Trieb VZnet einen jungen Mann in den Selbstmord? (Update)

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Screenshot: schuelervz.net

Über das letzte Datenleck von schülerVZ hatte ich nichts geschrieben – täglich grüßt das Murmeltier, das Portal scheint so löchrig zu sein, wie Schweizer Käse. Business as usual. Auch über den Selbstmord des jungen Mannes, der die Daten ausgespäht hat, habe ich keine Worte verloren – ich habe mich nur gefragt, wie es so weit kommen konnte. Eine mehr als traurige Geschichte. Wenn aber der Bericht des Spiegels in seiner neuen Ausgabe stimmt, muss die Frage gestellt werden, ob VZnet, das Unternehmen hinter schülerVZ, studiVZ und meinVZ, einen jungen Mann mit vielleicht falschen Verdächtigungen in den Selbstmord getrieben hat.

Offenbar hat sich der Technik-Chef von VZnet per Chat mit dem jungen Mann in Verbindung gesetzt – dem Spiegel liegen offensichtlich die Chatprotokolle vor. Demnach war es wohl nicht so, dass nach dem Hack eine direkte Erpressung folgte, sondern VZnet selbst soll dem Mann Geld angeboten haben. Wenn die erfassten Daten gelöscht werden, könne uns das auch was kosten, so angeblich der VZnet-Technikchef. An einer anderen Stelle heißt es laut dem Spiegel: du – und andere können bei uns rumhacken wie sie wollen. ich bezahl euch sogar gerne dafür. Natürlich mit der Einschränkung: wenn ich jemanden dafür bezahle, möchte ich, dass das nicht public wird. Das könnte man durchaus als Schweigegeldabkommen interpretieren.

Die Chatprotokolle scheinen die Darstellung des Anwalts, der den Erpressungsvorwurf zurückgewiesen hat, zu bestätigen: Es würde nicht im Geld gehen, so der junge Mann: das war’n just4fun projekt. Die Tatsache, dass sich der Hacker für eine Kooperation entschieden hat, widerspricht ebenso dem Erpressungsvorwurf. Am 15. Oktober fragte der VZnet-Technikchef: also, was ist sache. kooperation oder krieg? Der junge Mann nannte seinen Namen und seine Adresse – so wird sich wohl kaum ein Erpresser verhalten. Da könnte der Autor dieser Zeilen ebenso ein Erpressungschreiben hier auf F!XMBR veröffentlichen und hoffen, dass VZnet darauf eingehen und bezahlen wird.

Am nächsten Tag erschien der junge Mann in der VZnet-Zentrale, VZnet bezahlte das Taxi in Höhe von 530 Euro – über die weiteren Vorgänge gibt es unterschiedliche Aussagen. Laut VZnet soll er sofort 20.000 Euro verlangt haben. Gegenüber der Polizei soll der Hacker allerdings auf die Frage, ob es ihm um Ruhm oder Geld gehe, gesagt haben: Wenn die mir Geld anbieten, nehme ich es gern an. Mal ganz im Ernst: Welches Unternehmen bezahlt das Taxi des Mannes, von dem es gerade erpresst wird? Da stimmt Etwas hinten und vorne nicht.

Wenn die Darstellung vom Spiegel stimmt, die Chatprotokolle authentisch sind, muss sich VZnet die Frage gefallen lassen, ob man einen jungen Mann in den Selbstmord getrieben hat. Zudem muss das Verhalten der Justiz hinterfragt werden, die einen Menschen kombinierten Persönlichkeitsstörung in Einzelhaft gesteckt hat. Es war offensichtlich reiner Spaß, Spaß aus dem Ernst wurde – und nun ist ein junger Mann tot. Wie konnte es soweit kommen? Diese Frage stellt sich aktueller denn je.

