Tatort Redaktion — der Lynchmob wird losgelassen

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Foto: F!XMBR

Eigentlich wollte ich zu dem infantilen Boulevarddreck «Tatort Internet» kein Wort schreiben. In der Sendung wird mit dem Thema Kindesmissbrauch Quote gemacht, Kindern und Eltern wird nicht im Ansatz geholfen. Höhepunkt der Fälle in «Tatort Internet» ist die Bloßstellung von Männern, die sich per Chat mit Kindern verabredet haben. Es geht in der Sendung nicht um Hilfe oder um Aufklärung für Familien, für Kinder, der Skandal steht im Vordergrund. Das beweist allein die Kooperation mit der BILD. Die Sendung hat mehrere Ziele: Stephanie zu Guttenberg soll als First Lady aufgebaut werden, die zufälligerweise gerade ein albernes Buch zu dem Thema geschrieben hat, der von ihr unterstützte Verein «Innocence in danger» soll beworben werden und es wird massiv politischer Druck aufgebaut, damit die so genannten Netzsperren und die Vorratsdatenspeicherung endlich umgesetzt werden. Die Sendung ist schlicht und ergreifend perfide, sie konterkariert das hohe Gut der Pressefreiheit. Was sich in «Tatort Internet» unter dem Deckmantel des Journalismus abspielt ist kaum in Worte zu fassen und mit «Tatort Redaktion» diplomatisch umschrieben.

Die Redaktion gibt sich in Chats, in denen sich hauptsächlich Teenager tummeln, als junges Mädchen aus und wartet darauf, dass sie von Erwachsenen angesprochen wird. Es wird geflirtet, es werden Bilder ausgetauscht, es wird über sexuelle Dinge gesprochen, bis ein reales Treffen vereinbart wird. Beim Treffen wird der vermeintlich Überführte dann mit Kamera gestellt und von einer so genannten Journalistin befragt. Der Stimmte wird verfremdet, das Gesicht verpixelt. Dem Zuschauer aber werden über die Person mehrere Informationen genannt: Wohnort, Familienstand und andere persönliche Dinge. Es kommt, wie es kommen muss: Laut netzpolitik.org sind wahrscheinlich bereits 2 Menschen geoutet worden.

Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass hier zwei unschuldige Existenzen vernichtet wurden. «Tatort Internet» hat ein amerikanisches Vorbild: «How to catch a predator». Zum amerikanischen Vorbild gehört auch die Tatsache, dass sich ein Beschuldigter das Leben genommen hat. Die Reaktion von RTL2, zu der ich aufgrund des Wirkens explizit Stephanie zu Guttenberg und auch Xavier Naidoo zähle, der die Musik liefert und das Format bewirbt, hat nun zu verantworten, dass offensichtlich unschuldige Menschen von einem Lynchmob verfolgt werden. Warum unschuldig? Udo Vetter weist darauf hin, dass die Polizei bisher in keinem der Fälle einen Anfangsverdacht gesehen und Ermittlungen dementsprechend abgelehnt hat. Zudem ist völlig unklar, ob die verfolgten Personen die von RTL2 gestellten Personen sind. Hätte, wenn und aber ist aber auch völlig unerheblich. Wir sprechen von unschuldigen Menschen, egal ob unbeteiligt oder von der Redaktion gestellt.

Rechtsanwalt Stadler beschreibt, dass es weitere rechtliche Probleme mit «Tatort Internet» gibt. «Das heimliche Mitschneiden der Gespräche der angelockten potentiellen Täter durch RTL 2 dürfte gegen § 201 StGB verstoßen. […] Sollte aufgrund der Angaben, die zu der Person der gefilmten Täter gemacht werden, eine Identifizierbarkeit möglich sein, kommt außerdem eine Persönlichkeitsrechtsverletzung hinzu.» Zusätzlich erklärt Stadler das so genannte «Grooming»: «Gemeint sind damit Vorbereitungshandlungen wie das bloße Ansprechen von Kindern oder Jugendlichen in Chats o.ä. mit sexuellem Hintergrund.» In «Tatort Internet» wird explizit das Vorgehen von Redaktion und den Beschuldigten gezeigt, so dass allen Zuschauern hier eine «perfekte» Anleitung aufgezeigt wird. Bei «Tatort Internet» wird nicht aufgeklärt oder geholfen, es wird explizit gezeigt, wir man sich im Chat als Erwachsener an Kinder heranmachen kann.

