Tagebuch eines Journalisten

01. November 2008
Ich bin gefeuert worden. In der derzeitigen Krise müsse man nun alle Kräfte und Kompetenzen in einer Zentralredaktion bündeln, so mein ehemaliger Chefredakteur. Da brauche man mich nicht mehr. Ich war schockiert. Das war doch überhaupt nicht abzusehen. Andere Kollegen, die schon länger ohne Job sind, raten mir nun, in die Zukunft zu blicken und ein Blog zu eröffnen. Das klappt sofort. Schnell schreibe ich den ersten Artikel. Ich habe schon einen Leser – mich selbst. Bloggen ist toll. Zur Feier des Tages gönne ich mir eine Flasche Rotkäppchen aus dem ALDI. Bald ist mehr drin. Ich habe gesehen, Alyssa Milano, Dieter Bohlen und viele Prominente bloggen auch. Das ist die Zukunft.

10. November 2008
Das Blog brummt. Durch das Kommentieren bei A-Bloggern und das Verschicken unzähliger Trackbacks finden immer mehr Leser mein Blog. Ich bin also nicht mehr der Einzige, der mein Blog liest. Ich schalte Werbung und gönne mir einen neuen Chefsessel. Ich überlege, eine GmbH zu gründen. Stolz gehe ich ins Bett. Die neue Freiheit ist atemberaubend. Ich träume davon, als erster Blogger den Pulitzerpreis zu bekommen.

14. November 2008
Ich bin urlaubsreif. Täglich Artikel schreiben, auf anderen Blogs lesen und kommentieren, geht an die Substanz. Wieder haben 10 neue Leser mein Blog gefunden. Die zu erwartende Umsatzsteigerungen teile ich meiner Bank mit. Dort ist man von meiner Leistung beeindruckt. Die Kurve zeigt steil nach oben. Nach Gründung meiner Blog GmbH genehmige ich mir ein angemessenes Chefredakteurs-Gehalt. Hätte ich das alles nur viel früher getan.

19. November 2008
Ein Unternehmen braucht einen Betriebsrat. so denke ich zumindest. So habe ich es gelernt. Als Chef lehne ich diesen natürlich ab. Macht nichts. Als Redakteur werde ich mich zu wehren wissen. Ich kämpfe mit mir selbst. Wie gut, dass ich gewinnen werde.

22. November 2008
Ich organisiere einen Warnstreik und blogge darüber live. Eine ehemaliger Kollege interviewt mich und stellt den Artikel auf sein Blog. Der erste Trackback, der bei mir landet. Den Screenshot von Technorati schicke ich per Mail an meinen Anlagenberater. Zusätzlich habe ich Twitter entdeckt. Ich habe mehr Kontakte als zu meiner Journalisten-Zeit. Weitere 10 Besucher haben mein Blog entdeckt. Bald bin ich im 3-stelligen Bereich. Meine Bank genehmigt mir daraufhin einen höheren Dispo-Kredit. Barack Obama ist mein neuer Freund. Ich rufe meine Familie an. Sie ist stolz auf mich.

24. November 2008
Als Chef genehmige ich den Betriebsrat um in der Vorweihnachtszeit Ruhe zu haben. Auf der folgenden Weihnachtsfeier wird sehr viel getrunken. Ich habe einen One-Night-Stand mit meiner Sekretärin. Hinterher habe ich ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter hat immer gesagt, Onanie macht blind.

27. November 2008
Bald habe ich täglich bis zu 200 Besucher. Ich erwarte die erste Zahlung von Google und Adnation. Ich genehmige mir eine weitere Gehaltserhöhung und überlege, in die FDP einzutreten. Das ist die Partei für uns selbständige Besserverdiener. Was soll ich nur für einen Firmenwagen nehmen? Wenn diese schwierigen Entscheidungen nur nicht wären.

30. November 2008
Mein Steuerberater ruft an, er müsse dringend mit mir reden. Habe das Gespräch nicht zum Chef durchgestellt. Der hatte keine Lust, mit dem kleinen Beamtensohn zu reden. Als Angestellter wusste ich natürlich von nichts. Man, war der sauer.

02. Dezember 2008
Der neue Monat beginnt. Wenn der neue Monat genauso erfolgreich wird, wie der alte, überlege ich ein Startup zu gründen. Vielleicht ein Blognetzwerk? Der Besucherstrom ist ein wenig eingebrochen. Macht nichts, klicke ich halt selbst auf die Werbung. Tja, ich weiß mir zu helfen.