Im hauseigenen Blog hatte VZnet vor 3 Tagen noch verkündet: Die Vorwürfe des Anwalts Ulrich Dost sind ebenso unglaublich wie haltlos. Zu keiner Zeit wurde dem Tatverdächtigen ein Zahlungsangebot oder gar ein Schweigegeldangebot für die Daten oder den Crawler unterbreitet. Die Beurteilung und Handhabung des Falls lag und liegt aber bei den zuständigen Behörden. Das klingt heute, sollte der Bericht des Spiegels stimmen, wie der blanke Hohn. Man hat offensichtlich einen jungen Mann auflaufen lassen, ihn in eine Zelle sperren lassen, so dass dieser keine andere Möglichkeit sah, seinem Leben ein Ende zu setzen. Erschreckend.

Spiegel — Kooperation oder Krieg?
Heise — Selbstmord nach SchülerVZ-Datenklau: VZnet in Erklärungsnot

Nachtrag: VZnet mit einem Statement zur aktuellen Berichterstattung: Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Details der Ermittlungsunterlagen (inklusive der Chat-Protokolle) – die aktuell der „Spiegel“ sowie andere Medien zitieren – kommentieren wir nicht. Wir haben die Polizei gerufen, da aus unserer Sicht ein strafrechtlicher Verstoß gegen die Datenschutzgesetze und ein Erpressungsversuch vorlagen. Zu keinem Zeitpunkt haben wir dem Tatverdächtigen ein Zahlungsangebot oder gar Schweigegeldangebot für die entsprechenden Daten oder den Crawler unterbreitet. Fest steht auch, dass der Tatverdächtige nicht bereit war uns den Crawler oder die Daten auszuhändigen. Er drohte vielmehr die Daten weiter zu verbreiten, sofern wir nicht auf seine Forderungen eingehen. Die Beurteilung und Handhabung des Falls lag und liegt aber nicht bei uns, sondern in der Verantwortung der zuständigen Behörden als auch des Strafverteidigers.

So, und jetzt noch einmal mit Zitaten aus dem Chatlog: Zu keinem Zeitpunkt haben wir dem Tatverdächtigen ein Zahlungsangebot du – und andere können bei uns rumhacken wie sie wollen. ich bezahl euch sogar gerne dafür oder gar Schweigegeldangebot wenn ich jemanden dafür bezahle, möchte ich, dass das nicht public wird für die entsprechenden Daten oder den Crawler unterbreitet.

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8 Antworten zu “Trieb VZnet einen jungen Mann in den Selbstmord? (Update)”

  1. VZnet: Ein Schlag in das Gesicht von Social Media?…

    (Anmerkung: Diesen Text-Entwurf schrieb ich am Wochenende des 01. November, wollte ihn dann aber nicht veröffentlichen, weil er mir zu banal im Zusammenhang mit einem Selbstmord vorkam. Heute scheint sich die Situation gedreht zu haben, wie sich hier (…

  2. Wanderer sagt:

    ich möchte dir dafür danken zu dieser traurigen Geschichte die richtigen Fragen gestellt zu haben.

  3. Phil sagt:

    Das war mir schon klar, als heise.de, bzw. kurz danach, über den Freitod berichtete, dass die Anschuldigungen seitens VZ haltlos sind, da letztlich alles bisher mir von dem Jungen bekannte darauf hindeutete, dass er keine Erpressung sein konnte. Und der SpOn-Artikel liefert für mich den letzten Beweis, dass VZ in diesem Fall lügt.

    Ich kann jedem nur raten, löscht Eure Konten bei *VZ.

  4. Malte sagt:

    Was mir noch keiner erklären konnte: Wie kann einen das Angebot, 20.000 Euro zu kriegen, in den Selbstmord treiben?

  5. Phil sagt:

    @Malte:

    Es wurde ihm zwar von jemanden bei VZ dieses Geld angeboten, doch dann kam der Betrugsvorwurf seitens VZ. Und dieses hat er nicht verkraftet.

