Unsere Gesellschaft am Scheideweg — Sie schafft es, sie schafft es nicht, sie schafft es

BlumeDer Staatsstreich, der im Moment von Roman Herzog und anderen forciert wird, kommt nicht von ungefähr. Die neoliberale Kaste kann sich heute kaum noch auf ihre Politiker verlassen. Wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen präsentiert sich derzeit die Politik unseres Landes. Dabei ist es völlig egal, ob es um die aufrechte CDU geht, die lächerliche SPD, die Freiheitsstatue FDP oder die Umfallerpartei der Grünen. Das Chaos, welches zur Zeit in unserem Land herrscht, hat aber nur bedingt mit dem Erstarken der Linkspartei zu tun — um die Menschen zu verstehen, sollte man vielleicht mal mit den Menschen sprechen, ihnen zuhören, die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Dass die Linkspartei nun auch im Westen gewählt wird, ist nicht Auslöser der derzeitigen Verhältnisse — es ist die Folge der Politik, dem Handeln der etablierten Parteien seit Mitte der siebziger Jahre. Die Politik hat versagt — auf ganzer Linie. Politiker sind keine Menschen mehr — es sind zum Großteil Juristen. Politiker interessieren sich nicht für die Menschen, sie wollen nicht die Welt verbessern, wie es früher vielleicht einmal der Fall war. Politiker wollen die eigene Macht, die Macht der eigenen Partei sichern. Politiker pervertieren täglich den Willen der Menschen, sie fügen unserem Land großen Schaden zu — in manchen Fällen wahrscheinlich sogar unbewusst, nicht gewollt, zerstören sie unsere Gesellschaft, das Miteinander — sie zerstören Menschenleben und Familien.

Reformen — allein dieses Wort beschreibt unsere gesellschaftlichen Verhältnisse perfekt. Waren es früher Reformen, die dem Volk, den Menschen, den Arbeitern zugute kamen, ist heute das Gegenteil der Fall. Über Jahrzehnte, man kann sogar sagen, über zwei Jahrhunderte haben die Menschen nicht nur in diesem Land, im gesamten industriellen Europa für ihre Rechte, für ein besseres Leben, für mehr Gleichberechtigung gekämpft. Und sie waren durchaus erfolgreich. Die Rente, die Krankenversicherung, die Arbeitslosenversicherung — kurzum, unser großer, vorbildlicher Sozialstaat. Unser Staat, unsere Gesellschaft war auf einem Miteinander aufgebaut. Die Arbeiter halfen mit ihren Beiträgen den Arbeitslosen, die Jungen sorgten für die Alten. Moderner kann sich kaum ein Sozialstaat präsentieren. Seit 2–3 Jahrzehnten jedoch gibt es mächtige Interessengruppen, die diesen Sozialstaat zerstören (wollen). Um nur ein Beispiel zu nennen: Die private Rentenvorsorge spült bis zu 3stellige Milliardenbeträge in die Kassen der Versicherer. Wer die Zeche zahlt? Selbstverständlich die Bevölkerung — der Arbeiter, die Arbeitslosen, die sogenannte Mittelschicht. Wie soll es auch anders sein, wenn Geld von unten nach oben verteilt werden soll.

Um diese Ziele zu erreichen bedient man sich der einfachsten Mittel. Man gründete so erhabene Organisationen wie die INSM oder den Konvent für Deutschland, kauft ein paar aus dem Amt gejagte Politiker — oder eben die Damen und Herren, die sich für ein paar Euro für nichts zu schade sind. Dazu eine PR-Kampagne, die ihres gleichen sucht. Die Reformen sind notwendig, wir leben über unsere Verhältnisse — die Ächtung von Nobert Blüm und seinem Ausspruch, die Rente ist sicher. Die etablierten Medien sind komplett auf Linie gebracht worden. Im Mainstreamjournalismus gibt es gegenüber dieser neoliberalen Lehre keine Gegenstimme mehr. Sei es nun der SPIEGEL, die FAZ oder ganz zu schweigen von der Springer’schen Hetzblättern — der kritische Journalismus ist in unserem Land nicht mehr existent, er ist schlicht und ergreifend tot. Da nützen dann auch ein paar wunderbare Artikel zum Orwell’schen Überwachungsstaat vom Innenressortleiter der SZ, Heribert Prantl, nicht mehr. Im gleichen Blatt wird dann wie überall von der roten Gefahr geschrieben, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die durchaus vorhandene schwierige Situation der Verlage nicht von ungefähr kommt. Man ist versucht, die alte Spraydose aus dem Schrank zu holen und an den Wänden der Verlage zwei Wörter zu sprühen: Selbst schuld.

