Shirts 2,99 Euro, Caprihosen 7,99 Euro

Du willst einen neuen Job, und musst für diesen erst eine Kaution hinterlegen, damit Du überhaupt das Frabrikgelände betreten darfst? Einquartiert wirst Du in Schlafsälen, die neben der Fertigungshalle stehen? Von morgens um 08.00 Uhr bis abends um 09.00 Uhr hast Du neben der Maschine zu stehen — natürlich nur, wenn kein dringender Auftrag ansteht? Du hast eine 7-Tage Woche, pro Monat aber immerhin 2 freie Tage? Oftmals sind das 336 Arbeitsstunden im Monat. Du brauchst einen weiteren Tag frei? Kein Problem, manchmal werden auch nur 10% vom Monatseinkommen abgezogen. Sowas gibt es nicht, sagst Du?

In unserem Land noch nicht, auch wenn wir Dank der Großen Koalition stramm darauf zumarschieren. Beschrieben wurden hier Zustände aus der chinesischen Provinz Jiangsu und aus Indonesien. Wie die taz schreibt, hat diese Zustände das kirchliche Forschungsinstitut Südwind herausgefunden, als es die Wege einiger Aldi-Hemden, –Hosen und –Mäntel bis zu den Produktionsstätten zurückverfolgte.

Ich mag mich nicht darüber aufregen wollen, dass wir alle, auch ich, zu oft bei ALDI einkaufen, und wenn es nur einmal im Monat der Fall ist. Auch dass die Gebrüder Albrecht die reichsten Deutschen sind — geschenkt. Manche Lebenssituation lässt gar ichts anderes zu, als möglichst günstig einzukaufen. Ob nun Wal-Mart, Lidl oder nun gerade ALDI — sie alle haben ihre dunklen Geheimnisse.

Nur bezahlen tun es letztenendes auch wir, jeder von uns, nicht nur die Arbeiterinnen in Jiangsu. Wenn demnächst unsere Top-Politiker wie Glos, Müntefering oder auch Merkel selbst vor die Kamera treten, vom globalen Wettbewerb reden, dass wir uns der Konkurrenz in China stellen müssen, dann wisst Ihr, wohin die Reise geht, und dass jeder, insbesondere die, die sich auch andere Sachen leisten könnten (Besserverdienende sind bei ALDI die größte Kundengruppe), eben genau diese Reise bezahlt haben.

In Deutschland wird über Mindestlöhne diskutiert, das Für und Wider abgewägt, Gewerkschaftler wie auch Arbeitgebervertreter sitzen in netter Runde zusammen — mehr Schein als Sein, in Anzug und Krawatte, das obligatorische weiße Hemd darf auch nicht fehlen. Unten drunter das Shirt von ALDI für 2,99 Euro — gefertigt in Jiangsu.

9 Antworten zu “Shirts 2,99 Euro, Caprihosen 7,99 Euro”

  1. Captain Cord sagt:

    Man sollte eine Auszeichnungspflicht einführen, wo ein Produkt — zu welchen Teilen — gefertigt wurde und unter welchen Bedingungen. Auf diese Weise könnte jeder Konsument entscheiden, welche Arbeitsverhältnisse er vertreten kann. Denn man kauft mit jedem Produkt auch das Sozialsystem, unter dem es gefertigt wurde. Wie Du ja auch schreibst ?Nur bezahlen tun es letztenendes auch wir?.

    Ja ich weiß, das ist wohl leider sehr utopisch.

  2. Kiki sagt:

    Sehr wahr. Besserverdienende kaufen bei Discountern ihre Lebensmittel, weil sie meist frisch, billig und lecker sind; aber Hartz IV-Empfänger müssen gar nicht erst überlegen, wo sie sonst einkaufen sollen — die können sich ja inzwischen kaum mehr die Discounter leisten und finden sich zusehends bei den Tafeln ein (wo ihnen nicht selten dann die Lion’s Club und Rotary-Gattinnen den Schlag Suppe aus der Gulaschkanone reichen, deren Männer in China die Aufträge über den Posten Lederjacken erteilen, die dann in Jiangsu genäht werden).

    Andererseits stelle ich mir schon länger die Frage, ob die Klamotten mit Label und vierstelligen Preisschildern aus den 1A Lagen der Innenstadt sich nicht genau nur im Preis von denen der Discounter unetrscheiden. Die einzigen deutschen Jobs, die ich mit dem Kauf dieser Klamotten erhalte, sind die 400 Euro Jobs der gelangweilten Verkäuferinnen — Vielleicht saß der Designer in Mailand oder Paris, aber genäht hat das Zeug mit Sicherheit niemand aus unserem Land, oder auch nur Westeuropa.

