Und die Armut wird größer

Beck vs. ChrisArbeitsminister Olaf Scholz wird morgen den Armutsbericht von einem der reichsten Industrieländer der Welt vorstellen — natürlich den der Bundesrepublik Deutschland. Ganz seinem Niveau entsprechend hat der gute Herr Scholz aber vorab schon die wichtigsten Passagen veröffentlicht — in einem Interview mit der BILD am Sonntag. Der Armutsbericht hat für interessierte F!XMBR-Leser keine Überraschungen bereit. Die Kluft zwischen reich und arm wächst rasant, jeder vierte Deutsche ist arm, jeder achte Deutsche lebt in Armut. Zynisch die Argumentation des Arbeitsministers zu nennen, wäre noch harmlos ausgedrückt. Durch Sozialtransfers wie Kindergeld oder Arbeitslosengeld II werden die Menschen in diesem Land vor dem Abrutschen in Armut bewahrt. Und ja, Ihr lest richtig — die Agenda 2010 und ihre asozialen Auswüchse bewahrt die Menschen vor der Armut — sie ist keinesfalls Grund dafür, Gott bewahre. Jedem halbwegs intelligenten Menschen ist klar, und das wurde schon von der einen oder anderen Studie nachgewiesen, dass die Agenda 2010, Hartz IV für die Umverteilung von unten nach oben verantwortlich ist — mit diesen Instrumenten lässt sich ganz hervorragend Druck auf die unteren und mittleren Einkommen ausüben. Kinder hungern dank der SPD und der Union in diesem Land. 2,6 Mio. Kinder haben praktisch per Geburt keine Zukunft — in keinem anderen Land ist die Chance niedriger, aufzusteigen, wie in dem ach so fortschrittlichen Deutschland.

Natürlich wird der Armutsbericht gleich dazu genutzt, unglaubwürdig Wahlkampf zu betreiben — die altbekannte Forderung nach Mindestlöhnen wird in den nächsten Monaten ganz oben auf der Agenda der SPD stehen. Ich nenne sie dabei immer unglaubwürdig — unser Land könnte bereits Mindestlöhne haben — wenn die SPD im Bundestag zugestimmt hätte. Oder noch viel besser: Ohne die menschenverachtende Politik der letzten Jahrzehnte hätte unser Land gar keine Mindestlöhne nötig. Hätte die SPD Politik für die Menschen gemacht, müsste man nicht im Ansatz über Mindestlöhne nachdenken. Die SPD (und die Union), sie bekämpfen die Armut nicht, sie sind maßgeblich dafür verantwortlich. Die derzeitige Situation ist politisch gewollt — eine verarmte Bevölkerung lässt sich bestens kontrollieren, die eigene Macht wird gefestigt. Und man verhindert zugleich, dass vielleicht ein Sohn eines Hartz IV-Empfängers den Job von Dumpfbacke Sohnemann übernimmt. Die prekäre Situation in Deutschland ist Folge generalstabsmäßig geplanter Politik um die eigene Macht zu sichern, um die Menschen unter Kontrolle zu halten. Kein Politiker hat zudem Interesse daran, Politik für seine Wähler zu machen. Dann lassen ihn seine Geldgeber schneller fallen, als er amen arm sagen kann — somit wird jeder Politiker alles dafür tun, dass das Kapital in diesem Land seine Wünsche erfüllt bekommt.

