Ulrich Clauß und seine panische Angst vor dem Internet

ASV

Wie sehr in der Springer-Presse Untergangsstimmung herrscht, bzgl. des Internets und der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, zeigt uns heute Ulrich Clauß in seinem Leitartikel Das Internet als Kampagnenmaschine und Desinformationsquelle. Dass dabei ein Springer-Erzeugnis wie die WELT von Kampagne und Desinformation spricht, ist dabei nur ein kleiner Treppenwitz. Gerade erst wurde mit breiter Unterstützung der rechtsreaktionären WELT und anderen Springer-Blättern eine unvergleichliche Hetzkampagne gegen Rot-Rot-Grün in Hessen erfolgreich zu Ende geführt. Doch schauen wir uns mal den Artikel des Herrn Ulrich Clauß genauer an. Gleich zu Beginn wird klar, wohin die Reise geht. Das hab ich aus dem Internet — diesen Satz hört man in unserer heutigen Medien– und Informationsgesellschaft immer öfter. Ulrich Clauß nimmt diese Worte als Aufhänger dafür, dass diese Informationen völlig aus der Luft gegriffen sein können. Dem Leser wird hier gleich mit auf den Weg gegeben: Das Internet verbreitet Desinformation. Man kann die panische Angst des Herr Ulrich Clauß förmlich durch die Internetleitung spüren.

Gleich im nächsten Absatz werden weitere Assoziationen mit dem Internet geweckt. Anonymes Meinungswissen, Gerüchte, üble Nachrede und mehr oder weniger professionell organisierte Desinformation — so sieht der Mitarbeiter des Springer-Konzerns, Ulrich Clauß, das Internet. Hanebüchen die Verbindung zu ziehen, wie es der Autor gleich in nächsten Satz tut, wäre noch harmlos ausgedrückt. Seine Aussage untermauert Ulrich Clauß mit dem Hinweis darauf, dass 90% der E-Mails Spam beinhalten. Publikationen wie F!XMBR oder andere sind also Internetmüll — leicht nachzuweisen, weil eben die weltweit verschickten E-Mails zu 90% aus Spam bestehen. Welch eine verquerte Logik. Ich muss zugeben, da komme ich nicht mehr mit. Für so einen Unsinn reicht der Hinweis auf Äpfel mit Birnen vergleichen schon gar nicht mehr aus. Und was uns Ulrich Clauß mit dem Hinweis auf die Gegensprechanlage sagen will, kann und will ich auch nicht wirklich verstehen. Ich stehe selten in Wohngebieten vor Hochhäusern und höre zu, was dort alles gesagt wird. Liegt vielleicht daran, dass ich nicht bei Springer arbeite, kein Leserreporter bin und das Technikverständnis aufbringe, dass in Gegensprechanlagen eben nicht zu hören ist, was in den Wohnungen so gesprochen wird.

Natürlich darf auch das altbekante Bashing über Internetpublikationen wie Blogs nicht fehlen. Blogs sind Webseiten von Leuten, die glauben, irgendetwas Bedeutsames im Internet zu sagen zu haben. Gleichzeitig werden die Menschen von den Blogs (des-) informiert — ganz ohne Umweg über den klassischen Journalismus. Das ist wirklich schlimm: Hier offenbart sich ein wirklich jämmerliches Demokratieverständnis. Wie man sich öffentlich darüber echauffieren kann, dass die Menschen Alternativen, andere Quellen konsumieren, wie die klassischen Medien, ist nicht nachzuvollziehen. Zwischen den Zeilen kann man hier durchaus die Forderung nach der Meinungshoheit der etablierten Medien lesen. Dass der zukünftige Präsident der USA, Barack Obama, diese Medien zu nutzen weiß, ist im Hause Springer scheinbar unverantwortlich, gar unglaublich. Wie kann dieser Mann nur systematisch die klassischen Medien umgehen und so seine Botschaft verbreiten, indem er Blogs für sich einzusetzen weiß? Wirklich ein ganz schlimmer Kerl, dieser Barack Obama. Eine redaktionelle Betreuung der Information ist so erst im Nachhinein möglich — die Information aber wurde vorher bereits verbreitet. Das ist wirklich übel. Hier offenbart sich die altbekannte Arroganz der klassischen Medien — man mag es gar nicht mehr kommentieren wollen. Laut dem Verständnis von Ulrich Clauß müssen und sollen Informationen also erst die Verlags– und Redaktionszensur durchlaufen, bevor sie verbreitet werden.

