Warum die deutsche Blogosphäre niemals aus ihrem jämmerlichen Zustand erwacht

Man hat sich ja schon an vieles gewöhnt, aber was zur Zeit abläuft, ist mal wieder die Krönung. Da wurde einer der Top-Blogger (aus dem adical-Netzwerk) abgemahnt, weil er eine Hamburger Kiez-Größe bei deren ehemaligen Spitznamen genannt hat. Der Spitzname ist ohne Frage ehrabschneidend und rassistisch und verletzt ohne Zweifel die Persönlichkeitsrechte des Angesprochenen. Der abgemahnte Herr jedoch versteht die Welt nicht mehr, redet er sich meiner Meinung nach mit ein paar lächerlichen Argumenten heraus.

Er bezieht sich darauf, dass auch andere ihn so nennen — ja, das ist doch mal eine einwandfreie Argumentation. Mein Nachbar, der hat gestern ne Bank überfallen, also darf ich das auch. Oder wie soll man diese Hinweise verstehen? Er verlinkt auf die Wikipedia — und das ist die Krönung — diese weist explizit darauf hin, dass der Herr sich aufgrund der rassistischen und diskriminierenden Konnotation des Spitznamens sich mittlerweile dagegen verwahrt [sic!]. Gehts noch, oder ist es völlig vorbei mit dem Lesen und Verstehen? Zu guter Letzt wird auf ein MySpace-Profil verwiesen — mit der Behauptung, es sei das *eigene* Profil des Herrn. Ich will ja nicht unken — aber ich könnte von jedem Blogger da draußen ein solches Profil bei MySpace anlegen. Wer würde schon behaupten, es wäre das eigene Profil des jeweiligen Bloggers? Es ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend eine falsche Tatsachenbehauptung — und der Witz ist, und da schließt sich der Kreis, dieser Blödsinn wird natürlich weitergetragen, von Blog zu Blog.

Die Robin Hoods des Internets stehen dem netten Herrn gleich zur Seite und tragen seine Argumentation, seine falsche Tatsachenbehauptung in die weite Welt hinaus. Wie bescheuert ist das — oder denke *ich* gerade in die falsche Richtung? Nein, der Mob scheint mal wieder losgelassen und es wird interessant zu beobachten sein, was diesmal dabei rauskommt. Ich habe mit dem Abgemahnten nichts zu tun, darum wird der Name hier auch nicht genannt — bitte auch nicht in den Kommentaren. Ich glaube nicht, dass er hier liest — sollte da jemand Kontakt haben, möge man ihn doch bitte wegen meiner Bedenken bzgl. der falschen Tatsachenbehauptung informieren. Ansonsten bitte ich daraum, dass man sich auf anderer Plattform über den Herrn ein Bild macht. oldman hat da einen Artikel verfasst, der einfach nur für sich spricht und sehr tief blicken lässt.

Dieser Fall ist mal wieder typisch für diverse Blogs — ohne nachzudenken wird der Mob in Stellung gebracht. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich mich früher gegen jegliche Form von Abmahnungen engagiert habe. Mittlerweile denke ich differenzierter: Seit ich mich in der deutschen Blogosphäre eingelesen habe, wird mir von Tag zu Tag mehr bewusst, wie notwendig manche Abmahnung wohl ist — ohne jetzt einen bestimmten Fall anzusprechen, allgemein gesprochen. Ich bin mittlerweile fast zu der Überzeugung gelangt, dass Abmahnungen — gerade im Internetrecht — notwendig sind. Diese Erkennstnis ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass ich weiterhin dafür einstehe, die Kosten zumindest zu deckeln — ich bin sogar dafür, die erste Abmahnung kostenfrei zu stellen. An diesem Punkt muss der Gesetzgeber endlich reagieren.

Die deutsche Blogosphäre zeigt mal wieder ihr wahres Gesicht — nein, ich nenne jetzt nicht die Ausnahme, sonst wirft man mir wieder vor, ich würde mich beim Don einschleimen. Da wird ein Blogger offensichtlich zurecht abgemahnt — und die Meute jammert das altbekannte Lied. Ein Lied, das in diesem Fall falscher nicht sein kann. Leute, startet ne Hilfsaktion, sammelt, hilft ihm mit Kohle aus dem adical-Fond — aber macht Euch nicht weiter so lächerlich. Wenn noch mal irgendjemand fragt, warum die deutsche Blogosphäre nicht ernst genommen wird, muss man beispielhaft nur auf diesen Fall verweisen.

