Sozialpolitische Hetze von Jörg Schönenborn?

Jörg Schönenborn kennen die meisten von uns — viel weniger als WDR-Chefredakteur, doch viel mehr als der Mann mit den Zahlen auf der ARD. Ob in unserem Land eine Landtagswahl stattfindet oder gar Bundestagswahl — kaum sind Zahlen zu verkünden, ist Jörg Schönenborn zur Stelle. Wäre er nur bei den Zahlen geblieben — Schuster bleib bei Deinen Leisten — doch das, was er heute gestern auf dem Blog der Tagesschau veröffentlicht hat gleicht der sozialpolitischen Hetze, die die Schwächsten in unserer Gesellschaft seit Jahren erdulden müssen. Da wird nachgeplappert, was führende Politiker zum Start der Agenda 2010 vorgebetet haben. Und das in völliger Unkenntnis der Realität, der Schrecken, die täglich die Schwächeren unserer Gesellschaft erleben müssen. Jörg Schönenborn schreibt:

Ich gehöre wirklich nicht zu denen, die die Grundidee von Hartz IV in Frage stellen, nämlich Menschen ohne Arbeit mit sanftem Druck wieder dahin zu bringen, dass Sie auch wirklich arbeiten und eigenes Geld verdienen können.

Da fragt man sich als Beobachter des politischen und gesellschaftlichen Systems das erste Mal in welchem Land der Herr Schönenborn lebt. Was der Herr Schönenborn als sanften Druck beschreibt, ist nichts weiter als Erpressung und Einschüchterung der Arbeitslosen. Der Arbeitslose wird stigmatisiert, drangsaliert, ist diesem Herrschaftssystem schutzlos ausgeliefert. Und seien es nur die sogenannten Ein-Euro-Jobs, die ja auch mit sanften Druck vermittelt werden. Das ganze System beruht darauf, dass ein Arbeitsloser in unserem Land keinerlei Rechte mehr hat — die ersten Politiker fordern, dass der Zugang zu den Sozialgerichten erschwert wird. Die neue Form der Untermenschen — ein System, was von diversen Politikern und nun auch von Jörg Schönenborn mit sanfter Druck legitimiert wird. Ist das Zynismus pur, man hat ja mit dem Prekariat nichts am Hut, oder einfach nur Unkenntnis? Aber es wird noch besser, endgültig die Kinnlade ist mir runtergeklappt, als ich folgendes Zitat gelesen habe:

Erstaunlich, wo doch Hartz IV für die meisten Sozialhilfeempfänger finanzielle Verbesserungen und neue Chancen gebracht hat.

Für eine ähnliche Aussage (die natürlich weiter zugespitzt war) hat der gute Herr Jörges vom Stern letztes Jahr eine Anzeige wegen Volksverhetzung bekommen. Auch wenn dabei wohl nichts rausgekommen ist und das Verfahren wohl eingestellt wurde, zeigt es doch eindeutig, dass diese Mär — Sozialschmarotzer — zu den Akten gelegt werden kann. Vielleicht sollte man dem Herrn Schönenborn auch einfach mal diesen Link zum Lesen zuschicken — oder sollte man ihn einfach mal einen Vormittag in eine Arbeitsagentur in Berlin-Kreuzberg schicken? Vielleicht wiederholt er dort ja seine Thesen? Ob er das wohl tun würde? Bringt er diesen Mut wohl auf? Wie kann man zum Beispiel bei den aktuellen Zahlen von 2,6 Mio. Kindern, die in Armut leben (in unserem Land!!!), davon sprechen, dass Hartz IV finanzielle Verbesserungen gebracht hat? Wie kann man diese sozial– und gesellschaftspolitische Hetze in der heutigen Zeit noch verbreiten? In dem Artikel des Herrn Schönenborn fehlen ein paar knackige Sätze — soll ich helfen?

  • Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.
  • Die sitzen doch den ganzen Tag nur faul rum.
  • So gut möchte ich es auch mal haben.
  • Wenn ich mal arbeitslos werde, würde ich sogar zur Müllabfuhr gehen und jeden Job annehmen.
  • usw.

