Tagebuch eines Ich AG´lers

1. Dezember 2005
Auf Anraten des Arbeitsamtes habe ich eine Ich AG gegründet. Endlich bin ich mein eigener Herr, das wurde auch langsam Zeit. Auf meine Stellenanzeige in der Zeitung kommt genau eine Bewerbung ins Haus — meine eigene. Das Vorstellungsgespräch läuft hervorragend. Wir haben die gleiche Einstellung zum Arbeitsleben. Ich stelle mich sofort ein. Aufgrund des guten Verhältnisses wird keine Probezeit vereinbart. Selbstständigkeit ist schon was Feines. Ich gönne mir zur Feier des Tages eine Flasche Sekt

10. Dezember 2005
Der Laden brummt. Durch die tolle Arbeit des Einkaufs steigt mein Umsatz bereits auf 30.000 Euro. Nur dem Verkauf muss ich noch auf die Füsse treten. Ich genehmige mir einen neuen Chefsessel und lasse Zigarren aus Kuba einfliegen. Ist zwar verboten, aber im Golf-Club habe ich neue Verbindungen aufgetan. Warum habe ich mich nicht schon früher selbstständig gemacht?

14. Dezember 2005
Ich bin urlaubsreif. Ausserdem muss ich mal über mein Gehalt reden. Der Umsatz steigt fast ins 6-stellige, aber mein Gehalt bleibt gleich — das geht so nicht. Vorher muss ich aber den Verkauf noch Feuer unterm Hintern machen. Der sitzt nur faul in der Gegend rum.

19. Dezember 2005
Ein Unternehmen braucht einen Betriebsrat — so denke ich zumindest. Der Chef lehnt das aber nach einem Anpfiff für den Verkauf ab. Der wird sich noch wundern. Nicht mit mir.

22. Dezember 2005
Ich organisiere einen Warnstreik. Die lokale Zeitung interviewt mich während ich mit Gulasch-Kanone vor meinem Büro campe. Als Chef sperre ich den Verkauf aus, der tut noch nichts für den Umsatz, der Einkauf darf bleiben. Ich habe alles im Griff. Ich bin der Chef.

24. Dezember 2005
Der Chef genehmigt den Betriebsrat, um bei der Weihnachtsfeier Ruhe zu haben. Es wird viel getrunken. Ich habe einen One-Night-Stand mit meiner Sekretärin. Hinterher habe ich ein schlechtes Gewissen. Meine Mama hat immer gesagt, Ornanie macht blind.

27. Dezember 2005
Mein Umsatz hat den 6-stelligen Bereich erreicht. Ich bin stolz, muss aber mal mit dem Verkauf reden. Der kommt nicht annähernd an die Umsätze des Einkaufs ran. Ich genehmige mir endlich die Gehaltserhöhung und überlege in die FDP einzutreten — im Golf-Club hat man mir dies angeraten.

28. Dezember 2005
Mein Steuerberater ruft an, er müsse dringend mit mir reden. Habe das Gespräch nicht zum Chef durchgestellt, als Angestellter wusste ich von nichts, man bekommt ja als normaler Arbeiter nichts gesagt. Der war ganz schön sauer.

2. Januar 2006
Ein neues Jahr beginnt. Wenn das neue Jahr so erfolgreich wird, wie der letzte Monat, überlege ich an die Börse zu gehen, wieso sonst sollte es Ich AG heißen? Der Verkauf erschien die letzten Tage gar nicht zur Arbeit, dafür hat der Einkauf doppelte Schicht geschoben. Gut so.

5. Januar 2006
Die Bank hat mein Konto gesperrt. Unglaublich. Habe denen von meinen Umsätzen berichtet. Die haben mich ausgelacht. Ich habe wutentbrannt aufgelegt, die werden mich noch kennenlernen, schließlich bin ich Unternehmer, und nicht sonstwer.

7. Januar 2006
Ich gehe an die Börse. Laut lachend schicke ich nun die erste Pressemeldung an die Bank. Ich bin nun Aufsichtsratvorsitzender, Aufsichtsratmitglied, Vorstandsvorsitzender, Vorstandsmitglied, Geschäftsführer, Abteilungsleiter Verkauf, Abteilungsleiter Einkauf und Angestellter in einer Person. Meine Mama ist stolz auf mich. Ich brauche größere Visitenkarten.

12. Januar 2006
Geschockt sitze ich in meinem Büro. Mein Steuerberater hat mir den Begriff Umsatz erklärt. Ich muss eine Gewinnwarnung herausgeben. Meine Bank hat angerufen. Das Lachen zwischen den Zeilen habe ich verstanden, ich bin doch nicht doof.

15. Januar 2006
Nun fällt der Umsatz. Der Einkauf bekommt keinen Umsatz mehr auf die Reihe, wieso nur. Ich melde Kurzarbeit an. Als Konsequenz trete ich als Aufsichtsrat– und Vorstandsvorsitzender zurück. Ich habe wenigstens noch Rückgrat.

17. Januar 2006
Ich sehe nur eine Lösung für mein Problem: Personaleinsparung. Wie konnte das nur passieren, ich hatte doch großartigen Umsatz. Mit dem Abteilungsleiter Verkauf rede ich nie wieder ein Wort.

19. Januar 2006
Ich kündige mir selbst. Damit ich nicht Daten für die Konkurrenz mitnehme, erfolgt eine sofortige Freistellung und Hausverbot.

21. Januar 2006
Habe jetzt wieder sehr viel Zeit. Was soll ich nur mit der ganzen Zeit anfangen? Habe mit dem Arbeitsamt gesprochen, man empfiehlt mir, eine Ich AG zu gründen.

5 Antworten zu “Tagebuch eines Ich AG´lers”

  1. Oli sagt:

    Du Sack und ich dachte du wärst so ne arme Sau 😀 😉

  2. Falk sagt:

    Beifall!

    Aber mal im Ernst, hat wer die Zahlen zur Hand, wieviele Ich-AGs gegründet wurden, wieviele davon länger als 6 Monate existierten und wieviele Arbeitsplätze effektiv geschaffen wurden? Für mich war das von Beginn an lediglich wieder nur ein Versuch, die Statistiken und Arbeitslosenzahlen zu fälschen schön zu reden. Wann endlich begreift man, dass es eben nicht mehr genug bezahlte Arbeit für alle gibt? Aber scheinbar leugnet man konsequent und immer noch auch die Ausführungen von Marx, weil das ja ein pöhser[sic!] Kommunist war.

  3. Chris sagt:

    Bis Ende vergangenen Jahres hatte jeder Fünfte die Selbstständigkeit wieder aufgegeben. Die Arbeitsmarktexperten vom IAB analysierten, was aus den Abbrechern wurde. Ihr Ergebnis: 54 Prozent sind erneut arbeitslos, ein Drittel hat Schulden angehäuft. Das IAB kommt zu dem Schluss, dass «der Schritt in die Selbstständigkeit oftmals weniger aus unternehmerischer Überzeugung oder Realisierung einer vielversprechenden Geschäftsidee kommt, sondern mangels anderer Beschäftigungsalternativen».

    Quelle

    Siehe auch Hartz IV — Es hilft nur noch beten

  4. Oli sagt:

    Marx war ein intelligenter Vordenker und das Gros der kommunistischen Regime berief bzw. beruft sich auf diesen, um ihrer Machtgeilheit zu fröhnen. Sein Weitblick versagte in dem Moment, als es darum ging festzustellen das der Mensch halt in seinem tiefsten Innern nichts taugt.

  5. michfrm sagt:

    Einfach nur geiler Beitrag 😀

    Mehr davon!

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