Warum die deutsche Blogosphäre in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ernst genommen und belächelt wird

AffigBald ist es wieder soweit — die re:publica in Berlin öffnet zum zweiten Mal ihre Pforten. Und wer nach diesem wunderbaren 2007, ein Jahr, welches so viel offenbart hat, welches viele Masken hat fallen lassen, immer noch nicht weiß, warum Blogs in Deutschland ausgelacht werden und eher als blinkende Schülerhomepage auf Geocities angesehen werden, zumindest deren Qualität, der muss sich nur einmal das Programm zur re:publica anschauen. Wahnwitzig die Losung der diesjährigen re:publica Die Kritische Masse zu nennen, wäre noch sehr diplomatisch ausgedrückt. Es sind die selben langweiligen Nasen, die man schon auf unzähligen Videos gesehen hat, die jeden Kongress, jedes Barcamp dieses Landes bevölkern, die immer und immer wieder das gleiche erzählen. Nichts gegen die Damen und Herren persönlich, ich kenne da keinen privat — doch, ich bitte Euch, bisher hat sich da noch niemand als kritischer Zeitgeist hervorgetan. Gegenseitiges Linkgeficke, gegenseitiges In-den-Himmel-loben, gegenseitig die Leser zuschubsen — genau das ist die Basis, auf der die ach so kritische und tolle Blogosphäre aufgebaut wurde. Und genau über diesen Status ist die sogenannte Blogosphäre bisher nicht hinausgekommen.

Wenn man sich die 3 Tage und das zugehörige Programm anschaut, dann ist da nicht ein einziges Programm bei, welches wirklich die Losung Die kritische Masse verdient. Es geht ums Geld, es geht um Lizenzen, es geht um Social Networks, es geht um Qualität und um die Kaugummi-Debatte rund um das Verhältnis zwischen Blogger und Journalisten, wo man im letzten Fall dann so dämlich war, nur Journalisten aufs Podium zu holen (wobei eine weitere Person wohl noch angefragt ist). Kurzum: Nichts, aber auch gar nichts Neues — alles wurde schon zig tausend Male durchdiskutiert. Einfach mal die Blogsuche Eurer Wahl anschmeißen. Am einfachsten lässt sich diese Einschätzung belegen, wenn man sich nur die Debatte rund ums Geld anschaut, die den Zusatz reloaded trägt. Wo ist die Innovation, wo ist der Blick in die Zukunft, wo ist the next big thing, wo ist zu sehen, dass Blogs nicht die selbe trübe und müde Masse sind, wie der Journalismus, der ja so gerne kritisiert wird? Wo ist die Begeisterung für das eigene Hobby, wo ist das Andere, wo ist das Begeisternde?

Es ist schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Während die re:publica letztes Jahr ein Experiment war, etwas Neues war, ich drücke es mal so aus, selbst als Kritiker hat man da nach Berlin geschaut. Doch dieses Jahr ist die Veranstaltung ein müder Kaffeeklatsch von ein paar alten Recken, die sich so ein paar neue Links aufs Revers heften werden. Es mutet wie ein Veteranen-Treffen an. Weißt Du noch, damals — über wenige aktuelle Themen wird sich auf der altbekannten Weise vielleicht auch noch ausgetauscht. Das war es dann aber auch. Ich glaube, Veteranen-Treffen, ein paar müde alte Recken reden über die Vergangenheit und lassen sich feiern, trifft es ganz gut. Man hat das Gefühl, dass sich mittlerweile viele der Referenten nur noch auf den Kongressen und den Barcamps initiieren um über den eigenen, schnöden, kaum (noch) vorhandenen Content hinwegzutäuschen. Langweile pur.

Viele Kollegen werden mir nun (altbekannt) entgegen halten — darum geht es doch nicht. Es geht um das eigene Netzwerken, die Party, es geht darum, die Leute zu treffen, Spaß zu haben. Akzeptiert. Aber reicht es dann nicht, einfach eine Party zu organisieren und nicht eine Pseudo-Veranstaltung mit — diplomatisch ausgedrückt — mehr als schwachen, Vorträgen und Inhalten? Diskussionen werden bei den bisher bekannten Referenten sowieso nicht aufkommen — Stichwort: piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Die Kritik, die schon letztes Jahr von den Teilnehmern selbst ins Feld geführt wurde, noch nicht mal von dem Autor dieser Zeilen, dass eben aufgrund der so wunderbaren, tollen, schönen Gruschel-Stimmung keine Diskussionen aufkamen, sondern lediglich langweilige Monologe, die wird auch dieses Jahr wieder voll zutreffen. Dass man die Medien gleich mit eingekauft hat, zumindest Heise — geschenkt. Da wird es wieder Gefälligkeits-Artikel geben — ich empfehle da dann aber auch den Blick in die Kommentare, fernab des Trolltums rollt man dort — einfach gesagt — nur mit den Augen.