Olaf Scholz drückt, ganz dem Medium entsprechen, auf die Tränendrüse. Sich als Experte aufspielend, gibt er zu Protokoll, dass das Gefühl der Menschen das schlimmste sei, sie könnten an ihrer Situation sowieso nichts ändern, sie haben keine Chance das Leben zu verbessern. Man muss es schon fast pervers nennen. Da werden die Opfer dieser Politik zu Ein-Euro-Jobs gezwungen, müssen jeden Tag in den Medien lesen, dass sie doch nur Abzocker und Schmarotzer sind — täglich wird ihnen gesagt, dass sie sich anzupassen haben. Anstelle die Stärken Deutschlands hervorzuheben, gibt es eine Horrormeldung nach der anderen — und die Schuldigen sind schnell ausgemacht. Man sollte vielleicht mal dem Herrn Scholz folgendes sagen: Es ist kein Gefühl. Mittlerweile zeigen mehrere Studien, dass es traurige Realität in diesem Land ist. Es ist die Folge menschenverachtender SPD-Politik. Gerade Olaf Scholz, der unter Gerhard Schröder SPD-Generalsekretär war, ist maßgeblich für die jetzige Situation mitverantwortlich. Den Auftritt Olaf Scholz’ in der BamS perfide zu nennen, wäre ein Kompliment für den Arbeitsminister. Im Übrigen sei angemerkt, dass Armut in Deutschland an den durchschnittlichen Einkommen gemessen wird. Sinken die Durchschnittslöhne, sinkt auch der Betrag, der Armut definiert. Wenn man nun die letzten Jahrzehnte Revue passieren lässt, kann man ungefähr erahnen, wie grausam und schlimm die Lage wirklich ist. Da braucht es aber auch keinen Armutsbericht. Da reicht ein Blick nach draußen, in die Suppenküchen, in die Realität. Aber die SPD und die Realität, die SPD und Menschlichkeit, die SPD auf Seite der Schwachen dieser Gesellschaft — das ist ungefähr das gleiche wie ich und stricken.

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29 Antworten zu “Und die Armut wird größer”

  1. […] Da das Ganze so aufgebaut ist, wie so ein Textadventure, ist es besonders schwierig, zu den originären Quellen vorzudringen. Sobald ich es habe, werde ich es veröffentlichen. Wer Cheats hat, möge sie mir schicken. […]

  2. Martina sagt:

    Chris,
    du solltest schon darauf achten, nicht alle SPD’ler über einen Kamm zu scheren. Was die Bundes-SPD macht, deckt sich nicht mit der Arbeit z.B. auf der kommunalen Ebene.

    Wir hier, an der «Front», müssen uns immer mehr die Wut der Wähler anhören. Dabei sind wir wirklich die unterste Ebene, die auch nur einen «rudimentären» Einfluss auf die Bundespolitik haben.

    Wir hier sind genauso von den Konsequenzen der Politik betroffen, wir haben keine Diäten oder so, die uns unser Leben «versüßen». Was wir machen, ist ehrenamtlich.

    Und es gibt Ortsverbände, die mit Blick auf die Bundespolitik inzwischen nur noch zwischen Fassungslosigkeit und Ohnmacht hin und her wanken.

    Wir müssten uns genauso verbiegen wie die Parteisoldaten, woll(t)en wir über unsere «Kandidaten» unsere Ziele umsetzen. Und dagegen wehren sich viele von uns.…

    Der Unwille an der Basis ist mehr als groß! Und irgendwann wird es den großen Knall geben!

  3. phoibos sagt:

    irgendwann? tretet doch aus dieser parteisimulation aus! volkspartei ist der laden schon lange nicht mehr, warum also den apparatitschiks die illusion davon gönnen?

  4. Oliver sagt:

    >tretet doch aus dieser parteisimulation aus!

    Ich bin sogar nach langer Abstinenz wieder eingetreten.

  5. Rudi sagt:

    Peng! Martina und ihre Parteisoldat_innen, auf zum Kampf gegen die Parteispitze! Und was wird sich dann aendern? Ich hab da ja so eine Ahnung: «wir haben keine Diäten oder so, die uns unser Leben “versüßen”. Was wir machen, ist ehrenamtlich.»

    Das Problem ist auch ueberhaupt nicht die SPD bzw. deren Spitze. Oder glaubt jemand ernsthaft, unter einer Regierung aus pechschwarzem Fremdenhass, giftgruener Pseudo-Moralitaet und neidgelbem Wirtschaftsfaschismus ginge es besser?

    Keine Partei ist willens, die bestehende (Un-)ordnung zu ueberwinden. Und, das muss mensch ihnen lassen, bis auf die sog. Linke behauptet das auch keine der fuenf Etablierten.
    Die Frage nach der Parteizugehoerigkeit stellt sich also gar nicht, da sich alle Entscheidungstraeger dem selben asozialen Gesellschaftsmodell (vorsicht: Oxymoron!) verschrieben haben.

