Tagebuch eines Piratenpartei-Mitgliedes*

Piraten05. Juni 2009
Habe heute mit einigen Kameraden gesprochen. Die NPD hat bei der Europawahl keine Chance. Wir sehen uns nach einer neuen Partei um. Mir wird die Piratenpartei empfohlen, die tritt auch für unsere Meinungsfreiheit ein, so wurde mir gesagt. Habe mit Bodo Thiesen telefoniert. Er empfiehlt den Eintritt in die Piratenpartei, damit man gemeinsam marschieren kann. Ich trete der Kameradschaft bei und träume davon, den Reichstag zu erobern. Nur was ist eigentlich ein Wiki?

07. Juni 2009
Meine Kameraden und ich haben bei der Europawahl 0,9% erreicht. Das ist ein gute Anfang. Leider hat es in der BRD nicht zu mehr gereicht, doch werden wir bald die Führung im Deutschen Bundestag übernehmen. Unsere schwedische Division schickt einen Kameraden ins Europaparlament. Er ist der Pionier in unserer Kameradschaft. Jetzt werden andere Regierungen infiltriert. Klarmachen zum Ändern!

07. Juli 2009
Deutschlands linksgrüne Blogger neiden uns den Erfolg. Auf mehreren Webseiten wird gegen unsere Kameradschaft wild gehetzt. Die Linksfaschisten wollen dem Kameraden Bodo Thiesen seine Meinung zum so genannten Holocaust verbieten. Nicht mit uns! Per Blitzkrieg fallen wir über die betreffenden Blogs her und bringen sie zum Schweigen. Unsere Sturmtruppen haben eine enorme Schlagstärke. Wir sind Piraten. Widerstand ist zwecklos. Die Hetzer werden assimiliert.

09. Juli 2009
Habe einen dieser dummen Blogger angerufen und ihm klargemacht, gegen welche Streitmacht er sich stellt. Er hat verstanden und stellt meine Drohung online. Was für ein Müttersöhnchen. Unsere Anhänger stürmen die Kommentare. Unsere Kameradschaft ist bewundernswert. Wir stellen ihn aggressiv an die Wand. Dieser Gutmensch wird uns nie vergessen.

13. Juli 209
Die linksgrünen Medien fahren ihre Kampagne gegen mich und meine Kameraden weiter. Von der gleichgeschalteten Presse der BRD war nichts anderes zu erwarten. Wir werden jetzt noch stärker zusammenrücken. Wir werden uns die Meinungsführerschaft zurückerobern. Meine Brüder und ich werden nicht untergehen. Ich frage bei einem unserer Stammtische: Wollt Ihr die totale Meinungshoheit? Und alle so: Yeaahh.

20. Juli 2009
Wir treffen uns mit ein paar Kameraden zum Grillen. Wir trinken deutsches Bier und singen altdeutsche Lieder. Zur Feier des Tages habe ich in der Nacht einen One-Night-Stand. Mit mir selbst. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Irgendwo im Internet steht, Onanie macht blind. Eine unverzeihliche Schwäche. Meine Kameraden dürfen davon nichts erfahren.

10. August 2009
Blogger und Medien werfen uns vor, wir seien eine Ein-Themen-Partei. Die Gleichschaltung in der BRD hat also auch schon die so genannten unabhängigen Blogger erreicht. Sie stehen in einer Linie mit den gleichgeschalteten Medien. Typische Linksfaschisten. Wir Piraten stehen nicht nur für netzpolitische Themen, unsere Kameradschaft ist unser höchstes Gut. Wir marschieren zusammen und wir stehen zusammen. Gegen diese Lügen und Diffamierungen.

08. September 2009
Unserer Kameradschaft wird neuerdings vorgeworfen, dass zu wenige Frauen Mitglied seien. Das ist typische Hetze der verweichlichten 68’er-Generation. Unsere Frauen stehen auch ohne Parteibuch neben uns und kümmern sich um den Haushalt, die Kirche und die Kinder. Unser Familienbild ist noch in Ordnung. Wir sind keine Weicheier, unsere Frauen wissen sich noch zu benehmen. Ich überlege, wie ich das Stormfront– und das Piratenforum zusammenführen kann.

