vom Leben

Wo ist es heute das vielgeschätzte Leben oder gar die Idealform — Bohème? Wo ist dieser schillernde, verrückte Teil — wo sind diese Bestandteile die Leben erst farbig, lebenswert gestalten? Manch einer findet diesen Teil des Lebens für sich ganz persönlich, andere — beispielsweise die Web2.0-Kaufleute — versuchen diesen Traum zu verkaufen, wieder andere vermeinen mit irgendeinem obskuren Kraut zu diesem Ziel zu gelangen. Allen gemein ist der Wunsch zumindest auf Zeit der Tristesse des Alltags einmal zu entfliehen, den konservativen Panzer aufzubrechen, welcher mehr und mehr das werte Leben einengt, den Odem des Lebens einmal mehr in vollen Zügen zu genießen.

Die diversen Zäsuren von Zeit zu Zeit: Kriege, Wirtschaftskatastrophen etc. pp. sind Warnsignale einer kollabierenden Gesellschaft. Doch wie lang ist es Mensch noch möglich diese Dinge wegzustecken? Ist Mensch tatsächlich derart anpassungsfähig? Schichtarbeit, Nachtschicht, permanente Leistungsforderungen in immer früherem Alter, usw. Darüber hinaus wird der notwendige Puffer, welcher Mensch absichert, mehr und mehr zersetzt. Vielfältige neue Formen der Arbeit spalten Familien, eine gestiegene Mobilität zerreißt die letzten verbleibenden Kontakte endgültig. Selbst die Freizeit des Einzelnen wird mehr und mehr auf eine harte Probe gestellt. Der Mensch verliert mehr und mehr selbst in der Freizeit die Fähigkeit zu entspannen, vielmehr ist es schon eine Kunst für sich, eben diese entspannenden Momente zu erlangen.

Diese Art von Dauerstreß bleibt jedoch nicht ohne Folgen, diverse Krankheitsbilder treten vermehrt in Erscheinung und sind keinswegs mehr nur eine Domäne der Erwachsenenwelt. Ein Ende ist nicht abzusehen ganz im Gegenteil, die Regierungen dieser Welt messen sich in Effizienzsteigerungen. Wie kann Mensch effizient gestaltet werden von Kindesbeinen an? Die Konditionierung begann schon mit der Initiierung diverser Sozialwissenschaften vor langer Zeit — um die Effizienz gezielt steigern zu können benötigt man Zahlen und Fakten, Prognosen um das Volk gemäß der Wirtschaft zu konditionieren. Und so verwundert es auch kaum, wenn der Mensch bei allen erdenklichen Problemen in der Regel unter ferner liefen plaziert ist. Die jetzige Wirtschaftskrise ist ein wiederholtes Beispiel für diese Art von kollabierender Gesellschaft und dem primären Interesse ein menschenverachtendes System zu erhalten.

Anstatt dem Menschen das primäre Augenmerk zu schenken, möchte man ein desaströses System stützen — Arbeitsplätze würden gerettet, die werten Taler erhalten. Doch was wird tatsächlich erhalten? Firmen bauen mehr und mehr Arbeitsplätze ab, denn auch dort wird fortwährend die Effizienz gesteigert. Zeitgleich ist das Maß aller Dinge Arbeitsplätze massiv zu verringern ob anhaltender Krisen, um die verbleibenden Arbeitsplätze, den Standort zu sichern — tatsächlich geht es ausschließlich um die Gewinnsicherung. Ob damit auch gleichzeitig eine Sicherung des Standorts einhergeht ist gar nicht gesagt — Konzerngewinne sind keine Garantie wie die Realität Tag für Tag vor Augen führt. Verringern sich die Auswirkungen der Krise für einige Zeit — ich rede mit Absicht nicht von einem Ende — so wird der Bedarf beispielsweise an Arbeitern in diversen Bereichen mit Leihfirmen aufgestockt. Diese sind willfähriger, man kann Leihfirmen besser steuern und vor vollendete Tatsachen stellen. Es ist Arbeit, man lebt davon — aber man umgeht damit die mühsam erlangten Errungenschaften der Arbeiterschaft vergangener Tage.

