Streetview: wenn die Vernunft abhanden kommt

Wie viele unserer Leser sicherlich mitbekommen haben, nehmen wir einen kritischen Stand gegenüber Google ein, ebenso gegenüber diversen anderen Firmen/Konzernen, die wirtschaftliche Effizienz u.a. Dinge über den Menschen stellen.1 Wir würzen diese Standpunkte teils mit Polemik, lassen aber auch nicht die Fakten außer acht. Kurzum, wir bieten unsere Meinung feil, versuchen auch nicht die naturgegebene Subjektivität mittels einem Schein von «Objektivität» zu überdecken.

Just brachte ich beispielsweise wieder einmal meine Kritik gegenüber der GEMA zu Wort, indem ich diese Nutznießer anderer Leute Eigentums als Krämerseelen brandmarkte. Nun, das ist nicht neues, aufmerksame Zeitgenossen haben kein Problem damit, denn die Rechteinhaber und eigentlichen Verwerter sind andere. Man muß sich nun also die Kritik anhören, daß man hier einerseits Google verdamme und andererseits als Helden der Masse bejubele. Die Kritik an Streetview, soll also mittels meiner Kritik an der GEMA als «Heuchelei» entlarvt werden. Nun, wie ich schon früher bemerkte, ist Google ebenso in die Pflicht genommen entsprechende Dinge, die sie kostenfrei verwerten seitens hinzugefügter Werbung, angemessen zu vergüten. D.h. im Klartext, wenn ein Vertrieb die Rechte eines Künstlers verwertet und jene mit Google einen Deal haben, dann hat die GEMA keinerlei Ansprüche anzumelden auf irgendwelche zusätzlichen Vergütungen. Per Gesetz ist dies natürlich anders geregelt, was jedoch nicht bedeutet, daß ich diesen Punkt nicht kritisieren darf.

Zu Google selbst: ich nutze selbst ein Android-Smartphone. Darauf betreibe ich eine von anderen gebaute Firmware, ich nutze Google-Mail als SPAM-Abwehr2 und bin auch bei Google Reader zugegen. Der Unterschied zu Streetview: es ist meine Entscheidung, ob ich diese Dienste in Anspruch nehme und welche Daten ich dort ablege. Bei Streetview hingegen wurde mir die Entscheidung genommen, ob einer im 18.Jhd. initiierten «Panoramafreiheit», welche zudem noch den «künsterlichen Aspekt» hervorhob etc. pp. Mich störten nie die Bilder von irgendwelchen Gebäuden, ich wahre bei einem Panorama genügend Distanz, um nicht Tiefe Einblicke durch Fenster usw. zu gewähren, ich achte die Menschen hinter der Fassade.

Diese «nützlichen Idioten», die Google kostenlos zuarbeiten, können oder wollen nicht kapieren, dass durch die «Verdatenbankung» Panoramafreiheit zum Persönlichkeitsrechtproblem wird.

Quelle

Im Zeitalter von GPS & Co., sowie Datenbanken jedweder Couleur im Netz, mutieren jene profanen Bilder zu einem Angriff auf das Individuum dahinter. Plötzlich ist es nicht mehr ein Gebäude mit markantem Baustil, nein es ist die Wohnung von Frau oder Herrn xyz, wohnhaft in … Eine völlig neue Dimension wird damit eröffnet und genau dieser Punkt ist Anlaß der Kritik. Um es noch einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen: jene Panoramafreiheit sollte keiner «erweiterten Öffentlichkeit» dienen, um «Kellerkindern» detailierte Einblicke in Verhältnisse anderer zu verschaffen, nein, sie diente dem künsterlischen Aspekt, sollte beispielsweise Fotografen usw. nicht unnötig Steine in den Weg legen. Keinesfalls war damit die systematische Akquise und Auswertung, sowie Verknüpfung mit persönlichen Daten gemeint.

Die unkluge Anwendung immer größerer und immer komplexerer Computersysteme könnte diesen Prozeß durchaus zum Stillstand bringen. Sie könnte die Ebbe und Flut der Kulturen durch eine Welt ohne Werte ersetzen, eine Welt, in der alles Wesentliche vor langer Zeit bestimmt und für alle Zeiten festgehalten worden ist.