Es gibt Zeitungen, insbesondere aus dem Axel-Springer-Konzern, die das Grundrecht der Pressefreiheit ausnutzen um es gezielt gegen Personengruppen und für die eigenen Interessen einsetzen. Das gleiche gilt offensichtlich auch für «Tatort Internet». Das Format ist widerwärtig, ein Lynchmob wird der Quote wegen billigend in Kauf genommen, dem «Grooming» wird offenbar willentlich Vorschub geleistet. Es ist offensichtlich, dass es den beteiligten Journalisten nicht um die Sache geht, sondern dass man sich auf einem Kreuzzug befindet. Die Existenz der Menschen, die vermeintlich geoutet wurden, ist ruiniert. Gerade beim Thema Kindesmissbrauch bleibt immer etwas hängen, «da war doch mal was». Die Schuld hierfür trägt RTL2, die beteiligten Journalisten und natürlich auch Stephanie zu Guttenberg, die nach der Kritik der ersten Sendung «Tatort Internet» in einer Pressekonferenz mit einer BILD in Händen verteidigte. Ich nenne das pervers.

Auf Twitter wird Stephanie zu Guttenberg wahlweise nur noch #MoralBarbie oder #PornoSteffi genannt.«Tatort Internet» wird der Sache, dem Kampf gegen den Kindesmissbrauch, nicht im Ansatz gerecht. 80% der Kindesmissbrauchsfälle spielen sich innerhalb der Familie ab. Genauso gut könnte man von «Tatort Familie» sprechen. Sollte sich bewahrheiten, dass der mediale Lynchmob nun Unschuldige verfolgt, ist aus «Tatort Internet» der «Tatort Redaktion» geworden. Unsere Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Die gilt es fast schon täglich gegen diverse Bestrebungen der Politik zu verteidigen. Doch sollte man auch die benennen, die mit der Pressefreiheit Schindluder treiben, sie mit Füßen treten und konterkarieren. «Tatort Internet» verletzt offensichtlich die Grundrechte von Unschuldigen. Dem sollte man entgegen treten.

Bei «Tatort Internet» sollte man zukünftig von «Tatort Redaktion» sprechen.

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18 Antworten zu “Tatort Redaktion — der Lynchmob wird losgelassen”

  1. Baul sagt:

    Gut geschrieben!
    Mal schauen wie sich der Artikel so weiterverbreiten lässt…Spread the Word!

  2. Heiko sagt:

    Interessant wäre auch, wie lange es dauert, bis sich die zuständige Aufsichtsbehörde(?) einschaltet und dieser Sendung einen Riegel vorschiebt.

  3. HerrTutWaslos sagt:

    So wie ich es mitbekommen haben waren die Imageboard Nutzer von xxx die ersten die die wahre Identität von einem «Täter» rausgefunden haben

    Sie verteilen auch schon die unretouchierten Bilder… schweinewiederlich ist das!

  4. Gaston sagt:

    Gut, das ich keine Glotze habe.

    Von «Extra-3″ dazu.

  5. pixelpupser sagt:

    Die Geschichte sollte nicht überdramatisiert werden. Frau von und zu möchte doch nur ebenso wie ihr populärer Gemahl ihre kleinen, adligen Samtpfötchen mit Unterschichtenblut besudeln. Das ist blaublütiger Chic, schon immer.