  6. Wanderer sagt:

    Naja, so unglaubwürdig die VZ-Statements auch sind, aus den bisher bekannten Protokollen ist mE kaum ableitbar, dass es sich nicht um einen Erpressungsversuch handelte. Auch wenn anfangs X € geboten wurden, ist es durchaus denkbar, dass der Junge auf einmal 4 * X € wollte und auch gedroht hat.

    Das Logfile selbst wirft zumindest auch nicht das beste Licht auf den Jungen, eher das Gegenteil.

    //Edit by Chris: Hier bitte den Mist nicht, danke. Da können sich andere mit brüsten, hat mit der VZ-Thematik nichts zu tun. Demnächst kommt noch wer und meint, der junge Herr hätte das Entchen seiner Schwester in der Badewanne untergetaucht. *himmel*

    Das war für ihn wohl auch «nur Spaß», dies ändert natürlich wenig an der Tatsache, dass er anscheinend bewusst fremde Urheberrechte verletzt hat und das ganze mit relativierung abgetan hat.

  7. Wanderer der dritte sagt:

    Die Sache mit den «Social Networks»

    Seien wir doch mal ehrlich; «Social Networks» sind aus der Generation Internet nicht mehr wegzudenken. Sie bieten –wie jede «neuartige» Technik– neben den offensichtlichen Chancen einer unkomplizierten und direkten Kommunikation ebenso offensichtliche Risiken wie Datenklau und Eingriffen in die Privatsphäre. Wenn man sich allerdings einige Profile in den verschiedenen Netzwerken anschaut muss man sich auch nicht wundern, dass hier persönliche Daten «geklaut» werden; Letzten Endes sollte sich jeder User darüber im klaren sein, dass in letzter Konsequenz nur diejenigen Daten wirklich sicher sind, die nicht im Internet veröffentlicht werden. Ob der seelische (und z.T. ja auch körperliche) Striptease einzelner User im Studi-/meinVZ absichtlich oder bei SchuelerVZ-Profilen einfach aus Unwissenheit heraus («sieht ja niemand») hingelegt wird, ist eine Frage, die nur der einzelne User beantworten kann. Das Ausspionieren der User ist in jedem Fall sowohl juristisch als auch moralisch höchst verwerflich. Soweit Seitens des Betreibers tatsächlich eine «Auftragsvergabe zum gezielten Datenklau» stattgefunden hat, ist das absolut zu verurteilen, die Verantwortlichen sind dementsprechend zu sanktionieren. Und soweit die (falschen?) Anschuldigungen seitens des Betreibers den jungen Mann in den Selbstmord getrieben haben, setzt dies dem ganzen noch die Krone auf.
    Auf der anderen Seite ist es ebenso verständlich wie legitim, dass sich eine GmbH während eines laufenden Ermittlungsverfahrens nicht zu Einzelheiten dieses Verfahrens äussert. Und dass sich Schueler/Studi/MeinVZ nicht im Tenor «Das war ja sowieso nur ein kleiner Verbrecher» äussert, ist sowohl im Sinne des §189 StGB («Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener») als auch mit etwas gesundem Menschenverstand vollkommen nachvollziehbar.
    Ich persönlich denke nicht, dass eine (Selbst-)Tötung des Verdächtigen Seitens des Betreibers beabsichtigt war (ob es ihnen «in den Kram» gepasst hat, ist sicherlich eine andere Frage, aber auch das will ich hier jetzt keinesfalls behaupten), von daher ist die «Beileidsbekundung» für mich weder heuchlerisch noch sonst irgendwas. Der Tod eines jungen Menschen ist in jedem Falle tragisch. Und dadurch,dass sich jetzt in der w3-Community die Mäuler zerrissen werden,davon wird der junge Mann auch nicht wieder lebendig. Lassen wir ihn also in Frieden ruhen, und überlassen den Strafverfolgungsbehörden die (juristische) Aufarbeitung dieses Falles.
    So far

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