Joseph Weizenbaum, die Zeit

Daß natürlich mit derlei Einschränkungen, zum Schutz des Individuums, ein Verlust an «Komfort» einhergeht ist verständlich, anderseits jedoch ist es besser als willfährig einen nicht abzusehenden Kollateralschaden in Kauf zu nehmen. Nichts geht verloren, denn solange die äußerst reale Öffentlichkeit gewahrt ist, kommt die Gemeinschaft weiterhin in den Genuß dieser. Die sogenannte «erweiterte Öffentlichkeit» hingegen, das Zerrbild jener Realität im digitalen Raum, ist äußerst vergänglich, kann temporär aber massiven Schaden auf den Einzelnen wirken. Ein selbstverschuldeter Kontrollverlust mag es somit für die einen sein — stellt man die Interessen an der Sache über die des Menschen, für die anderen wird es erst zu jenem, wenn der totalitär gewirkte Albtraum der «Post-Privacy» Wirklichkeit wird.

Darüber hinaus muß sich der Informatiker stets bewußt sein, daß seine Instrumente ungeheuerlich verstärkende Wirkungen haben können, sowohl direkt als auch indirekt.

Joseph Weizenbaum, die Zeit

Diese Verantwortung will gelernt sein, gerade in technischen Studiengängen kommen derlei Ansätze viel zu kurz. Und so verwundert es auch kaum, daß insbesondere in den Reihen der «technischen Elite» einzig der vermeintliche Vorteil bedacht und die huckepack transportierte Problematik geflissentlich übersehen wird. Es sind auch jene Zeitgenossen, die andere als technophob, rückständig und dergleichen bezeichen. Zum «Wohle der Allgemeinheit» überfährt man das Individuum, möchte es ausbeuten mittels verquerer Theorien bezüglich «Post-Privacy», «erweiterter Öffentlichkeit» und «Kontrollverlust». Bei den einen offenbart sich Naivität, andere bauen damit gezielt ein Geschäft auf. Doch der Mensch steht über den Krämerseelen, diese dürfen am Ende allenfalls «die Kartoffeln» zählen.

If there is such a phenomenon as absolute evil, it consists in treating another human being as a thing.

John Brunner, «The Shockwave Rider»

Wir schauen im Moment die «Digitalisierung» des Individuums, die Einverleibung der Menschen in eine kalte Dimension, gefüllt mit Nullen und Einsen. Die Unschärfe, die das Leben ausmacht, geht verloren, der Mensch wird in den Hintergrund gepresst. Man kann wie ich durch und durch technophil sein seit den 80er Jahren und dennoch Mensch bleiben, dies ist kein Widerspruch. Anstatt beispielsweise Gottfried Wilhelm Leibniz stetig auf seine Rolle in der Mathematik zu reduzieren, sollte man diesen in seiner Rolle als Universalgelehrten darstellen, der die Wissenschaft als Einheit sah. Jene Einheit, die zu einem Plus an Erkenntnis in vielerlei Hinsicht gereicht und nicht nur den Fortschritt beflügelt, sondern auch die zunehmend verlustig gehende Vernunft.

Update:

Microsoft will im nächsten Jahr den Straßenansichtdienst Bing Streetside in europäischen Ländern ans Netz bringen. Das kündigte Severin Löffler, Leiter Recht und Politik bei Microsoft Deutschland, gegenüber heise online an. Vorher seien aber noch einige Datenschutzfragen zu klären, um einen öffentlichen «Aufschrei» wie im Fall von Google Street View zu vermeiden.

heise, «Microsoft bereitet Start von Bing Streetside in Deutschland vor»

Bild: «römische Straße», Vicus Frankreich, ©F!XMBR/akephalos

  1. diese Publikation bietet eine Suche, wer mag darf diese einsetzen []
  2. ich präzesiere, da Bildung heutzutage weniger eine Basis im Netzdarstellt, als denn gemeinhin angenommen: SPAM-Abwehr meint, ich lasse damit den Anmeldekrampf diverser Foren etc. ins Leere laufen. Ich finanziere mir seit einem Jahrzehnt einen entsprechenden Dienst und auf F!XMBR nutzen wir ebenso die Annehmlichkeiten eines Servers. []

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6 Antworten zu “Streetview: wenn die Vernunft abhanden kommt”

  1. Johannes Bayer sagt:

    Hallo Oliver,

    ich finde deine Kritik sehr gut und berechtigt. Allerdings denke ich, dass wir hier mit reiner Kritik alleine nicht mehr weiterkommen. Du sagst ja sehr schön:
    > Wir schauen im Moment die «Digitalisierung» des Individuums, die
    > Einverleibung der Menschen in eine kalte Dimension, gefüllt mit
    > Nullen und Einsen.

