Vodafone ist tot

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Natürlich nicht direkt, aber deren Social-Media-Kampagne. Wie ich nebenan auf dem Werbeblogger lesen konnte, hat Vodafone den Claim Es ist Deine Zeit fallen gelassen. Für Vodafone war die Kampagne ein einziges Desaster, die zuständigen Berater sitzen gerade in Berlin bei einem Latte Macchiato und halten Vorträge mit dem vielsagenden Titel How to survive a shit storm. Die nächsten Pappnasen aus den deutschen Chefetagen kommen bestimmt, die wieder die großen und erfolgreichen Namen aus der deutschen Blogosphäre einkaufen wollen und sich dann wundern, warum es nicht funktioniert. Ralf schreibt nebenan, dass der Slogan durchaus Charme hatte. Es zeigt sich eben auch, dass die Werbe– und Marketingwirtschaft hauptsächlich aus Sprücheklopfern besteht. Was nützt ein vermeintlich noch so guter Satz, mit denen sich die Menschen vielleicht identifizieren können, wenn sie ihn in der Werbung hören und sich dann lachend wegdrehen?

Auf vielen Kanälen wird derzeit über die Krise des Journalismus diskutiert. Doch was ist mit der Krise der Werbewirtschaft? Tante Tilly oder Klementine kennt heute noch jeder — sympathisch haben sie für Palmolive und Ariel geworben. Heute ist da nichts Vergleichbares. Die Menschen lachen über so genannte Mitarbeiter wie Marcell D’Avis von 1&1 und glauben der Werbung von heute kein Wort mehr. Testimonial ist das Zauberwort der heutigen Zeit. Mitarbeiter von Xing, 1&1 und unzähligen anderen Unternehmen lachen uns von den Werbeplakten an und versuchen uns ihr Produkt zu verkaufen. Glaubt da draußen allen Ernstes wer, dies sei glauwürdiger wie der restliche Quatsch, der uns täglich beschallt? Werbung ist heutzutage nicht viel mehr als die abendliche Viagra-Mail in unserem Junk-Ordner.

Die vielleicht größte Errungenschaft des Internets ist die, dass der Werbung die Maske vom Gesicht gerissen wurde. Plant man heute eine größere Anschaffung, so wird man sich im Internet informieren und sich nur noch in den seltensten Fällen von der Werbung beeinflussen lassen. Bewertungsportale wie Qype werden trotz steigender Mitarbeiterzahlen dieses Jahr den Break Even schaffen. Während der Journalismus zur automatisierten PR verkommt, sieht die Werbewirtschaft ihr Heil in der Glaubwürdigkeit der kleinen Leute, die vorgespielt das eigene Unternehmen lobpreisen.

Testimonial, ein Wort so grausam, wie die Werbekampagnen der heutigen Zeit. Mit Glaubwürdigkeit hat das jedoch rein gar nichts zu tun. Selbst die GEZ findet vermeintlich eigene Mitarbeiter, die über den eigenen Verein schwärmen. Die Werbewirtschaft hat auf die Fragen der Zukunft genauso wenig eine Antwort, wie der Journalismus. Und das stimmt mich fröhlich. Ärgerlich ist dabei nur, dass die Testimonial dabei oftmals verheizt werden. Doch wer sich mit dem Teufel einlässt, verändert nicht den Teufel. Der Teufel verändert ihn.

Wenn ich mir heute die Werbung anschaue, dann schaue ich in einen noch tieferen Krater als den, den der Journalismus hinterlassen hat. No Wonder, no Hope, no Cash. Da ist Nichts mehr, was vielleicht noch Charme versprühen, was die Menschen ansprechen könnte. Da ist rein gar nichts mehr, was der Werbewirtschaft Hoffnung geben könnte. Und wenn wir von Geld sprechen, dann brechen die Werbeerlöse nicht nur aufgrund der Medienkrise ein, sondern auch wegen der Unfähigkeite einer ganzen Branche.

