Von Gesetzes wegen: F!XMBR gezippt und abgeschickt

Dass unsere Führerschaft in Berlin nicht wirklich von der (Netzwelt-) Technik Ahnung hat, konnte man schon das eine oder andere Mal bestaunen. Dass diese Ahnungslosigkeit mit diesem Machstreben aber auch die ehemalige Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik in den Schatten stellt, das tritt immer mehr zu Tage — zumindest im öffentlichen Bereich. Die vielen menschenlichen Schicksale sollen nicht verharmlost werden. 2006 wurde das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG — PDF-File) novelliert. Heise scheibt dazu:

Aufgabe der Bibliothek mit Sitz in Leipzig war es bislang, sämtliche in Deutschland veröffentlichten Druckwerke zu sammeln und zu archivieren. Wie bereits die Medienwerke in körperlicher Form müssen zukünftig auch Netzpublikationen im Wege der Pflichtablieferung der Bibliothek zur Verfügung gestellt werden. Wer diesen Verpflichtungen nicht oder nicht vollständig nachkommt, handelt ordnungswidrig und muss im Extremfall mit einer Geldbuße mit bis zu 10.000 Euro rechnen.

Nun ist das Gesetz von den Führern in Berlin verschärft präzisiert worden. Zukünftig müssen Publikationen in marktüblicher Form ausgeliefert werden. Man kann die Informationen direkt an die Bibliothek schicken oder zur Abholung bereithalten. Wie der User die Maßnahmen umsetzen soll, da gibt es auch schon Tipps und Tricks: Die Daten sollen in eine Archivdatei gepackt werden, mit einer Lieferungsidentifikation versehen und per FTP übertragen werden (können).

Heise kritisiert, dass die Verordnung nicht klarstellt, welche Publikationen nun genau dieser Arichivierungspflicht unterfallen sollen — wenn kein öffentliches Interesse besteht, soll z. B. gnädig darauf verzichtet werden. Wer nun ob seiner Katzenbilder jubelt, den muss ich enttäuschen:

Definitiv verfügbar gemacht müssen nach dem Verordnungsentwurf E-Mail-Newsletter mit Webarchiv sowie «netzbasierte Kommunikations-, Diskussions– oder Informationsinstrumente», die «sachliche oder personenbezogene Zusammenhänge» aufweisen. Als Beispiel hierfür dienen in der Entwurfsbegründung öffentliche Weblogs. […] darüber hinaus auch von «Formen, die originär dem Web entsprungen sind», wie etwa Wikis und gegebenenfalls Foren.

Das wird lustig, wenn es genauso gehandhabt wird, wie angekündigt. Google soll wohl über 1 Mio. Server in Einsatz haben — wieviele unsere Nationalbibliothek demnächst wohl anmieten muss? Volldeppen gepaart mit Machtwahn — das kommt dabei raus…

24 Antworten zu “Von Gesetzes wegen: F!XMBR gezippt und abgeschickt”

  1. floyd sagt:

    Dieses Gesetz dürfte schnell geändert werden, wenn alle Myspacekiddies ihre Datenbanken an die Bibliothek schicken. 😉

    Es hat eigentlich auch niemand erwartet, dass die Abgeordneten sich auch nur ein bisschen mit Technik auskennen, oder?

  2. derhans sagt:

    Ist ausgedruckt eine marktübliche Form?

  3. floyd sagt:

    @derhans: Dann aber bitte unfrei. 😉

  4. Oliver sagt:

    Privatsphäre ade.

    >wenn alle Myspacekiddies ihre Datenbanken an die Bibliothek schicken.

    Das nennt man dann Relevanz und verzichtet drauf, also gedacht hat man schon dran.

  5. Donalduck sagt:

    Wenn ich Anhänge in meinem Blog habe, muss ich die auch mitschicken? Auch bei so Sachen wie Zip-Bomben? 😀

  6. Oliver sagt:

    Ich mag zwar keine hinkenden Vergleiche, aber letztendlich steckt ein gemeinsamer Nenner drin …

    Lust wird eines sein, es wird das Gros der Leute wie immer nicht interessieren, Google sammelt schließlich auch ungefragt :)

  7. Lawe sagt:

    Das will ich sehen, wenn das erste Forum / Blog in gezippter Form zu denen Wandert…

  8. Oliver sagt:

    @Lawe ich warte lieber auf den ersten der bezahlen muß.