Es fällt mir schwer, mit den Journalisten diesen Landes auch nur ein Hauch von Mitgefühl zu empfinden — zu bereitwillig haben sie den Weg für die Zerstörung dieser Gesellschaft geebnet. Ihnen allein fällt eine große Schuld zu, die unser Land zu dem gemacht haben, zu welchem es heute geworden ist. Und doch ist es die Gesellschaft, sind wir es, die heute vielleicht mehr denn je darum kämpfen muss, damit dieses Land, diese Gesellschaft, wir wieder den Weg zurück zu einem Miteinander finden. Die neoliberale Kaste konnte nur so wahnsinnig erfolgreich sein, weil sie es geschafft haben, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen gegeneinander aufzuhetzen — Rentner gegen Studenten, Arbeiter gegen Arbeitslose, Jeder gegen Jeden. Das muss aufhören. Rentner und Studenten sollten gemeinsam gegen die Studiengebühren und die nächste Nullrunde bei den Renten auf die Straße gehen, die Arbeitslosen sollten die Streikenden unterstützen, der Arbeiter den arbeitslosen Nachbarn zum Grillen einladen. Erst wenn aus dieser vielleicht neuen Gesellschaft heraus eine neue Politikergeneration heranwächst, wird sich etwas ändern können. Aber — zur Zeit ist da kein noch so kleiner Silberstreif am Horizont zu erkennen.

Diese Gesellschaft, unser Miteinander wird von den Politikern, angetrieben von mächtigen Interessengruppen, zerstört werden. Dass diese Gesellschaft von sich aus etwas ändert, ist nicht zu sehen, selbst die größten Optimisten sollten dies nicht mehr erwarten — schließlich glaubt kein aufgeklärter Mensch heute noch, dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich um unseren Planeten dreht. Wir haben es perfekt verstanden, eine Ellenbogengesellschaft, eine Gesellschaft voller Egoisten zu kreieren. Jeder ist sich selbst der nächste — ein Jeder von uns ist ein Kind der neoliberalen Lehre geworden. Und doch, ich drücke es immer so aus, das Volk mag blind sein, doch es kann im Dunkeln sehen, ist ein Grummeln da draußen zu vernehmen. Jahrzehntelange PR, die (politischen) Kampagnen verhindern mittlerweile fast jegliches selbstständiges Denken. Aus unserem Volk wurde eine Armee von neoliberalen Soldaten, ich bin fast geneigt Universal Soldiers zu sagen — und doch sind es die Gefühle, die Empfindungen, die uns von Tieren und anderen Lebewesen unterscheiden. Und auch wenn der Mensch laut neoliberaler Lehre einfach nur zu funktionieren hat, haben diese Damen und Herren es bisher nicht geschafft, unsere, diese Gefühle und Empfindungen abzustellen um die letzte Gegenwehr erfolgreich zu besiegen. Das macht dann vielleicht doch noch ein klein wenig Hoffnung.

Im Moment stehen der neoliberalen Kaste nur unsere Gefühle und Empfindungen entgegen — doch reicht das nicht mehr aus. Diese Gesellschaft muss aus dem, was uns zu Menschen macht, wieder die Kraft schöpfen, unsere Gesellschaft zu einem Miteinander zu machen, es ist wieder an der Zeit, dass wir für eine Gesellschaft kämpfen, an der wir teilhaben möchten — einem Miteinander, eine Leben, in der nicht die verschiedenen Gruppierungen erfolgreich gegeneinander aufgehetzt werden können. Diese Gesellschaft, die Menschen waren in der Vergangenheit erfolgreich steuerbar, weil sie selbst faul und desinteressiert sind. Der große Teil dieser Gesellschaft ist es noch heute — man kann nur hoffen, dass dies nicht mehr lange der Fall ist. Mir persönlich fehlt mittlerweile fast der Glaube daran — der Egoismus, die Ellenbogengesellschaft wird weiter voran getrieben werden. Ohne Rücksicht auf Verluste weiß die neoliberale Kaste die Medien hinter sich, die Menschen verlassen sich auf die Medien und sind somit verlassen. Und doch habe ich ein Grummeln in mir, es wird immer lauter — die Hoffnung stirbt zuletzt…

16 Antworten zu “Unsere Gesellschaft am Scheideweg — Sie schafft es, sie schafft es nicht, sie schafft es”

  1. EuRo sagt:

    *nichtendenwollender Applaus*
    (Aber nur, weil der Text von dir ist und nicht von einem Berufspolitiker)
    Das ist ja eine Grundsatzrede. Fast schon zu schade für ein «profanes» Blog.