Das Internet hat die Werbung weitestgehend überflüssig gemacht – im Gegensatz zum Journalismus. Guter Journalismus wird immer gebraucht, auch wenn man ihn heutzutage mit der Lupe suchen muss. Werbung jedoch braucht heute kein Mensch mehr. Durch das Internet ist die gute, alte Mund-zu-Mund-Propaganda global und ein noch größerer Renner als zu Großmutters Zeiten geworden. Der Versuche der Werbewirtschaft mit Testimonials Terrain zurück zu gewinnen, mutet nicht nur lächerlich an, es ist absolut unglaubwürdig — wie die gesamte Branche selbst. Neuen Umfragen zufolge soll die Glaubwürdigkeit der Kirche in den letzten Monaten arg gelitten haben. Die Werbewirtschaft hat nie welche besessen. Und mit ihr zusammen all die Glücksritter, die heute versuchen, das Internet zu verkaufen.

Sie werden nicht gewinnen — und das ist gut so.

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12 Antworten zu “Vodafone ist tot”

  1. SZenso sagt:

    Wenn die Werbebranche ihren Einfluss auf das Konsumverhalten verlieren würde, bräche die Machtbasis der Konzerne zusammen. Produkte sind austauschbar, Marken nicht. Nur weil uns ständig eingetrichtert wird, es muss von XY sein, kaufen wir es auch und sorgen dafür, dass unsere Kinder auch XY kaufen werden. Es wäre ein schöner Traum, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Leider sehe ich diese Entwicklung in der Masse nicht. Wäre es so, dann wäre es ein Ereignis, das den Sturm auf die Bastille verblassen lassen würde.

  2. Maschinist sagt:

    Ich habe lange in der Werbung gearbeitet. Mir kommt es so vor, als ob die Werbung mitten in den 90ern stehen geblieben und in Selbstverliebtheit erstarrt ist. Gerade die Vodafone-Show-Präsentation, die uns das «Empowerment» geben wollte, liess mich nur massiv kopfschüttelnd zurück. Diese Agenturen fand ich mal wirklich gut — Mea Culpa!
    So peinlich wie diese Aktion auch war, ich glaube nicht dass das der Werbung allein zuzuschreiben ist. Auch da gibt es auch heute noch Leute die lebendig und denkend sind. Aber eine Werbeagentur kann letztlich nur Vorschläge anbieten die der Kunde annehmen muss. Das ist oft das grösste Problem, so viele wirklich gute Kampagnen habe ich dann abgelehnt im Schredder gesehen weil der Kunde sie nicht verstanden oder aus anderen Gründen abgelehnt hat. Der Vorstand von Vodafone wird wohl eher selten in Blogs nachlesen was von seiner Firma gehalten wird. Dafür haben die Zuträger die das Internet ausdrucken — kein Witz!
    Für die «Qualitätsjournalisten» sehe ich düsterer. Die sind in den 80ern erstarrt — und es gefällt ihnen bis heute.
    Werber können auch in der jetzigen Zeit gute Arbeit leisten, Obama’08 hat’s gezeigt. Sie müssen eben nur Werber aus heutiger Zeit sein.

  3. Rainersacht sagt:

    Das Sterben der Reklame prognostiziere ich auf verschiedenen Kanälen seit über zwei Jahren und werde dafür von Werbefuzzis verunglimpft und beschimpft. Bin froh, dass jetzt auch andere erkennen, dass die Warenpropaganda dem Ende zu eiert…

  4. Wolfgang sagt:

    Chris, ich stimme Dir voll zu. Werbung verliert immer mehr an Einfluss. Schaut euch nur die Werbung auf Pro7 an. Dort wird die Werbung inzwischen nur noch von kleinen Filmsequenzen unterbrochen. Für diese Werbung gibt es die Mute-Taste auf der Fernbedienung. Und für das Internet gibt es Ad-Blocker. Die Werbemacher versuchen diesen Trend mit immer «authentischerer» Werbung aufzuhalten. Das scheint aber gründlich in die Hose zu gehen.

