Thorsten Schäfer-Gümbel, die SPD und das mit der Glaubwürdigkeit

Beck vs. ChrisAls wenn ich es geahnt hätte. Vor zwei Tagen habe ich mich per Identi.ca wie folgt geäußert: Schäfer-Gümbel: Seit der Hessen-Wahl 3 (in Worten: drei) Tweets. Echt jetzt, das war alles total authentisch und kein Werbegag. Und wie auf Bestellung wird genau das bestätigt, was schon lange vermutet wurde – zumindest in Kreisen derer, die nachdenken: Der Web 2.0-Star der Politik — Thorsten Schäfer-Gümbel — lässt twittern. Ein Stern fällt vom Himmel – und reiht sich in die Reihe derer, die Hessen zu einem Tollhaus haben verkommen lassen. Wenn ein Politiker in heutiger Zeit perfekt zu Hessen passt, dann ist es Thorsten Schäfer-Gümbel. Ich hoffe ja wirklich, dass so mancher Web 2.0-Gläubige nun vielleicht doch einmal darüber nachdenkt, dass der Inhalt eventuell doch wichtiger ist, als das Medium. Die Web 2.0-Junkies Deutschlands sind ihm gefolgt, wie die Jünger Jesus Christus gefolgt sind. Der Unterschied jedoch: Jesus Christus hat sich für seine Jünger geopfert und Thorsten Schäfer-Gümbel schickt seine PR-Agentur vor. Was ist passiert?

Nach den bereits drei erwähnten Tweets geschahen seltsame Dinge. Ein neuer Tweet wurde ausgesendet in dem es mehr oder weniger um Grimms Märchen ging, man kann es auch Regierungsübernahme 2014 in Hessen nennen. Dann aber kam das eigentliche Wunder: Zwei Tweets in Folge wurden über den Account des Thorsten Schäfer-Gümbel veröffentlicht. Ein Essen mit Thorsten Schäfer-Gümbel wurde in Aussicht gestellt. Welcher Twitterer träumt nicht davon, mit dem zukünftigen Ministerpräsidenten Hessens zu speisen? Folgende Mitteilung erreichte die Twitter-Welt:


twitter.com | Screenshot

Ein Traum jedes politikinteressierten Microbloggers. Ein Abendessen beim zukünftigen Bundeskanzler. Und der twittert auch noch. Beide twittern gemeinsam vom Essen – besser als jeder Sex dieser Welt. Doch wie das so ist – manchmal zerplatzen die Seifenblasen. Wie auch in diesem Fall. Diese Nachricht hatte nämlich kurz vorher sein PR-Berater Oliver Zeisberger ebenso in die Welt getwittert. Huch, das war dann wohl der falsche Account, schnell den Tweet löschen, in den Account vom total authentischen Thorsten Schäfer-Gümbel einloggen und noch einmal absenden. Doch wie das so ist. Findige User haben aufgepasst und die Sache veröffentlicht. Die Twitter-Suche:


twitter.com | Screenshot

Und wer sich jetzt darüber wundert, warum die Twitter-Suche gelöschte Tweets findet, der dürfte ähnlich fassungslos sein, wie meine Wenigkeit. Gestern hatte ich bereits Einiges zu Twitter geschrieben. Ein wesentlicher Aspekt konnte nur angerissen werden, ganz einfach weil ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Der Datenschutz. Sofern man überhaupt von Datenschutz bei diesem unglaublichen Loch sprechen kann. Die Löcher bei Twitter scheinen größer zu sein, als die Oberweite von Pamela Anderson.

Twitter hat ein riesiges Datenschutzproblem!

StudiVZ, ick hör dir trapsen. Selbst wenn es den Usern nicht aufgefallen wäre – auch heute noch ist die ganz Geschichte per einfachem Klick verfügbar. Wahnsinn. Natürlich hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel — als die Geschichte aufflog — nicht selbst zu Wort gemeldet. Als zukünftiger Bundespräsident hat er sicherlich andere, wichtigere Dinge zu erledigen. Er schickt seine PR-Maschinerie vor – in Form von Oliver Zeisberger:

Es ist ganz banal und tatsächlich recht doof gelaufen. Von mir. TSG hat mich heute früh gebeten die Nachrichten für ihn zu versenden, weil es vor dort, wo er zu dem Zeitpunkt heute morgen war, nicht funktionierte. Ich war beim Boarding am Flughafen und wollte daher die Nachricht noch vor dem Abflug und dem Abschalten der Geräte twittern, zumal während des Fluges der 2014. Follower möglicherweise schon dazu gekommen wäre.