    Jetzt ist die Frage, wie gehen wir da als Gesellschaft weiter. Es ist nun einmal leider Tatsache, dass Google hier nicht illegal handelt. Selbst die Frage ob Google Streetview unmoralisch ist möchte ich nicht einseitig mit «Ja» beantworten. Ich gebe zu, dass ich ein sehr ungutes Gefühl bei der Sache habe, aber und hier kommt jetzt das Entscheidende: Die Büchse der Pandora ist hier geöffnet. Kein Gesetz wird Google dazu zwingen, Streetview wieder einzustellen. Persönlicher Datenschutz ist wichtig, aber heutzutage vollkommen irrelevant geworden, wenn ANDERE meine Daten an Facebook und Co weitergeben habe ich darauf gar keinen Einfluss mehr.

    Wir müssen uns wohl oder übel mit der Frage beschäftigen, wie Datenschutz in Zukunft noch aussehen kann. Alleine die Frage stellt sich, ob Datenschutz überhaupt noch möglich ist. Und dann ist in letzter Konsequenz die Frage berechtigt: wenn er nicht mehr möglich ist, was können wir dann im realen Leben unternehmen, damit die von uns veröffentlichten Daten keine Schaden auf unsere Person nehmen?

    Ich bringe hier im wieder gerne das Beispiel von Holland: dort ist es in vielen (vor allem kleineren Städten und Gemeinden) verpönt Vorhänge aufzuhängen. So etwas gehört sich in der kalvinistischen Gesellschaft nicht, niemand hat etwas zu verbergen zu haben. Im UMKEHRSCHLUSS gilt dann aber auch: niemand hat dir gefälligst ins Wohnzimmer zu blicken. Das gilt als unhöflich, gar als unmoralisch.

    Die Frage ist also: können wir in unserer Gesellschaft, wo uns die Kontrolle über unsere Daten mehr oder weniger aus den Händen genommen wird zu einer Kultur finden, dass es sich eben NICHT gehört, dass bei einer Bewerbung der Bewerber fast automatisch «gegoogelt» und «gefacebooked» wird?

    Wenn wir den Kampf praktisch schon verloren haben, sollten wir dann nicht versuchen uns mit der Situation so gut wie möglich zu arrangieren?

    Viele Grüße
    J.B.

  2. @hh

    >Es ist nun einmal leider Tatsache, dass Google hier nicht illegal handelt.

    Google handelt in einer «Grauzone» und leider hat der Staat und die Medien den Diskurs in Richtung Pro/Kontro eines «Lex Google» getrieben. Schau dir die «Panoramafreiheit» an … ohne Hilfsmittel, öffentlich zugänglich, Innenaufnahmen sind in keinster Weise erlaubt, werden aber mittels dem hohen Detailgrad von Google Streetview teils ebenso ermöglicht, bei Fotografien sind auch Änderungen am Bildmaterial untersagt etc. pp.

    >Wir müssen uns wohl oder übel mit der Frage beschäftigen, wie Datenschutz in Zukunft noch aussehen kann.

    Ich verwende zwar auch desöfteren den Begriff «Datenschutz», aber man sollte von dem Gebrauch absehen, da dieser eine falsche Vorstellung vermittelt. Es geht nicht um den Schutz der Daten, es geht um den Schutz des Individuums in der Gesellschaft.

    >niemand hat dir gefälligst ins Wohnzimmer zu blicken. Das gilt als unhöflich, gar als unmoralisch.

    Nehmen wir das Beispiel Streetview. Jeder kann an einem Fenster vorbei gehen und einen flüchtigen Blick ins Innere erhaschen, Streetview verewigt jedoch diese Ansicht. Ein Zeitgenosse der aber eine «halbe Stunde» vor deinem Haus verweilen und einen eingehenden Blick in das Innere werfen würde, wäre sicherlich recht auffällig und müßte sich ein paar Fragen vom Besitzer gefallen lassen.