Oder man kann weitere Forderungen nach ehrenamtlichen Tätigkeiten oder eine Ausweitung von Ein-Euro-Jobs aufstellen. Es gibt bereits Forderungen nach Null-Euro-Jobs. Herr Schönenborn, wäre das nichts für die eigene Argumentationsstruktur? Mein guter Herr — meiner Meinung nach zeigen Sie hier als Chefredakteur des WDR eine erschreckende Unkenntnis oder sie zündeln bewusst (?) mit sozialpolitischer Hetze. Aber vielleicht habe ich ja noch eine dritte Möglichkeit übersehen. Es ist gesellschaftlicher Wahnsinn, dass es in unserem Land immer noch Leute gibt, insbesondere hoch angesehene Journalisten, wie der gute Herr Schönenborn, die solche Zitate wie oben untes Volk bringen. Aber so ist das wohl in heutiger Zeit, wo die Medien gleichgeschaltet werden.

Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten – dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. (Goerge Orwell, 1984)

Ich habe die ruhige und sachliche Art des Herrn Schönenborn immer geschätzt — bei den Hektikern der Privaten zum Beispiel kann man ja nur schreiend den Fernseher ausschalten. Doch das ist nun vorbei. Man kann sich seit heute nicht nur denken, wie Herr Schönenborn politisch tickt, nein, auch seine gesellschaftliche Denke lässt tief blicken. Und dass er offensichtlich erfolgreich zündelt, sieht man bereits an manchen Kommentaren, auch wenn andere sich (noch) mutig dazwischen werfen. Erschreckend das alles.

32 Antworten zu “Sozialpolitische Hetze von Jörg Schönenborn?”

  1. Oliver sagt:

    Elite dort, sanfter Druck hier, die Lüge der Vollbeschäftigung, in dem man Menschen helfen möchte wieder arbeiten zu wollen usw. Und fertig ist das wannabe–Feudalsystem Marke 2.0 — die anderen Anläufe klappten ja nicht so.
    Und zu diesen Blogs, die publizierenden Medien angegliedert sind, schrieb ich zuvor schon etwas, dort kann man das sagen was im tatsächlich massiv vertretenem Medium ein no-go ist. Man kann so richt Zunder geben wie man hier oben sieht.

    Und damit auch adios, ich bekam schon ab der Stelle mit diesem sanften Druck das große Brechen.

    >Ich habe die ruhige und sachliche Art des Herrn Schönenborn immer geschätzt

    Ja hey hier Blog aka Meinung und dort ÖR-Medium dem Millionen hörig sind. Im letzteren ein solcher Ton und die Relevanz beim Publikum wäre Geschichte. Obwohl so ganz glaube ich auch nicht mehr dran, aber das ist ein anderes Thema.

  2. cabi sagt:

    Das die ÖR keine ausgeglichene Berichterstattung mehr leisten ist mir heute mal wieder eklatant Aufgefallen. Über den ganzen Morgen hinweg wurde eine Propagandarakete nach der Anderen für den Bundestrojaner, für schärfere Gesetze, etc. steigen gelassen und es kam keine einzige kritische Stimme zu Worte.

    Echt trauriges Bild, in das Herr Schönenborn sehr gut rein passt.

  3. kobalt sagt:

    «Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.»

    Das stimmt zwar, doch es geht nicht um Arbeit um jeden Preis, sondern um Arbeit, von der man den Lebensunterhalt bestreiten kann.

    Desweiteren geht es darum, Menschen aus dem HARTZ-IV-Bezug herauszubekommen und die Sozialkassen zu entlasten. Was wiederum bedeutet, daß eine Arbeit um jeden Preis dem Staat nichts nützt, weil der Arbeitende zusätzlich zu seinem Hungerlohn noch HARTZ-IV beantragen muß. Bezeichnend ist der Vergleich der Zahl der Arbeitslosen (ca. 3,5 Millionen) und der, der HARTZ-IV-Empfänger (ca. 7,3 Millionen). Und jedes einzelne Mal, wenn ich an der örtlichen «Tafel» vorbeigehe und sehe, daß Menschen in D.land, die vom Staat alimentiert werden, auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind, könnte ich vor Zorn platzen.

