Stephanie zu Guttenberg — das neue Seite-1-Girl der Bild

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Foto: F!XMBR

Die RTL2-Sendung «Tatort Internet», von dieser Seite aus nur noch Tatort Redaktion genannt, steht weiter in der Kritik. Mittlerweile wurde mindestens eine weitere Person identifiziert und medial Jagd auf sie gemacht. Der Leiter eines Kinderdorfes wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe von der Caritas suspendiert und mit Hausverbot belegt. Seitdem fehlt von ihm jede Spur, laut der SZ befürchten Vertraute, er könne sich etwas angetan haben. Die Caritas erhob schwere Vorwürfe gegen die Sendung, weil sie selbst über Monate nicht über den ehemaligen Angestellten informiert worden sei. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass sich die Verantwortlichen der Sendung mit den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen verteidigt haben. Das ist eine Heuchelei sondergleichen. Heute wurde dann reagiert, wie der STERN berichtet. «Am Donnerstag vor Ausstrahlung werden die Sendekopien an die betreffenden Strafverfolgungsbehörden weitergegeben», so RTL2. Das heißt natürlich im Umkehrschluss, dass bisher nicht einmal die Ermittlungsbehörden die von RTL2 erstellten Bilder bekommen haben. Wenn nicht hier, wo liegt dann der Beweis, dass es nur um Quote und um das Anprangern der Beschuldigten geht? Die Aufnahmen verbleiben weiterhin Monate im Archiv, bevor sie weitergegeben werden, RTL2 möchte hier offensichtlich unter Mithilfe von Stephanie zu Guttenberg einen mittelalterlichen Pranger gegen vermeintliche Kinderschänder etablieren.

Stephanie zu Guttenberg hat sich heute zu Wehr gesetzt — und wie sollte es sein, per BILD. Sie sei entsetzt darüber, wie die Debatte geführt werde. Darüber hinaus spielt sie das beliebte Spiel und wirft ihren Kritikern vor, sie stellen sich auf die Seite der Täter. Das ist gewisser Weise infam, war aber nicht anders zu erwarten. Kritiker der Sendung sind eben der Meinung, für die Betroffenen gelten ebenso unsere Grundrechte wie für alle anderen Menschen auch. Für RTL2 und Stephanie zu Guttenberg sind die Grundrechte der Betroffenen offensichtlich zu vernachlässigen. Man kann nur hoffen, dass unser Land vor so einer Person als First Lady verschont bleibt. Man mag sich gar nicht vorstellen wollen, was Stephanie zu Guttenberg als First Lady für unser Land bedeuten würde. Unsere Grundrechte werden nicht nach Schönwetter verteilt oder zurechtgebogen, sie gelten auch für Mörder, Kinderschänder oder andere Straftäter. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich stellt BILD Stephanie zu Guttenberg auch Hilfe zur Seite. Der meines Erachtens drittklassige Schauspieler Til Schweiger darf fragen: «In was für einer Gesellschaft leben wir denn?». Die Frage kann leicht beantwortet werden: wir leben in einer Gesellschaft, deren Grundlage unser Grundgesetz ist, eine Verfassung, für die wir auf der ganzen Welt beneidet werden. Doch darum geht es Til Schweiger offensichtlich gar nicht. Er möchte gar nicht, dass seine rhetorische Frage beantwortet wird. Auch er ist Teil der Empörungsindustrie, die sich rund um RTL2 und Stephanie zu Guttenberg gebildet hat. Selbstverständlich ist Kindesmissbrauch eines der schlimmsten Verbrechen unserer Zivilisation — doch für die meisten Betroffenen in «Tatort Internet» reicht es nicht einmal für einen Anfangsverdacht. Gerade beim Thema Kindesmissbrauch zeigt sich, wie stark unser Rechtsstaat, unsere Demokratie und unsere Gesellschaft sind. Stephanie zu Guttenberg und Til Schweiger sind offensichtlich sehr schwache Menschen.

Stephanie zu Guttenberg wird uns auf Seite 1 der BILD noch lange begleiten. Ich schrieb gestern auf Twitter: «Enteignet Springer» hat nichts mit einem Angriff auf GG Art. 5 zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Wie perfide die gesamte Diskussion ist, beweist die BILD selbst. Im Hamburger Lokalteil freut sich Nele (15) über ihren neuen Busen, natürlich begleitend mit Foto im Bikini — und ohne, vor der Operation. Es geht wahrlich nicht um die Kinder. Die Empörungsindustrie ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, wie das BILDblog korrekt feststellt. Die vermeintliche First Lady der nächsten Legislaturperiode bekommt die positiven Schlagzeilen, die sie genau dafür braucht, die BILD steigert die Auflage, RTL2 die Quoten und drittklassige Schauspieler bringen sich mal wieder ins Gespräch. Es geht nicht um die Kinder. Auf Kosten unseres Grundgesetzes wird ein mittelalterlicher Pranger eingerichtet. Und ich verkneife mir zum Abschluss die Frage, was widerlicher ist, der Kindesmissbrauch selbst oder die Empörungsindustrie bei diesem sensiblen und wichtigen Thema, die damit nur eigene Ziele verfolgt, nicht aber den Schutz der Kinder. Vielleicht hat Nele (15) ja eine Antwort darauf…

