social web

Verlinkungen, Trackbacks, Pingbacks, Facebook, Twitter … die omnipotente Vernetzung, last not least einfach nur der «ping of death» für jede Art von Community. Was sollen derlei «Clownerien» für einen Mehrwert mit sich bringen? Aufmerksamkeit, «Zusammengehörigkeitsgefühl», der Schrei gen Außenwelt, um auf «Problematiken» aufmerksam zu machen? Geh weg, die Blog-Welt, also dieser Ritus um «Inkarnationen» identischer Software-Installationen, wirkt auf Außenstehende recht befremdlich, wenn nicht wirkt diese Egozentrik der Blogs gar abstoßend. Gott-sei-Dank haben sich einige dieser «Riten» unlängst überlebt, finden jedoch Kompensation seitens Facebook & Co.

Wen jedoch tangiert im großen weiten «Netz», ob denn diese paar «Jecken» stetig in ihrem angestammten Habitat die «digitale Revolution» erproben? Keine Menschenseele, die selbsternannte «creme de la creme» des Webs, die digitale Bohème ist dort ein no-go oder schlicht eine vorlaute Minorität. Indem man seine Eigenständigkeit bewahrt und sich abgrenzt — «I’m with stupid», bewahrt man auch seine Glaubwürdigkeit. Nicht der blogtechnische hoi polloi, sondern die Wertschätzung des Gegenübers ist gefragt.

Bei Facebook klickt man sich die «Freunde» zusammen, bei Twitter zieht man nur allzu gerne einen Rattenschwanz an Followern mit sich, der digitale Rattenfänger des Web 2.0 drängt sich da geradezu auf. Tatsächlich aber zählt nur der Inhalt, zumindest, wenn man auf Legionen Lemminge verzichten kann. Einfach schreiben, viel schreiben … erzählen, die Leser zum Denken motivieren oder just for fun einfach laufen lassen und quasi eine Art Tagebuch dem Publikum feilbieten. Verlinkt wird wo es angebracht ist, ob es nun der Quellenangabe oder der Wertschätzung dienlich ist — dann und nur dann klappt es auch mit dem social web.

Da herrscht ein Automatismus, das kann ein Selbstläufer werden, wenn jeder sich primär auf seine ureigenen Inhalte konzentriert, an diesen feilt und ab und an bei Bedarf auch mal den Hinweis auf andere großartige Inhalte gibt, wenn sie denn seiner Neigung entsprechen.

Man wird nicht sozial und schafft erst recht kein soziales Netzwerk, indem man irgendwelche obskuren Riten praktiziert. Je natürlicher man wirkt, je eigenständiger man mit seiner Publikation ist, umso eher findet man auch Anklang im Rest des Netzes oder gar der «Außenwelt». Trifft dies alles zusammen sind auch weitaus mehr Leute bereit freiwillig zu verlinken, drauf hinzuweisen, weil es sich dann erst wirklich lohnt. Die Katalyse in Blogs mag wohl von Nutzen sein, teils von großem Nutzen, wenn es auf Dauer jedoch nur in einer «Wiederkäuer-Mentalität» außartet, bleibt wohl letztendlich nicht viel mehr als «digitales Methan» über.

Man muß es natürlich nicht, aber wenn man denn sklavisch derlei zwanghafter Vernetzung hinterherläuft, an der eigenen viralen Kampagne und weniger den Inhalten feilt, dann sollte man sich doch auch zukünftig mal Gedanken um die Nachhaltigkeit dieser machen. Und diese Nachhaltigkeit besteht im Moment nur ob der Tatsache, daß da eben infantile Spielchen getrieben werden, ein Visitenkarten-Tausch der 80er praktiziert wird ohne aber tatsächlich originäre Inhalte zu kommunizieren. Wenn die Aufmerksamkeit fehlt, dann liegt es meist einfach daran, daß diese Inhalte kaum jemanden interessieren oder kaum nennenswerter Inhalt vorhanden ist, der die Leser zu bewegen vermag, abgesehen von paraphrasierten Inhalten der «Leitmedien» und jeder Menge Pathos. Ein Zirkus oder gar Freibier vermag da vielleicht kurzfristig ein paar Zeitgenossen anzulocken, aber bleiben werden diese sicherlich nur in Erwartung auf noch mehr Freibier.

Ist jedoch der Inhalt authentisch und die Leser fehlen dennoch, wenn denn per se Lesermassen erwünscht sind, nun dann ist dies wohl eher dem stetig wachsenden medialen Überfluß geschuldet. Langatmige Texte allgemeiner Natur, allerlei «Belanglosigkeiten» jenseits der Aufreger dieser «Leitmedien» sind kaum gefragt. Prägnant, reißerisch vermittelt, das ist die Welt der Blogs … und jene der oft gescholtenen SEOs — ein digitales Zerrbild der «Leitmedien».

Auch dieser Text hier ist nur ein Gedanke, ein Ansatz zum Denken, kein Codex oder ähnlicher Schmarrn. Insofern kann man auch hier dem UNIX-Prinzip KISS folgen, «keep it simple stupid». Weniger ist mehr: mehr des Inhalts, weniger Aktionismus, weniger Oberflächlichkeit, weniger Selbstaufgabe, dann wird das Netzwerk zum Selbstläufer. Wenn dieses «social web» hingegen zur Zwangsjacke mutiert, ist es nur allzu verständlich, daß einige versuchen auszubrechen, andere hingegen einen weiten Bogen um diese digitalen Glasperlen machen.

Bild: Wikimedia Commons, Public Domain; Pieter Brueghel der Jüngere «Predigt Johannes des Täufers»

Artikel: 2007 für F!XMBR, 2010 überarbeitet für akephalos.de

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