Volksverhetzung im Namen der Wirtschaftswoche?

WirtschaftswocheWie der Name schon sagt, ist die Wirtschaftswoche wohl eher auf Seiten der INSM, des Kovents für Deutschland anstelle auf der Seite der Menschen, des Miteinanders in diesem wunderbaren Land zu finden. Dass ich dieses Blatt nicht auf meinem Radar habe, möge man mir verzeihen — offensichtliche Propagandazeitschriften in diesem wohl zurecht von mir benannten demokratisch legitimierten Feudalsystem gehören nicht zu meiner Nachtlektüre. Und so bin ich immer auf Hinweise anderer angewiesen, wenn es in diesen sogenannten Zeitungen und Zeitschriften etwas zu bestaunen gibt. Oftmals sind es die NachDenkSeiten, aber auch der Newsfeed von gegen-hartz.de, wie auch in diesem Fall. Ganz investigativ bringt die Wirtschaftswoche einen Artikel über die Stromriesen und deren neue Taktiken. Sie beginnt diesem mit Hetze über Hartz IV-Empfänger und deren Stromverbrauch — und beruft sich dabei auf eine Studie eines dieser Stromriesen sowie die Äusserungen eines Strommanagers. Die Studie, der Stromriese und der Strommanager bleiben dabei nebulös und geheim. Ein Wunder ist das nicht — ich kenne Juristen, die würden durchaus überprüfen, ob hier Volksverhetzung stattfindet. Journalismus indes ist es meiner Meinung nach ganz bestimmt nicht. Ohne kritische Nachfrage darf hier gehetzt werden, es wird keine Referenz angegeben. Nichts. Manche Leute kommen sicherlich in die Versuchung, zu denken, dass der Redakteur sich diesen offensichtlichen Schund nur ausgedacht hat um seinen Artikel reißerischer zu machen. Aber das ist ebenso unbekannt, wie die Studie, der Name des Stromriesen und der Name des Managers. Nachts ist es halt kälter als draußen.

Der Knüller kommt gleich im Teaser — den höchsten Stromverbrauch haben Hartz-IV-Empfänger, so soll angeblich der Manager eines Stromriesen gesagt haben, der aus einer eigenen Studie berichtet. Zumindest schreibt dies die Wirtschaftswoche. 1+1=2 — das ist schon eine große Sensation. Fast so sensationell wie die Mondlandung oder die sieben Weltwunder. Das logische Denken scheint bei unseren Stromriesen und bei der Wirtschaftswoche nicht allzu ausgeprägt zu sein — zumindest das kritische Denken, das kritische Hinterfragen fehlt diesem Blatt völlig. Ein Hartz IV-Empfänger ist die meiste Zeit in seinem nicht wirklich schönen Leben notgedrungen in seinen eigenen vier Wänden — fast könnte man sagen — gefesselt. Kultur, Sport, andere Freizeitaktivitäten finden ohne ohne ihn statt. Jeder neue Monat ist für einen Hartz IV-Empfänger ein Kampf ums nackte Überleben. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, wenn man denn der logischen Schlussfolgerung mächtig ist, dass ein Hartz IV-Empfänger die doppelte Zeit zu Hause verbringt, wie ein Mensch, der das Glück hat, noch einen Job zu haben. Dass ein Hartz IV-Empfänger dabei mehr Strom verbraucht, ist logisch und selbstverständlich. Schließlich lässt ein Hart IV-Empfänger Herd, Mikrowelle, Licht ja und auch Radio und TV aus Solidarität nicht so lange ausgeschaltet, bis der arbeitende Nachbar wieder im Hause ist. Die Wirtschaftswoche und ein nicht bekannter Stromriese machen daraus einen Skandal. Man kann über soviel Dreistigkeit — oder ist es Lüge oder gar Propaganda — fast schon wieder lachen. Das glaubt wirklich kein Mensch.

