Trümmerhaufen Brandstwiete

SpiegelSturmgeschütz der Demokratie nannte man es zu Hochzeiten, im letzten Jahrzehnt ist es journalistisch zu einem neoliberalen Kampfblatt verkommen, unkritisch, fast schon papageienartig wurde der Politik und der Wirtschaft nach dem Mund geredet. Die Rede ist natürlich vom Spiegel. Man hatte sich nach dem Entschluss, den Vertrag mit Chefredakteur Stefan Aust nicht zu verlängern, wirklich gewünscht, dass die Kollegen von der Brandstwiete einen Neuanfang wagen. Man hatte die Hoffnung, dass es in den oberen Etagen endlich zu einem Umdenken kommt. Doch wenn man die letzten Tage Revue passieren lässt, dann muss man konstatieren, dass im Gegensatz zu dem ehemaligen Leitmedium der Republik der FC Bayern München in diesen Tagen ein Hort der Ruhe, der Kraft und des weihnachtlichen Miteinanders ist.

Die Überraschung schlechthin war sicherlich der Name Claus Kleber, ein Freund Amerikas, ein TV-Mann, ein Moderator. Man fühlte sich anscheinend sehr sicher in den oberen Etagen der Brandstwiete — es wäre nicht zu erwarten gewesen, dass es unter Claus Kleber zu einem großen Stühlerücken gekommen wäre. Man hätte das eingekauft, was Claus Kleber im heute-journal darstellt — einen Moderator, keinen Macher. Schon gar keinen, der sich im Dschungel Brandstwiete durchgesetzt hätte. Nun hat Claus Kleber abgesagt, steht als der große Gewinner einer Medienposse da, die ihres gleichen sucht — der Spiegel indes, die Brandstwiete liegt in Trümmern. Unweit vom Spiegel, im Hamburger Hafen wird die neue Elbphilharmonie gebaut — vielleicht sollte man einfach mal den Kran mit der Abrissbirne kommen lassen und das Spiegel-Gebäude abreißen lassen.

Der Spiegel am Leben vorbeiNiemand, und da schließe ich mich ein, hätte wohl ernsthaft daran geglaubt, dass jemand den wichtigsten Job im deutschen Journalismus ablehnt. Und ja, das ist der Chefredakteurs-Posten des Spiegels noch immer: Ein Gehalt jenseits der Million, ein unglaublicher Gestaltungsspielraum, Möglichkeiten, die Welt zu verändern. Den Spiegel zu kritisieren, wie wir es hier häufig tun, ist eine Sache — die öffentliche Absage des Claus Kleber kommt aber einer Vernichtung gleich. Egal, wer nun kommt, und wenn es Rudolf Augstein persönlich wäre, muss nun mit dem Makel der zweiten Wahl leben. Der Spiegel hat sich selbst bereits Absagen eingefangen, oder auch schon Absagen erteilt — es ist praktisch niemand mehr vorhanden, den man noch fragen könnte.

Und da ist es auch kein Wunder, wenn Gerüchte nach draußen dringen, die besagen, dass Stefan Aust ein Comeback erleben wird, sein Vertrag doch über 2008 hinaus verlängert werden soll. Bevor das geschieht, sollte wirklich noch einmal über die Variante mit dem Kran nachgedacht werden. Diese Lösung würde für den Spiegel sehr teuer werden — und ich spreche jetzt nicht über die eine oder andere Million, mit der sich Aust diesen neuen Vertrag sicherlich vergolden lassen würden. Wenn die Macht des Chefredakteurs beim Spiegel per se schon groß ist, würde Stefan Aust mit diesem Comeback der Alleinherrscher an der Brandstwiete sein. Er würde die letzten Personen austauschen, die ihn kritisch sehen und hinterfragen — ein neues, allumfassendes System Aust würde ab sofort an der Brandstwiete herrschen. Der Spiegel würde mit dieser Variante jegliche noch vorhandene Unabhängigkeit aufgeben — man würde sich komplett in die Hände eines einzelnes Menschen begeben. Von der Peinlichkeit mag ich gar nicht erst schreiben — wer soll dieses Blatt dann noch ernst nehmen?

