Warum app.net gescheitert ist

appnet_screen

Als vor einigen Monaten der Twitter-Konkurrent app.net startete, jubelte der elitäre Internet-Zirkel. app.net war kostenpflichtig, der gemeine Pöbel sollte der Zugang verwehrt werden. In einer Zeit, in der Twitter immer mehr die Nutzer verärgert, die Pforten schließt, war die Freude groß, die Alternative wurde bejubelt.

app.net wurde aus mehreren Gründen kostenpflichtig gemacht: Die Macher versprachen einen werbefreien Dienst, die Daten der Nutzer sollen nicht verkauft werden, das Elitäre wurde bereits während der Gründung vorangetrieben, nur auf app.net gäbe es zukünftig hochwertige Inhalte, keine belanglosen Posts. Zuletzt sollte die API ohne Einschränkungen, Twitter schränkt die eigene API immer mehr ein, nutzbar sein, jedoch sollten Anbieter von Drittanbieter-Apps ebenso einen erhöhten Obolus zahlen.

Das Konzept ist gescheitert: Am Montag ruderte app.net nun zurück und stellte sein neues Freemium-Modell vor: Bereits zahlungswillige Nutzer können nun andere User einladen, diese können den Dienst mit folgenden Einschränkungen ohne zu bezahlen nutzen:

- Free tier accounts can follow a maximum of 40 users
- Free tier accounts have 500 MB of available file storage
- Free tier accounts can upload a file with a maximum size of 10 MB

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass der bisherige Weg ein Irrweg war. Wenn man ganz einfach zwei Generationen von Internetnutzern gegenüber stellt, dann stehen auf der einen Seite die, die das Internet gänzlich frei halten wollen, dazu gehört auch die Ablehnung der Kommerzialisierung des Internets. Diese Nutzerschaft nutzt im Regelfall auch Adblocker.

Auf der anderen Seite stehen die Personen, die keinerlei Probleme damit haben, dass im Internet Geld verdient werden soll, sie selbst möchten daran teilhaben und haben keinerlei Probleme mit Werbung, Datenschutz interessiert sie dabei auch nur am Rande.

Warum sollten also die Leute, die keinerlei Probleme mit Werbung auf Twitter haben, zu app.net wechseln? Zumal der Impact bei Twitter selbstverständlich weitaus höher ist.

app.net hat versucht, diesen gordischen Knoten zu lösen: Aus beiden Gruppen das vermeintlich Beste für das eigene Geschäftsmodell herauszuziehen:, Die Zahlungsbereitschaft der Elite versuchte man mit dem Wunsch einer werbefreien Plattform zu verbinden. Damit ist man nicht ohne Grund gescheitert.

Selbstverständlich registrierten sich und zahlten Teile der selbsternannten Elite um sich vermeintlich ungestört unterhalten zu können. Klar ist natürlich auch, dass man mit wenigen Usern niemals die Anzahl von Nutzern erreicht, mit der man ein Unternehmen finanzieren kann. Das Geschäftsmodell von app.net war von Anfang ein ein Ding der Unmöglichkeit.

Das neue Freemium-Modell wird im Übrigen auch scheitern. Das Internet, die sozialen Medien, leben von Kommunikation. Wenn einem Freemium-User nur 40 Follower zugestanden werden, dann kann kaum Interaktion, Kommunikation entstehen, man lernt keine neuen Leute kennen, man kann ohne Probleme innerhalb von 2 Minuten die Timeline des ganzen Tages nachlesen.

Bei app.net hofft man offensichtlich, dass nun die Freemium-User die Kreditkarte zucken. Ein Trugschluss, schließlich läuft im Fenster nebenan Twitter, dort interagiert man, unterhält man sich — und man schließt ganz schnell wieder das app.net-Fenster, in dem gähnende Langeweile herrscht. Von weiteren offenen Fenstern, wie Facebook, Google+ ganz zu schweigen.

Die Idee zu app.net war und ist sicherlich redlich, sie scheitert aber an der Realität. Vielleicht hätte man eine andere Variante wählen sollen: Per Kickstarter das Projekt vorstellen und dann unter transparenter Auflistung der Kosten um das Jahresbudget bitten sollen. Reicht die eigenommene Summe für 10 Monate, gibt es halt 10 Monate später die nächste Kickstarter-Aktion. Reicht sie 15 Monate, eben 15 Monate später. Es gibt große Internetforen, die funktionieren in dieser Art: Einmal im Jahr gibt es eine Spendenaktion — ist das Budget aufgebraucht, folgt die nächste.

Das Netz hat selten eine Zweiklassengesellschaft honoriert, elitäre Zirkel werden meist belächelt, Ausnahmen wie zum Beispiel Xing betreffen eher den Beruf, als das private Vergnügen. Und genau an diesem Punkt war app.net von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Eigentlich ist es schade — der Gedanke hinter app.net ist redlich. Leider hat man aber den Grundgedanken des Internets vergessen. Das Freemium-Modell beweist dies, der neue Weg zeigt aber auch, dass man in der Chefetage von app.net nicht verstanden hat.

app.net wird einen langsamen Tod sterben.
app.net ist auch nur der große Bruder von Identi.ca.

, , , , ,

3 Antworten zu “Warum app.net gescheitert ist”

  1. Anonymous sagt:

    Erinnert mich ja auch irgendwie ein bisschen an Pownce.

  2. […] Sinn. #Fussball, #Tatort, #SdR – das, was auf Twitter am Wochenende Trending Topic ist, hat im elitären Internet-Zirkel nichts verloren. Und das ist eigentlich auch gut so, deshalb hoffe ich, dass der Verfasser des […]

  3. oberflaechenspannung sagt:

    Ich habe mir ja auch einen Freemium Account bei App.net zugelegt und die Limitierung war schnell so störend, daß ich mir dachte — «36 Dollar das Jahr — kann man ja mal machen» Klick, Klick… Staunen!

    App.net akzeptiert nur die Zahlung per Kreditkarte. Kein Paypal, kein Garnix!

    Kreditkarte habe ich nicht, möchte auch keine, brauche sie auch nirgendwo. Apple, Amazon etc — geht alles ohne!

    Hallo! Internet! 2012!

    So wird das nix…


RSS-Feed abonnieren