  9. kobalt sagt:

    Das ist witzig. Wie wollen die das sammeln, lesen, speichern und diejenigen finden, die sich weigern, ihre Bloginhalte bibliothekarisieren zu lassen? Das Gesetz wird wegen Undurchführbarkeit scheitern.
    Und für sowas werden Politiker bezahlt.

  10. Deutsche Nationalbibliothek — von der Sammelwut gepackt!…

    Soeben lese ich auf heise.de, dass die Deutsche Nationalbibliothek nun die Aufforderungen an die Webautoren in ganz Deutschland praezisiert hat (siehe FAQ). Im Juni 2006 wurde das Gesetz, welches die Archivierung durch die Deutsche Nationalbibliothek…

  11. Oliver sagt:

    @kobalt, du hast nicht viel Ahnung von der Arbeit eines Historikers, oder? Da gibts teils gigantische Datenfluten in puncto historischem Matieral in Archiven etc., die lassen selbst Legionen von Weblogs arm ausschauen und auch dort gilt das Gesetz der Relevanz. Erst sammelt man, später analysiert man — das ist eine Aufgabe für Generationen, so machen wir es in der Archäologie auch — so manches Gräberfeld bietet schon Informationen die einen zünftigen Admin ins Schwitzen bringen.

  12. crashkid sagt:

    @Chris:
    Hast du diesen Artikel ernsthaft an die Nationalbibliothek geschickt? Falls ja, alle anderen Artikel von dir hier auf F!XMBR auch?
    Ich persoenlich finde, dass man allein aus Protest alle Artikel dort hin senden muesste, um ihnen zu zeigen, dass sie mit der Flut an Daten nicht zurecht kommen werden. Nur mit Fakten (sprich: einem immensen Informationsdschungel) glaube ich, kann man diese Menschen davon ueberzeugen, dass ihr Vorhaben sinnlos ist.

  13. kobalt sagt:

    «du hast nicht viel Ahnung von der Arbeit eines Historikers, oder?»

    Ich hatte unklar formuliert.
    Ich sehe Schwierigkeiten weil die Datenmengen so riesig sind und weil sie stetig wachsen. Ich sehe Schwierigkeiten aufgrund der Dateiformate, die ja auch in zig Jahren noch lesbar sein sollen, weiterhin sehe ich Probleme bei der physischen Haltbarkeit der Speichermedien.

  14. Grainger sagt:

    Die Idee, die eine oder andere ZIP-Bombe in die Archive zu packen ist ja eigentlich nicht so schlecht.

    Gerade wenn die Daten auf Vorrat gesammelt und von späteren Generationen von Bibliothekaren ausgewertet werden.

    Dann können die sich auch noch auf was freuen und Chris kann in hohem Alter auf seinem Sterbebett liegend noch schadenfroh vor sich hin kichern. 😀

  15. Oliver sagt:

    >Ich sehe Schwierigkeiten weil die Datenmengen so riesig sind und weil sie stetig wachsen.

    Im Bereich der Archäologie und allgemeinen Geschichte ebenso und zwar in gigantischem Ausmaß. Ein Musseum bietet nur einen winzigen Bruchteil an, der für das Publikum von Interesse ist, die Wissenschaftler schlagen sich mit Tonnen von Material herum, selbst nur bezogen auf einzelne Bundesländer.

    Das Gros ist z.B. Text, Text ist für den profanen Historiker immer noch das wichtigste, danach kommen Bilder, dann irgendwo der Rest — in der Archäologie werden teils Tonnen von Scherben archiviert(!), jedes Detail kann irgendwo wichtig sein und dennoch kennt man in diesem Bereich nur einen Bruchteil.
    Dazu kommt das Mittel der Relevanz, doppelte oder dreifache Dinge, durchaus usus in der Blogwelt, etc. Und last not least Computer, die für eine solche Aufgabe geradezu geschaffen sind, neben Youtube, Spielen, Amazon, Ebay und Co :)

    Die Analyse ist für Generationen vorprogrammiert, ebenso in der Archäologie/Geschichte … deswegen archiviert man auch. Aber Texte, insbesondere jene die schon in elektr. Form vorhanden sind, die kann man leicht durchforsten.