    Der deutsche Bundestag gehoert renoviert, alle Stuehle nach rechts aussen!

    «Politik kann man in diesem Land definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung.» Kurt Tucholsky

  6. kobalt sagt:

    Oliver:
    «Ich bin sogar nach langer Abstinenz wieder eingetreten.»

    Doch hoffentlich, um Dich als Kandidaten aufstellen zu lassen…

  7. Tony sagt:

    ich glaube so hoch gegriffen ist dieser beitrag gar nicht.

    wenn man mal in die zukunft blickt, wird das mit den derzeitigen aktionen auf jeden fall in keiner hinsicht besser.

  8. Anonym sagt:

    Einfach austreten. Geht schneller und einfacher, als man glaubt. Ob das auch nur den gerinsten Einfluss auf die Politik der herrschenden Kreise hat, sei dahingestellt, denn sie schaffen es ja auch problemlos, den schon jetzt beachtlichen Mitgliederschwund schönzureden.

    @Rudi: Ich stimme zwar mit deiner Grundaussage weitgehend überein, aber wenn du schon Tucholsky zitierst, dann lass dir folgendes gesagt sein: Als Sprachsatiriker hätte er sich über unsägliche Formulierungen wie «das muss mensch [!] ihnen lassen» vermutlich einfach nur lustig gemacht. Und das zu recht, denn derartige sprachliche Phantasieprodukte erinnern nur zu gut an die Vorgehensweise ganz anderer politischer Gruppierungen, mit denen du sicherlich nichts zu tun haben willst. Gegen den Neusprech der Neoliberalen muss man entschieden vorgehen, keine Frage, aber dabei den Menschen selbst in penetranter Weise absurde Formulierungen aufzwingen zu wollen, halte ich für sehr beunruhigend und erinnert mich fast schon an Gehirnwäsche.

  9. Oliver sagt:

    @kobalt

    >Doch hoffentlich, um Dich als Kandidaten aufstellen zu lassen…

    Nein das würde selbst wenn ich derartiges vor hätte nie funktionieren.

    @rudi

    >Keine Partei ist willens, die bestehende (Un-)ordnung zu ueberwinden.

    Korrekt, weil Volk nicht will. Wir reden hier schließlich nicht vom Führerprinzip, sondern von einer Demokratie. Also hintern hoch und beteiligen, amn sieht doch das aufrechte Demokraten wählen, aber wenn diese nur im stillen Kämmerlein jammern, tja …

  10. EuRo sagt:

    Zum Thema Parteiaustritt habe ich zwei Aussagen beizutragen: 1. Als ich zur Polizeischule ging (mein erstes Leben 1975!) hatten wir einen Sozi als Lehrer, der sagte: «Wenn ich heute nochmal in eine Partei eintreten sollte, dann in die CDU. Da kann ich wenigstens noch was bewirken. In der SPD laufe ich offene Türen ein.»(Gruß an Herrn Kruse, falls er noch lebt).
    2. Unser aller Nachdenkseitler Albrecht Müller ist bekennendes SPD Mitglied, weil er das Feld nicht «denen» überlassen will.
    Damit will ich sagen, dass ich um jeden trauere, der aus Frust den Laden verlassen hat, weil er eine Chance weniger ist, was zu ändern. Danke für den Mut der Basis, es wenigstens zu versuchen. Wir Blogger hier machen es schließlich auch auf unsere Weise. Nur um dem Vorwurf der Bigotterie zu entgehen: Ich hatte noch nie ein Parteibuch, und habe das auch nicht vor. Mir reicht die frustrierende Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, dessen hiesigem Ortsverband bis vor kurzem Klaus Brandner(sic!) vorstand.

  11. Rudi sagt:

    @anonym: Ich hab da so meine Zweifel, dass Tucholsky in dieser Zeit ueberhaupt dazu gekommen waere, sich ueber bestimmte Formulierungen auszulassen, wo es doch so viel Inhalt zu entlarven gilt.
    Von welchen ‘Gruppierungen’ sprichst du ueberhaupt? Linksextremisten, 129a? … kein Problem!
    Ich will diesen Sprachgebrauch niemanden aufzwingen. So wenig, wie ich mir den gaengigen, sexistischen Sprachgebrauch aufzwingen lasse.