05. Dezember 2008
Die Bank hat mein Konto gesperrt. Habe denen von meinen Besuchern und der Werbung erzählt. Die haben mich ausgelacht. Ich habe wutentbrannt aufgelegt. Die werden mich noch kennenlernen. Schließlich bin ich Unternehmer, und nicht sonst wer. Was glauben die, wer die sind? Und das in der Finanzkrise. Die werden es bereuen, einen potenten Kunden wie mich verärgert zu haben.

07. Dezember 2008
Ich gründe das von langer Hand geplante Startup. Laut lachend schicke ich die Pressemitteilung an die Bank. Ich bin nun Verleger, Geschäftsführer, Redakteur, Angestellter, CEO, Founder und Web-2.0-Enthusiast in einer Person. Ich brauche größere Visitenkarten.

12. Dezember 2008
Geschockt sitze ich in meinem Büro. Bei Google hat es für keine Auszahlung gereicht. Adnation hat mir aus Mitleid neben dem Scheck eine Packung Zwieback mitgeschickt. Ich muss wohl eine Gewinnwarnung herausgeben. Meine Bank hat angerufen. Das Lachen zwischen den Zeilen habe ich verstanden. Ich bin doch nicht doof.

15. Dezember 2008
Seit auf der Blogbar über mich gelacht wurde, traue ich mich nicht mehr, auf anderen Blogs zu kommentieren. Dadurch finden kaum noch Besucher mein Blog. Als Konsequenz trete ich als Geschäftsführer und CEO zurück. Ich habe wenigstens noch Rückgrat.

17. Dezember 2008
Ich sehe nur eine Lösung für mein Problem: Personaleinsparung. Wie konnte es nur so weit kommen? Ich hatte doch so viele Besucher, habe viele Artikel veröffentlicht, habe woanders kommentiert, war einer der großen Web-2.0-Sterne im deutschsprachigen Internet. Ich bin fassungslos. Was ist da nur falsch gelaufen?

19. Dezember 2008
Ich kündige mir selbst. Es erfolgt eine sofortige Freistellung und Hausverbot. Das kenne ich schon aus meinem vorherigen Job. Das ist alles so trostlos. Draußen regnet es, Weihnachten steht vor der Tür, meiner Familie habe ich abgesagt. Ich schäme mich.

21. Dezember 2008
Ich habe jetzt wieder sehr viel Zeit. Was soll ich nur mit dieser ganzen Zeit anfangen? War heute auf dem Arbeitsamt und habe mich eingehend informiert. Dort hat man mir geraten, mich für potentielle Arbeitgeber im Internet zu präsentieren und ein Weblog zu eröffnen…

Bild: Wikipedia

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8 Antworten zu “Tagebuch eines Journalisten”

  1. StoiBär sagt:

    Ich hoffe mal, das lesen die Richtigen! Klasse!

  2. Tagebuch eines Journalisten » F!XMBR…

    Andere Kollegen, die schon länger ohne Job sind, raten mir nun, in die Zukunft zu blicken und ein Blog zu eröffnen. Das klappt sofort. Schnell schreibe ich den ersten Artikel. Ich habe schon einen Leser – mich selbst. Bloggen ist toll.
    Tagebuch ein…

  3. Casi sagt:

    Großartig 😀

  4. kobalt sagt:

    » Ich brauche größere Visitenkarten.» — Hier wäre mir vor Lachen der Kaffee beinahe aus der Nase gelaufen.

    Herrlich! Sowas lese ich sonst nur im Eulenspiegel.

  5. Detlef Borchers sagt:

    Sehr schön, besonders erholsam für alle Journalisten mit Online-Artikeln, die übers «Fest» hinweg vor dem Problem stehen, ihre Artikel in METIS bis zum 31.12. reinkloppen zu müssen und Blogeinträge ohne Ende abliefern.… –Detlef

  6. Phil sagt:

    Oh, ist dieser Beitrag scheiße. Ich kommentiere ihn jetzt nur, um ordentlich viele User auf meine Seite zu locken… und dort gefangen zu halten.

    Nur Spass…

    Das hat mal wieder richtig Spass gemacht zu lesen. Irgendwie fehlt es vielen in der Blogosphäre an Selbstironie.

    Aber die User, die jetzt zu mir kommen behalte ich trotzdem, assimiliere sie, implementiere sie als semi-virtuelle Clickbots in meinen Adsense Account und an Weihnachten bekommt jeder eine halbe Selleriestaude.

    Weiter so! 😉

  7. Obatzter sagt:

    Pruust — darauf hätte man eigentlich kommen können, nämlich auch mal eine Gewinnwarnung herauszugeben. Super. Danke. Machich.

    Und danke für den Blog — köstlich.

  8. clemensticar sagt:

    Ganz großes Kino…

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