Thilo Sarrazin — Das soziale Gewissen der SPD

menschenverachtend

Thilo Sarrazin hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet. In den etablierten Medien wird seine asoziale Hetze, seine Menschenfeindlichkeit verniedlicht. Streitbare Person wird er dort unter anderem genannt — oder von der BILD zu einem der ehrlichsten Politiker gemacht. So ist das heutzutage. Selbst die Gewerkschaft der Polizei in Berlin nennt den eigenen Finanzsenator mittlerweile entwürdigend, da er zum Beispiel ungestraft über Beamte sagen darf: Die Beamten laufen bleich und übel riechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist. Das hat der gute Mann über Menschen gesagt, die ihn Tag für Tag beschützen, die täglich ihr Leben für Wowereits bestes Pferd im Stall riskieren. Auch erinnern wir uns daran, wie er sich über hungernde Menschen auslässt: Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Über seinen widerwärtigen Speiseplan möchte ich kaum noch ein Wort verlieren. Das alles ist Thilo Sarrazin.

Wie er Menschen im RL gegenüber tritt, ist im Übrigen auch bekannt. Zu Studenten, die sein Büro besetzt hatten, sagte er aus voller Überzeugung: Ihr seid alle Arschlöcher. Ich erinnere daran, dass es sich bei Thilo Sarrazin um den Finanzsenator der Stadt Berlin handelt. Ein Finanzsenator, der vom ach so linken Klaus Wowereit gedeckt wird und auch von der Linkspartei in sein derzeitiges Amt gewählt wurde. Ob der gute Mann in der Lehre bei Edmund Stoiber war. Ich weiß es nicht. Aber von seiner eigenen Stadt scheint er nicht viel zu halten. Vielleicht weil er selbst dort Politik betreibt? Bayerische Schüler können aber mehr ohne Abschluss als unsere in Berlin mit Abschluss. Laut der unsäglichen PISA-Studie mag er in diesem Punkt vielleicht recht haben — doch ist auch er als Senator für dieses Desaster mit verantwortlich. Ich behaupte einfach mal: Der Obdachlose in den Straßen Münchens kann mehr als die Senatoren in Berlin. Das ist in meinen Augen nur die richtige Schlussfolgerung.

Wir haben es hier des öfteren ausgeführt: Unzählige Menschen leben in unserem Land trotz Vollzeitjob in Armut. Nur wenige beantragen aufstockendes Hartz IV — bei vielen, die Anspruch auf diese Leistung hätten, verhindert der Stolz den Gang zum Amt. Schuld daran sind Hungerlöhne, wie sie auch in Dritte-Welt-Länder gezahlt werden. Dass Deutschland eines der wenigen Industrieländer ohne Mindestlohn ist, zeigt die gesamte Verkommenheit unserer Politik und unserer Gesellschaft. Für die Menschen, die täglich Vollzeit arbeiten, für einen Hungerlohn, die am Ende des Monats kaum Essen auf den Tisch bekommen, hat Thilo Sarrazin auch etwas übrig: Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen. Das wären 40 Euro pro Tag. Und das sagt einer der offensichtlich größten Sozialschmarotzer dieses Landes. Ein Mensch, der als Finanzsenator überbezahlt bezahlt wird, der in mehreren Aufsichtsräten sitzt. Positiv ausgedrückt: Er macht sich über die Menschen lustig. Negativ und realistisch ausgedrückt: Es ist Menschenverachtung par excellence.

Siegertyp

Als fast letztes Beispiel, die das Bild des Menschenfeindes Thilo Sarrazin komplettieren, sei seine Weisheit über die Sozialarbeiter dieses Landes genannt: Es ist ja auch anstrengend, über die Straße zu latschen und mit immer denselben Jugendlichen zu sprechen. Da sehnt man sich vielleicht nach einem warmen Büro mit einem übersichtlichen Aktenstapel, wo das Telefon drei Mal am Tag klingelt. Die Medien machen ihn zum Helden. Die BILD hat ihn, wie bereits erwähnt, zu einem der ehrlichsten Politiker Deutschlands gemacht. Die Schwesterpublikation der BILD, die Kollegen vom neoliberalen Kampfblatt SPIEGEL nennen ihn herrlich ehrlich. In den restlichen Medien sind ähnliche Stilblüten zu finden, mal ist er ein wenig provokant, mal lästert er. Alles ist wunderbar — wie bei einem Schulausflug des Klosters St. Marien.