    Unmöglich war immer vieles, deswegen sammeln und für die nächsten Jahre aufheben. Nachfolgende Generationen können es definitiv verwerten. Man in der Geschichte der Menschheit gab es permanent ein «unmöglich» und späteres Gelächter. In der heutigen Computerzeit erinnere ich mich noch gerne manchmal daran in welchen Bahnen man vor 5, 10 oder 15 Jahren dachte — recht amüsant 😉

  16. Prospero sagt:

    «Doch selbst wenn er die Fähigkeiten zur Bereitstellung hätte, ist es einem Bürger nicht zuzutrauen, sich regelmäßig über die «Maßgaben der Bibliothek» zu informieren. Theoretisch könnten diese sich von Heute auf Morgen ändern «je nach Geschmack und Laune ihrer Beamten oder Angestellten». Zudem entscheidet nicht etwa der Bundestag darüber, welche Inhalte überhaupt Bewahrenswert sind. Das Gesetzt bestimmt für diese Aufgabe den zuständigen Bundesminister «der eine einfache Verordnung zu diesem Zweck erläßt.»

    Nationalbibliothek — Rechtliche Fallstricke für Web 2.0

    Bibliothekare wußten davon schon länger übrigens: Search Results for DNBG
    Ad Astra

  17. Chris sagt:

    Und meiner ist länger. :)

    Auch wir wissen schon länger davon… 😉

  18. phoibos sagt:

    so schlecht finde ich das nicht. ich kann chris’ linkes bein darauf verwetten, dass meine enkel — wovor mich die götter bewahren mögen — weiterhin platon und doyle lesen können werden. aber dass irgendwer noch die digital publizierten ergüsse der letzten zehn jahre lesen können wird, ist mehr als fraglich. oder kann noch irgendwer seine 5 1/4″-diskette mit seinen tabellen so auf anhieb weiterverarbeiten? ich denke, wir leben in einem tradierungsloch, wie wir es schon bei der umschrift von majuskel auf minuskel erlebt haben.

    ciao
    phoibos

  19. phoibos sagt:

    In defence of biblioclasm — nur mal so hinterher gereicht…

  20. Oliver sagt:

    >kann noch irgendwer seine 5 1/4?-diskette mit seinen tabellen so auf anhieb weiterverarbeiten?

    Altes Argument, aber gar nicht derart problematisch. Weitaus problematischer sind die Trägermedien per se und da werden wohl auch wie bisher nur Werke auf Papier und Film lange Zeiten überstehen. Das wird noch ein gewaltiger kulturwissenschaftlicher Kolateralschaden, schneller als mitunter erwartet.

    Wenn ich sehe welchen Aufwand wir da in Archiven betreiben und mit welchen Lächerlichkeiten (im Verhältnis) ein Administrator «wichtige» Daten pflegt, dann kann ich mir ein abschätzendes Lächeln kaum verkneifen. Bei der digitalen Welt ist der Verlust vorprogrammiert — man sichert innerhalb eines überschaubaren Zeitfensters und verschwendet für diese Armseligkeit Millionen oder gar Milliarden. Die Technik-Gläubigkeit ist schon fantastisch, mitunter wohl deswegen weil das Gros der Bevölkerung kaum ahnt wie die Realität dieser Spielzeuge ausschaut, welche ihnen von Konzernen jedweder Couleur angepriesen wird.

    Aber wieviele Leute sind morgen noch kompatibel zu einem gedruckten Buch und können mehrere Seiten Text verarbeiten?

  21. phoibos sagt:

    Aber wieviele Leute sind morgen noch kompatibel zu einem gedruckten Buch und können mehrere Seiten Text verarbeiten?

    ich als alter kulturpessimist sehe schon seit geraumer zeit eine zunehmende illiteralität. ich war eine zeitlang guter dinge, dass das hypertextuelle medien das abbremsen würden, doch im zeitalter von microblogging und ganz allgemein webzwonull kann ich dies nur noch als wunschdenken bezeichnen.

  22. Oliver sagt:

    Ja zu Beginn des Netzes dachte ich ebenso, it’s full of text 😀 Ergo muß man lesen, um es nutzen zu können. Aber auch dafür gabs eine Antwort: Bilder, Videos etc. pp. Nicht das ich das eine dem anderen Opfern würde, aber es herrscht ein eklatantes Mißverhältnis. Wenn ich sehe das einiges, welches mehr nur ein «nebenher-Charakter» besitzt, vollends die Regie übernimmt wird mir schon Angst und Bange. Obwohl selbst in den 60ern wußte man um die Lesewerbung in Büchern, das mit den Dichtern und Denkern wollte nicht mehr so richtig hinhauen und heute? Ich sehe es nicht als verloren an, aber einmal mehr wird man sich in sein Refugium zurückziehen müssen, damit der Mob an einem vorrübertrampeln kann.

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