32 Antworten zu “Warum die deutsche Blogosphäre niemals aus ihrem jämmerlichen Zustand erwacht”

  1. Naaah sagt:

    Das was der abgemahnte Blogger, den du erwähnst abzieht ist wirklich weder sinnvoll, noch konstruktiv, da stimme ich dir zu.

    Trotzdem müssen Abmahnungen wirklich nicht sein. In den allermeisten Fällen sollte doch eine kurze Mail, «Hey, ich mag diesen Spitznamen nicht», reichen.

    Vor allem die 10k Treffer bei den Suchmaschinen auf jenen Spitznamen lassen doch sehr tief blicken, was die Arbeit angeht, die der Anwalt da noch vor sich hat.

    Da kommen dann auch schnell mal falsche Behauptungen auf wie «Mal eben 900? verdient!».

  2. Falk sagt:

    Ich hab da vorhin mal ganz kurz nur die Kommentare überflogen. Mit Sätzen wie «Der braucht anscheinend Geld, der hat nämlich Konkurs angemeldet…» reitet sich Jeder nur noch tiefer rein. Auch wenn ich die Abmahnerei in den meisten Fällen für sinnfrei erachte, aber solche Aussagen sind es, die einem Jeden die Zornesröte ins Gesicht schiessen lassen, wenn wer öffentlich dies von ihm behaupten würde. Obs stimmt ist nämlich meist erstmal nicht beweisbar, besonders nicht, wenn solche Behauptungen von Dritten aufgestellt und (das imho Schlimmste) geduldet werden.

  3. Chris sagt:

    So schauts aus — denn er antwortet ja auf fast jeden einzelnen Beitrag, sprich für die Geschichten wird zusätzlich jedes Gericht positive Kenntnis bejahen…

  4. Dr.Thodt sagt:

    Macht man das jetzt an der Person fest oder an adical?
    Ich hab übrigens schonmal an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass man Menschen nicht unbedingt mit Titeln (oder Spitznamen) belegen muss, selbst wenn sogar ein Gericht es für Recht anerkannt hat.
    Ich kenn weder den betreffeden Blogger noch die vermeindlich geschädigte Person, aber nachdem was ich so gelesen hab, kommt es mir so vor, als wäre die Abmahnung reichlich albern.
    Das Du «so manche Abmahnung für notwendig» erachtest macht mich im übrigen ebenso traurig, wie die Tatsache, dass Du Dich in der Vergangenheit mehrfach einer Terminologie bedient hast, die mir von ganz anderer Seite bereits hinreichend bekannt ist.

  5. Chris sagt:

    Dein Telefon klingelt… 😀

    Yeees — miteinander kungeln… *fg*

  6. C.J. sagt:

    Wenn das Profil auf MySpace wirklich von dem Herren selber wäre, würde ich die Aufregung verstehen. Es hindert den Blogger doch niemand daran, dies vor Gericht auszufechten.
    Ansonsten bliebt es jedem selbst überlassen, ob man sich von 100 Leuten beleidigen lässt, aber Person 101 dies untersagt.
    Was ich ja viel viel schlimmer finde ist der Umstand, dass diese Person laut WiKi für die Versöhnung von Tick Trick und Track verantwortlich sein soll. DAS ist doch der eigentliche Skandal.

  7. Oliver sagt:

    Wie gut das mich _die_ «deutsche Blogosphäre» überhaupt gar nicht interessiert.

  8. Grainger sagt:

    Davon mal abgesehen, dass ein Spitzname einerseits (wenn von einem guten Freund benutzt) tolerabel sein kann, andererseits (wenn von einer wildfremden Person gebraucht) durchaus als beleidigend empfunden werden kann.

    Das ist doch wohl jedem von uns schon mal so gegangen, dass man sich im Freundeskreis Dinge gefallen läßt (oder gar als humorvoll empfindet), die wir ansonsten nicht einfach so hinnehmen würden.

    Ob man deswegen wirklich gleich abmahnen muss oder ob nicht erst mal eine eMail mit einem Hinweis auf die als ehrverletzend empfundene Äußerung gereicht hätte, sei mal dahingestellt.

    Ich persönlich mag es nicht so sehr, wenn wegen jeder Kleinigkeit gleich ein Anwalt eingeschaltet werden muss.

    Unabhängig davon würde mich mal interessieren, ob die im Spitznamen verwendete Bezeichnung schon mal von einem deutschen Gericht rechtskräftig als

    rassistisch, diskriminierend, abwertend und daher ansehensmindernd

    beurteilt wurde.