17. September 2009
Unser Kamerad Andreas Popp, Stellvertreter unseres Führers Jens Seipenbusch, hat der links-konservativen Zeitschrift Junge Freiheit ein Interview gegeben. Er hat auf die teilweise linksgrünen und provozierenden Fragen inhaltlich vorbildich geantwortet. Doch anstatt ihm einen Orden zu verleihen, fallen wieder die linksfaschistischen Blogger und Medien über uns her. Unser Führer selbst, Jens Seipenbusch, beugt sich dem Druck und antwortet mit einem befremdlichen Blogartikel. Führer brauchen Stärke, ich überlege, ob ich mich als Führer der Piratenpartei zur Verfügung stelle. Positiv ist auch diesmal unsere Kameradschaft. Wir stehen gemeinsam gegen die politische Hetze der Gegenseite.

19. September 2009
Auf einem dieser linksgrünen Blogs wurde ein neues Logo unserer Kameradschaft veröffentlicht. Es soll angeblich Satire sein, so die Bildunterschrift. Meine Kameraden und ich finden das Logo super und treffend. Wir stehen zusammen und überlegen, ob wir unser bisheriges pastellfarbenes und verweichlichendes Orange gegen dieses aggressive und ausdrucksstarke Rot eintauschen. Unsere Truppenstärke nimmt immer mehr zu. Zur Übernahme des Deutschen Bundestages werden wir 10.000 Kameraden sein. Wir haben die Macht.

22. September 2009
Noch eine Woche bis zur Bundestagswahl in der BRD. Die linksfaschistische Hetze gegen unsere Kameradschaft erreicht so langsam ihren Höhepunkt. Doch wir lassen uns nicht beirren. Diesen Krieg wird die Gegenseite nicht gewinnen. Wir werden den Deutschen Bundestag mit unseren Divisionen entern. Wir sind stark, die Anderen sind schwach. Unsere Kompanie schlägt zurück und schlägt die gleichgeschalteten Medien auf ihrem eigenen Terrain. Was glauben die eigentlich, wer sie sind? Pseudo-Journalisten. Allesamt.

25. September 2009
Die linksextremistische Jungle World veröffentlicht 18 Gründe, die Piratenpartei zu wählen. Was eine Satire werden sollte, hört sich alles sehr vernünftig an. Was sind das nur für dumme Menschen. Ich lache mit meinen Kameraden über die Jungle World. Sie liefern uns 18 Gründe, andere Kameraden von unserer Gemeinschaft zu überzeugen.

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Quelle: Jungle World | Klick für größeres Bild

27. September 2009
Die Hetze der linksgrünen Presse und der deutschen Blogs hat Wirkung gezeigt. Unsere Kameradschaft erreicht bei der Bundestagswahl in der BRD nur 2.0% . Viele meiner Kameraden feiern das Ergebnis als Erfolg. Das sind Weicheier, ich überlege, aus der Piratenpartei auszutreten. Gegen diese Verweichlichung!

30. September 2009
Ich bin aus der Piratenpartei ausgetreten. Viele unserer Kameraden haben diese vernichtende Niederlage als Erfolg gefeiert. Kaum ein Kamerad hat Stehvermögen gezeigt und sich gegen die gleichgeschaltete Presse gestellt. Eine kleine Studie hatte offenbart, dass viele meine Kameraden zudem links sein sollen. Die Linksfaschisten haben also auch schon die Piratenpartei unterwandert. Nicht mit mir. Ich marschiere weiter. Ohne die Piraten.

04. Oktober 2009
Ein ehemaliger Kamerad ist geoutet worden. Er war früher Mitglied in verschiedenen Kameradschaften in Sachsen, er wurde unter anderem im linksextremen Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg namentlich erwähnt. Nun marschiert er gemeinsam mit den Piraten in Niedersachsen. Ich überlege, ob ich der Kameradschaft in Niedersachsen beitrete. Es besteht anscheinend noch Hoffnung. Gemeinsam sind wir stark. Wir stehen zusammen. Wir sterben zusammen. Brüder fürs Leben.

*Name der Redaktion nicht bekannt.

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30 Antworten zu “Tagebuch eines Piratenpartei-Mitgliedes*”

  1. Antje sagt:

    @Chris
    Sehr böse, aber ich habe mich köstlich amüsiert 😀
    Danke übrigens, dass ich als Frau hier kommentieren darf, das wollte ich immer schon mal sagen.

  2. Chris sagt:

    Und bevor ich es vergesse: Diese Satire, die nach den neuesten Veröffentlichungen entstanden ist, wird restriktiv moderiert. Mit vielen Piraten zu diskutieren, bedeutet, Lebenszeit zu verschenken. Es gibt mehrere Piraten, mit denen stehe ich per Mail in Kontakt — oder auch auf Identi.ca. Ich kenne sogar welche im realen Leben. Das hat Sinn und Verstand. Trolle hatten hier ihre Show.