Das gibt der Springer-Mitarbeiter auch unverfroren zu: Mit dem Verlust jeder Filter– und Prüfungsautorität kommen dieser Art der Medienkultur auch alle Korrekturfunktionen abhanden. Ich bin es leid, gerade in Deutschland auf das Tele– und Mediengesetz hinzuweisen, welches zur Folge hat, dass selbst die kleinste private Publikation ein Impressum ausweisen muss. Ich bin für meine Zeilen genauso verantwortlich zu machen, wie Springer-Redakteure. Soweit ich das beurteilen kann, hat die Rechtsabteilung des Springer-Konzerns ein wenig mehr zu tun, als die meinige. Ich kann mich aber auch irren. Laut Ulrich Clauß sind bereits in Umlauf gebrachte Informationen nicht mehr einzufangen. Ob der gute Herr wohl bei diesem Satz in den Spiegel geschaut hat? Wahrscheinlich nicht. Wenn ein paar Blogs morgen den Rücktritt Angela Merkels fordern, ist das noch ohne Relevanz. Wenn aber die gesamte Springer-Presse und die neoliberale Kampfzentrale von der Brandstwiete Andrea Ypsilanti und Kurt Beck zum Abschuss freigeben, so hat das durchaus folgen. Der Aufbau einer Gegenöffentlichkeit von Blogs und anderen Publikationen kann in Zukunft ausgleichend wirken — nicht aber heute dafür stehen, dass Kampagnen gefahren und Lügen verbreitet werden. Das Gegenteil ist eher der Fall. Die ideologische Verblendung — Stichwort Neoliberalismus — der klassischen Medien muss aufgebrochen werden. Andernfalls steht unsere Gesellschaft kurz vor dem Abgrund. Unser Miteinander hält die Lügen und des gegenseitige Aufhetzen der klassischen Medien nicht mehr lange aus.

Auf die Einzelfälle, die Ulrich Clauß dann verbreitet, möchte ich nicht weiter eingehen. Natürlich sind Blogs und private Publikationen auch nicht unfehlbar. Sie machen ebenso Fehler wie andere Menschen. Oftmals allein dadurch geschuldet, dass Emotionen nicht ausgeblendet werden können, schamlos subjektiv an die Sache rangegangen wird. Nur sind wir es, die Fehler korrigieren — die klassischen Medien schalten in solchen Fällen im Regelfall auf Durchzug. Ulrich Clauß schließt mit den Worten, dass der rasanten Dynamik des Internets eine entsprechende Ethik der Informationsgesellschaft folgt. Ich behaupte: Die ist bereits gegeben. Die klassischen Medien sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur unglaubwürdig geworden. Allein die Qualität dieses sogenannten Leitartikels spricht Bände. Die etablierten Medien sind verquickt mit Wirtschaft und Politik. Nicht die Information steht im Vordergrund, sondern das Erreichen bestimmter Ziele.

Und genau aus diesem Grund werden alternative Publikationen in Zukunft auch weiter rasant an Leser gewinnen, während die klassischen Medien die Leser verlieren werden. Doch ich befürchte um diese Diskussion geht es Ulrich Clauß gar nicht, will er doch, wenn man die vorherigen Zeilen liest, offensichtlich nur eine Internetpolizei einrichten. Solange es aber ein Papiertiger wie der Presserat ist, soll es mir recht sein. Wie der kontrolliert, sieht man am Springer’schen Hetzblatt BILD. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Dieses alte Sprichwort passt auf Ulrich Clauß und die WELT schon gar nicht mehr. Das wäre hoffnungslos untertrieben. Die klassischen Medien sitzen in einem riesigen Munitionslager und entfachen ein Lagerfeuer nach dem anderen. Die Angst ist in ihren Augen unverkennbar — nur trauen sie sich nicht, das Streichholz auszupusten um andere Wege zu gehen. Es wird ihr Untergang sein — und sei es nur der Umstand, jegliche Glaubwürdigkeit zu verspielen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend: Mit der Volksbibel und dem Volkscomputer lassen sich ja auch Umsätze generieren. (via)

Foto: jonas_k unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

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13 Antworten zu “Ulrich Clauß und seine panische Angst vor dem Internet”

  1. phoibos sagt:

    eigentlich dokumentiert dieser mensch doch einfach nur seine fehlende medienkompetenz. traurig für einen journalisten.