Zu guter Letzt:

sommer_zu_guttenberg
(via Agenda 2013)

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10 Antworten zu “Stephanie zu Guttenberg — das neue Seite-1-Girl der Bild”

  1. nb sagt:

    Ich frage mich was der Caritas Mitarbeiter falsch gemacht haben soll. Er wurde von einer erwachsenen Frau per Internet solange angemacht und mit Pornos versorgt bis er nachgab und sich mit ihr verabredet hat. Bis auf das angebliche Alter war da wohl kaum ein Unterschied zu einer Anmache, die man sonst nur in einschlägigen Teilen jeder größeren Stadt antrifft.

  2. nb sagt:

    Da hab ich wohl die zweite Hälfte meines Gedankenganges vergessen: Wenn der Caritas Mensch nichts falsch gemacht hat und das der Produktionsfirma bewusst, die Empörung nur «Show» war, dann macht es sehr viel Sinn den Arbeitgeber nicht zu informieren.

  3. Taluien sagt:

    Ich möchte mal kurz eine Nebensächlickeit einwerfen, die mich leider sehr betrifft: Til Schweiger ist nur mit einem «l» zu schreiben, und nicht mit zweien, wie zum Beispiel der Eulenspiegel oder auch meine Wenigkeit. 😉

    On Topic: Seit wann kümmert Bild, RTL2 und Konsorten irgend etwas ausser Publicity, Quote und Gewinn? Kinder sind ein wunderbares Zugpferd, für das man schön beklatscht wird, mehr nicht. Und da muss ich sagen: leider. Es hilft den Kindern nicht im Geringsten das sie als Begründung für Projekte wie dieses hergenommen werden.

  4. Okay, der Till heißt jetzt Til. Danke für den Hinweis…

  5. Heiko sagt:

    Der erste Satz unserer Verfassung lautet nicht umsonst
    > Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    Wobei ich manchmal denke, das hier auch die Medien aufgezählt werden sollten. Vielleicht sollte sich Herr von und zu Gutenberg mal seine #MoralBarbie zur Brust nehmen und ein paar deutliche Worte mir ihr reden, sofern er den Eid, den er im Bundestag geschworen hat, ernst nimmt.

    Die Mütter und Väter der Verfassung hatten sehr gute Gründe, ausgerechnet diesen Satz als erstes in die Verfassung zu schreiben: Die frische Erinnerung an die Diktatur der Nazis und ihre Menschenverachtende Ideologie. Um zu verhindern, das so was jemals wider auf deutschem Boden möglich wird, wurden die Menschenrechte und Würde des Menschen quasi zum höchsten Gut unseres Staates erklärt.

  6. Wanderer sagt:

    Die Bild-Zeitung will den Gutenberg ins Kanzleramt schreiben und seine #MoralBarbie soll als «Charity» First Lady etabliert werden. Die Art und Weise wie das durchgezogen wird ist bezeichnend, die Allianz von Bertelsmann (RTL 2) und Springer (BILD) ist offensichtlich. Da werden dann schon mal ein paar Kollateralschäden in Kauf genommen. Das Grundgesetz bwz. die Grundrechte beansprucht diese sogenannte «Elite» für sich ansonsten aber hat der Plebs am Wahltag seine Stimme abzugeben und danach dann seine Rechte…

  7. Anonymus sagt:

    Danke für den Beitrag und danke auch für den Kommentar von @Heiko
    Wenn ich von dem «Kanzlergehype» (ist das Titelbild von Spiegel nicht super gruselig, weil auch so plastikmäßig!)völlig absehe, dann kann einen die «Presseprostitution» um jeden Preis wirklich nur zu der Frage bringen: Zurück zur Barbarei?
    Da bleibt nur Kants Interpretation des «sapere aude«
    Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

  8. […] hat der RTL2-TV-Pranger nach Medienberichten ein erstes Opfer gefordert. Neben Naidoo versucht Stephanie Freiin zu Guttenberg, Gattin des Bundeskriegsministers, ihr ganz persönliches Plus aus Kinderschicksalen zu […]

  9. stefi36 sagt:

    ich verstehe nicht was an dieser Frau mit dicken Oberarmen und Adelstitel so interessant sein soll, dass ihr erlaubt wird ihre Hausfrauenempörung so zu vermarkten.Ich glaube, sie kann die bis jetzt erfolgreiche Karriere ihres Gatten mit ihren «Palin-peinlichen»(Sarah Louise Palin) Auftritten abrupt beenden. Ihr «heiliger Krieg«ist mehr eine undifferenzierte Hetze als ein Beitrag zu Problemlösung.Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren,dass sie selbst vielleicht mißbraucht worden ist und auf diese Weise ihre Therapie betreibt.

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