Das kann es nicht sein — ein tatsächlicher Kollaps dieses wirtschaftlichen Systems wäre einer echten Zäsur gleichgekommen und hätte einen Neuanfang nach sich gezogen. Ein sicherlich schmerzhafter Neuanfang, aber einer unter annähernd gleichen Voraussetzungen für alle und eine Möglichkeit tabula rasa zu machen. Alle Wirtschaftsgurus natürlich, kleine als auch große, von Blogs bis zu Printmedien und TV wettern dagegen, diese geben sich der allgegenwärtigen Flickschusterei hin — oft weil man ein integraler Bestandteil des Systems ist und mit dem Tunnenblick zu leben gelernt hat. Mit Mensch jedoch hat das nichts zu tun, allenfalls überhaupt sekundärer Natur — damit das System funktioniert. Und wenn es wiederum funktioniert, geht die Konditionierung und Ausbeutung des Humankapitals weiter wie gewohnt.

Mensch sollte dies nicht interessieren, diem perdidi — ich habe einen Tag verloren — sollte der Credo sein, denkt man denn an dieses System und lebt mit jenem. Damit Mensch jedoch nicht diesen Gedanken weiterspinnt wird er weiterhin mit Arbeit überhäuft bis der Kopf nur noch auf die kurze Zäsur des Wochendes reagiert und der Denkprozeß selbst schon Arbeit gleichkommt die man gerade an jenen Tagen tunlichst vermeiden möchte. Besonders arme Menschen rühmen sich gar als Workaholics, das Leben ist diesen vollends verlustig gegangen — sie vegetieren dahin, die Freizeit wäre ein Vakuum, die Rente ist meist das Aus. Eigentlich sollten diese mahnende Beispiele sein, doch in einer verkehrten Welt in der Arbeit um der Arbeit Willen das Credo ist, wird dieser Status von der Mehrheit glorifiziert. Eine Geistlosigkeit macht sich breit …

Man benötigt Arbeit um zu Leben, aber zu welchem Preis? Und eine dicke Börse kann eines nicht ersetzen — Geist! Darüber sollte man in einer wachen Stunde vielleicht einmal nachdenken, es lohnt sich.

Wer bei diesen Gedanken Wahlprogramme, politische Aussagen, Zahlen, Prognosen etc. vermißt hat mein Anliegen nicht verstanden. Um den Menschen geht es mir und es wäre absurd ein System zu kritisieren indem ich mir eben jene Absurditäten dieses System zu eigen mache.

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4 Antworten zu “vom Leben”

  1. Nimue sagt:

    Ah… ich sehe, du kennst meinen Chef. Sein credo ist «Wer nicht vor 45 mind. einen Burnout hatte, hat nie richtig gearbeitet». Anstatt zu schätzen, was er hat und was sehr selten ist –ein Team, das sich blind versteht, und flüssig und effektiv zusammenarbeitet — presst er die Zitrone immer weiter aus.

  2. Seraphyn sagt:

    Kurz und Gut, Danke Du sprichts mir aus der Seele.
    Grüße und weiter so
    Seraphyn

  3. Yuggoth sagt:

    absolute zustimmung.
    danke fürs schreiben und hochstellen!

  4. stefan sagt:

    Gut gedacht — vielen Dank! … doch denken einfach viel zu wenige Menschen mal darüber nach, dass «Das System» (Staat, Geld, Unternehmen, Wirtschaft, Schulden, Krise) kein Naturgesetz ist, dem man willenlos unterworfen ist.

    Früher tauschte man (z.B. Wasser gegen Brot). Heute packt jemand viel Geld auf ein Bankkonto und kann alleine davon überleben. Das andere für die Zinsen schuften müssen, weiss fast niemand — es vermehrt sich von ganz alleine. Komisch: Wasser und Brot können sich nicht mehr vermehren, heute wie damals nicht.

    Deshalb Merke: «Das System» kann wahrscheinlich nur von innen heraus mit seinen eigenen Waffen verändert (bzw. bekämpft) werden.

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