  3. Foxxi sagt:

    Ist eine tatsächliche «Resozialisierung» Hempels ausgeschlossen?

  4. Anonymous sagt:

    hm, war schonmal lustiger. insbesondere das logo war doubleplusgood. der hier allerdings.. meh.

  5. Chris sagt:

    @Foxxi: Darum geht es hier nicht. Ich kommentiere es nicht um nehme hier keine Bewertung diesbezüglich vor. Du bist der, der hier in Abwehrhaltung geht.

    @Anonymous; Ja, so ist das. Manche Kommentare waren auch schon gehaltvoller. Meinungen gehen auseinander. Insbesondere bei solcher Satire. Mir gefällt zum Beispiel die Titanic auch nicht immer…

  6. Jubelperser sagt:

    OMG die wissen von ihm schon seit dem 25. August 2009

    Piraten-Forum

    Ja, ich bin mir sicher eine Resozialisierung ist ausgeschlossen.

  7. Carlos sagt:

    04. Oktober 2009, spät abends.

    Katastrophe! Einer meiner linksfaschistischen Ex-«Kameraden» hat mein Tagebuch geklaut und an eines dieser linksgrünen Blogs verscherbelt. Aus Frust den ganzen Abend die besten Reden unseres Führers gehört und Deutsches Bier getrunken.
    Werde morgen den Piraten den Totalen Krieg erklären!

  8. Foxxi sagt:

    Chris, die Frage war keinesfalls rhetorisch. Der Artikel hinter dem Link vermerkt eine 5-jährige «Inaktivität Hempels». Ich wollte lediglich wissen ob es vielleicht noch andere Erkenntnisse gibt.

  9. Foxxi sagt:

    …wer sucht der findet, danke 😉
    *seufz* …es wird nicht einfacher.

  10. Udo sagt:

    Ahhh, genau, dass habe ich ja auch noch geschrieben. Aber egal, mit Glossen kennst Du Dich ja aus :)

    Im Übrigen, ich fand diese (Deine) Satire nicht unlustig. 😉

  11. Harald sagt:

    Dankeschön für den wunderbaren Text.
    Leider wird er bei denen nicht ankommen, die gemeint sind. Oder?

  12. Antje sagt:

    Bei Chip gibt es seit 1.10.2009 unter CC dies über die Piraten, also ihre Eigensicht:

    Gratis-E-Book: Die Piratenpartei

  13. […] Doch noch was gefunden Jetzt hab ich den ganzen Sonntag krampfhaft versucht, irgendwas sinnvolles für diese Seite zusammenzudichten und mir ist nichts eingefallen. Oder nein, eingefallen ist mir schon ‘ne Menge, nur muss das aber auch in vernünftige Worte gefasst werden und das geht nicht so ohne weiteres zwischen Küche aufräumen und der Teilnahme am Geburtstagskaffee der Nichte. Beinahe hätte ich aufgegeben, die nichtvorhandenen Leser eine weitere Woche ohne neuen Artikel allein gelassen und wäre einfach schlafen gegangen. Doch da kam mir Chris von f!xmbr zu Hilfe und veröffentlichte einen fiktiven, aber durchaus amüsanten Ausschnitt aus dem Tagebuch eines Piratenpartei-Mitglieds. […]

  14. Otto sagt:

    @Jubelperser
    Der im Forum verlinkte Indymedia-Artikel ist schon vom 26.7.
    Ach, ich sehe gerade, da geht es nicht um Udo Hempel, sondern zwei
    «echte» Rechte.

  15. Otto sagt:

    edit:
    Und den Artikel muß man auch mit Vorsicht genießen, siehe Kommentare…

  16. Chris sagt:

    @Antje: Das Buch nimmt sogar unter anderem Bezug auf F!XMBR… 😉

    @Otto: Indymedia ist grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen…

  17. Antje sagt:

    @Chris Na siehst du, lohnt sich eben, wenn man Frauen mitkommentieren lässt 😀

  18. Daniel sagt:

    Ok, ich mag die Piraten, und ich fand den Artikel trotzdem witzig. Locker machen :)

  19. Anonymous sagt:

    Fand ich diesmal sogar ganz lustig, die Satire.

  20. Tom sagt:

    Solange derartige Kameraden das Schiff von selbst verlassen ist doch alles bestens. Weicheier können auch segeln, wenn sie erstmal den Kurs festgelegt haben. 😉

  21. Morpheus sagt:

    Hallo,

    auch wenn ich mich inzwischen selbst als Mitglied der Piratenpartei schimpfe, so fand ich den Beitrag doch recht unterhaltsam. Eine gelungene Satiere, bei der es sich gut lachen lässt.