  2. Richard sagt:

    Danke.

  3. KlausS sagt:

    @EuRo: Das ist keine Grundsatzrede. Das ist der Abgesang auf unser System, ein sehr nüchterner Abgesang, ohne Übertreibungen und Beschwichtigungen. Einfach nur gut beobachtet.

    @Chris: Schön, daß du noch Hoffnung hast. Wie lange noch? Und vor allem: worauf? Bis die Erkenntnis, was denn überhaupt falsch läuft, bei einer hinreichend großen Menge auch nur halbwegs herangereift ist, wird es noch lange dauern. Zu oft habe ich schon die Worte gehört: «Das bringt doch alles nichts, ich kann ohnehin nichts ändern. Und außerdem ist es doch nur halb so schlimm, male nicht alles immer so schwarz!»

    Wie du schon selbst so gut formuliertest, es ist vor allem Desinteresse. Doch woher stammt dieses? Ich befürchte, daß es immer weiter zu einem Rückzug in den engsten Kreis der Familie bzw. Freunde kommen wird. Das, was eine Gesellschaft ausmacht, wird aufgrund der widrigen Umstände immer mehr verkümmern. Ein Miteinander größerer Bevölkerungsgruppen gegen die Ursachen dieses Zustands scheint in weite Ferne gerückt. Zumal die Weichspülung durch das Mediengelumpe ihr Ziel eigentlich schon erreicht hat.

  4. Karl sagt:

    Anfangs war ich begeistert von Deiner Rede. Dann verwendest Du das Wort neoliberal als negativen Kampfbegriff, ohne zu begreifen, daß blöde Linke den Begriff nicht verstanden und damit verbogen haben.

    «Der neue Liberalismus jedenfalls, der heute vertretbar ist, und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört.» (Alexander Rüstow während einer Rede vor dem Verein für Socialpolitik)

    «Wir sind der Meinung, dass es unendlich viele Dinge gibt, die wichtiger sind als Wirtschaft: Familie, Gemeinde, Staat, alle sozialen Integrationsformen bis hinauf zur Menschheit, das Kulturelle überhaupt. All diese großen Bereiche sind wichtiger als die Wirtschaft. Aber sie können ohne die Wirtschaft nicht existieren; für sie alle muss die Wirtschaft das Fundament bereiten. Wenn sie nicht dafür sorgt, dass die materiellen Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens gegeben sind, können alle diese Dinge sich nicht entfalten. Es ist der eigentliche Zweck der Wirtschaft, diesen überwirtschaftlichen Werten zu dienen. Daraus folgt, dass die Wirtschaft ihrerseits nicht Formen annehmen darf, die mit jenen über wirtschaftlichen Werten unvereinbar sind. Die Wirtschaftsfreiheit ist die notwendige, die unentbehrliche Grundlage der politischen Freiheit, der menschlichen Freiheit, das heißt also, sie steht im Dienste der Menschenwürde.«
    http://www.trend-zeitschr.….008.html

    Du siehst also, daß der «Erfinder» des neuen, also des Neoliberalismus, sehr vernünftige Ansichten hatte. Es ist nur schade, daß die real exisitierenden Wirtschaftspolitiker seine Ansichten so gar nicht verstehen.

    Also bitte: Stimme künftig mit ein, wenn es heißt: «Wir brauchen den Neoliberalismus!».

  5. Chris sagt:

    Ich war auch mal jung und hatte mehr Haare auf dem Kopf. Der heutige Neoliberalismus hat als Ziel die Zerstörung unserer Gesellschaft, eine Rückkehr zum Feudalismus. Mir sind die Anfänge durchaus bekannt…

    Und bei Liberalismus ansich muss ich an dem Guido seine Spaßpartei und seiner Politik für die Oberen 5 Bürger dieses Landes denken… 😉

    Lesetipp: Butterwegge — Kritik des Neoliberalismus

    @KlausS: Ich habe die Hoffnung, dass die Leidensfähigkeit der Menschen nicht unendlich ist…

  6. Ich schließe mich EuRo und Richard an.

    Und Liberalismus ist nichts schlimmes — mit und ohne Neo. Sozialdemokratie, Christdemokratie oder Christsozialismus genauso wenig. Ideengeschichtlich betrachtet zumindest.
    Nur das, was daraus gemacht wurde ist verabscheuungswürdig.