Aber natürlich ist der Stromverbrauch der Hartz IV-Empfänger aus diesen logischen, naheliegenden Gründen nicht so hoch. Nein, in Stürmer-Manier geht die Hetze gleich im ersten Absatz los. Diese Leute bleiben die längste Zeit tagsüber zu Haus. Im Jogginganzug verzehren sie ihre Pommes Majo auf dem Sofa oder im Bett — und in allen Zimmern dudelt dabei der Fernsehen – non-stop. Hier wird das typische BILD, das typische Vorurteil eines Hartz IV-Empfängers gezeichnet, welches so viele Menschen im Kopf haben. Der arbeitenden Bevölkerung wird gezeigt, seht her, das ist das faule Pack. Es ist pure Hetze auf die Schwächsten dieser Gesellschaft. Und das kommt von denen, unter denen alle zu leiden haben. Ganz der CDU– und SPD-Politik nahestehend, versucht man die Menschen in diesem Land gegeneinander aufzuhetzen — so fragt dann auch niemand bei den Energiepreisen nach, wer denn wohl die waren Sozialschmarotzer in diesem Land sind. Könnte es nicht doch vielleicht sein, dass die Stromriesen die Axt an diese Gesellschaft legen? Nur mal so gefragt. Die Strompreise sind so hoch? Kein Wunder, schließlich läuft bei den fettleibigen Hartz IV-Empfängern den ganzen Tag der Fernseher. Was für eine Logik.

Wenn die Stromriesen mit dieser Intelligenz, mit dieser knallharten Logik auf dem internationalen Markt agieren, ist es kein Wunder, warum die Preise astronomische Höhen erreichen. Sie sind offensichtlich das Produkt totaler Unfähigkeit, auch nur kleinste mathematische Formeln anzuwenden, logische Schlussfolgerungen zu ziehen oder gar menschliche Wärme, ein Miteinander zu zeigen, vorzuleben — schließlich sehen sie sich selbst ja wohl als etwas Besseres, als Vorbilder an. Die Stromriesen sind die wahren Sozialschmarotzer des 21. Jahrhunderts. Sie schüren globale Konflikte, sie sind Kriegsprofiteure, sie sorgen mit massiver Propaganda und Politikerbeeinflussung — um es Lobbyismus und nicht Bestechung zu nennen — für unsere strahlende Zukunft. Und die Wirtschaftswoche? Nun, diese unwidersprochene — meiner Meinung nach — Volksverhetzung spricht für sich. Es ist ein Paradebeispiel für den Journalismus in heutiger Zeit. Der Journalismus ist erkennbar tot — es ist nur noch reine PR, reine Hetze. Der heutige Journalismus ist ausschließlich der Quote, den Eigentümern und Verlegern verpflichtet. Wer ein Gewissen für sich beansprucht, eine eigene und kritische Denkweise, kann in diesem Land manchen Job annehmen — aber bestimmt nicht den des Journalisten. So und nicht anders schaut ganz offensichtlich die Wahrheit aus. Und wer mehr über die Wirtschaftswoche erfahren möchte, der lese nun bei der Boocompany weiter. Tüten sollte man allerdings bereithalten.

Ausriss: wiwo.de

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8 Antworten zu “Volksverhetzung im Namen der Wirtschaftswoche?”

  1. Name sagt:

    Tja, Neoliberalismus in Perfektion. In diesem gibt es kein Miteinander, sondern nur einen Haufen Individuen, die mittels ökonomischer «Freiheit» versuchen, über die Runden zu kommen. Soweit die Theorie. Praktisch bedeutet es Ausbeutung des kleinen Mannes dadurch, dass Unternehmen machen können was sie wollen. Ökonomische Freiheit eben. Das Konzept ist schon einmal grandios gescheitert. Aber als Manager lebt es sich schließlich sehr bequem, wenn man nicht für Fehler geradestehen muss, sondern andere dafür bezahlen lassen kann, wenn man selbst bei völligem Versagen noch siebenstellig abgefunden wird, wenn man eben zur «Elite» dieses Landes gehört, in die man nur mit Vitamin B reinkommt. In diesen Kreisen zählt Können nichts, weswegen wir uns immer wieder solchen Dreck von offensichtlich geistig minderbemittelten anhören müssen.