Mir ist dann in der Hektik der Fehler unterlaufen, es tatsächlich mit dem falschen Login abgesetzt zu haben. Gelöscht habe ich es in Twitter, weil die Nachricht unter meinen Namen gar keinen Sinn macht.

[…]

So, dann jetzt wieder weiter mit Verschwörungstheorien… 😉

Der letzte Satz steht symptomatisch für die gesamte SPD. Sie selbst macht keine Fehler, sie selbst ist der große Heilsbringer für die Menschen in diesem Land. Agenda 2010? Haben die Menschen nicht verstanden. Kinderarmut? Selbst schuld, wenn die Eltern Plasmafernseher anstelle Kleidung und etwas zu Essen kaufen. Arbeitslose? Selbst schuld das faule Pack. Ich möchte jetzt nicht weiter diese kleine Twitter-Geschichte mit den großen Problemen dieses Landes – die die SPD mit verursacht hat – gleichsetzen. Sie zeigt aber, wie die SPD mit den Menschen in diesem Land umgeht. Sie belügt und sie betrügt die Menschen in einer Tour. Es fängt bei so etwas Banalem wie einem Tweet an und hört bei großen Gesetzesvorhaben auf. Die SPD ist fast zur Geißel dieses Landes geworden. Über das geplante Essen kann man da nur laut loslachen:

 
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Die verantwortliche PR-Agentur heißt im Übrigen Barracuda. Und wer sich über deren Machenschaften Arbeitsweise ein Bild machen will, sollte unbedingt nebenan bei mikelbower vorbeischauen. Mir kommt dabei fast die Galle hoch. mikel trifft in der Diskussion rund um en twitternden Thorsten Schäfer-Gümbel auch den Punkt: Wenn vorher kommuniziert worden wäre, dass Thorsten Schäfer-Gümbel twittern lässt, hätten alle bescheid gewusst und niemand hätte sich nun über den peinlichen Fauxpas der PR-Agentur echauffiert. So aber bleibt für mich die Erkenntnis, dass der zukünftige Weltpräsident Thorsten Schäfer-Gümbel alle an der Nase herum geführt hat. Und die Web 2.0-Welt hat sich bereitwillig und voller Elan an der Nase herumführen lassen. Das kommt dabei heraus, wenn man vergisst, zumindest ein wenig nachzudenken. Aber ich halte ja schon wieder den Mund. Ich will die Twitter-Party nicht länger stören. Weiter machen! 😉

Danke an für Tilla Pe für die Dokumentation des Vorfalles.

Update: Ohne Kommentar…

 
twitter.com | Screenshot

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11 Antworten zu “Thorsten Schäfer-Gümbel, die SPD und das mit der Glaubwürdigkeit”

  1. Kulle sagt:

    Diverse TSG-Kritiker haben hier ja wunderbar recherchiert, aber es ändert nichts daran, dass es nicht grundsätzlich falsch von TSG war, seine Nachrichten von anderen posten zu lassen. Das Glaubwürdigkeitsproblem der (Hessen-)SPD ist vorhanden, aber es wird durch euren kleinen «Twitter-Skandal» weder ver– noch entschärft. Es hat schlicht keine Bedeutung. Fragt euch, wieso es die Berufe des Referenten oder beispielsweise des Pressesprechers gibt. TSG ist zwar weder Bundeskanzler, noch Bundespräsident und auch (noch) nicht Ministerpräsident von Hessen, wie du hämisch bemerkst, aber als Partei– und Fraktionsvorsitzendem ist es erwartbar, dass er nicht für alles Zeit hat. Erst recht in dem kurzen aber extrem intensiven Wahlkampf, den er geführt hat.
    Seine Pressemiteilungen werden mit Sicherheit auch nicht von ihm selber ausformuliert und erst recht nicht von ihm selber abgeschickt. Na und?
    So, genug auf der SPD rumgehauen.