    Über die Radio-Werbung spez. der von CarGlas habe ich mich gerade noch gestern Abend in meinem Blog ausgelassen. Und es hat funktioniert! Ich habe diese nervige Werbung heute noch nicht einmal gehört. 😉

  5. andre sagt:

    Ein Absolut superber beitrag von dir! fand ich wirklich prima geschrieben und ich kann dir nur recht geben, die ganze werbekampagne vom lieben 1&1 mitarbeiter der dir auch in der kneipe nebenan den vertrag aufschwatzen könnte ist inzwischen nur noch eine lachnummer, ich kenn niemand der den erstnimmt und selbst profiseller dürfen sich nur noch witze über diesen typ anhören.

    ich bin ehrlich gesagt sehr froh das die großen werbemogule langsam aber sicher vom «kleinen» internet einfach nur noch verarscht werden und es nicht verstehen wird das es das netz durchschaut was da abgeht… jedenfalls wirklich guter blogeintrag :)

  6. might be paranoid sagt:

    hach ja … wenns doch nur schneller gehn würde. mit dem ende der beleidigenden beschallung der potenziellen kunden.
    ich stelle bei mir teilweise sogar einen gegenteiligen effekt von werbung fest. wenn ein unternehmen von dem ich einen guten eindruck hatte dick fernsehwerbung und andere dümmliche kampagnen fährt weckt das in mir den drang meine meinung nochmal zu überdenken. da muss irgendwas faul sein sonst würden die nicht mit soviel einsatz nach idioten fischen. teilweise stellt man dann fest das ne gute sache kaputtoptimiert wurde und nun tatsächlich nur noch eine masse an bescheuerten das nötige wachstum sichern kann. manchmal wars dann aber wohl doch nur gewohnheit oder ein überzeugender werber der das in gang brachte und man kann das produkt / die dienstleistung trotz werbung für gut befinden.

  7. Grainger sagt:

    Grundsätzlich könnte ich ja mit etwas Werbung in eher geringem Umfang leben, aber es wird einfach zu viel:

    • mein Hausbriefkasten wird zugemüllt.
    • am Telefon werde ich (immer noch — trotz mehrfach verschärfter Gesetzgebung) von unerwünschten Werbeanrufen belästigt.
    • die Printmedien bestehen inzwischen zu gefühlten 50% aus Werbung (einer der Gründe, warum ich bereits vor einiger Zeit fast alle Abonnements gekündigt habe).
    • im privaten Fernsehen wird das Programm alle 15–20 Minuten für Werbung unterbrochen. Nicht einmal die Öffentlich-Rechtlichen, die über mehr als ausreichende Milliarden an Gebühreneinnahmen verfügen, sind im Gegenzug wenigstens werbefrei.
    • und die Werbung allgemein sowie deren Aufdringlichkeit nimmt im Internet auch permanent zu.

    Das ist einfach ein Overkill, der dazu geführt hat, dass ich mich von Werbung in jeder Form inzwischen nur noch belästigt fühle.

    Es mag zwar auch noch den einen oder anderen halbwegs originellen oder witzigen Werbespot geben, aber selbst der wird in kurzen Abständen wieder und wieder ausgestrahlt. Monatelang. Bis zum Erbrechen.

    Aber wie oft kann man denn über einen Witz (und sei er auch noch so lustig) denn lachen? Dreimal? Viermal? Sehr viel häufiger wohl nicht.

    Im Internet ist es noch mit dem geringsten Aufwand möglich, diese Werbung zu einem großen Teil auszublenden.

    Und das mache ich auch. Ohne schlechtes Gewissen. Standardmäßig surfe ich sowieso ohne Cookies und ohne Referrer (und mit weitgehend geblockten Popups und einer einigermaßen gepflegten [I]URLFilter.ini[/I] — eben das, was Opera bereits mit Bordmitteln ermöglicht).

    Wenn ich im Bekanntenkreis mal einen Rechner warte, auf dem nur der Internet Explorer ohne irgendwelche Adblocker eingesetzt wird, bin ich überrascht, wie grausam manche Seiten ohne Filtermaßnahmen aussehen.