    Der HARTZ-IV-Satz orientiert sich am Lebens– und Einkommensniveau der unteren 20% der Bevölkerung. Das macht doch nachdenklich. 20%, beinahe ein Viertel der Bevölkerung.

    Wer arbeitet, soll von seiner Hände Arbeit leben können. Und genau das wird durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors verhindert.

    Da fehlt eindeutig der Mindestlohn für alle. Um nicht von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zu reden. Obwohl selbst das machbar sein müßte, denn wenn jeder der arbeiten will eine Arbeit zu den oben genannten Bedingungen bekäme, könnte man die Wenigen, die nicht arbeiten wollen, problemlos mitfinanzieren.

    Die Arbeitsmarktpolitik geht derzeit an den Erfordernisse vorbei, statt Menschen auszubilden, sie zu qualifizieren und sie dadurch wettbewerbsfähig zu machen, werden sie im HARTZ-IV-Bezug festgehalten, obwohl gerade bei den HARZ-IV-Beziehern der größte Qualifizierungsbedarf besteht.

  4. Falk sagt:

    statt Menschen auszubilden, sie zu qualifizieren und sie dadurch wettbewerbsfähig zu machen

    Weisst was mich an dem kurzen Satz stört, ist, dass er impliziert, das sich unser Menschsein als Wettbewerb versteht. Auch Qualifizierung zaubert keine Arbeitsplätze herbei, die Lüge Vollbeschäftigung ist und bleibt eine und Anerkennung bekommt nur der, welcher besitzt.

    Das find ich krank.

  5. Chris sagt:

    Der ganze Kommentar da ist befremdlich, weil er auf der Argumentation «Wer arbeiten will, findet auch welche» aufbaut. Schlimm, ganz schlimm…

  6. Grainger sagt:

    Ich bezweifele nicht einmal, das Arbeit genug für alle da wäre.

    Ob das für bezahlte Arbeit auch zutrifft ist eine ganz andere Frage.

    Und anständig bezahlte Arbeit ist wiederum eine ganz andere Sache.

    Deutschland braucht dringend den Mindestlohn, ich halte die Gewerkschaftsforderung von 7,50 €/Stunde durchaus für realistisch (auch wenn ich sonst nicht unbedingt immer einer Meinung mit den Gewerkschaften bin).

    Zeitgleich müssen natürlich drastische Geldstrafen (und im Wiederholungsfall auch Haftstrafen ohne Bewährung für die Verantwortlichen) bei Verstößen gegen das Mindestlohngesetz eingeführt werden, ich denke da an eine Mindestgeldstrafe von 250.000 € (nach oben hin offen) sowie einen zweijährigen Ausschluß von öffentlichen Ausschreibungen (der Ausschreibungsausschluß hat sich in den USA als sehr wirksame Methode erwiesen um auch Großunternehmen zur Einhaltung bestimmter Vorgaben zu bewegen).

    Prinzipiell das gleiche muss dann natürlich auch für Schwarzarbeit gelten, Schwarzarbeit in Tateinheit mit Verstoß gegen das Mindestlohngesetz wird natürlich auch doppelt geahndet.

    Vom Mindestlohn nehme ich ausdrücklich auch die ganzen Erntehelfer und Saisonarbeitskräfte nicht aus, wenn das Kilo Spargel dadurch teuerer wird ist das eben so.

  7. Oliver sagt:

    >Ich bezweifele nicht einmal, das Arbeit genug für alle da wäre.

    Gehen wir von Arbeit für den Lebensunterhalt aus, ist es nocht so und zukünftig wirds nicht mehr werden. Neue Technologien schaffen nicht in dem Umfang neue Arbeitsplätze, wie sie zugleich diese beseitigen.
    Und viele Dinge wie z.B. in der Grube zu früheren Zeiten, würde man nur ob der Arbeitsplätze nicht mehr haben wollen. Z.B. verstarben alle drei Brüder meines Großvaters wegen massiver Staublunge, teils recht «jung».

