Vorzeigejournalist Thomas Knüwer vom Handelsblatt

Eigentlich sollte dies ein Artikel darüber werden, dass ich es liebe, wenn den ganzen selbsternannten Web 2.0–Helden ab und zu der Spiegel vorgehalten wird und sie auf Normalmaß zurechtgestutzt werden. Der Don hat das gerade wieder hervorragend mit dem Berliner Blogkartell getan. Dort lohnt es sich auch insbesondere die Kommentare zu lesen. Als zweiten Fall wollte ich den Journalisten, nicht Blogger, Thomas Knüwer aufgreifen, der wohl fast schon monatlich ein Elaborat veröffentlicht, was denn Journalismus ist und wie er in Zukunft sein wird. Oftmals stelle ich mir den netten Herrn Knüwer dann vor, wie er wie Tom Cruise vor der Kamera steht und ähnlich seine Web 2.0-Ansichten verbreitet wie der gute Tom Scientology lobpreist. Ich denke, den Enthusiasmus von Tom Cruise (um nicht zu sagen religiösen Wahn) kann man sehr gut mit dem mancher Web 2.0-Jünger vergleichen. Doch Pustekuchen. Journalist und Kollege Sönke Iwersen veröffentlichte auf der Webseite des Handelsblatts einen Kommentar — ein Replik auf eines der Elaborate von Thomas Knüwer, der den Journalisten dieses Landes mal wieder die Welt erklärt. Dieser Kommentar, der weitaus mehr wert ist, als der ursprüngliche Artikel, ist nun verschwunden.

Wie schon im Fall Harald Uhlig (der sich später wieder hat einkaufen lassen) zeigt das Handelsblatt, dass es nicht weit her ist mit der von Thomas Knüwer monatlich, wöchentlich, täglich verbreiteten Web 2.0-Jubelei. Sobald Kritik aufkommt, verhält man sich wie jedes andere Unternehmen auch. Man löscht, man vertuscht um sich später wieder zu entschuldigen und den Kommentar erneut zu veröffentlichen. Ich kann mir jetzt schon ungefähr vorstellen, wie PR-weichgespült Knüwer und Iwersen später an die Öffentlichkeit treten. Falls wer noch nicht den Kommentar gelesen hat:

Lieber Thomas,

Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?

Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst. Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand.

Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst. Eine große Zahl Deiner Blogeinträge basiert doch auf Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben.
Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du.

Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben.

Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus.

Sönke Iwersen | 03.12.2008 — 13:43

Das ist durchaus berechtigte Kritik — die gerade in Deutschland auf so gut wie jedes Blog zutrifft, von den Web 2.0-Klitschen, die sowieso nur Kopien anderer internationaler Unternehmen sind, mal ganz zu schweigen. Deutschland hat im Web 2.0 ein Problem. Zuerst kam der Hype, nicht der Inhalt. Der ist bis heute nicht gefolgt. Reden Sie mit Bloggern. Reden Sie mit uns. Worüber? Über das Wetter? Über Twitter & Co? Aber ich halte ja schon wieder den Mund, ich will die Party nicht länger stören… 😉

Update: Knüwer spricht — IMHO — nicht glaubhaft von arbeitsrechtlichen Problemen, während Sönke Iwersen zurückschlägt:

Lieber Thomas,

wie Du weißt, gibt es in der Redaktion die Entscheidung, unsere Diskussion intern zu führen. Ich verstehe das aber nicht so, dass Du nun weiter ungestört Unsinn verbreiten kannst.

Also:

Ich habe diesen Kommentar geschrieben. Du hast ihn gelöscht. DANACH hast du mich per Mail gefragt, ob er von mir kommt. Wenn das so wäre, würdest Du ihn wieder online stellen. Ich habe Dir gesagt, er stamme von mir.

DANACH ist Dir dann das Arbeitsrecht eingefallen, was immer das heißen sollte.
Nun bleibt der Kommentar gelöscht, weil in der Redaktion die Entscheidung getroffen ist, die Diskussion in der Art nicht online zu führen. Okay, damit habe ich kein Problem.

Was aber ebenfalls bleibt, ist die Tatsache, dass wir – Du und ich — bereits in der Vergangenheit Diskussionen über dieses Thema geführt haben und dies keineswegs an persönlichen Animositäten lag sondern an Inhalten. Ich kam mir dabei auch nicht sonderlich mutlos vor.

An Deinen ständigen Beschimpfungen gegenüber Deinen Kollegen hat sich jedoch nichts geändert – ebenso wenig wie manches andere. Aber das können wir ja alles morgen klären. Ich jedenfalls halte mich an die Redaktionslinie.

Ich gehe davon aus, dass dieser Beitrag arbeitsrechtlich unbedenklich ist und stehen bleibt.

Popcorn, möcht wer wer Popcorn? 😀

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4 Antworten zu “Vorzeigejournalist Thomas Knüwer vom Handelsblatt”

  1. Chris sagt:

    P.S. Wie schon im anderen Artikel erwähnt, sehe ich hier keine Zensur, sondern den normalen Gebrauch von Hausrecht. Aber witzig ist es schon, und wie gesagt, ich freue mich jetzt schon auf den PR-weichgespülten Mist, der folgt… 😀

  2. […] dafür nun überhaupt nix kann und er ja gerne, wenn er wollte, er aber müsste, da EU-weit usw pp. AUA 4: Ach ja, und da sind Chris und Oli, die es mal wieder nicht sein lassen können… warum müssen […]

  3. Chris sagt:

    Was habe ich nur getan, dass Spreeblick mich verlinkt? Heute ist ein seltsamer Tag, ich gehe ins Bett…

  4. malte sagt:

    ich entschuldige mich aufrichtig. ich habe es hier gelesen, also verlinke ich fixmbr. so läuft das. ohne subtext.


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