  3. Dr.Dean sagt:

    Den Vorschlag von Cord finde ich sehr gut — und eigentlich überhaupt nicht utopisch, sondern sogar, sollte unser Land einmal von vernünftigen Menschen regiert werden, sogar leicht umsetzbar.

  4. Numsi sagt:

    Schon mal in China gewesen?
    So mittendrin?
    Da werden «unsere» Probleme richtig klein.
    Da wird selbst die Suche nach einer Toilette zum Abenteuer.
    Die «armen» Arbeiter haben es gut, weil sie Arbeit, ein Dach ueber dem Kopf und taeglich was zu beissen haben.
    Und nun kommt (…) und will ‘ne lueckenlose Doku von Leuten die nicht lesen & schreiben koennen.

  5. Oliver sagt:

    Schon mal die Augen aufgemacht und den Denkapparat betätigt? Wir haben hier unsere Probleme, tritt du den Firmen und der Regierung ans Bein die dort unten ein menschenverachtendes Regime unterstützen und am Leben erhalten. Mit dieser Kurzschlußrethorik kann man letztendlich sogar Diktaturen relativieren. Was soll also diese Kakophonie? Schon mal in Afrika gewesen? Schon mal in xyz gewesen? Nonsense, um sich vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken — warum in die Ferne schweifen, wenn die Idiotie liegt doch so nah?

  6. Philsen sagt:

    (Hohn)² aus den Aldi-Süd Stellenangeboten gefischt. :

    Wir bieten Ihnen spannende Aufgaben, engagierte Teams, ein partnerschaftliches und faires Arbeitsklima sowie vielfältige Zusatzleistungen und Aufstiegschancen. Wenn Sie sich für ALDI SÜD entscheiden, wählen Sie ein krisensicheres Unternehmen, in dem Leistung anerkannt und menschliche Werte geschätzt werden.

  7. joe_f sagt:

    Ja, ist ja ganz erstaunlich, dass die kirchlichen Forscher das herausgefunden haben. Nur ist das alles schon längst bekannt. Und nur so funktioniert Kapitalismus. Wir feiern bis zum Schluss. Und den Schluss wird es geben. Garantiert.

    Ein schönes Beispiel ist dafür auch ‘We feed the World’. Unglaublich viel wird direkt für den Müll produziert, weil es billiger ist, für den Müll zu produzieren als für den Bedarf.

  8. flori sagt:

    … und ich hatte im erstem moment gedacht, die leute stellen ipod´s her… da soll es ja ähnlich aussehen.

  9. Grainger sagt:

    Ich gehe mal davon aus, das ein halbwegs qualifizierter Facharbeiter im Jahr rund 50.000 Euro kostet (einschl. aller AG-Anteile an Sozialversicherungen und evtl. ein bißchen Betriebsrente, aber ohne in Geldwert irgendwelche Überstunden und in Geldwert umgerechnete Ausfallzeiten wie Urlaub, Krankheit, usw.).

    Jetzt wird es auch in China nicht nur ungelernte Wanderarbeiter geben, auch dort gibt es Facharbeiter.

    Ich habe jetzt keine genaue Vorstellung davon, was ein Facharbeiter in China verdient, unterstellen wir einfach mal das doppelte des durchschnittlichen Einkommens des Jahres 2006, also rund 1.925 Euro.

    Runden wir großzügig auf 2.000 Euro auf und unterstellen sogar großzügig noch 30% Lohnnebenkosten, dann sind wir auf 2.600 Euro.

    (In einer Dokumentation über den Bau des Drei-Schluchten-Baudamms war die Rede davon das die Bauarbeiter, Kranführer, usw. angeblich 2.000 Euro im Jahr verdienen, die o.a. Zahlen werden also nicht sooo unrealistisch sein).

    Für chinesische Verhältnisse sind das aber eher gut bezahlte Spitzenkräfte, keine Wanderarbeiter die sich zur Erntehilfe verdingen müssen.

    Und in Anbetracht des Preisunterschiedes zwischen 50.000 und 2.600 Euro/Jahr braucht man sich über Senkung der Lohn– und Lohnnebenkosten in Deutschland eigentlich gar keine weiteren Gedanken zu machen, das ist einfach nicht kompensierbar!

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