    >Erntehelfer

    Hatte ich schon desöfteren gemacht früher als Ferienjob, ist tatsächlich Knochenarbeit und der Lohn kommt Ausbeutung recht nahe. Darüber hinaus würde ich diese Art Arbeit mal so manchem Politiker gerne wünschen, mehr als ein paar Stunden würden sie es wahrscheinlich nicht aushalten.

    Das Problem in Politik und Bevölkerung ist das nicht vorhandene Wissen. Das ist nicht schlimm, nur wenn ich etwas nicht weiß bin ich vorsichtig mit Annahmen.

  8. Grainger sagt:

    Ich war auch schon bei der Weinlese dabei und (nur einmal) beim Spargelstechen.

    Beides mal aber weniger als Erntehelfer im klassischen Sinne, das war eher Mithilfe in verwandtschaftlichen Familienbetrieben.

    Ob ich aber wirklich mehr Hilfe als Belastung war wage ich ernsthaft zu bezweifeln. 😀

    In meiner weitläufigeren Verwnadtschaft gibt es auch noch landwirtschaftliche Betriebe in Belgien und Südfrankreich, da habe ich in meiner Kindheit und Jugend in der Ferien auch schon mal mitgeholfen.

    Natürlich ist das mit richtiger lebenslanger Arbeit in der Landwirtschaft in keinster Weise vergleichbar, gibt einem aber schon realistischere Einblicke als sie ein Sesselpupser aus der Großstadt hat. 😀

    Gerade deswegen halte ich einen Mindestlohn (auch) für Erntehelfer für angemessen, gerade in der Landwirtschaft regelgt sich das (zumindest im Augenblick) aber von selbst da die Nachfrage nach Erntehelfern größer ist als das Angebot.

    Die deutschen Spargelbauern haben dieses Jahr ja auch schwer gejammert als die Polen lieber nach England gegangen (sind weil dort eben mehr gezahlt wurde).

    Hätten ja mehr als die Engländer bieten können, dann wären die Spargelstecher auch wieder gekommen.

  9. Oliver sagt:

    >Ich war auch schon bei der Weinlese dabei und (nur einmal) beim Spargelstechen.

    Mal ehrlich Weinlese, die kenne ich auch. Zu Zeiten der kleinen Strohpäckchen, war die Heuernte weitaus interessanter, sprich während der Fahrt die überschweren Teile mit der Gabel auf den Traktor hiefen 😉

    Aber um da gerade mal drauf zurückzukommen, ich kann z.B. einfach nicht Arbeitslose, die zuvor vielleicht u.a. einem Bürojob nachgingen, dort reinstecken — das packen die nicht. Entweder man macht es permanent oder es gibt gar bleibende Schäden.

    >Die deutschen Spargelbauern haben dieses Jahr ja auch schwer gejammert

    Ich würde mal behaupten ohne die fortwährenden Subventionen für die Landwirtschaft wären die meisten Betriebe schon pleite. Ich frage mich warum wir diese überhaupt noch brauchen.

  10. Grainger sagt:

    ich kann z.B. einfach nicht Arbeitslose, die zuvor vielleicht u.a. einem Bürojob nachgingen, dort reinstecken — das packen die nicht.

    Da stimme ich Dir zu. Ich bin ja selbst so ein Sesselpupser und würde es wahrscheinlich nicht überleben wenn ich Knall auf Fall auf einmal schwerer körperlicher Arbeit nachgehen müsste.

    In den letzten Tagen waren bei mir um die Ecke den ganzen Tag Waldarbeiter im Einsatz, das ist noch echte Maloche. Da ist so einen Tag lang Kaminholz hacken nur Spielerei dagegen.

    Ich würde mal behaupten ohne die fortwährenden Subventionen für die Landwirtschaft wären die meisten Betriebe schon pleite. Ich frage mich warum wir diese überhaupt noch brauchen.

    Auch da kann (und will) ich Dir nicht wiedersprechen.
    Tatsächlich wäre es für die Umwelt vermutlich sogar besser wenn etliche Flächen gar nicht mehr bewirtschaftet würden (Ernteüberschüsse werden ja seit Jahren teilweise vernichtet um die Marktpreise stabil zu halten).