    Schon werden Maßnahmen geplant (und sind teilweise schon umgesetzt), dass (zumindest beim HDTV der privaten Anbieter) Werbung nicht mehr ausgeblendet oder weg geswitcht werden kann. Technisch wird vermutlich während eines Werbeblocks einfach die Empfangsdiode der Infrarotfernbedienung ignoriert (läßt sich sicher in die Firmware der Receiver leicht einbauen). Man kann nicht wegschalten oder auch nur die Lautstärke reduzieren. Konsumzwang pur.

    Bleibt nur, denn Stromstecker zu ziehen.

    Übrigens wollen die privaten Anbieter dafür auch noch eine Gebühr haben (zumindest für HDTV mit Werbezwang).

    Vermutlich werden genug Konsumenten tatsächlich blöd genug sein, dafür auch noch zu bezahlen.

  8. Sven E. sagt:

    Da ist Nichts mehr, was vielleicht noch Charme versprühen, was die Menschen ansprechen könnte.

    Mich sprechen die Lucky Strike-Plakate, die Coca Cola versus Pepsi-Battles (USA) und die Heineken-Werbung an. Allerdings werde ich von der Werbung auch nicht durchgehend belästigt, weil ich nicht fernsehe und im Browser die meiste Werbung ausblenden kann. Nur YouTube ärgert mich gerade und bombadiert mich mit Lätta-Werbespots.

  9. alex sagt:

    Werbung besteuern — fänd ich super.

  10. Franse sagt:

    Grade das Internet bietet den idealen Boden für Viral Marketing und das Aufkaufen von Meinungsführern. Ich schätze nicht, dass das dann a la «FixMBR wird Ihnen präsentiert von Hasseröder Pilsener» abläuft, sondern unterschwelliger. Da wird dann der IT-Blogger die Lotus-Suite loben, weil er von IBM eine kostenlose Testversion (plus Zulage) bekommen hat, der Nahrungsmittel-Blogger die Bionade und der Polit-Blogger findet die INSM dann doch nicht so schlecht, wenn man es mal aus «diesem» Blickwinkel betrachtet. Sicher, das werden einige Leute merken und sich angeekelt abwenden, nur regiert halt Geld die Welt. Und meines Wissens gilt für Blogs nicht zwingend eine Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt. (Gut, wo wird das in der jetzigen Realität noch ernst genommen… man braucht sich nur die unverhohlene Riester-Werbung allerorts anschauen).

    Also mein Fazit fällt wesentlich pessimistischer aus. Zwar wird es einen Umbruch geben, nur wird der nicht der Untergang, sondern die «Radikalisierung» sein.

  11. truetigger sagt:

    Es gibt sie aber noch, wenn auch selten: Gut gemachte Werbung.

    Daimler Benz z.B. hat seit Jahren eine Anzeigen-Ecke rechts unten auf der Titelseite der Wochenend-Ausgabe des öster. «Standard». Jedes Wochenende ist dort in einer intelligenten, pfiffigen Form irgendein Feature vorgestellt. Kein neues Auto, kein Blabla, sondern auf 8x8cm Fläche eine Geschichte, ein Symbol, eine Aussage, eine Idee.

    Ob es was bringt? Direkt sicher nicht, man kauft sich ja nicht alle Tage ein Benz, nur weil man die Lieblingszeitung greift. Aber die Rubrik schafft es, den Konzern irgendwie positiver darzustellen.

    Doch abgesehen von GANZ ganz wenigen Gegenbeispielen wirkt heutige Werbung in ihrer Niveaulosigkeit vor allem beleidigend.

  12. olhe sagt:

    >Ob es was bringt? Direkt sicher nicht, man kauft sich ja nicht alle Tage ein Benz, nur weil man die Lieblingszeitung greift. Aber die Rubrik schafft es, den Konzern irgendwie positiver darzustellen.

    Wo Werbung derart zu wirken vermag — Respekt an die Werbenden — dort ist der mündige Bürger unlängst in Zweifel zu ziehen.

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