  7. Chris sagt:

    Dem kann man sicherlich zustimmen — das, was daraus gemacht wird, ist grausam…

  8. Max sagt:

    Für die allernächste Zukunft in Dtland (Europa) sieht es vllt. nicht so rosig aus, aber ich finde man muss da nicht unbedingt den Kopf in den Sand stecken. Schaut was in Südamerika los ist. Ein Kontinent emanzipiert sich (ok: mit ganz kleinen Schritten, vielen Rückschlägen, aber nur so kanns gehn) nach gut 500 Jahren vom Feudalismus. Und du hast selbst darauf hingewiesen, das wir 200 jahre bis hierher gebraucht haben, vergesst nicht das es auch dabei immer wieder Rückschläge gab, aber nichtmal die Nazis konnten das was danach kam verhindern. Wir haben heute nur den Hauch einer Ahnung wie das Internet und andere Kommunikationsformen die Gesellschaft verändern können und je weiter der ungezügelte Kapitalismus vorprescht, desto weiter zeigt er seine Schattenseiten, desto mehr Menschen merken was los ist. Ich würde mir da nicht ins Hemd machen und vor allem die «Masse» nicht unterschätzen. Die «Protestwähler» kommen doch nicht von ungefähr.

  9. SwA sagt:

    @4
    Nun, in der Idee des Liberalismus ist der Egoismus die Triebfeder für das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Handeln. Diese Idee des Liberalismus hat sich im 18. + 19 Jahrhundert soweit pervertiert, dass es faktisch zu einer Art Sklaverei verkommen ist. In vielen Ländern, gerade der Dritten Welt, ist dies noch heute so. Aus dieser Erfahrung heraus (und dem Schrecken des 2. Weltkriegs) ist dann ja auch der Neoliberalismus entstanden. Der Neoliberalismus ist eine Erfindung von Ludwig Erhard. Unter anderem zumindest. Und damit war immer die bundesrepublikanische soziale Marktwirtschaft gemeint. Es war eine annähernd egalitäre Gesellschaft. (Welche die phösen Linken ja als Ziel anstreben). Nur hat man diese Idee wieder komplett verworfen und ist zur Idee des Manchester-Liberalismus zurückgekehrt. Obwohl man die Auswirkungen kennt und heute noch in vielen Ländern sehen kann. Mit dem Begriff «die Wirtschaft» ist (hoffentlich) etwas anderes, grundsätzlicheres gemeint als es heute begriffen wird. Man braucht die Wirtschaft, richtig. Nur sollte man unter «Wirtschaft» etwas völlig anderes verstehen als es dargestellt wird. Selbst der Tauschhandel vor 10.000 Jahren war Wirtschaft. Das die Form der «Freien Marktwirtschaft», also eher «Wirtschaftsanarchie» nicht im Sinne der Menschenwürde handelt, kann und konnte man in allen Ländern in vielen Epochen der letzten 500 Jahre sehen.

    Ich bleibe eher bei: «An der sozialen Makrtwirtschaft führt keine Weg dran vorbei»

    Wenn wir in Frieden leben wollen, und auch in Würde leben wollen, dann gibt es dazu keine Alternative.

  10. Steven sagt:

    Wow! Was für ein Artikel — und Beispiel für Info-Qualitiät durch einen Blog. Mehr als verbales «applaudieren» wage ich nicht.

  11. Musikdieb sagt:

    Echt super! Auch die meisten Kommentare sind lehrreich. Ihr solltet alle in die Piratenpartei kommen und beim Ausarbeiten unseres Programmes helfen. :)

  12. Chris sagt:

    Ich danke Euch für Eure feinen Worte… :)

  13. […] Passend zu Chris Artikel eine Illustration von Flier’s Welt. […]

  14. palindrom sagt:

    Extrem gut analysiert und pointiert kommentiert, das gefällt mir mir ausnehmend gut. In einem kommenden zweiten Teil würden sich ein paar Handlungsideen noch ganz gut machen 😉
    Beste Grüße
    p.

  15. Fenrir sagt:

    Super Artikel danke. Ich hoffe es kommt auch in wenigstens einigen Köpfen an.

  16. […] den „Raubtierkapitalismus“, der die soziale Marktwirtschaft verdr

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