    Allerdings bin ich auch kein Befürworter der Brachlandförderung (da kriegen die Bauern dann Geld dafür, das sie nichts mehr anbauen), das hat für mich so den Beigeschmack des staatlich geförderten und subventionierten Nichtstuns.

    Und die Mär vom Bauern als Heger und Pfleger unserer sog. Kulturlandschaften kann man auch getrost ins Reich der Mythen verbannen.

  11. Oliver sagt:

    >Und die Mär vom Bauern als Heger und Pfleger unserer sog. Kulturlandschaften kann man auch getrost ins Reich der Mythen verbannen.

    Da wirft man dann einen Blick gen USA, nach Kansas. Dort wurde Landwirtschaft bis zum Exzess getrieben, mit dem Erfolg viele, viele Tornandas ihr eigen nennen zu dürfen, von der «Qualtität» überdüngten Bodens (Grundwasser) ganz zu schweigen.

  12. Falk sagt:

    Und all das in Bezug auf Natur und Menschen kannst in meinen Augen in einem Wort zusammenfassen: Ausbeutung.

  13. kobalt sagt:

    @ Chris
    »…weil er auf der Argumentation ‘Wer arbeiten will, findet auch welche’ aufbaut.»

    Er sagt aus, daß es nicht um Arbeit um der Arbeit Willen gehen darf.

    @ Falk
    «dass er impliziert, das sich unser Menschsein als Wettbewerb versteht.»

    Es geht nicht ums Menschsein, sondern um Arbeitskraft und Wissen.

  14. Statt die, die dem Wettbewerb ausgesetzt sind, ins Visier zu nehemen, ist die Politik aufgefordert, Regeln für einen geordneten und den Kriterien Fairness, Gerechtigkeit und Lauterkeit entsprechenden Wettbewerb zu verabschieden und auch international durchzusetzen.

    Mag sein, dass hier dicke Bretter zu bohren sind. Gewiss kann Leiharbeit keinen Bestand haben. Sicherlich gehört der Mindestlohn zu den Mindestanforderungen.

    Allerdings ist den 600 Parlamentariern in Berlin die Staatsgewalt nicht übertragen worden, damit sie sich vor der Verantwortung wegducken. Der Satz von Heiner Geißler kann helfen: »Freiheit und Solidarität statt Kapitalismus.«

  15. Falk sagt:

    Es geht nicht ums Menschsein, sondern um Arbeitskraft und Wissen.

    Gut, dann eben Goldwaage — Leistungsprinzip bleibts aber so oder so, egal ob ein Mensch nun zu bestimmten Dingen befähigt ist oder nicht. Und wieso gehört Wissen und Arbeitskraft (oder –möglichkeiten) nicht zum Menschsein dazu? Tagsüber Roboter und Abends dann der menschliche Spass?

  16. kobalt sagt:

    Falk:
    Ja, auf dem Arbeitsmarkt herrscht das Leistungsprinzip, es herrscht der Wettbewerb, es gilt das Preis/Leistungsverhältnis. Daß ich es entsetzlich finde, wenn Menschen zur Ware verkommen, muß ich wohl nicht extra betonen.

    Aber das hat mit dem Menschsein nichts zu tun, da zum Menschsein mehr als die Arbeitskraft gehört. Niemand ist ein besserer oder schlechterer Mensch, weil er einen bestimmten Job ausübt oder nicht ausübt oder sein Einkommen ein bestimmtes Niveau erreicht oder nicht erreicht.

  17. Oliver sagt:

    Erzähl das mal dem Rest der deutschen Gesellschaft.

  18. Chris sagt:

    Die Kommentare nebenan bei der Tagesschau sind mittlerweile sehr interessant zu lesen. Der deutsche Michel, der die Sozialschmarotzer sieht, ist nicht mehr in der Überzahl — im Gegenteil. Nur eine kleine Randnotiz, aber immerhin…

  19. Falk sagt:

    Naja, hätte der Artikel auf Spon gestanden, wär das Meinungsbild in Kommentaren bestimmt ein etwas anderes. Aber so dezente Hinweise auf einen Bewusstseinswechsel innerhalb der Bevölkerung kann ich auch sehen. Frage ist nur, welche Schlüsse der Einzelne daraus zieht.