  6. Foxxi sagt:

    Ich wollte eigentlich auch nix dazu sagen, aber es geht noch um viel mehr. Warum, so könnte man sich fragen macht PornoSteffi da mit? als zukünftige First Lady, wie sie ja gehandelt wird, ist ein derartiger Auftritt bei diesem Schweinesender doch nicht gerade förderlich.

    Als Zensursula ihre Netzsperren durchdrücken wollte (und sie letztendlich auch durchgedrückt hat, das sollte man nicht vergessen) hatte ich ein Gespräch mit einem guten Freund in einer expliziten Stelle bei einem großen Provider. Ich habe ihn gefragt ob es keine Diskussionen gegeben hätte darob des aus meiner Sicht unverantwortlichen Treibens der Politik in dieser Frage. Er meinte daraufhin, dass es den Verantwortlichen schon klar war, dass sie sich mit einer Unterstützung u.U. unbeliebt machen könnten, aber schlussendlich war es eine Abwägung wieviele Kunden kostet eine Zusage und wieviele Kunden kostet eine Absage an die Politik.

    Das Ergebnis war klar und einfach: Man würde mehr Kunden verlieren, wenn man sich gegen Zensursula zur Wehr setzen würde! Moral? Aufklärung? Fehlanzeige!

    Ferner sei daran erinnert, dass (SPD-) Politiker zugegeben haben für das Gesetz gestimmt zu haben, weil sie Angst vor der Blödzeitung hatten. Das ist das Land der Dichter und Denker in dem wir Leben — und verzeiht meine Hochnäßigkeit, aber die Zahl der Doofen und Ignoranten ist riesig!

  7. Foxxi sagt:

    …und die Schreibfehler schenke ich Euch ;-)

  8. Rogov sagt:

    Hinsichtlich der Sendung wäre noch zu klären, ob es sich nicht um Laiendarsteller handelt (wie in allen anderen privaten Dokuformaten). Die Szene, in der ein angeblicher «Täter» auf offener Straße von mindestens 2 Kamerateams umringt ist (eines nur etwa zwei Meter von ihm entfernt) und das überhaupt nicht wahrnimmt, legt das zumindest nahe. Die «Outings» beziehen sich dann auf Leute, die mit der Sendung gar nichts zu tun haben. Das wäre im Fall einer wirklichen Doku aber auch nicht viel anders. Der Mob findet immer irgendjemanden, auf den die Beschreibungen halbwegs passen, und beginnt mit dem üblichen Terror — gleich ob es sich die Verfolgten irgendetwas zu schulden haben kommen lassen oder nicht.

    Hier mal Bilder, die die Laiendarsteller-Variante nahelegen.

  9. Bluntman sagt:

    Die Guttis sind laut Springerpresse die «fränkischen Kennedys». Und jetzt kommst du. ;-)

  10. Ich hab den Link zu Springer entfernt.

  11. bild.de hat mittlerweile den Nick eines der Geouteten geändert, sprich «anonymisiert». Der Herr ist nun nicht mehr über seinen Nick und Google identifizierbar.

    Nur zu spät, die Existenz dürfte ruiniert sein. Die «Nachricht» ist «draußen», mir wurde ehrlich gesagt speiübel, als ich diese Hesenjagd auf den Foren gesehen habe, die die Daten veröffentlicht haben.

  12. Rudi sagt:

    Frau von und zu Guttenberg hat sich ja auch massiv für Netzsperren eingesetzt, beim Zappen bin ich auf die Sendung gestossen und es wurde direkt von der Notwendigkeit der Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung berichtet :D Was eine Parteiwerbung.
    Naja, aber der Unsinn dieser Sendung war schon vor der Ausstrahlung klar — RTLII…

