War was? Warum der Fall Zumwinkel Normalität ist

Klaus ZumwinkelHilflos unsere Damen und Herren Politiker zu nennen, wäre in diesen Tagen noch harmlos ausgedrückt. Der Fall Zumwinkel zeigt mal wieder in aller Offenheit, zu was die Politik in diesem Land fähig ist — zu nichts und wieder nichts. Die Kanzlerin wünscht sich, dass Zumwinkel doch bitte vor die Presse tritt und Stellung zu den Vorwürfen nimmt — da kann mal schon mal die Fragen stellen: Mit welchem Recht? Mit welchem Recht fordert die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland eine öffentliche Stellungnahme von einem Verdächtigen in einem Steuerverfahren? Wie war das noch bei der CDU, den schwarzen Kassen, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Roland Koch, Franz Josef Jung, Manfred Kanther und die brutalstmögliche Verschleierung? Bis heute ist auch der Fall unter den Teppich gekehrt worden. Und mit welchem Recht fordert eine Bundeskanzlerin, dass Menschen vor der Presse, vor der Bevölkerung eine Erklärung abgeben müssen, wenn sie in einem Verfahren verdächtigt werden? Man hat ja nichts zu verbergen — und wer schweigt verbirgt dann doch etwas. Oder wie muss ich diese völlig inakzeptable Forderung interpretieren? Die Eliten in der Bundesrepublik Deutschland sind völlig durchgeknallt.

Da jammern die Wertpapierhändler, die Managervertreter der Union und wie sie alle heißen, dass der Fall Zumwinkel ja auch nur ein Einzelfall sei und dass das Vertrauen in die Managerelite weiter zerstört werden würde. Leider wird dabei eines vergessen: Es ist kein Einzelfall, es ist die Regel — nur die wenigsten werden erwischt. Und genau da liegt das Problem — jeder Fall, der (durch Zufall) ans Tageslicht kam, zeigte, dass die Politik entweder involviert war oder zumindest ihre Kontrollfunktion nicht ausgeübt hat. Wie soll auch der kleine Politiker XY den großen Manager Z überwachen, kontrollieren, gegebenenfalls in die Schranken weisen, wenn dieser seine Wahlkämpfe finanziert und ein weiches Bett nach seiner Amtszeit eben dort auf ihn wartet. Hervorragend lässt sich das bei rund einem Drittel der ehemaligen Rot-Grünen Regierung nachvollziehen. Während von der Mittel– und insbesondere der Unterschicht in diesem Land seit Jahrzehnten ein Opfer nach dem anderen verlangt wird, bedienen sich Politik und die sogenannte Führungselite ungehemmt am Honigtopf. Menschen werden seit Jahrzehnten in unserem Land zu Human Capital degradiert — für die Geldbörse, den Wohlstand weniger.

Der Aufschrei, der folgt, wenn ein Fall der sogenannten Elite ans Tageslicht kommt, kann heuchlerischer nicht sein. Das zeigt sich allein an der nicht wirklich rechtsstaatlichen Forderung der Kanzlerin vom heutigen Tage. Die wirklich Mächtigen dieses Landes ziehen sich an Tagen wie diesen dann zurück und halten schlicht und ergreifend den Mund — wenn man Glück hat, hat man noch eine Studie in der Hinterhand, dass den Sozialschmarotzern, den Hartz IV-Empfängern noch zu viel Geld ausgezahlt wird, so kann ein wenig abgelenkt werden — und wenn man ganz viel Glück hat, kommt eine durchgeknallte DKP-Politikerin daher, die bei dem Gedanken an Mauertote und Stasi einen feuchten Schlüpper bekommt. Aber ansonsten ist aus diesen Kreisen nichts zu hören. Die Bertelsmann-Stiftung, die INSM und wie sie alle heißen — Augen zu und durch heißt es, um dann nächste Woche per Stürmer Springer’schen rechten Hetzblatt BILD die Jagd auf die Schwachen dieser Gesellschaft fortzuführen.