    >Wenn wir den Kampf praktisch schon verloren haben, sollten wir dann nicht versuchen uns mit der Situation so gut wie möglich zu arrangieren?

    Warum sollten wir dies tun? Wir besitzen vielerlei Beispiele in der Geschichte, wohin ein derartiges Arrangement führt. Biedermeier dürfte ein Begriff sein … das Volk zog sich auf allen Ebenen zurück, Kontrolle und Zensur waren die Ursache.

    Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
    und seine Frau, den Sohn am Arm
    sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
    sein Wahlspruch: weder kalt noch warm.

    –Ludwig Pfau

    Müssen wir derartige Dinge stetig «wiederholen»? Wir sehen uns inzwischen einem Ausverkauf gegenübergestellt und anstatt diesem entgegen zu wirken, wird von «Post-Privacy» und ähnlichen Absurditäten fabuliert.

    Natürlich werden irgendwo Dinge angepaßt, das ist auch gut so, sonst könnten wir uns gleich wieder einmal unter die Ägide irgendwelcher religiösen Fundis überantworten. Aber es muß auch Grenzen geben und bis dato ist die Grenze eben nicht der Mensch, sondern wirtschaftliche Effizienz.

  3. Heiko sagt:

    Ich gebe Oliver in dem Punkt Recht, das der Begriff «Datenschutz» in gewisser weise irreführend ist und falsche Erwartungen wecken kann.
    Vielleicht sollten wir zukünftig eher von «Datenkontrolle» sprechen. Ein Datenschutz im eigentlichen Sinne ist unserer digitalisierten und vernetzten Welt leider kaum noch ohne enorme Anstrengungen möglich. De facto habe wir ab dem Moment, in dem Daten über uns in die Öffentlichkeit gelangen, die Kontrolle über diese Daten verloren und es ist sehr schwer und teilweise sogar unmöglich, die Kontrolle über diese Daten zurück zu erlangen.

  4. >Das waren in den meisten Fällen die User selbst — ungezwungen, allerdings auch uninformiert darüber

    Es ist die verdammte Pflicht jener mit Ahnung, die profanen Anwender darüber aufzuklären. Ich zitiere hier noch einmal Weizenbaum aus dem obigen verlinkten Artikel: «Der Nichtfachmann hat überhaupt keine andere Wahl, als dem Computer die Eigenschaften zuzuordnen, die durch die von der Presse verstärkte Propaganda der Computergemeinschaft zu ihm dringen.»

    >Noch eine Frage zum Android-Smartphone

    Einzig lokal, man kann den Abgleich deaktivieren. Darüber hinaus nutze ich Defrost als Firmware. Darüber hinaus nutze ich Astrid für «todo».

  5. HH-Typ sagt:

    Ich hoffe, ich tippe diesmal nicht umsonst — mein letzter Kommentar zu einem anderen Eintrag wurde leider nie veröffentlicht.

    Zur Sache: Ich muss doch immer wieder etwas lachen, wenn ich dieses Argument von der «Zahnpasta» lese, die «nicht mehr in die Tube zurückgeht» (sprich: die Daten sind ja eh schon «draußen»). Denn merkwürdigerweise stellt sich niemand die Frage, wer denn eigentlich auf diese Tube gedrückt hat. Das waren in den meisten Fällen die User selbst — ungezwungen, allerdings auch uninformiert darüber, was damit alles passieren kann. Bequemer als den eigenen Fehler einzugestehen ist es natürlich, jetzt einfach zu sagen: «Was soll’s, arrangieren wir uns eben.» So wird die Tube dann weiter gequetscht, bis sie endgültig leer ist — und jeder wirklich zu 100% gläsern. Man hat weiterhin die Bequemlichkeit, die ganzen «tollen» Dienste zu nutzen und ist gleichzeitig einer, der durchblickt…

    Noch eine Frage zum Android-Smartphone: Synchronisierst Du Deine Termine und Adressen der Kontakte über Google-Server oder hast Du dafür eine andere Lösung gefunden? Diese würde mich nämlich sehr interessieren. Herausgabe meiner Termine und Kontaktdaten an Google (oder Apple oder Microsoft oder…) ist für mich undenkbar.

  6. Ingenieur sagt:

    Könnte man «künsterlich» bitte korrigieren? Da bleibt man beim lesen schwer hängen.

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