Wallraff und GLS: Ein gesellschaftliches Problem

Günter Wallraff war mal wieder undercover unterwegs. Mein erste Reaktion: Wie naiv, diese Zustände, Subunternehmertum und Scheinselbstständigkeit sind spätestens seit der Agenda 2010 politisch und gesellschaftlich gewollt und gefördert worden. Sie sind alltäglich in allen Branchen und größeren Unternehmen.

Das wird den unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei GLS natürlich nicht gerecht. Und doch ist das Grundgerüst heute in den großen deutschen Unternehmen usus. Der Mitarbeiterstamm wird verkleinert, Subunternehmer und Leiharbeiter werden ins Unternehmen geholt, oftmals sind es die Mitarbeiter, die man entlassen hat, die nun über Zeitarbeitsverträge für einen Bruchteil des ehemaligen Lohns per Arbeitszwang, Stichwort zumutbare Arbeit, zurück ins Unternehmen kommen.

Im Regelfall läuft es heutzutage wie folgt: Unternehmen XYZ entlässt Mitarbeiter. Dann wird ein Subunternehmen beauftragt, die anfallenden Aufträge zu erledigen. Diese Subunternehmen wenden sich an Zeitarbeitsfirmen, die vorher entlassenden Mitarbeiter werden noch nicht einmal vom Arbeitsamt vermittelt, sondern zusätzlich von privaten Arbeitsvermittlern, da die Arbeitsämter die Leute so aus der Statistik streichen können.

Hans Esser ist also nicht mehr beim DAX-Unternehmen beschäftigt, er wird, nachdem er entlassen wurde, vom Arbeitsamt zu einem privaten Vermittler geschickt, der vermittelt ihn ein ein Zeitarbeitsunternehmen, dieses leiht ihn an ein Subunternehmen seines ehemaligen Arbeitgebers aus. Und nicht selten ist das Subunternehmen oder gar das Zeitarbeitsunternehmen eine 100%-ige Tochter seines ehemaligen Brötchengebers. Beim Aufschreiben dieser Zustände wird mir schon schwindelig.

Die SZ hat zu der Thematik einen der besseren Artikel veröffentlicht, auch wenn ich nicht darin übereinstimme, dass es ein Generationenproblem sei und somit mehr oder weniger als selbstverständlich, in heutigen Zeiten als normal angesehen wird. An diesem Punkt fällt der Artikel fast ins Absurde. Zitat: Scheinselbständigkeit, unbezahlte Überstunden, unbezahlte Nachtarbeit, fehlende Festanstellungen, fehlende Planbarkeit der beruflichen Laufbahn, Perspektivlosigkeit, Lohndumping oder die fehlende Wertschätzung von Arbeitskraft als solcher: Die Schattenseiten der durchflexibilisierten Arbeitswelt sind überall zu finden.

Die gestern von Wallraff aufgedeckten Arbeitsbedingungen bei GLS sind ein Skandal, ein Skandal, der sich quer durch alle Branchen zieht, wenn auch noch nicht in dieser Extreme. GLS hat heute auf die Ausstrahlung reagiert. Kein Dementi, man wirft Wallraff fast schon müde vor, einseitig zu berichten. Diese Pressemitteilung ist nichts anderes als die Bestätigung von Wallraffs Recherchen. GLS hat meiner Meinung nach die Unterschrift unter Wallraffs Artikel in der Zeit und den Bericht auf RTL gesetzt.

Und morgen unterhalten wir uns dann wieder darüber, welcher Online-Händler kostenlosen Versand anbietet, warum das DSL-Paket beim Telekommunikationsanbieter A 30,00 Euro kosten, wo es ein Mitbewerber doch schon für 20,00 Euro anbietet und verlinken wie selbstverständlich deutschlandsuchtdentopdealaufgeizistgeil.de.

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2 Antworten zu “Wallraff und GLS: Ein gesellschaftliches Problem”

  1. Sven sagt:

    Wohlfeiler Artikel, die Schuld auf den Endverbraucher abzuschieben, der i.d.R. ja auch mit dem Mors an die Wand kommen muss, weil bspw. auch er Leiharbeiter oder Niedriglöhner oder beides gleichzeitig ist. Die Spirale geht ja abwärts. — Zusätzlich ist für den Endverbraucher oft gar nicht ersichtlich, ob der Mitarbeiter ein Festangestellter, ein Leiharbeiter oder ein Subunternehmer ist.

    Mehr Erfolg als von solchen, gutgemeinten und in Abständen auch aufrüttelnden, Artikeln bzw. Aktionen verspreche ich mir da von einem Synchronisationsverbot und einer Stärkung der Rolle der Gewerkschaften bis hin zur Wiedereinführung der Flächentarife.

  2. David sagt:

    Auch keine Lösung, aber trotzdem geteilte Freude aller Beteiligten, dem Zusteller ein Trinkgeld im Paketetausch zukommen zu lassen.

    Noch besser vmtl., dem derzeit häufiger zitiertem «Haben-Wollen-Reflex» zu widerstehen.

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