    Nicht weil ich die Verwendung dieser Bezeichnung grundsätzlich in Ordnung finde, mich interessiert vielmehr der formaljuristsische Hintergrund.

    Muss mal ein bißchen googlen gehen.

  9. Grainger sagt:

    Nachtrag:

    angeblich hat der Deutsche Presserat 1995 verfügt, dass das strittige Wort kein Schimpfwort sei.

    Einen direkten Link zu dieser Entscheidung habe ich nicht gefunden, nur zwei einigermaßen zuverlässige Quellen hierzu:

    Agatha Christie Krimi wird umbenannt

    Krimi-Titel wird zum Titel-Krimi

  10. Chris sagt:

    Wie gut das sowas nicht Leute von der Presse entscheiden — wäre ja noch schöner.

    Btw, die taz hat gegen den Herrn auch schon einen Prozess genau deswegen verloren

    Im Übrigen scheint sich das ganze zu einer Massenabmahnung zu entwickeln — mal schauen, was noch passiert…

  11. Grainger sagt:

    Natürlich haben derartige Entscheidungen des Deutschen Presserates keine Gesetzeskraft, im vorliegenden Falle würde ich als Abgemahnter aber immerhin versuchen mich blauäugig zu stellen und mich darauf zu berufen.

  12. Nefertari sagt:

    Tja, das kann man sehen wie man will. Allerdings solltest du dich vielleicht ein wenig zurückhalten mit der Moralapostelei, wenn ich mir frühere Artikel so ansehe.

    Fakt ist doch, das der betroffene Herr unter dem Spitznamen deutschlandweit bekannt geworden ist und es ihm jahrelang nichts ausgemacht hat. Man könnte ihn genauso als Künstlername bezeichnen wie Puff Daddy — und der hat seinen Namen auch nicht geändert, weil das in Deutschland ein Synonym für Zuhälter dastellen könnte…
    Was kommt als nächstes, gehen Tic Tac Toe vor Gericht, weil Sie im Internet nicht mehr so genannt werden wollen? Es könnte ja sein, das einem von X-Millionen Internetnutzern die Assoziation zu kleinen, süßen aber ziemlich durchgeknallten Entchen der Familie Disney einfällt…
    Ich wünsche dem Anwalt jedoch viel Spaß bei der Abmahnungswelle — wird wohl Jahre dauern.

  13. Brina sagt:

    Ich bin zwar kein Anwalt, aber wie wär’ es im Zweifel mit Artikel 5 des Grundgesetzes? Von einer Verletzung der persönlichen Ehre kann ja keine Rede sein, bei den vielen Verweisen auf diesen Namen…

  14. Falk sagt:

    Vielleicht ist eine etwaige Verletzung des Persönlichkeitsrechtes keineswegs durch Artikel 5 GG gedeckt. Und es macht einen Unterschied, ob darüber berichtet wird ala «Nannte sich früher» oder ob man wen mit einem Prädikat belegt ala «Du bist ein Arschloch».

    Und was früher vielleicht für mich okay war, muss es heute nicht mehr sein.

  15. Oliver sagt:

    Das GG alleine, sprich ohne Erläuterungen, ist quasi «Dreck» wert. Denn wäre es so einfach, würden sich einige wundern wie «freiheitlich» eine absolute Aussage sein kann ohne Raum für Details.

  16. Grainger sagt:

    Ich denke, man muss das im konkreten Fall tatsächlich relativieren, schließlich hat die betroffene Person sich selbst über viele Jahre hinweg öffentlich genau so genannt, der Spitzname war ja auch nicht gänzlich unbekannt oder unpopulär.

    Das schließt nun natürlich nicht aus, das er seine Meinung ändert und jetzt nicht mehr so genannt werden möchte, das ist auch sein gutes Recht.

    Aber es wäre nun eindeutig zuviel verlangt, das jede andere Person weltweit (von mir aus auch nur deutschlandweit) von dieser seiner Meinungsänderung zu wissen hat und die weitere Verwendung gleich einen abmahnungswürdigen Tatbestand darstellt.

    Nach wie vor bin ich der Meinung das eine vorherige Information an den Bloggbetreiber mit der Aufforderung, die Nennung des jetzt ungeliebten Spitznamens zu entfernen und künftig zu unterlassen der bessere Weg gewesen wäre.

    Hätte aber (im Gegensatz zur Abmahnung) natürlich keinen möglichen Gewinn versprochen.