  2. ZAF sagt:

    Wo doch allgemein bekannt ist, daß die ARGE die Stromkosten im vollem Umfang trägt…lügt sich zumindest Angela Merkel zusammen.

    Hinzu kommt noch, daß Langzeitsarbeitslose meist ältere Elektrogeräte besitzen, die entsprechend mehr verbrauchen als neuere. Bei derzeit 347 Euro kann man halt nicht mal eben einen neuen Kühlschrank oder eine neue Waschmaschine kaufen. Sofern man überhaupt zu den Glücklichen gehört, die einen Kühlschrank besitzen. Denn der Besitz eines Kühlschranks ist nicht erforderlich um ein menschenwürdiges Dasein zu fristen. Das behauptet zumindest deutsche Gerichte (ZAF — Ein Kühlschrank ist purer Luxus)

  3. Der Journalismus ist nicht tot, bester Herr Chris. Vielmehr ist er im Begriff, in nie gekannter Unabhängigkeit neu aufzuleben. Fixmbr ist dafür ein gutes Beispiel von vielen.

  4. Oliver sagt:

    >Vielmehr ist er im Begriff, in nie gekannter Unabhängigkeit neu aufzuleben

    Lassen wir doch lieber dieses Schreckgespenst ruhen und widmen uns den Inhalten, als denn verqueren Interpretationen wo und wie eine neue Inkarnation bürgerlicher Einfältigkeit abzusehen ist. Denn nicht mehr war und ist Presse, eine Gewalt, Meinungsmonopol, das es vermochte einige Generationen der Menschheit auf die Unabdingbarkeit ihrer eigenen Existenz zu konditionieren. Man sieht die Angst die umgeht, die Angst etwas zu verlieren das die Menschheit nie benötigte. Informationen, Geschichten etc. pp. machten schon seit Beginn der Menschheit die Runde und konnten selbst bis heute erhalten werden — wohl weil es um die Information selbst ging.

    Überlassen wir doch einfach das Feld den Mannen aus Berlin, die wiederum Schlangenöl an den Meistbietenden verschachern.

    Du suchst vielleicht die Unabhängigkeit, die Objektivität bei denjenigen, denn sie trainierten dich, indem sie ihr Meinungsmonopol eben für diesen Zweck gebrauchten. Heute? Gestern ebenso und vorgestern … du mußt nicht danach suchen wann der Niedergang der Medien einsetzte, sondern wann bei dir, bei uns das Intellekt erwachte.

    Wir glauben gerne, nur allzu gerne. Aber darauf kommt es nicht an? Was ist Objektivität? Der Glaube, jemand könnte sich loslösen von einem Kontext, er könnte seine Äußerung von seinem Habitus lösen. Aber es ist letztendlich nur ein Glaube, der sich gut vermarkten läßt. Du kannst nur eine gewisse Objektivtät erreichen, eine Objektivität, die in einem gewissen Kontext den dort herrschenden Gesetzmäßigkeiten genügt. Aber Vollkommenheit? Meist setzt doch nur der eigene Intellekt die Grenze und der Glaube besorgt den Rest.