Die Medien indes spielen ebenso ihr Spiel weiter. Hat sich vielleicht mal ein Mensch Gedanken darum gemacht, wie es sein kann, dass Polizei und Medien gleichzeitig am Haus von Klaus Zumwinkel vorfuhren, dass die Medien offensichtlich viel früher Kenntnis von der Sachlage hatten wie Verdächtiger und seine Verteidigung? Natürlich passt der Fall Zumwinkel und der Rattenschwanz, der jetzt angeblich folgen soll, perfekt in mein Urteil über diese Gesellschaft und seine Führungselite.  Doch wenn selbst ich den Gedanken, was für eine Inszenierung, habe, wenn ich an die Bilder von gestern denke — wo ist da dann der Auftrag der Medien, wo nehmen die noch ihren Job wahr? Und wenn unsere sogenannten unabhängigen Medien sich nun echauffieren, der Fall Zumwinkel sei ein Angriff aufs System, dann muss man schon fragen, wo denn die Rolle der Medien in den letzten Jahrzehnten zu suchen ist? Dieses kranke System, so wie es von wenigen eingerichtet wurde, wurde auch gefordert, beschützt von denselben Medien, die heute aufschreiben, was ist denn hier los. Das sind die gleichen Medien, die im nächsten Artikel die — diplomatisch ausgedrückt — feudalistische Propaganda der Krake Bertelsmann und der INSM vertreiben. Es sind die gleichen sogenannten Journalisten, die nächste Woche gegen den Mindestlohn zu Felde ziehen, die wieder Einzelfälle unter Hartz IV-Empfängern auf die Titelseite bringen. Unser Journalismus, und das zeigt sich besonders im Fall Zumwinkel — früher hätte der SPIEGEL mit eigenen Recherchen diesen Fall ans Tageslicht gebracht, heute ist es ein anonymer Hinweis an den BND — ist nur noch PR-Außenstelle der Politik und der Führungseliten. Kritischer Journalismus, unabhängiger Journalismus ist ein Traum aus dem vergangenen Jahrhundert, aber schon lange nicht mehr Realität in diesem Land. Der Journalismus ist im Jahr 2008 in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr existent.

Was bleibt? Die Wogen werden sich wieder glätten. Sollten die Vorwürfe gegenüber Klaus Zumwinkel stimmen, wird es mit Sicherheit kein Aufsehen erregendes Gerichtsverfahren geben — man wird sich mit Sicherheit zu einigen wissen. Schließlich hat dieser vorbildliche deutsche Staatsbürger alle Ehrungen erhalten, jeden Orden verliehen bekommen, die diesen Land überhaupt in der Schublade hat. Die Fernsehsender haben Stoff für die eine oder andere Talkshow, den Anfang machte gestern Abend die gute Frau Illner im ZDF, die durch ihre private Verbindung zu Telekom-Chef Obermann auch völlig frei jeglichen Verdachtes einer unabhängigen Berichterstattung und Gesprächsführung ist, der deutsche Stammtisch hetzt mal ausnahmsweise nicht gegen die türkischen und schwarzen Kollegen — doch in spätestens zwei Wochen wird das alles auch schon wieder vergessen sein. Business as usual, Normalität in der Bundesrepublik Deutschland 2008. Dieses Land wird sich nicht ändern, das hat die wirkliche Elite dieses Landes schon verstanden — zu denen gehören die 150.000 Menschen, die wirklich etwas zu leisten im Stande sind, im Ausland mit Handkuss genommen werden und letztes Jahr eben genau diesen Schritt gegangen sind und die Bundesrepublik Deutschland hinter sich gelassen haben. Dieses Land wird weiter so vorgehen, wie gehabt — die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen werden erfolgreich gegeneinander aufgehetzt, gegen die Schwachen wird gehetzt — und auch wenn es im Bauch des einen oder anderen Mitbürgers grummelt, das Wirken der Politik und der Führungselite ist egal — am Samstag ist wieder Fußball, in einem Monat fährt die Formel 1 wieder im Kreis. War was?

Foto: Deutsche Post AG

9 Antworten zu “War was? Warum der Fall Zumwinkel Normalität ist”

  1. Dr. Azrael Tod sagt:

    Nicht zu vergessen, dass BigBrother gucken auch ganz interessant ist… wer hat da neulich wieder mit wem was gehabt?