  17. Chris sagt:

    Nach wie vor bin ich der Meinung das eine vorherige Information an den Bloggbetreiber mit der Aufforderung, die Nennung des jetzt ungeliebten Spitznamens zu entfernen und künftig zu unterlassen der bessere Weg gewesen wäre.

    Funktioniert nicht, habe ich selbst einmal durch. Es wurde dumm-dämlich diskutiert und ich wurde beinahe ausgelacht. Ich habs dann sein gelassen — und heute gibts bei jeder Gelegenheit für die Person nen netten Artikel. :)

    Man muss sich den Mob da jetzt nur einmal anschauen — was da jetzt mit offensichtlicher Kenntnis der Blogger in diversen Kommentaren abgeht, dagegen ist der Spitzname harmlos.

    Die 1. Abmahnung muss kostenfrei gestellt werden, zumindest eine Deckelung muss her — die knapp 900,- Euro sind natürlich unverschämt, das ist klar. Aber auch da verlieren nicht nur die Kommentatoren die Realität aus den Augen. Der Anwalt bekommt die Kohle, nicht der Geschädigte.

  18. Chris sagt:

    Nachtrag: Mir kommt da gerade noch eine Geschichte in den Sinn. Der Falk hatte mal eine Sicherheitslücke bei last.fm entdeckt. Wir haben beide drüber berichtet. last.fm hat uns gebeten, die Artikel zu löschen. Das haben wir getan, schlicht und ergreifend weil wir nett ohne Druck gefragt wurden.

    Was wurden wir deswegen von diversen Bloggern angegriffen. Zensur haben sie geschrien. Nene…

  19. Grainger sagt:

    Der Anwalt bekommt die Kohle, nicht der Geschädigte.

    Das ist mir schon klar, aber ich bin ein misstrauischer Mensch, der gerne schlechtes von seinen Mitmenschen denkt. 😉

    Und vielleicht gibt es ja Anwälte und Mandanten, die bei Abmahnungen fiftyfifty machen.

    Nicht das ich das irgend jemandem unterstellen würde, das ist natürlich nur eine rein hypothetische Gedankenspielerei von mir ohne jeglichen Bezug zur Realität.

  20. Chris sagt:

    Dafür gibt es überhaupt keinen Anhaltspunkt.

  21. Falk sagt:

    Mir persönlich würden die Kommentare da auch extrem Kopfschmerzen bereiten. Weniger noch, als die unsäglichen Gebühren bei einem willkürlich festgelegten Streitwert. Soweit geht wahrscheinlich jeder konform, dass die Kosten für eine erstmalige Abmahnung gedeckelt werden sollten. Allerdings trenn ich da auch schon wieder zwischen «privat» und «geschäftlich». Und da wirds wohl auch zukünftig noch böse Dinge zu lesen geben. Im Zweifel geschäftlich ins Netz zu schreiben, um sich dann bei Problemen auf da Prädikat «privat» zu berufen, funktioniert dann halt auch nicht. Und im geschäftlichen Bereich hast du verdammt nochmal ne Menge mehr an Prüfpflichten, wenn du etwas veröffentlichst. Istnunmalso…

  22. Chris sagt:

    So schauts aus. Ich hab auch schallend losgelacht, als es da geheißen hat, der Abgemahnte wäre doch Privatperson. Das ist er eben nicht, wie seine Kollegen. So sehe ich das zumindest.

  23. Martina sagt:

    @Chris: Und genau dieser «Widerspruch» könnte der Grund für diese Aktion sein. Wahrscheinlich bewahrheitet sich jetzt mein Hinweis mit «werblichen» Seiten und so.

  24. Chris sagt:

    Ich glaube nicht. Da wurde eine Suchmaschine angeworfen und die Leute angeschrieben, egal ob privat oder gewerblich.

  25. soeren onez sagt:

    Wobei es eine spannende Diskussion sein könnte, ab wann ein Blog Werblich ist. Ich weiß ja wirklich nicht, was die so verdienen, aber das es zur steuerpflichtigen Grenze reicht, wage ich bei den meisten wohl zu bezweifeln. Es gibt einfach keine Urteile zu diesem Thema bzw. einige widersprüchliche. Es wäre sicher schöm, wenn der Gesetzgeber da eindeutiger würde und auch bei Abmahnungen eine klare Grenze ziehen würde.
    Ich denke zwar nicht, dass man unbedingt solche Spitznamen benutzen muss, vor allem wenn man derart im Rampenlicht steht, wie der hier Abgemahnte, aber ich verstehe schon seinen Unmut. Man weiß einfach nicht bescheid. Man kann wegen jedem Mist abgemahnt werden und ob man jetzt mit den paar Adsensebrocken gewerblich ist oder nicht, weiß ‚man auch nicht.
    Ich will hier nichts schönreden, aber bei klarerer Gesetzeslage, könnte man sich wenigstens entscheiden, auf wie man bloggen will, gewerblich oder privat. Momentan heißt es ganz oder gar nicht und schwarz-weiß-Welten waren noch nie förderlich.
    Wenn ich normale Nebenjobs habe, dann weiß ich auch wieviel ich verdienen darf und ab wann es schwarz wird, ich kann mir die Regeln und Gesetze von meinem Anwalt erklären lassen. Fragt doch mal zum Thema Internetrecht eure Anwälte, jeder wird etwas anderes erzählen, das muss geändert werden, unabhängig von diesem Fall.
    Ui, so viel wollte ich off-topic eigentlich gar nicht schreiben. Abmahnungen haben immer etwas absurdes, auf beiden Seiten ist oft eine rechtlich begründete Menschenmissschätzung zu beobachten, die mir ein wenig Angst macht. Kann es sein, dass «Anwalt» mitlerweile eines der meistgenutzen Wörter ist?

  26. Falk sagt:

    Wobei es eine spannende Diskussion sein könnte, ab wann ein Blog Werblich ist.

    Meiner Meinung nach klar geregelt — sobald eine Gewinnerzielungsbsicht vorliegt, es sich nicht um private Vermögensverwaltung handelt (Flohmarkt, Ebay mit eigenen Haushaltsgegenständen) und es kein Hobbie ist (Hobbie = regelmäßig mehr Ausgaben als Einnahmen).

    Als Gewerbe zählt jede Art von Tätigkeit, die auf selbständiger Basis zur Erzielung von Einkünften ausgeübt wird.

    Wer also Artikel schreibt und diese beispielsweise unregelmäßig gegen Honorar an eine Zeitschrift verkaufen kann, dürfte da noch als Hobbieautor gelten. Wer regelmäßig Werbung schaltet oder bezahlte Einträge abliefert, dürfte ein Gewerbe anmelden müssen. Und schon ist es gewerblich.

  27. soeren onez sagt:

    Aber sobald du von Einnahmen in Beziehung zu Ausgaben angelangt bist, kann dir jeder vernünftige Steuerberater alles auf Null oder Minus rausrechnen. PC, Internetanschluss, Strom, was weiß ich. Also nur die Hostingkosten zum Werbeeinkommen zu stellen finde ich auch etwas einfach. Ich fände es ja in Ordnung, wenn es so wäre, aber nur wenn es eindeutig so geregelt ist.
    Ich denke, jeder Blogger sollte sich moralisch mit der Sache auseinandersetzen , da gibt es schon genug Probleme, aber rechtlich sollte das eindeutiger geregelt sein. Schau dich doch mal um zu diesem Thema, vielleicht hast du da Ahnung von, aber ich lese überall etwas anderes, bekomme von allen Anwälten, die ich kenne andere Antworten. So eindeutig kann es also doch nicht sein.

    Es ist nämlich ein anderes Problem, ob ich einen Rant gegen Firma XY schreibe und dann in dem Artikel Werbung für diese Firma erscheint, weil Adsense eben nicht sonderlich klug ist, oder ob ich gewerblich behandelt werde und dementsprechend die juristischen Keulen zu spören bekomme. Im ersten Fall muss ich mir moralisch Gedanken machen, ob ich das verantworten kann, ob ich Werbung und Inhalt klar genug getrennt habe um es akzeptieren zu können, oder nicht. Im zweiten Fall hat das mit Moral nichts zu tun, kann mir aber erheblichere Probleme einbringen.
    Diese zwei Ebenen zu unterscheiden scheint mir ungemein wichtig und Chris und Oliver gelingt das ja gut.

    Moralisch kann man eine Meinung haben, rechtlich zwar auch, aber das wirkt sich meist recht schnell recht böse aus. Moralisch kann ich mich immunisieren, rechtlich nicht. Deshalb sollten wir nicht nur über die Moral der Geschichte in diesem Artikel sprechen, sondern eben auch über die rechtliche Seite, auch wenn das schon tausendmal durchgekaut wurde, auch hier. Ich bin aber rechtlich immer noch so unbeholfen und unwissend, welchen Status mein Weblog denn jetzt hat, wie zu Anfang meiner Blogzeit. Es muss ja nicht hier sein, aber wenn du da mehr weißt und gesicherte Quellen hast, klär mich bitte auf, für mich stellt sich das jedenfalls nicht so eindeutig dar.