    Grüßle
    Morpheus

    PS: Nur die braun-rote Suppendiskussion stört mich in Bezug auf die Piraten schon ein wenig. Gibts denn zwischen diesen beiden Extremen nichts mehr?

  22. alexkid sagt:

    Zu herrlich, ich lieg immer noch lachend halb unter dem Tisch! Genau das richtige, um morgens wach zu werden. Deine Satiren sind genau das, was wir Piraten gelegentlich mal brauchen. Mach bitte weiter so! :)

    Piratige Grüße,
    alex

  23. Jubelperser sagt:

    @Otto:

    ich meine auch den post darunter, leider ist phpbb nicht in der lage den post dann auch als obersten anzuzeigen, selbst wenn ich direkt drauf linke, deswegen hier ein fullquote vom 25.8.

    Forum

    Nun zum gläsernen Menschen ^^

    Nowexx = nowexx.de = […]

  24. Micxs sagt:

    Es war im Lande Deutschland dringend ein Leuchtturm von Nöten der die Dunkelheit in der Nacht gegen ein Licht austauschte das von weitem schon gesehen werden konnte, so das wichtige Postboten nicht gegen die schöne Bananeninsel fahren. Der Viertelvorzwölfte schickte die Nerds los um Herrn Tur-Tur, den Scheinriesen, nach Lummerland zu holen. Scheinriese weil, Je weiter man von ihm entfernt ist, desto größer sieht er aus. Nur wer sich ganz nah an ihn heran wagt, erkennt, dass er genauso groß ist wie jeder normale Mensch auch.

    Auf ihrem Weg den Scheinriesen nach Deutschland zu holen begegneten die Nerds der Wilden 13. Die 13 Wilden waren in Wirklichkeit nur 12 und fuhren durch das Internetmeer mit dem Kampfspruch «Ho ho ho und ein Faß voller Rum» und waren mit dem Volldrachen Frau Mahlzahn aus Kummerland im Bunde. Ihr Piratennest lag im «Land das nicht sein darf» und und nur die Piraten kannten den Weg ins Sturmauge und zurück.

    Ja sie wollten auch Chris an den Volldrachen Frau Mahlzahn verkaufen aber durch ein postalisches Problem landete er auf F!xmbr anstatt in Kummerland. Da Chris die wilde 13 aber besiegen und den Volldrachen Mahlzahn in der Stadt der Drachen gefangen nehmen konnte, gab es dann irgendwann ein HappyEnd. Ho ho ho und ein Faß voller Rum 😀

  25. Chris sagt:

    Mal eine Frage an die normalen Kommentatoren hier: Was hat Satire, egal ob sie gefällt oder nicht, mit Hetze zu tun?

    Und wenn Satire=Hetze ist, was sind dann erst Zensursula und Stasi 2.0?

    Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen sind größere Demokraten als so manche Piraten. Sie beweisen insbesondere Größe im Umgang mit Stasi 2.0 und Zensursula.

  26. phoibos sagt:

    satire wird in dem moment zur hetze, wenn sie nicht verstanden wird. ist wohl eine ganz subjektive sache, die viel mit merkbefreitheit zu tun hat…

    (auch wenn ich mich mit normal nur äußerst begrenzt angesprochen gefühlt habe 😀 )

  27. Micxs sagt:

    Ich darf nicht antworten 😉
    Sehe das aber wie phoibos. Es liegt immer am Zuhörer oder Leser ob eine Satire oder überspitzte Darstellung als Kunst oder Hetze betrachtet wird. Letzteres Gefühl ist gerade dann beim Leser anzutreffen wenn Emotionen und/oder Unerfahrenheit im Spiel sind. Die Kunst liegt darin auch über sich selbst lachen zu können und Kritik, auch wenn sie überspitzt ist, als solche wahrzunehmen.

  28. Sebastian sagt:

    Du hast die Tagebucheinträge aber schon noch redaktionell überarbeitet, oder? Da sind doch viel zu wenige grammatische und Orthographiefehler drinne.
    Man hofft immer noch, dass die anderen Parteien es auf die Reihe bekommen, Bürgerrechte und den ganzen Pipapo auf die Agenda zu setzen. Sofort wäre die Piratenpartei unnötig und die Anhängerschaft könnte wieder in ihre abgedunkelten Räume WoW spielen.

  29. Chris sagt:

    Die Grammatik ist so gewollt, Rechtschreibung ist mir egal…


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