    @Oliver: An den Partein und deren Verhalten sehe ich vielmehr, dass es hier nicht um Demokratie geht. Wie ich bereits schrieb, im Grundprinzip sind sich alle Entscheidungstraeger einig.
    Die Behauptung, das Volk wolle es so, ist ueberfluessig und zynisch. Keine Kuh laesst sich schlachten, weil sie es so will.

    Ich widerspreche dir ganz entschieden und sage: Aufrechte Demokrat_innen gehen in der BRD nicht waehlen!

    «Wenn Wahlen etwas bringen wuerden, dann waeren sie verboten!» Kurt Tucholsky (mal wieder)

  12. rudy sagt:

    @ Namensvetter Rudi,
    Zitat:
    Ich widerspreche dir ganz entschieden und sage: Aufrechte Demokrat_innen gehen in der BRD nicht waehlen!

    Ja da widerspreche ich Dir aber, denn wer nicht wählen geht, übrigens ein Recht das erkämpft wurde, trägt zumindest indirekt dazu bei, das die Situation sich so darstellt wie Sie bedauerlicherweise nun mal ist!

    Wer nicht wählen geht hat aufgegeben eben auf demokratischen Weg Änderungen herbeizuführen.
    Durch sein faules Verhalten sorgt er/sie dafür das Kräfte uns regieren, die er/sie ja an für sich ablehnt, aber nicht den Mut zur Konsequenz hat dieses ein für alle Mal durch sein Votum als Souverän abzustellen.

    Vielleicht sollte man einmal über eine Wahlpflicht diskutieren!

  13. Oliver sagt:

    >Durch sein faules Verhalten sorgt er/sie dafür das Kräfte uns regieren,

    Es gehört mehr dazu als den Wahllemming zu mimen, wie man ja in den letzten Jahren sah. Insofern brauchen sich da viele Traditionswähler erst gar nicht auf die Schulter zu klopfen.

    anderer rudi

    >Die Behauptung, das Volk wolle es so, ist ueberfluessig und zynisch. Keine Kuh laesst sich schlachten, weil sie es so will.

    Es ist nicht zynisch, sondern die Realität und deswegen bewegt sich auch nichts. Wo sind die Millionen die nach Berlin gehen und gegen Hartz4 kämpfen etc.? Exakt, die Schuld fortwährend ausschließlich bei anderen zu suchen ist exakt das Problem in Deutschland. Politische Einfalt rettet weder beim Volk die Republik noch bei so manchem Spitzenpolitiker.

  14. Rudi sagt:

    @rudy: Ich habe mich nicht klar genug ausgedrueckt. Natuerlich ist nicht an politischen Wahlen Teil zu nehmen an sich kein konkretes, politisches Statement. Es reicht nicht aus, einfach nicht hinzugehen. Fuer einen ungueltig gemachten Wahlzettel, damit die Stimme nicht unter den Aasgeiern aufgeteilt wird, sollte es schon reichen.

    Aber ich kann nicht sehen, was demokratisch gesinnte Menschen dazu bewegen sollte, im Rahmen einer Wahl ‘ja’ zur Herrschaft anderer, ‘ja’ zum Beherrscht-werden zu sagen. Schon gar nicht bei der aktuellen Auswahl an potentiellen Herrscher_innen.

    Sich klar und bewusst dafuer zu entscheiden, keiner Partei seine Stimme zu geben, ist sehr wohl ein demokratisches Mittel. Mit deiner Forderung nach einer «Wahlpflicht» hast du dich selbst entlarvt, rudy.

    @Oliver: Um bei meiner Metapher zu bleiben: Die Kuh will nicht geschlachtet werden. Aber sie sieht keine Alternative und fuegt sich ihrem Schicksal.
    Viele Menschen haben sich laengst aufgegeben. So wie sie vom System aufgegeben wurden. Ihnen fehlt es an Kraft, an Mut und oft auch an Perspektiven. Sie halten die Fuesse still, weil sie nicht wissen, wofuer sie ueberhaupt kaempfen sollten.
    Und damit zu einem Punkt, an dem wir uns absolut einig sind: Politische Einfalt hilft niemanden. Was wir brauchen, ist Vielfalt!