    In den Medien wie auch hier oder sonst wo beginnt der Abbau der Objektivät schon an jenem Punkt, an welchem die Auswahl eintritt — was hat Relevanz? Der Medienprofi (weil dieser Geld verdient?) kann fachmännisch die Auswahl treffen, das jedenfalls glaubt der Leser/Zuschauer und dieser Glauben wurde auch bisher mittels des Meinungsmonopols gefestigt. Aber was macht den Profi zum Profi? Das Verfassen vieler Texte, das Einlesen in viele Gebiete? Nun ich kann mich ebenso in Quantenphysik einlesen, aber ich würde mir nicht einmal in 20 Jahren anmaßen gewisse Dinge einer Relevanz unterzuordnen. Kurzum man kann Gebiete kennen, man kann mit diesen Arbeiten, über diese Berichten — jedoch der massive Abbau beginnt mit der Auswahl der Information per se, dem Kürzen des Interviews, der Wortwahl, des Bildmaterials, der Überschrift usw. Woher stammt die Legitimation? Ah man verdient Geld damit, besuchte die Journalistenschule oder absolvierte beispielsweise ein Studium in Germanistik oder Komparatistik. Na prima, das macht die Einordnung historischer Fachthemen zum Kinderspiel, technische Dinge sind im Handumdrehen erklärt und so ein kleiner Jurist oder gar Mediziner steckt doch in jedem von uns.

    Kurzum die Menschen suchen etwas das in dieser Form nicht existent ist. Die Aufklärung damals schuf ein wenig Mündigkeit innerhalb des Volkes in puncto Religion und Obrigkeit. Das Internet heute kann dies ebenso, es kann den konditionierten Tunnelblick aufbrechen, aber mehr sollte man auch nicht hineininterpretieren, sonst befindet man sich stante pede wieder in den Gefilden des Glaubens. Und eben dieser ist per se das Problem, nicht der Kontext in welchem wir glauben.

    Kant z.B. formulierte es derart, das quasi die Unmündigkeit des Einzelnen eine selbstverschuldete Sache sei, weil dieser eben Angst davor habe den eigenen Verstand ohne Anleitung eines anderen zu nutzen. Genau das bietet heutzutage das Internet, einen Ansatzpunkt genau dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit zu entfliehen. Daraus folgt jedoch kein Automatismus.

  5. Chris sagt:

    Hm, ein Link in den Kommentaren des Blattes da oben, welcher über TinyURL zu uns führte, wurde dort editiert. Er steht zwar noch da, ist aber nicht mehr klickbar…

  6. slick sagt:

    @Oliver: Kluger Kommentar. Eine kleine Begebenheit dazu: Als kleines Kind hat mich immer fasziniert, dass an einem Tag immer gerade soviel passierte wie in die Tagesschau des Wolfgang Köpcke passte. Dies hätte der Anfang einer frühen Erkenntnis sein können. Bis zu einem bisschen Medienkompetenz hat es dann aber noch ‘ne ganze Weile gedauert;-).

  7. Sven sagt:

    so viel können doch 3 fernseher an strom nicht fressen…

    was ist mit der poolheizung? der tiefkühltruhe? der sauna? dem solarium? der teichpumpe? ff.

    sollen doch froh sein, dass die z.t. (noch) alles konsumieren, was die glotze hergibt. — könnten ja auch jeden tag früh um 8 sich mit ihren klappstühlen bundesweit vor ihren rathäusern aufbauen. oder den abgeordnetenbüros. da wäre zügig stimmung im staat…

  8. Lucia.B. sagt:

    Der Artikel ist immer noch auf der WiWo Online-Seite eingestellt. Demnach scheint sich die Chefredaktion bzw. die Geschäftsleitung der WIWO trotz zahlreicher neagtiver Reaktionen in Form von Kommentaren auf der WiWo Seite und angekündigter Anzeigen wegen Volksverhetzung nicht an den Inhalten des Artikels zu stören.
    Man hat anscheinend einen Hofnarren gefunden, der in die politische Richtung schreibt, die man selber gerne einschlägt, zu der man sich aus gesellschaftlichen Gründen selbst aber (noch) nicht so offen bekennen kann.
    Lustig auch die fadenscheinige Entschuldigung, zu der der Schreiber offensichtlich verdonnert wurde um die Form zu wahren, nachdem er einen Tag vorher einen Kommentar eingestellt hatte, der die betroffenen Personen wieder beleidigte.
    Sehr bedenklich, das Ganze im Rahmen einer Wirtschaftszeitung.

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