  20. Michael sagt:

    Hallo,

    habt ihr euch das hier schon mal angesehen?:

    Ecopop: Wer sind wir

    Ich geh mal davon aus, dass das die Grundlage der meisten Probleme in der Umverteilungsdiskusion ist. Hab dazu auch mal ein Buch gelesen, was die Problematik auch seht gut beschreibt:

    Wikipedia: Der Splitter im Auge Gottes

    Ich denke, weil die Konsequenzen gesellschaftlich so gravierend währen, traut sich kaum jemand dies öffentlich zu thematisieren (ausser halt die Schweizer…)

    Gruß

  21. Bernd sagt:

    @Kobalt:

    Der HARTZ-IV-Satz orientiert sich am Lebens– und Einkommensniveau der unteren 20% der Bevölkerung. Das macht doch nachdenklich. 20%, beinahe ein Viertel der Bevölkerung.

    Du könntest auch in der Werbebranche tätig sein. Für Mathe-Faule: 20% sind genau ein *fünftel*. Aber ein viertel hört sich dramatischer an, was. Nachher kommt noch einer und sagt, 20% sind fast ein drittel, fast die hälfte, achwas eigentlich doch ganz D. 😀

  22. Falk sagt:

    Also ich hab heute auch mal gerechnet und selbst 1/5 ist ne ganze Menge mehr als gar nichts. Und zwar entschieden zuviel. Genauso, wie 5% hierzulande nicht lesen und schreiben können. Wie groß natürlich da jetzt die Schnittmenge ist, kann ich allerdings nicht sagen.

    Und ehrlich mal, mich würden schon 10% arme Menschen in einem zivilisierten Industrieland mehr als nur beunruhigen.

  23. Falk sagt:

    Nachtrag: Ca. 9 Millionen der Erwerbstätigen sind auf staatliche Tranfers angewiesen. @ Bernd: Wieviel % der möglichen Berufstätigen sind das?

  24. Grainger sagt:

    Genauso, wie 5% hierzulande nicht lesen und schreiben können.

    Vor Jahren las ich mal in einer Studie, das rund 17% der deutschen Bevölkerung Analphabeten seien.

    Später fand ich heraus, das in die statistische Auswertung dieser Studie auch Kinder im Vorschulalter sowie alle Ausländer, die nur nicht deutsch lesen und schrieben konnten (nach meiner Definition ist jemand, der z.B. Kiswahili in Wort und Schrift beherrscht kein Analphabet) eingeflossen sind.

    Das hat mein chronisches Misstrauen gegen Studien und Statistiken auch nicht mildern können. 😉

  25. Chris sagt:

    — C U T —

    Das Thema ist hier zu ernst, als dass wir uns mit Nichtigkeiten und irgendwelchen Zahlen auseinandersetzen. Manchmal sollte man auf sein Gefühl hören — ich hatte ganz am Anfang das Reißen, den Comment von kobalt zu löschen. Heute nochmal das Kribbeln im linken kleinen Zeh als ich den Bldösinn von Bernd gelesen habe.

    Manchmal sollte man es einfach tun.

    Back to Topic also. 😉

  26. Grainger sagt:

    @Michael

    Ich habe so ziemlich alles von Larry Niven gelesen, selbstverständlich auch Der Splitter im Auge Gottes und auch den Nachfolger.

    Was dieser (im übigen imho sehr guter) SF-Klassiker mit irgendeiner Umverteilungsdiskussion zu tun haben soll erschließt sich mir aber nicht so ganz.

    Es dreht sich im wesentlichen um eine außerirdische Zivilistaion, die (im Gegensatz zu den anderen Zivilisationen in der Galaxys) durch physikalische Gegebenheiten vom Rest der Galaxys abgeschnitten ist und die fossilen Ressourcen ihres gesamten Sonnensystems schon seit langer Zeit vollständig aufgebraucht hat.

