.

    P.S.: Einen Kommentar hätte ich von euch auch zur Gesichtserkennungssoftware auf facebook erwartet. Die Verbindung zur gegenwärtigen Entwicklung von gesichtserkennenden Werbetafeln ist schließlich so schwer nicht herzustellen.

  3. Im Portfolio von FB würde sich das wohl schlecht machen, gemäß der Inhalte betrachtet ist das Klientel wohl eher Google zugehörig. Reines Bauchgefühl …

    @tschill

    >Finde den Widerspruch.

    Brain v1.0 …

    >Einen Kommentar hätte ich von euch auch zur Gesichtserkennungssoftware auf facebook erwartet.

    Ich auch, aber man kann nicht alles haben. Es gibt Dinge, denen kann man sich leichtens entziehen, wie beispielsweise Facebook, andere Dinge werden totalitär aufgepresst. Wie gesagt … Brain v1.0, dann findet sich auch die Antwort auf den vermeintlichen Widerspruch.

  4. @tschill: Ach wie süß. Erstmal glaube ich nicht, dass ein Unternehmen wie Facebook auf Empfehlungen eines kleinen Privatblogs angewiesen ist. Und bei allem Kampf für Datenschutz und Privatsphäre, lebe ich nicht in einer Schattenwelt. Ich weiß, was möglich ist, was getan wird und kann mir ungefähr denken, was die Zukunft bringt. Man muss auch sehen, dass «wir», die für Datenschutz und Privatsphäre eintreten, von 95% der Google– und Facebook-Nutzer ausgelacht werden. Für die zählt der Spaß, das Entertainment, der eigene Nutzen. #realitätsheck

    Und was die Gesichtserkennung angeht, habe ich das nur am Rande verfolgt, das ist hier mein Hobby, nicht mehr. Nach Google Goggles war das aber nur eine Frage der Zeit. Und bitte dann doch uns überlassen, was und worüber wir schreiben, wie gesagt, unser kleines Privatblog. Über Auftragsarbeiten kann man reden, nur sollten die dann entsprechend bezahlt werden.

  5. An Facebook hätte ich Deppp zuletzt als Käufer gedacht. Aber ja, die Argumente sind halbwegs valide. Nur:

    Ich finde allerdings es geht weniger um ‘Social Bookmarking 1.0′ als Funktionserweiterung von FB, sondern eher um billig zu erstehenden User Generated Content (aus dem Y! nie etwas gemacht hat).

    Im Ernst, es gibt ohne Ende kleinere & leistungsfähigere und damit auch billigere Lesezeichendienste als d.i.u. Abgesehen davon, dass die FB Entwickler über den Stand von d.i.u wahrscheinlich müde lächeln und das DB-Dingelchen in fünf Minuten nach/neu programmieren könnten.

    Der Punkt, der überzeugt, sind die von den Benutzern geschaffenen Datensätze aus URL, Titel, Notiz und Tags (Man sehe die Parallelen zu Flickr und Web Directory). Keine Ahnung warum die Penner bei Y! die Möglichkeiten nicht sehen. Letzteres ist das was mich eigentlich interessiert.

  6. Yoram sagt:

    @ Markus Merz

    »[…] Im Ernst, es gibt ohne Ende kleinere & leistungsfähigere und damit auch billigere Lesezeichendienste als d.i.u. […]«

    Da wäre ich dann aber schon Neugierig; einzige mögliche Alternative sehe ich momentan in Pinboard.in oder Diigu, da die anderen mir bekannten (z.B. Zootool oder Licorize ) noch nicht mal annähernd an die Benutzbarkeit (bzw. UI/UX) von Delicious herankommen. Als Beispiel sei das Tagging-System in der Verbindung zur URL («sprechende» URLs) genannt, aber auch das »Sharen« innerhalb des Delicious-Systems ist sehr funktional.

    Grundsätzlich würde ich, das zeigt mir die Nachricht des möglichen Endes von Delicious, ein System bevorzugen, was auf meinem (Shared-)Hoster-Webspace läuft und auch mit anderen Instanzen kommunizieren kann. Leider werden die OSS-Lösungen die ich bisher recherchiert habe aber nicht mehr ernsthaft weiterentwickelt (Scuttle, Bookmark4U, etc.).

    Delicious ist, bzw. war, der einzige »Web 2.0«-Dienst den ich ernsthaft seit Jahren fast täglich genutzt habe. Und so sehe ich die Nachricht vom Ende von Delicious als »Wake Up Call« mich so wenig wie möglich von Drittanbietern abhängig zu machen. Siehe »Der Knacks — delicious ist/war der letzte intelligenztest im web« aber auch »Zu Ende von Del.icio.us«.

  7. @Yoram Von den vielen z.Zt. auftauchenden Listen beispielhaft diese + die Hinweise in den Kommentaren: http://searchengineland.c.….ng-59058

    Ich persönlich bin begeistert von http://www.zotero.org/. Dort (http://www.zotero.org/sup.…./plugins) gibt es u.a. (sehe ich gerade) «Delicious Library Export — Export items from your Delicious Library to a Zotero RDF file» (Hmm, das ist eine Applescript bzw. XSL Lösung).

    Logischerweise darf man sich nie von nur einem Drittanbieter abhängig machen. Ich ziehe mir u.a. schon lange per cronjob den d.i.u Feed als Backup in eine MySQL DB.

  8. allo sagt:

    könnte del.icio.us nicht wie früher wieder einen schönen non-profit service bieten? Man fände doch bestimmt irgendeine gemeinnützige Stiftung die das finanziert …

  9. kaltschale sagt:

    @allo: leg’ los! Tolle Ideen haben wir alle, allein an der Umsetzung hapert es idR.

  10. Yoram sagt:

    @Markus Merz

    Zotero verfolgt einen komplett anderen Ansatz und ist (erstmal) nur für Firefox verfügbar; auch wenn Zotero Everywhere angekündigt ist. Die SearchEngine-Liste ist nur das: eine Liste. Ein ausführliches Vergleichen findet nicht statt, ausgenommen hier: Social bookmarking sites — Alternatives to Delicious (Google Document). Wobei bei diesem Dokument auch einige Unstimmigkeiten auftauchen und kein wirklicher Vergleich stattfindet.

    Ich bin jetzt seit 3 Tagen am intensiven testen und abarbeiten einer Tabelle mit bisher 17 Delicious Alternativen (steigend) und werde das bis Mittwoch/Donnerstag weiterführen und dann auch online verfügbar machen.

    Was sich bisher zeigt: Pinboard.in sehe ich momentan als einzigen echten Delicious Ersatz. Mal schauen was die Tage noch passiert … vielleicht wird ja Delicious schneller verkauft als gedacht.

  11. > «Marisol Perry sagt:»

    ??? Duplikat von http://www.fixmbr.de/waru.….nt-49822

    > Yoram: «Zotero verfolgt einen komplett anderen Ansatz»

    Z.T. richtig und auch wichtig, weil die alten Webdienste eine Überarbeitung brauchen können, aber mangels Engagement nicht bekommen.

    Auch wenn man es nicht auf den ersten Blick bemerkt: Zotero hat den Ansatz des sozialen Bookmarking revolutioniert + vereinfacht. Und nebenbei gleichzeitig die Kontrolle über die Datensätze an den User zurück gegeben.

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