  2. phoibos sagt:

    ich quäl mich grad durch das original, drucken die wirklich internetpost? das ist doch sonst nur der zwanghafte germanismus ewiggestriger oder sprachfaschisten.
    und was meint der gute mit instanzenfeindlichkeit? herrliches füllwort ohne sinn. jedenfalls sind die professionellen journalisten (also die, die geld bekommen, oder böse gesagt, sich prostituieren) für mich keine glaubwürdigere instanz als die informationsangebote, die ich im internet finden kann. mal abgesehen davon, dass der herr medium und inhalte nicht trennen kann (internet ist an sich keine information, lieber herr clauß!).

    ohne Umweg über den klassischen Journalismus

    aja, umweg. für mich sieht das so aus, als ob sie es herrn obama nicht gönnen würden, menschen direkt anzusprechen, ohne — nett gesagt — die bearbeitung durch journalistische filter. wer jetzt glaubt, dass ich hier eine gewisse art von zensur unterstelle, glaubt übrigens richtig. zudem kann ich in fast jedem satz internet durch springerpresse ersetzen.

    sehr bedenkliche asymmetrische Publizistik

    hier haben wir also den link zum internationalen terrorismus.
    beim letzten satz brach hier spontanes gelächter aus: ethik aus dem munde eines springermitarbeiters? ich lach mich weg.

  3. Markus Merz sagt:

    Leittrackback vom Leitkommentar zum Leitkommentar.

  4. Sebastian sagt:

    Euch mal wieder vielen Dank. Ich habe herzlich gelacht.

  5. […] beklagt sich da so laut über Kampagnen und Desinformation im Internet? Der Springer-Verlag!!!!1! *kopfklatsch* […]

  6. Martin sagt:

    Danke für diesen Artikel. Blogs wie dieser öffnen mir immer wieder die Augen für die verkrustete klassische Medienwelt Deutschlands. Ich lese sehr gern Zeitschriften bspw. den Spiegel. Blogs wie FIXMBR machen mir dann immer wieder bewusst, dass man deren Artikel auch immer inhaltlich und auf eine mögliche Intention hin abklopfen sollte. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die klassischen Medien mit Meinungsfreiheit offensichtlich nicht umgehen können. Mir kommt es so vor, als würden die klassischen Medien in diesem Punkt mit zweierlei Maß argumentieren. Sie selbst dürfen jeglichen söldnerischen Schmutz veröffentlichen und wundern sich dann, dass «das Internet» nicht das selbe tut. Es ist schon sehr traurig, dass man für die Zukunft einen kooperativen Weg zwischen der klassischen Presse und den verschiedenen Formen des Bürgerjournalismus ausschließen muss. Statt Chancen zu sehen werden hier Mauern gebaut. Statt Potentiale weiterzuentwickeln wird nach Kontrolle geschrien. Armes Mediendeutschland.

  7. Harald sagt:

    «Es stand doch in der Zeitung» — soll wieder zum Qualitätskriterium und zum Wahrheitsindikator schlechthin werden.
    Das Erinnert mich irgendwie an vergangene Zeiten in der DDR. Da stand auch viel in der Zeitung. Und das war alles nur genau die Wahrheit, die den damals Herrschenden genehm war. Und heute? Also vielen heutigen Zeitungen/Zeitschriften könnte man auch den «Ehrentitel sozialistische Presse» verleihen, denn so groß scheint der Unterschied nicht mehr zu sein. Im Gegenteil! Sie erinnern mich immer mehr an die «Organe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands» (SED-Presse), geführt von der Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK (Zentralkommitee) der SED.

  8. Wolf-Dieter sagt:

    Man möchte Clauss zurufen: «Jawohl, das sind die Verhältnisse. Und das ist gut so!»

  9. […] aber ich muss heute noch einmal darauf zurückkommen und mich weiter aufregen. Und natürlich regen sich auch andere darüber auf. Und zwar zu […]

  10. Wieder mal leidet ein Journalist am (und im) Internet…

    Erneut wabert der stechende Geruch von Angsturin durchs Web. Diesmal hat Ulrich Clauß es laufen lassen, als er sich in einem Leid-Artikel für die Welt die Furcht um seine Stellung als Gatekeeper-Journalist von der Seele schrieb. Noch nach dem zweiten…

  11. Chris sagt:

    Vielleicht irgendwo untergegangen…


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