  28. Oliver sagt:

    >Wer also Artikel schreibt und diese beispielsweise unregelmäßig gegen Honorar an eine Zeitschrift verkaufen kann, dürfte da noch als Hobbieautor gelten.

    Nein eben nicht, veröffentliche ich z.B. gelegentlich in Fachblättern werde ich auch schon als Autor geführt, selbst in der Studentenzeit ist das möglich. Die Quantität kann ausschlaggebend sein, ist jedoch nicht die Voraussetzung.

    Darüber hinaus ist gar schnell der Schritt zur «prof. Presse» getätigt, wenn man mit z.B. Berichterstattung das Gros seiner monatlichen Einkünfte bestreitet. Grundvoraussetzung für den Presseausweis, geht auch schneller als man denkt.

    Last not least ist man also schnell mit im Spiel und dann können selbst minimale Einkünfte im Adsense Bereich nachteilig wirken. Es kommt eben auf den Kontext an, wie und wo diverse Umstände zusammentreffen. Den Trigger, ab so und soviel Euro oder ich schreibe jetzt 20 große Texte pro Monat für eine Zeitung, gibt es nicht wirklich.

  29. Falk sagt:

    Den Trigger bestimmt im Zweifel das Finanzamt. Die geben durchaus gern Auskunft, ob und in welchem Umfang meine Einkünfte schon als Gewerbe anzusehen sind. Außerdem spricht ja auch nichts gegen, ein Gewerbe anzumelden, sobald man mit seinem Tun Geld verdienen möchte. In der jährlichen Steuererklärung müssen die Einkünfte so oder so angegeben sein. Und ein nicht angemeldetes Gewerbe ist eine Ordnungswidrigkeit und wird entsprechend geahndet.

  30. Chris sagt:

    Das Finanzamt und irgendwelche Grenzen oder eine Regelmäßigkeit sind völlig unerheblich. Sobald eine Gericht Gewinnerzielungsabsicht sagen kann — und da reicht ein Euro — den will man schließlich vermehren, ist es gewerblich. Falk, Du hast doch auch gerade das Offenburger Urteil gelesen — völlig anderes Thema, ist mir klar, aber auch dort wurde explizit die (dort nicht vorhandene) Gewinnerzielungsabsicht ins Spiel gebracht.

    Sobald auch nur der berühmte eine Euro verdient wird, ist das Weblog keine Privatveranstaltung mehr. Da gibt es keine Grenze, regelmäßig, unregelmäßig.

  31. Oliver sagt:

    >Das Finanzamt und irgendwelche Grenzen oder eine Regelmäßigkeit sind völlig unerheblich. Sobald eine Gericht Gewinnerzielungsabsicht sagen kann — und da reicht ein Euro

    Eben genau das ist der Punkt und dann werden allen Dinge die man selbst vielleicht noch wohlwollend als Hobby tituliert als Argument herbeigezogen.

  32. Falk sagt:

    Wohlwollen als Hobbie titulieren und eins haben, sind für mich zwei unterschiedliche Dinge. Und vor Gericht sieht eben alles nochmal ganz Anders aus, als sich das gemeinhin vorgestellt wird. Oder ums mal praktisch zu machen: Mein Radio seh ich als Hobbie — dort ist *klar* erkennbar, dass keine Absicht vorliegt, damit Geld verdienen zu wollen. Meine private Webseite *kann* im Zweifel schon als kommerziell ausgelegt werden, da ich dort *auch* auf geschäftliche Aktivitäten hinweise. Ich selbst seh dies aber noch als Privatveranstaltung, da ich dort direkt keinen Cend einnehme. Alle anderen Projekte von mir sind kommerziell. Da gibts nichts zu rütteln.

    Ich denke auch, da gehört eben auch eigene Verantwortung dazu, dass eben «Geld verdienen wollen» nichts Privates ist und entsprechend an unterschiedlicher Stelle eben auch gewertet wird.

    Ganz konform geh ich da allerdings nicht mit Euch, jeden eingenommenen Euro als Kommerz anzusehen. Und dies tun auch die Gerichte nicht, wobei es wohl immer auf den Kontext ankommt, in dem Dinge wie Perönlichkeits– oder Urheberrechtsverletzungen geschehen. Einzelfallabwägung eben…

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