  15. Oliver sagt:

    >Aber sie sieht keine Alternative und fuegt sich ihrem Schicksal.

    Ich spreche zwar Tieren nicht den Verstand ab und befleißige mich auch aus vielerlei Gründen als Vegetarier, dennoch sollten die dem Menschen zu Verfügung stehenden Mittel der Bildung und auch Information, im Gegensatz zum Rinde, möglich machen gegenteilig zu agieren. Die Stillhaltemethode ist nichts neues, dem Deutschen wurden schon oft der Habitus eines willig zur Schlachtbank trabenden Rindviechs nachgesagt im Laufe der Geschichte dieses Landes.

  16. rudy sagt:

    @Rudi,

    als was meinst Du habe ich mich jetzt entlarvt, als einer der feststellen muss, das nur noch etwa die Hälfte des Souveräns wählen geht.

    Tut mir leid für mich ist das ein Armutszeugnis!

    So und von dieser Hälfte haben nur wiederum etwas mehr als die Hälfte diese Regierung gewählt.

    Also werde ich und wir anderen von etwa einem viertel regiert.

    @oliver

    wie definierst Du Traditionswähler? Und was ist an der Tradition falsch die Möglichkeit wählen zu können.
    Es gibt Länder da besteht diese Möglichkeit defakto nicht.

    Für das Recht zu wählen habe viele gekämpft, deshalb kann ich es nur schwer nachvollziehen wenn einige dieses Recht nicht nutzen.

    Genauso gut gehört es für mich zur Tradition wenn eine Partei nicht mehr meinen Überzeugungen entspricht, diese sogar verrät wie im Falle der SPD schon mehrfach, diese nicht mehr zu wählen.

  17. blogsgesang sagt:

    Wie soll ein Parteiaustritt gegen die wachsende Armut helfen? Das klingt alles sehr resigniert, und natürlich trägt die SPD ein gerüttelt Maß Schuld an der Entwicklung. Vielleicht sollten da die einfachen Mitglieder Druck machen und ihrer Führung sagen, was sie von ihr erwartet. Mehr.

    Niedrige Steuern – hohe Armut

  18. Loui sagt:

    @rudy: du hast vollkommen recht, viele haben für das Recht zu wählen gekämpft, aber eben nicht für die Pflicht. zu dem Recht gehört auch die Freiheit, sich bewusst dazu zu entscheiden, von eben diesem Recht nicht gebrauch zu machen.
    eine Wahlpflicht geht meines Erachtens vollkommen am Problem vorbei, warum die Leute nicht zur Wahl gehen. sie als Wahlvieh vor die Urnen zu treiben löst dieses Problem nicht. Das letzte was dieser Republik fehlt ist imho ein Haufen Idioten, die irgend einen Bullshit ankreuzen weil sie müssen, nicht, weil sie aus Überzeugung von ihrem Recht gebrauch machen.

    Dass die derzeitige Wahlbeteiligung ein Armutszeugnis darstellt ist nichts worüber man reden muss. Vielmehr sollte darüber gesprochen werden, warum so viele nicht wählen gehen bzw. sollte erörtert werden, wie man das ändern kann, ohne das ganze ad absurdum zu führen.

  19. Martina sagt:

    Also,
    das Recht zu wählen oder auch nicht, hat jede/r. Nur sollte jede/r, der/ die sich für den NICHT-Urnengang entscheidet, darüber im Klaren sein, dass somit (nach unserem Wahlsystem) ggf. andere, vielleicht radikalere Parteien gestärkt ins Parlament einziehen.