Wenn man sich diese langweilige und schwache Veranstaltung anschaut — da muss man sich doch nicht wirklich wundern, wenn Blogs in Deutschland ausgelacht werden. Wo ist das Innovative, wo ist das Verrückte, wo ist das Besondere? Ich wiederhole mich, aber es ist nicht existent. 2007 haben wir schon die Demaskierung vieler bekannter Blogger beobachten können. Mit dieser Veranstaltung, die in der öffentlichen Wahrnehmung als die Blogger da wahrgenommen werden wird, werden die deutschen Blogs auch weiterhin müde belächelt. Und das ist auch gut so. So habe zumindest ich ein wenig zu kitzeln und zu lachen. 😀

Ich vermute, die inner:soul wird auch dieses Jahr wieder notwendig werden… 😉

Foto: F!XMBR

9 Antworten zu “Warum die deutsche Blogosphäre in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ernst genommen und belächelt wird”

  1. Santi sagt:

    Ich will dich nicht ärgern und ich hab von der re:publica keine Ahnung. Aber wer, glaubst du, lacht in Deutschland über die Blogosphäre? Außer ein paar Journalisten, die sich aufregen, wenn auch mal über sie statt von ihnen geschrieben wird. Doch belächeln auch andere Dinge. Ich glaube, dass zumindest die Hälfte der deutschen Tageszeitungsleser nicht weiß, was man Blog nennt und ein weiteres Viertel sich noch nie mit einem auseinandergesetzt hat.

  2. goron sagt:

    die kritische masse: wie ich aus jedem scheiß noch ein paar cents mehr rausholen kann. mein mageninhalt kommt in wallung.

  3. Oliver sagt:

    @Santi, der Rest des Netzes. Das liegt aber auch in Blogs selbst begründet, da diese Redelsführer sich für eine Art Noblesse halten. Lobo, der Mann mit dem Hahnenkamm, dort z.B. faselt mal wieder von Geld verdienen mit Blogs — reloaded. Nächstes ja wirds wohl heißen Geld verdienen mit Blogs — immer noch nicht gepeilt? usw. Blogs allgemein, jedenfalls wenn sie sich in diesem oben angesprochenen Dunstkreis aufhalten, wollen sich vom Rest des Netzes abheben. Obwohl man letztendlich wie schon zuzählige zuvor, nur auf einer Homepage publiziert und das mittels eines «Spar-CMS». Die Partizipation, dieses sogenannte Mitmach-Web, beschränkt sich in der Regel auf Kommentare wie «bla gut», «bla scheiße», oder «hallo ich bin der SEO und ich hinterlasse jetzt meinen Link zusammen mit halbintelligentem SPAM». Was muß der normale Mensch da großartiges Erkennen? Ein Blog ist nur ein profanes technisches Mittel. Wir z.B. schreiben hier, das taten wir schon in diversen Foren zuvor und Jahre zuvor in den 90ern tat ich es auf einer Webseite. Rückmeldung kam damals gar häufig via Mail. Auf den ersten Blick haben Blogs nur einen Vorteil, sie sind übersichtlicher als Foren und besser erreichbar. Beides trifft jedoch auch auf Webseiten zu, kann man kein HTML, ist ein Blog natürlich einfacher zu handhaben. Der einzige Vorteil ist tatsächlich diese «soziale Komponente», sprich das Hinterlassen der digitalen Marke in Form von Verlinkungen.

    Man kann da natürlich wie obige Herren mit einem selbstgenerierten Code (aka Fachsimpeln), etwas neues vortäuschen, die Leute an der Nase herumführen. Man gaukelt damit ein Expertentum vor, um sich letztendlich abzuheben, eben die erwähnte Noblesse. Man hebt sich vom gemeinen Netznutzer ab und auch von Otto-Normal-Blogs. Denn wer prof. bloggt, verdient damit Geld und bedient sich dieses Codes. Auch die Presse bedient sich dieser Mittel und vermeint mittels derlei Dinge über den größtenteils Laienstatus in diversen Fachbereichen hinwegtäuschen zu können. Das man dort über jene lächelt stimmt auch nur zum Teil, denn jene dort oben sind in der Regel irgendwo direkt oder auch indirekt bei den alten Medien involviert. Insofern ist es nicht mehr als eine Posse für den bloggenden Mob.

  4. Phil sagt:

    Dieser Beitrag hat mir viel Arbeit erspart — nämlich genau darüber in gleicher Süffisanz abzulästern. Was vielleicht noch erwähnt werden sollte, ist die Politik der moderaten Eintrittspreise:

    40 Euro Minimum, wenn man brav Werbung auf seinem Blog schaltet, 60 Euro, wenn man lieber anonym in Berlin herumturnt oder gar 100 Euro, wenn man sich als Unternehmer die geballte Langeweile antun möchte.

    Ich streiche die Veranstaltung wieder aus meinem Kalender. Und geh das gesparte geld aufm Prenzl versaufen 😉

  5. […] 2008 A-Blogger…jaja…scheiss Ausdruck, aber mir fällt grad nix passenderes ein. Gelesen bei fixmbr über die kommende re:publica in Berlin. Wahnwitzig die Losung der diesjährigen re:publica Die […]

  6. Chris sagt:

    Als kleiner Hinweis, wie sehr man doch recht haben kann. Der Screenshot ist aus einem Forum mit knapp 600.000 Mitgliedern — normalerweise gibbet da im Newsbereich mindestens hohe zweistellige Antworte, vierstellig ist auch möglich…

  7. Oliver sagt:

    Oh ja _die_ Szene, auf jeden Fall ein guter Querschnitt durch die Netzbevölkerung 😀

  8. Prospero sagt:

    Ach herrjeh, Blogger versus Journalisten die X-te… Kann man machen, muss man aber nicht. Und die anderen Themen — nun jaaaaaa…
    Schreiben wir es so: Ich setze mich garantiert nicht für ein paar Stunden in den Zug und bezahle 40,- Euro um mich zu Tode zu langweilen.
    (Ich bin gespannt wie das Barcamp in Essen wird…)
    Ad Astra

  9. […] Thema re:publica hat FIXMBR schon was gesagt. Ich stimme da zu: Schon wieder Bloggen versus Journalismus. Also wirklich — das […]

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