Niemand nennt ihn das, was er wirklich ist. Er ist in meinen Augen ein Volksverhetzer. Er pauschalisiert, nimmt immer einzelne Bevölkerungsgruppen in Augenschein um dann gezielt gegen diese zu schießen, andere Bevölkerungsgruppen gegen diese aufzuhetzen. Thilo Sarrazin ist einer der letzten Sargnägel unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Gefährlich an dieser Sorte Mensch ist, dass er weiß, dass die Medien hinter ihm stehen. Kurt Beck, Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi wären mit den gleichen Zitaten medial sofort geschlachtet worden und wären gezwungen worden, von allen Ämtern zurückzutreten. Thilo Sarrazin hätte auch große Karriere in der FDP machen können — und doch hat er sich für die SPD entschieden, eine ehemalige Volkspartei, die ihn in allem unterstützt und sich schützend vor ihn stellt. Warum ich das alles schreibe? Nun, ich habe das letzte Zitat noch nicht gebracht. Bezugnehmend auf die Energiekosten und dass immer mehr Armen der Strom abgestellt wird, sagt Herr Sarrazin: Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können. Dass die Menschen darauf noch nicht gekommen sind. Einfach einen dicken Pullover anziehen, und schon ist alles gut — man hat das warme Gefühl, in der Südsee zu leben. Bei dieser fortwährenden Volksverhetzung sei nur nebenbei angemerkt, dass Vermieter in Deutschland dafür zu sorgen haben, dass im Winter eine Mindesttemperatur von 22 bis 23 Grad Celsius erreicht wird. Mehr kann man zu diesem Sozialfaschismus kaum noch sagen.

obdachlos

Und doch muss ein letzter Absatz sein. Thilo Sarrazin ist ja nicht ein Industrie– oder Arbeitgebervertreter. Er ist auch nicht, wie bereits erwähnt, FDP-Mitglied. Nein, Thilo Sarrazin ist Finanzsenator der Stadt Berlin und SPD-Mitglied. Thilo Sarrazin ist das perfekte Spiegelbild der heutigen SPD. Er spricht nicht nur für sich, er spricht für die ehemals stolze Arbeiterpartei. Er spricht für eine SPD, die jeglichen Anstand verloren hat. Er spricht für eine SPD, die seinen Bruder im Geiste, Wolfgang Clement, nicht aus der Partei ausgeschlossen hat. Thilo Sarrazin kann sich auf die Unterstützung der Mehrheit der SPD-Mitglieder verlassen. Dass Klaus Wowereit als Hoffnung der Linken für eine Rot-Rot-Grüne Koalition ab 2013 gilt, zeigt wie weit die SPD rechts steht. Obwohl — neben der SPD wirkt selbst ein Horst Köhler in manchen Dingen wie ein Linker. Klaus Wowereit deckt Thilo Sarrazin mit aller Macht — und das aus voller Überzeugung. Ich bin schwul, und das ist auch gut so. Mit diesem Satz hat Klaus Wowereit ein stückweit Politikgeschichte geschrieben. Die SPD und ich stehen rechts. Wir sind neoliberal und das ist auch gut so, hätte viel besser gepasst. Und es wäre ehrlicher gewesen — und keine Politshow. Wer die SPD kennenlernen will, braucht sich nur Thilo Sarrazin anzuschauen. Thilo Sarrazin ist in dieser Partei kein Außenseiter — er vertritt die Mehrheit, er wird vom Berliner Vorstand, wie auch vom Parteivorstand gedeckt und gefördert. Die Äusserungen Thilo Sarrazins sind nicht nur die seinigen — es sind die einer hemmungslosen Partei. Thilo Sarrazin ist die SPD. Die SPD ist Thilo Sarrazin.