    Seit Jahrzehntausenden bomben sie sich regelmäßig in die Steinzeit zurück und da alle fossilen Brennstoffe (einschließlich Uran) seit langem aufgebraucht sind wird der Aufbau einer neuen technischen Zivilisation nach jedem Zusammenbruch schwieriger.

    Im Prinzip müssen sie von der Dampfmaschine direkt zur Kernfusion kommen, was durch die Aufzeichnungen, die die jeweilige Vorgängerzivilisation vorausschauenderweise in Hochsicherheitstrakts hinterlassen hat, etwas erleichtert wird.

    Andererseits kommt erschwerend hinzu, das durch die Strahlungsmutationen aus vielen Atomkriegen sowie jahrtausendelange exzessive Genmanipulation (bzw. selektive Zuchtauswahl) der eigenen und aller anderen überlebenden Arten der Genpool auch nicht gerade übersichtlicher geworden ist.

    Im Prinzip eigentlich eine ins SF-Milieu übertragene und noch überspitzte Situation ähnlich der, der die Einwohner der Osterinseln gegenüber gestanden haben müssen (mit Ausnahem der Tatsache, das die Ureinwohner der Osterinseln ausgestorben sind).

  27. Grainger sagt:

    @Chris

    Ich war (während Deines letzten Beitrages) meinen vorherigen Beitrag noch am verfassen.

    Grundsätzlich hast Du natürlich recht, also:

    zurück zum eiegntlichen Thema

    😉

  28. Chris sagt:

    Kein Problem, Du füllst Off Topic ja noch mit Inhalt… 😀

    Aber dieses Zahlengeschubse ging mir gehörig gegen den Strich…

    Nun aber gute Nacht in die Runde. :)

  29. Bernd sagt:

    Mir gings nicht um 5% hin oder her. Mir gings um eine offensichtliche Verzerrung von Zahlen (evtl. sogar Fakten). Ich finde das macht einen Kommentar oder eine Kritik im allg. eben zu nichte, er oder sie verlieren dadurch — in meinen Augen — «etwas» an Glaubwürdigkeit.
    Und wo jetzt prozentual gesehen hier meine persönliche Schmerzgrenze liegt, tut eigentlich nichts zur Sache. Die Grenze — so viel sei verraten — ist sehr weit im unteren Bereich angesiedelt.

    @Chris: Ich hoffe ich konnte den «Blödsinn» etwas entkräften und sorry nochmals fürs OT.

  30. Michael sagt:

    @Grainger:

    Zum Splitter muss wohl nachgetragen werden, das jede Geschicht unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Als ich das Buch lass, viel mir vor allem auf, dass die Autoren durch die Beschreibung der Splitts ihre eigene Lebensgemeinschaft kritisierten. Es wird zwar deutlich darauf hingewiesen, dass die Splitts die gesellschaftlich Kranken sind. Aber es meint in wirklichkeit uns… Geh doch mal einher und thematisiere hier im Christenland das böse böse Wort Geburtenkontrolle! Seid fruchtbar und vermehret euch…! Aber das man, wenn man so handelt auch gute bis sehr gute Systeme zur Umverteilung der Mittel braucht…, dass steht auf einem anderen Blatt. Wenn man sich z.B. die Bemühungen einiger Persönlichkeiten ansieht, welche das sog. bedingungslose Grundeinkommen fordern. Nun, dann muss man auch einmal auf die andere Seite der Medallie schauen. Denn wie viele Menschen wollen sich denn damit abfinden das ihre Tätigkeit eigentlich nur existiert, weil unsere Entscheidungsträger nichts von Umverteilung verstehen? Allein bei der AfA sind das glaub ich so um die 90.000 Mitarbeiter, die eigentlich niemand braucht… ach es ist alles so schön komplex 😉

  31. […] nein, von wegen. Das steht im Tagesschau-Blog. Ergänzend dazu dann aber bitte auch bei den Bootsektorenfixxern lesen, sonst springt die Festplatte im […]

  32. […] etwas Wohlwollen hätte man diesen Artikel vom Chef-Zähler der ARD, Jörg Schönenborn, noch als Ausrutscher werten können. Doch wenn man den […]

RSS-Feed abonnieren