  13. Stimmvieh sagt:

    Meine Mutter ist Polizistin und im Bereich Prävention tätig, mit einem Schwerpunkt auf Prävention von sexuellem Missbrauch. Mit der habe ich mich schon einige Male über ihre Arbeit gesprochen (und durfte mal Testpublikum für eine Präsentation spielen), und wenn ich höre, was die mir zu dem Thema erzählt, und wie hysterisch die öffentliche Debatte bei dem Thema ist («Kann denn nicht endlich mal EINER an die Kinder denken?!?!?»), werde ich wirklich wütend. Auch, weil dabei Sachen in einen Topf geworfen und hysterisch umgerührt werden, die eigentlich nur wenig mit einander zu tun haben.
    Über die idiotische Argumentation bei Netzsperren will ich gar nicht erst anfangen, aber ich frage mich zum Beispiel, was ein dreizehn oder vierzehn Jahre altes Mädchen bzw. Junge im Internet zu suchen hat. Und warum bei denen, wenn sie schon im Internet unterwegs sind und chatten, und dann das Gegenüber auf einmal über Sex reden und dann auch noch ein persönliches Treffen vereinbaren will, nicht sofort alle Alarmglocken klingeln.
    Eigentlich ist es Aufgabe der Eltern, wenn sie ihre Kinder schon unbeaufsichtigt ins Internet lassen, ihre Kinder über solche Gefahren zu informieren, unabhängig davon wie groß rechnerisch das Risiko ist, tatsächlich einem Pädophilen zu begegnen. Man lässt seine Kinder ja auch nicht auf den Straßenverkehr los, ohne ihnen vorher zu erklären, dass man nach links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder dass dafür bevorzugt Ampeln ansteuern und NICHT los rennen sollte, bevor das grüne Männchen leuchtet…

    Und weder mit Netzsperren noch mit dieser unsäglichen Sendung ist doch wirklich den Kindern gedient. Nimmt man das vorgebliche Anliegen der Sendung für voll, dann wäre es ja durchaus möglich, eine seriöse Sendung (okay, dann wohl eher nicht bei RTL2) zu dem Thema zu machen, die Eltern und Kinder über die Gefahren aufklärt, die im Internet so lauern («Porn, porn, free porn… Get rich watching porn?! I find that rather hard to believe…» *Click*). Dass man von dieser Möglichkeit offenkundig abgesehen hat, entlarvt die Beteiligten in meinen Augen als profilierungssüchtige Heuchler.
    (Und es gibt wahrscheinlich weit mehr Menschen aller Altersgruppen, die immer noch glauben, man könne preiswert Viagra im Internet bestellen oder ein paar Millionen Euro verdienen, indem man der Witwe eines nigerianischen Regierungsmitgliedes hilft, Schwarzgeld außer Landes zu schaffen, wenn man ihr nur die paar Tausend Euro «Anwaltsgebühren» überweist… dass man beim Chatten Wildfremden keine privaten Daten mitteilt oder Fotos von sich schickt, sollte eine ebenso essentielle Grundlage für das Verhalten im Internet sein!)

    [Warum steht im Kommentar-Formular bei mir neben den Feldern für Name und eMail «(Optional)(required)»? Das hat mich jetzt doch ein bisschen verwirrt…]

  14. [Warum steht im Kommentar-Formular bei mir neben den Feldern für Name und eMail «(Optional)(required)»? Das hat mich jetzt doch ein bisschen verwirrt…]

    Danke für den Hinweis, ist korrigiert. :)

  15. […] Internet»: Morddrohungen schocken TV-MacherSTERN.DEKinderschänder in der TV-FalleBUNTE OnlineTatort Redaktion – der Lynchmob wird losgelassenF!XMBRxtranews -KUKKSI NachrichtenAlle 86 […]

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  17. Wolf sagt:

    Der Guttenberg– Verein, der damit beworben wird, heisst nicht zu Unrecht «Innocence in Danger». Man darf davon ausgehen, dass damit die Unschuldsvermutung gemeint ist, die sich in Händen der Guttenberg– Clique absolut gefährdet ist. Nomen est Omen…


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