Snooker — Ein Skandal erschüttert den letzten Gentlemen-Sport

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Foto: comedy_nose | CC-Lizenz

Ich hatte schon lange vor, Etwas über Snooker zu schreiben. Wann immer ich durch das Programm zappe, und auf Eurosport gerade Snooker läuft, bleibe ich hängen. Snooker ist einfach anders, ruhig, entspannt, wenn irgendwo Fair Play groß geschrieben wird, dann am Snookertisch. Im deutschen TV, auf Eurosport, ist Snooker sensationell erfolgreich. Deutschlands Snookerstimme, Rolf Kalb, kann bei der gerade stattfindenden Snooker-WM in Sheffield im altehrwürdigen Crucible Theatre bis zu einer Mio. Zuschauer begrüßen. Das ist für einen kleinen Sender wie Eurosport schon eine Sensation – nicht zu vergessen, es handelt sich im kein Fußballspiel, sondern um Snooker.

Was macht das Besondere von Snooker aus? Im Gespräch mit der FAZ sagte Rolf Kalb: Snooker ist ein fesselnder, faszinierender Sport, weil er die Zuschauer ins Geschehen hinzieht. Er verlangt den vollständigen Spieler, bei dem sich Intelligenz mit taktischem Raffinement und großem Geschick paart. Snooker besteht aus einer Vielzahl aufeinanderfolgender Dramen, die im Idealfall einen grandiosen Spannungsbogen ergeben. Das fesselt viele Leute und lässt sie nicht mehr los. Ich glaube, das bringt es auf den Punkt. Stephen Hendry, Steve Davis, Ronny  O’Sullivan oder die beiden Finalisten, Neil Robertson und Graeme Dott, am Tisch zu sehen ist spannend und entspannend zu gleich. Ich mag es einfach.

Und ewig schwebt die Hoffnung mit, Geschichte erleben zu können. Wie zum Beispiel dieses Maximum Break von Ronny  O’Sullivan bei der WM 2008.

Seit heute jedoch wird die Snooker-Gemeinde von einem Skandal erschüttert. Rolf Kalb schreibt auf seinem Blog: Die News of the World berichtet heute in großer Aufmachung, dass John Higgins sich für 300.000 Euro bereiterklärt habe, vier Frames in vier verschiedenen Turnieren absichtlich zu verlieren, um Wettbetrügern illegale Gewinne zu ermöglichen. Nun muss man wissen, dass die News of the World ein Revolverblatt ist, unseriöser als das deutsche Pendant, die BILD. Nichtsdestotrotz – es gibt eine Videoaufnahme:

John Higgins ist mit sofortiger Wirkung von allen Turnieren der WPBSA suspendiert worden. Seine Stellungnahme: Ich war niemals an irgendwelchen Spielabsprachen beteiligt. In meinen 18 Jahren als Profi habe ich noch nie einen Ball absichtlich verschossen und erst recht keinen Frame und kein Match absichtlich verloren. Ich war über die Entwicklung des Gespräches in Kiew sehr besorgt. Als sie mir vorschlugen, absichtlich Frames zu verlieren, habe ich Angst bekommen und wollte nur noch raus aus dem Hotel und in das Flugzeug nach Hause. Ich wusste nicht, ob wir es mit der russischen Mafia oder mit wem auch immer zu tun hatten. In dem Moment hatte ich das Gefühl, es sein das Beste das Spiel mitzuspielen und so schnell wie möglich aus Russland zu verschwinden. Wer mich kennt weiß um meine Liebe zu Snooker und das ich niemals etwas machen würde, das die Integrität des Sportes beschädigen würde, den ich liebe. Mein Gewissen ist absolut rein.

Der Fußball hatte den Fall Hoyzer, die olympische Gemeinde könnte Apotheker-Festspiele veranstalten, die Tour de France ist zur Tour de Farce verkommen, Tiger Woods hat dem Golfbegriff Einlochen eine völlig neue Bedeutung gegeben. Auch wenn es unglaublich erscheint und selbstverständlich die Unschuldsvermutung für John Higgens gilt: Selbst wenn er schuldig sein sollte wird der Sport weiter bestehen. Die Verfehlung eines Einzelnen wird Snooker nicht langfristig schädigen können. Die Boulevard-Medien haben für ein paar Wochen ein Thema — um dann die nächste Sau durchs Dorf zu treiben. Ich schaue mir derweil die letzten Frames des diesjährigen WM-Finales an. Und doch – unglaublich ist das schon…

Zwei Lesetipps:

FAZ — Ein Sport, der gegen den Zeitgeist punktet
FR — In einer völlig anderen Welt

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5 Antworten zu “Snooker — Ein Skandal erschüttert den letzten Gentlemen-Sport”

  1. Philipp sagt:

    Heilige Scheiße. Das hat mich gerade über Twitter kalt erwischt; ich hoffe, dass sich das ganze so herausstellt, wie Higgins gesagt hat. Snooker ist ein Sport, der keine Skandale braucht…

  2. ppalmat sagt:

    «Snooker ist ein Sport, der keine Skandale braucht…«
    Ich bin zwar auch der Meinung, dass die Aussage von Higgins stimmen wird. Es wäre aber sicherlich nicht der erste Skandal, der in diesem «sauberen» Sport aufkäme. Man denke z.B. nur an Quinton Hann, der 2006 für 8 Jahre gesperrt wurde. Insgesamt kann man sagen, wo es Sportwetten gibt, wird es auch Betrug geben, da wird keine Sportart ausgenommen sein. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich eine Gallionsfigur wie Higgins darauf einlässt, alleine schon deshalb, weil er es finanziell absolut nicht nötig hat. Ohne auf irgendeine Person gezielt mit dem Finger zeigen zu wollen, aber es gibt garantiert einige Profis, die am Existenzminimum knabbern, da kann schon mal eine Versuchung aufkommen.

  3. Sebastian Salzgeber sagt:

    Naja, Tiger Woods hat nun aber keine Krise im Gold hervorgerufen. Er hat ja nicht den sport korumpiert sondern seine Ehe. Man müsste also eher davon sprechen, dass viele Menschen sich nun nichtmehr heiraten wegen dem Skandel von Woods. Sorum würde eine Schuh draus werden.

  4. palosalto sagt:

    naja, higgins hätte sich auch unverbindlich durchlavieren können. nach dem motto, er wolle über das angebot nachdenken. auch kann man von ihm erwarten, dass er sich beim verband «selbst anzeigt».

  5. Hamburger sagt:

    Ja, mich hat das auch kalt erwischt. Man muss sicherlich zunächst mal abwarten, in wie fern die Vorwürfe wirklich stichhaltig sind (die betroffene Zeitung ist ja nun wirklich nicht das seriöseste Blatt, eher das komplett Gegenteil), aber allein schon der Gedanke an so etwas im Snooker ist einfach grauselig.

    Trotzdem darf man natürlich jetzt nicht den ganzen Sport verteufeln, schwarze Schaafe gibt es leider überall.

    Falls jemand übrigens nett das WM-Finale verfolgen will: Bei sportal.de kann man sogar mit den Mods chatten und über das Spiel diskutieren!

    So long.…

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