Bild: SPD — Partei der Siegertypen: Der große Vorsitzende der ZAF. Danke, auch für die eine oder andere Anregung im Text und den Link zum Mieterbund.

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11 Antworten zu “Thilo Sarrazin — Das soziale Gewissen der SPD”

  1. Franz sagt:

    Wie sagte Wilfried Schmickler neulich? «Der Thilo Sarrazin, der ist in der SPD! Da fragt man sich doch, wie ist der da rein gekommen?«
    Das Problem der SPD ist, dass man sich das eben nicht mehr fragt. Volle Zustimmung zu diesem Blogeintrag. Die Sarrazins und die Steinbrücks, die Schröders und die Seeheimer, das sind die Sargnägel der sozialen Demokratie in diesem Land.

  2. slick sagt:

    Man soll ja keinem was Schlechtes wünschen, aber gönnen wird man wohl noch;-).

  3. […] Sarrazin, Finanzsenator der SPD in Berlin, soll viel Zeit haben, in einem schönen warmen Pullover vor dem Kamin zu Hause zu sitzen, am Cognac zu nippen und den Hund zu streicheln. Wir haben lange […]

  4. […] In Emden kriegt man für 30 Cent nichtmal EIN Brötchen. Und die schmecken dafür auchnoch meistens scheisse. (via) […]

  5. Oliver sagt:

    >Das Problem der SPD ist, dass man sich das eben nicht mehr fragt.

    An einen Türsteher, Gesichtskontrolle oder ähnliches kann ich mich in den ganzen Jahren nicht entsinnen. Wäre auch absurd, schließlich leben wir in einer Demokratie, sonst könnten wir diese Dinge hier nicht erwähnen.

    Das es keinen in der SPD stört hat einen einfachen Grund, die Führungsriege ist alles andere als links und diesen massiven Dammbruch verdanken wir in letzter Instanz Schröder. Dazu kommt die Basis, die entweder Fersengeld gibt und das Heil bei einem Haufen Altkommis sucht oder aber alles irgendwie doch recht gut findet, man müßte vielleicht nur das eine oder andere mal das soziale Korrektiv anwenden. Insofern auch nur eine Art Schreibtischtäter.

  6. […] Thilo Sarrazin — Das soziale Gwissen der SPD. […]

  7. […] Thilo Sarrazin — Das soziale Gewissen der SPD Thanx, FIXMBR! (tags: Politik Dummfug) […]

  8. […] in verschieden möglichen Aggregatzuständen — Eis oder Tonne…das ist hier die Frage… Herr Sarrazin und sein traumhafter Intelligenzquotient produzierte vielleicht diese Variante absurden […]

  9. Die Annahme, daß die Medien einen anderen Politiker für so eine Aussage geschlachtet und zum Rücktritt gezwungen hätten, zeugt von bewundernswertem Idealismus. Ich befürchte aber eher, daß Rücktritte wegen verwerflicher Positionen heute längst kein Thema mehr sind.

  10. Rose-Lotte Obermeyer sagt:

    Hallo, hier «spricht» ein kleiner Häuslebesitzer mit einer vermieteten Wohnung. Wenn unser Mieter die Anleitung des Herrn Sarrazin befolgt, möchte ich gerne die Kontoverbindung von Herrn Sarrazinerhalten, damit evt. Schäden an der Bausubstanz von ihm übernommen werden.
    «Gute» Vorschläge her und hin, auch ein Politíker sollte erst sein Gehirn einschalten, bevor er den Mund aufmacht.

  11. Connie Ketzer sagt:

    das mit dem warmen Pullover anziehen ist Quatsch.
    Macht Euch warme Gedanken, das ist noch billiger!!!

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