    Mir geht es jetzt gar nicht darum, Stimmen für die SPD zu «fangen», um Himmels Willen nein! Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, dass der Stimmenproporz berücksichtigt wird. Klar, wenn es eine Partei der Nichtwähler gäbe, dann wäre sie garantiert die stärkste im nächsten Parlament. Dem wird aber nicht so sein. Ob nun 1 Mio Stimmen abgegeben werden oder nur 10, wenn eine Partei 30% der Stimmen hat, dann werden die Abgeordneten dementsprechend einziehen. Und dies wird passieren, ob sich nun jemand dafür entscheidet, sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel zu machen oder nicht. Was zählt ist allein der prozentuale Anteil — und da juckt es die Parteien letztendlich wenig, wenn die Masse der Nichtwähler größer wird. Die Abgeordneten werden so oder so in den Plenarsaal einziehen. Mit unseren Stimmen haben wir zumindestens die Möglichkeit, für etwas Demokratie zu sorgen.

    Nun zur Basisdemokratie: Allein auf Kommunaler Ebene haben die Bürger noch die Möglichkeit, einen direkten Einfluss auf das politische Geschehen vor Ort zu nehmen. Sie können an allen Ausschusssitzungen teilnehmen, wenn sie denn wollten, und sich dort ein direktes Bild der politischen Arbeit machen. Aber rund 99.9 % der Bürger scheint dies gar nicht zu interessieren: Stattdessen ist das Gemaule dann groß, wenn Entscheidungen getroffen werden, die sie (unangenehm) betreffen.

    Selbst zu Bürgerstammtischen, die von den hiesigen Parteien ausgerichtet werden, kommen nur einige; dabei könnten es soviel mehr sein!

    Wir hier an der Basis haben das auszubaden, was die da oben ausbocken! Nur — selbst wir können keinen Einfluss darauf nehmen, was in Berlin oder in Düsseldorf geschieht. Denn, um einen Einfluss zu erlangen, müsste man sich mühevoll verbiegen, wenn man nicht schon so geeicht ist. Deshalb glaube ich, dass eine Stärkung der Parteien auf Kommunaler Ebene durch die entsprechende Wahlbeteiligung, eine kleine Chance besteht, dass die da oben endlich aufwachen und auf uns hier unten hören!

  20. Oliver sagt:

    >Das letzte was dieser Republik fehlt ist imho ein Haufen Idioten, die irgend einen Bullshit ankreuzen weil sie müssen,

    Eben gemäß Plato ist die Aristokratie ohnehin die bessere Staatsform bzw. u.a. der ähnlichen Denkweise folgend auch die Oligarchie. Wenig kluge Herrschende bestimmen die Geschicke. Und wenn wirklich mal etwas schief geht, kann man sich ja wie auch schon desföfterem in diesem Lande, genüßlich zurücklehnen.

    >Vielmehr sollte darüber gesprochen werden, warum so viele nicht wählen

    Weil sie kein Interesse haben sich mit der Materie zu beschäftigen, sonst würden sie a) wählen und b) sich auch sonst irgendwo formieren mit Gleichgesinnten.

    Eine tatsächliche Pflicht wäre es für jenen Bürger eines Staates sich mit der Materie zu beschäftigen, dann und nur dann könnten einige recht blöde Zustände verhindert werden und das mit dem Kreuz bei der Wahl würde automatisch funktionieren.

    Diese Grafik hier zeigt auch sehr schön die Tendenzen. Markant der Einbruch bei Jüngeren, das kann man nun ebenso genüßlich interpretieren — aber das erspare ich mir.

  21. Loui sagt:

    >Wenig kluge Herrschende bestimmen die Geschicke. Und wenn wirklich mal etwas schief geht, kann man sich ja wie auch schon desföfterem in diesem Lande, genüßlich zurücklehnen.
    da legst du mir was in den Mund was ich so nicht gesagt habe. wenn die Leute nicht wählen, weils sie nicht interessiert und sie sich mit der Materie nicht beschäftigen wollen und du sie dazu zwingst am Wahlsonntag zur Urne zu traben werden sie sich sicherlich nicht plötzlich doch damit beschäftigen, sondern um Sanktionen zu vermeiden hin gehn und irgendwas oder auch nichts ankreuzen, darum gehts mir und DAS kann wirklich nicht gewünscht sein. Es geht mir um die beliebigkeit, nur weil sie vllt. nicht das ankreuzen was mir passen würde werde ich ihnen sicherlich nicht das Wahlrecht absprechen bzw. mit darüber freuen wenn sie nicht zur Wahl gehen.