    Solange sich die Menschen weiterhin so verkohlen lassen, funktioniert das System doch, erst wenn man der Unterschicht ans wichtigste (die Unterhaltung) geht oder sie Plötzlich feststellen, dass all die Dinge vor denen sie Angst haben sollen eigentlich völlig harmlos sind, ihnen aber mit diesen Begründungen immer mehr Rechte entzogen werden, erst dann wird sich etwas ändern.
    (Also Nie, die Leute an der Macht sind selbiges ja nicht, weil sie so strunzenhohl sind, dass sie sowas zulassen.)

  2. Angela ist immerhin Chefin des Eigentümers, sprich der Bund ist immer noch Mehrheitsaktionär bei der Post, also hat sie schon einem Grund sich dazu zu äußern. Aber ansonsten stimme ich dir zu, die PolitikerInnen, die sich jetzt in allen Medien empören, sind insgeheim doch nur froh, dass es diesmal keiner von «Ihnen» war. Ob die 150,000 Menschen die das Land im Jahr verlassen, jetzt allerdings zur «wirklichen Elite» zählen, würde ich spontan mal anzweifeln. Übrigens genauso wie den Umkehrschluss, dass alle die nach Deutschland einwandern, nur arbeitsunwillige Sozialschmarotzer sind 😉

  3. seraphyn sagt:

    Mir aus der Seele gesprochen.
    Danke

  4. tante sagt:

    Sehr schöner Artikel, danke.

    Ich mag besonders die Aussage, dass dieser «Einzelfall das Vertrauen in die Eliten unterwandert». Mal ehrlich: Niemand der mehr im Kopf hat als Toastbrot vertraut Eliten; niemand kommt einfach so nach oben, irgendjemand anderes zahlt die Zeche.

    There’s no such thing as a free lunch.

  5. Chris sagt:

    Sie sind so berechenbar…

    Die da oben: Wenn Reiche zu gierig werden

    Deutschland steht womöglich vor einem Steuerskandal von ungeahnten Ausmaßen: Hunderte von Verdächtigen sollen über das Fürstentum Liechtenstein Millionen von Euro am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben. Das Finanzministerium fordert nun in einer ersten Reaktion Steuersünder zur Selbstanzeige auf. […]

    Sonntag bei Anne Will

    Und natürlich die gleichen Nasen, wie immer, wenn es darum geht sowas zu verteidigen — Dirk Niebel (FDP), Volker Kauder (CDU), als Feigenblatt Schreiner (SPD) und vielleicht als Agent Provocateur Leyendecker von der SZ…

    Hurra, wir werden verblödet… 😉

  6. My 0,02 Euro sagt:

    Zumwinkel hat seine Steuerhinterziehung zugegeben und will aufklärerisch mit den Behörden zusammenarbeiten:

    Zumwinkel ist nur die Spitze des Eisbergs

    Das wird ihn vor einer echten Bestrafung retten!

    Und während unsereins den Totalbankrott erleben würde, kann er während seines leicht vorgezogenen Renteneintritts in Ruhe seinen Aktienmillionen widmen.

  7. […] Ich hatte schon einen Artikel dazu geschrieben, danach den von Chris gelesen und meinen wieder raus genommen — ganz einfach weil ich nur einen Teilaspekt beleuchtet hatte und Chris das Ganze beschreibt. […]

  8. Irgendein mit allen schmutzigen Wassern gewaschener Zumwinkeladvokat wird den Herrn schon mit einem Ablassbrief freikaufen und dann wird man ihn als Paradebeispiel vorführen, wenn es gilt, «unwillige» Hartz4-Empfänger zu züchtigen, weil, es sind ja schließlich alle gleich vor dem Gesetz. Ablassbriefe können die sich aber sicher nicht leisten.

  9. Fridolin sagt:

    Eher macht Bush Bin Laden einen Heiratsantrag als dass sich in dieser Bananenrepublik etwas ändert. V-Zeichen von Ackermann, Freispruch für Esser, Mohn und Springer als moralische Instanz, Hartz-Empfänger als Totengräber der Moral (FAZ) usw. usw..

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