ElbphilharmonieDas kann für ein Magazin wie den Spiegel der Todesstoß sein — hier ist aber auch eine Gefahr für unsere Gesellschaft, unsere Demokratie zu erkennen. Ein Mann mit dieser Macht, der zudem Freunde in Springer-Chef Mathias Döpfner und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gefunden hat, kann Regierungen stürzen, kann ein mediales Feuerwerk eröffnen, bis seine eigenen Bedürfnisse, Wünsche befriedigt wurden. Man kann wirklich nur hoffen, dass das Aust-Comeback ein Gerücht bleibt und ein wenig Ruhe im Trümmerhaufen der Brandstwiete einkehrt — bald ist ja bekanntlich Weihnachten. Ein journalistischer Traum wäre sicherlich das Gespann Heribert Prantl als Chefredakteur mit Franziska Augstein als Herausgeberin — doch das wird ein Traum bleiben. Wenn man an die Macht denkt, die der Spiegel trotz der letzten Jahre immer noch hat, kann man nur hoffen, dass nicht alle Dämme brechen und demnächst Namen wie Steingart, Malzahn oder auch Jörges verkündet werden.

Wie man mit Vetternwirtschaft, mit Kumpanei, wie man zur PR-Klitsche von Politik und Wirtschaft verkommt — all das hat der Spiegel unter Stefan Aust in den letzten Jahren gezeigt. Die gesellschaftliche Verantwortung wurde sträflich vernachlässigt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt — hoffen wir, dass die Kollegen in der Brandstwiete bald wieder ihrer Verantwortung gewahr werden. Dass, was die Damen und Herren in den letzten Wochen gezeigt haben, ist das typische Beispiel für versagende Manager, über die gerade in der neuen Neiddiskussion diskutiert wird, angestachelt von Angela Merkel, auch flankiert vom Spiegel. Man kann sich für den Spiegel nur wünschen, dass schnell eine gestandene Persönlichkeit gefunden wird, die in der Brandstwiete aufräumt. Neue Besen kehren bekanntlich gut — hoffen wir das beste.

Fotos: F!XMBR

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4 Antworten zu “Trümmerhaufen Brandstwiete”

  1. Sophie sagt:

    Dass S. Aust’s Vertag allen Ernstes verlängert werden könnte, ginge — es eben nicht nicht um den Spiegel u. dessen Zukunft — glatt als POSSE durch.
    Als 2005 Franziska Augstein, die Tochter des „Spiegel“s-Gründers, das «Sturmgeschütz der Demokratie» als «geschwätzigen Blatt» und den Nachfalger ihres Vaters mit «Der Fisch stinkt vom Kopf» bedachte, huiiiii, was gab es da für einen (leider viel nur kurzen) Aufschrei!
    Wirklich geholfen aber hat es letztlich nicht … und so kann Einem inzwischen, auch bzgl. des Spiegels, fast schon Bange werden.

  2. Sophie sagt:

    Flink und ergänzend eine «Richtigstellung»:

    «Bange» (also nur mit Anführungszeichen!),
    denn wer möchte schon missverstanden werden …

    Die ganze Problematik aber und Dimension, die der «Spiegel» für unsere Gesellschaft bedeutet, hat «Bürohengst» Chris m.E. erkannt — und trefflich beschrieben.

    Ich möchte nur an die «Agenda 2010″ erinnern, die Schröder mit «Kein Recht auf Faulheit» kurz ankündigte und worauf es volle (und eben leider auch mächtige) Rückendeckung vom Spiegel gab, als dieser mit einem Hetztitel aufmachte, bei welchen Schröder als «linker Sozialdemokrat» und Kämpfer für die Gewerkaschaften zu sehen war.

  3. king balance sagt:

    Wie wäre es denn mit Roger Willemsen als neuer Chef.. da könnte man mal wieder kluge Sätze lesen wie z.B.
    Zitat:
    «Es gehört zum Kategorialen des Politischen, dass es Wahrheit und Lüge schon vollkommen entzogen ist. Franz Müntefering hat ganz ehrlich gesagt: „Ich finde es nicht gerecht, dass wir immer an Wahlkampfaussagen gemessen werden.“ Der Sozialdemokrat verlangt also von mir, dass ich alle seine Sätze im Wahlkampf von vornherein als Lügen behandle. Tue ich es nicht, fühlt er sich von mir beleidigt».

    Bitte, Wahlen sind die Basis der Demokratie!

    «Und lügen zu können, gehört zu Kernkompetenz des Politikers. Er muss permanent lügen. Er hat eine Geliebte, aber er ist ihr nie begegnet. Er unterschreibt den Koalitionsvertrag mit dem Ausstieg aus der Atomkraft, aber er möchte die Laufzeit der Kraftwerke verlängern. Die Zahl der Insolvenzen steigt, aber er sieht die Wirtschaft brummen».

  4. Chris sagt:

    Naja, so sympathisch er vielleicht als Mensch ist, so ist Roger Willemsen doch die größte deutsche Schlaftablette im Journalismus… 😉

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