    >Weil sie kein Interesse haben sich mit der Materie zu beschäftigen, sonst würden sie a) wählen
    Jup, und warum haben sie kein fucking Interesse daran? Einerseits weil es uncool/out/aus der Mode/wie auch immer du es sonst nennen willst ist selbst zu denken, sich für gesellschaftliche Themen zu interessieren und einem das eigenständige Denken konsequent aberzogen wird (bzw. man garnicht dazu ermutigt wird). Ich weiss zwar nicht seit wann bzw. warum es so toll ist dumm und einfältig zu sein, aber nungut 😉
    Dieses grundsätzliches Problem besteht aber nicht nur bei diesem Thema…
    Was sonst noch dazu führt? Ein gefühl der Ohnmacht? Ich kann es dir nicht sagen. Ich kann dir nur sagen was mein Problem dabei ist. Ich habe wirklich keine Ahnung was zur Hölle ich machen soll. Bei einem der großen Parteien mein Kreuz setzen? Denen die dir das Blaue vom Himmel versprechen, und dann garantiert das andere machen, die, bei denen ich mich nur von vorne bis hinten verarscht vor komme? no fucking way. Protestwähler? Ich werd sicherlich keiner kleinen Bullshitpartei die genauso wenig wie die größeren meine Interessen vertritt mein Kreuz geben. Abgesehen davon ändert das bei dem Verhältnis der Sitze nichts. Ungültig wählen? Ebenso. Nicht zur Wahl gehen? Am schlimmsten.
    Ich hab im Moment wirklich keine Ahnung und bin froh, dass es bis zur nächsten Wahl noch ein bisschen hin ist und die letze vorgezogen wurde und ich so noch nicht wählen durfte.

    >und b) sich auch sonst irgendwo formieren mit Gleichgesinnten.
    Ja und Nein. Sich formieren mit Gleichgesinnten, find du erstmal mehr als zwei Leute die sich wirklich dafür interessieren. Ich weiß nicht ob dus erlebt hast wie toll es ist Politik oder allgemein gesellschaftliche Themen anzusprechen und dann sofort ohne den Einleitungssatz beendet zu haben merkst dass es a) keinen Interessiert b) die ersten Anfangen andere Gespräche zu führen c) du wenn dus noch ein bisschen weiter Versuchst relativ rasch alleine da stehst und d) du als der, mit dem man keinen Spaß haben kann, der, der ‘immer’ ernsthafte Gespräche führen will abgestempelt wirst. Fantastisch sag ich dir. Wenn ich an solche Erlebnisse zurück denk fällt es mir schwer mich nicht wirklich zurück zu lehnen, zu zu sehen wie der Karren gegen die Wand gefahren wird und dann danach zu sagen ‘ich habs ja sagen wollen, aber ihr wolltet nichts davon wissen’.

  22. Oliver sagt:

    >Ich weiß nicht ob dus erlebt hast wie toll es ist Politik oder allgemein gesellschaftliche Themen anzusprechen

    Ich erlebe beides fortwährend.

    >Ich habe wirklich keine Ahnung was zur Hölle ich machen soll.

    Ich beispielsweise schreibe seit Jahren im Netz herum über diese Dinge und die meisten Zeit von diesen Jahren zusammen mit Chris. Darüber hinaus bin ich in einer Partei aktiv und auch noch in einer anderen Organisation, die sich mit dem Wohl des Menschen per se beschäftigt. Da gibts ja nun vielfältige Möglichkeiten genug, um sich aktiv mit derlei Dingen auseinanderzusetzen und etwas zu bewegen. Der big bang wirds wohl nicht sein, aber lauter kleine bangs können mitunter eine Kettenreaktion auslösen.

  23. Rudi sagt:

    Wer von euch hat denn bitte ihr/_sein Wahlrecht erkaempft? War irgendwer der hier diskutierenden um 1945/49 Teil der westlichen Besatzungsmaechte?

    Und wer tatsaechlich meint, eine Wahlpflicht sei ein grosser Fortschritt in Sachen Demokratie, der Lese ein Geschichtsbuch und schaeme sich!