  2. Chris sagt:

    Du hast die Kritik nicht verstanden. Du hast Microblogging nicht verstanden. Du hast das Internet nicht verstanden…

  3. […] wie immer sehr lesenswerter Artikel bei FIXMBR. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass diese mieses Zeugnis auch diversen kommunalen Clan […]

  4. lars sagt:

    Der letzte Satz steht symptomatisch für die gesamte SPD. Sie selbst macht keine Fehler, sie selbst ist der große Heilsbringer für die Menschen in diesem Land. Agenda 2010? Haben die Menschen nicht verstanden. Kinderarmut? Selbst schuld, wenn die Eltern Plasmafernseher anstelle Kleidung und etwas zu Essen kaufen. Arbeitslose? Selbst schuld das faule Pack. Ich möchte jetzt nicht weiter diese kleine Twitter-Geschichte mit den großen Problemen dieses Landes – die die SPD mit verursacht hat – gleichsetzen. Sie zeigt aber, wie die SPD mit den Menschen in diesem Land umgeht. Sie belügt und sie betrügt die Menschen in einer Tour. Es fängt bei so etwas Banalem wie einem Tweet an und hört bei großen Gesetzesvorhaben auf. Die SPD ist fast zur Geißel dieses Landes geworden. Über das geplante Essen kann man da nur laut loslachen:
    Da hat aber jemand Wut angestaut, was für ein hanebüchener Schwachsinn «Die SPD ist fast zur Geißel des Landes geworden» wir haben weiß Gott größere Probleme als die SPD.
    Die Union ist also besser weil sie sich Jahrelang schwarze Kassen geführt haben, aber nicht sagen dass sie die tollsten sind?
    Das andere Parteien teils noch viel größeren Mist bauen als die SPD wird über den aufgebauschten Skandalmeldungen über die die SPD gerne vergessen.
    Das Ganze dann auch noch an einer Twitter Ghostwriter Problem eines (!) SPD Kandidaten aufzuhängen ist gelinde gesagt haltlos.
    Wenn du ein Problem mit der Politik der SPD hast (was ich gut verstehen kann), dann kritisiere sie doch fundiert mit Argumenten nicht mit «Kinderarmut? Selbst schuld, wenn die Eltern Plasmafernseher anstelle Kleidung und etwas zu Essen kaufen.«
    Wenn du dich die SPD die fast die Geißel des Landes ist, was ist dann bitter der hier?

  5. Flying Circus sagt:

    @Kulle:

    Der Pressesprecher wird in der Regel nicht behaupten, er sei derjenige, für den er spricht. Da ist also klar erkennbar, daß z.B. nicht Frau Merkel persönlich spricht, sondern sprechen läßt.

    TSG hat bei seinem Publikum den Eindruck erweckt, er twittere selbst. Inwieweit diese Vorstellung realistisch war, steht auf einem anderen Blatt. Es bleibt ein übler Nachgeschmack. Peinlich, peinlich.

  6. Wolf-Dieter sagt:

    Hi Chris,

    Dass Kulle das Internet nicht versteht, erlaube ich mir zu bestreiten, ohne ihn zu kennen. Dass oder ob er Microblogging nicht versteht, ist mir herzlich gleichgültig.

    Aber aus seinen Zeilen lese ich raus, dass er was von Politik versteht.

    Sorry, aber ich habe den Eindruck: du hast Kulle nicht verstanden.

    Mit allem Respekt

    Gruß Wolf

  7. ckwon sagt:

    Interessante Geschichte. Auch wenn ich das nicht ganz so wild sehe. Es kommt drauf an wie es gemacht ist. Selbst wenn alle oder fast alle Tweets von nem PR-Menschen geschickt werden, würde mcih das nicht so stören, zumindest unter der Annahme, dass Antworten auch gegebenfalls weitergegeben werden.

    Ein Politiker, der für ein etwas höheres Amt kandidiert ist eh quasi ein Produkt aus der Summe seiner Berater. Sowohl was politisches , als auch PR angeht.

    Solange in diesem Berater Team die Kommunikation auch läuft, dann ist das Sprechen zu einem dieser Berater ja wie zu der Person selbst sprechen.

    Obwohl, man wäre ehrlicher würde man den Tweed nicht «TSG» sondern «TSGs Team» nennen.

  8. […] Thorsten Schäfer-Gümbel, die SPD und das mit der Glaubwürdigkeit. […]

  9. Anna sagt:

    Gekocht wird halt überall «nur» mit Wasser…

  10. […] Dumm gelaufen ist, ist meiner Meinung nach der Erklärungsversuch, den ich auf f!xmbr gefunden habe. Denn dieser ist möglicherweise ehrlich, erweckt aber auch den Eindruck, dass man […]

  11. […] Aber das mit der Glaubwürdigkeit von TSG bei Twitter ist eh etwas angekratzt. […]

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