  24. Oliver sagt:

    >Und wer tatsaechlich meint, eine Wahlpflicht sei ein grosser Fortschritt in Sachen Demokratie, der Lese ein Geschichtsbuch und schaeme sich!

    Ich weiß sogar noch viel mehr in puncto Geschichte als es dir vielleicht vorstellbar ist. Aber da ein Diskurs ohnehin nicht deine Sache ist, sondern das Absondern einer kurzatmigen Meinung … bitte sehr niemand hält dich, es gibt genügend Politik-Foren auf denen es einfach nur darum geht zu beweisen, wer denn nun den längsten Atmen besitzt.

  25. Rudi sagt:

    @Oliver: Mir geht es nicht darum, einem notwendigen Diskurs auszuweichen. Aber bestimmte Aeusserungen sind absolut indiskutabel. Der Punkt ist, dass hier auf der Basis falscher Behauptungen (manche hier wollen ihr Wahlrecht selbst erkamepft haben, andere wollen gern zum Waehlen gezwungen werden, etc.pp) debatttiert wird. Dir persoenlich habe ich jedenfalls kein mangelhaftes Geschichtsbewusstsein unterstellt. Es sei denn, du kommentierst hier unter mehreren Namen, was ich mir nicht so recht vorstellen mag.
    Die Kuerze («Kurzatmigkeit») meines letzten Kommentars ergibt sich eben aus der Tatsache, dass ich nicht bereit bin, auf einer Basis von Geschichtsvergessenheit und Geschichtsrevisionismus zu diskutieren. Mit einem schnellen ‘hinrotzen’ irgend einer Meinung hat das nichts zu tun. Eben weil ich gern, nicht nur in den von dir gemeinten Foren, ueber politische Themen diskutieren moechte, war es mein Anliegen die hier ansonsten einhellig akzeptierte Diskussionsbasis radikal in Frage zu stellen. Die laenge des jeweiligen Statements laesst keine Rueckschluesse auf seine inhaltliche Wertigkeit zu. Und in diesem Fall fand ich 2 kurze, provokant formulierte Thesen fuer meine Zwecke am besten geeignet. Wenn du das ein «Absondern einer kurzatmigen Meinung» nennen willst, kann (und will) ich dich nicht davon abhalten.

  26. XiongShui sagt:

    Wenn jemand nicht zur Wahl geht, kann er dies sehr wohl aus kühler Überlegung getan haben, ich würde mich also hüten, allen Nichtwählern mangelndes Interesse an poltischen Fragen vorzuwerfen.

    Ich habe auch bei einer Wahl durch Abwesenheit geglänzt. Ganz einfach, weil keiner der Kandidaten mir geeignet erschien, irgendetwas zum Positiven zu bewirken. Und selbstverständlich stand die Alternative «Stimmenthaltung» zur Verfügung.

    Allerdings ist das ja nicht ohne Konsequenz, denn die Parteien werden z.T. aus dem Steuertopf über den Anteil der abgegebenen Stimmzettel finanziert. Wenn ich also jeden Kandidaten für unwählbar halte, warum sollte ich sie dann mit meinen Steuergroschen finanzieren?

    Ergo: ich bleibe der Wahl fern.

  27. XiongShui sagt:

    Ach ja, noch was: Das Schein– Argument «wir von der Basis können ja garnichts machen» ist wohl das dümmste und unpolitischste was ich je gelesen habe. Das ist exakt das Niveau jener die am Stammtisch mit dem Bier in der Hand über «die da oben» nörgeln.

    Folglich kommt ja auch das «die da oben» gleich mit in der «Argumentation» vor.

    Vorauseilender Gehorsam? Obrigkeitsdenken? Untertanengeist? Bei derartiger Argumentation wundert es mich weder, das «die da oben» machen, was sie wollen, noch das die anderen, die politisch etwas bewegen möchten, frustriert und resigniert austreten…

  28. Oliver sagt:

    >Vorauseilender Gehorsam? Obrigkeitsdenken? Untertanengeist?

    Nein selbiges trifft wohl oft zu,

    kann er dies sehr wohl aus kühler Überlegung getan haben

    Sind ja schließlich Menschen wie du und ich.

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