Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

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Foto: F!XMBR

Ein Nebensatz in Schirrmachers Text hat noch gar keine Beachtung bekommen. Er schreibt: » […] und das las man früher und besser auf den „Nachdenkseiten“ des unverzichtbaren Albrecht Müller, einst Vordenker von Willy Brandt.» Als erstes fällt natürlich das Lob auf, welches der konservative Schirrmacher gegenüber dem linken Sozialromantiker Albrecht Müller ausspricht — mehr als zu Recht.

Und ebenso fällt auf, dass Schirrmacher hier die Vergangenheitsform gewählt hat. In den letzten Monaten habe ich zwei Blogs mehr oder weniger nur am Rande verfolgt, die ich zuvor täglich frequentiert habe: Die Nachdenkseiten und den Spiegelfechter.

Das Elend mit dem Spiegelfechter begann, als immer mehr Gastautoren aufschlugen — seit Jens nun auch für die Nachdenkseiten schreibt, hat er sein Blog fast vollständig inhaltlich in die Hände von Gastautoren gegeben. Seitdem ist der Spiegelfechter nicht mehr der Spiegelfechter.

Ein Blog lebt auch und insbesondere mit dem Charakter des Machers, der Macher. Jens war immer der Spiegelfechter, die Nachdenkseiten gehörten zu Albrecht Müller und Wolfgang Lieb. Ich glaube, ich trete Jens nicht zu nahe, wenn ich sage, dass ihm die (politische) Erfahrung eines Allbrecht Müller oder eines Wolfgang Lieb fehlt — ihm fehlt sogar wie allen sich links zugehörig fühlenden Blogs die intellektuelle Tiefe der Nachdenkseiten. [1]

Auf der anderen Seite fehlen den Gastautoren des Spiegelfechters der Humor, die Sachkenntnis, die Spitzfindigkeit eigentlich alles, was den Spiegelfechter früher ausgemacht hat. Ich habe gestern geschrieben: «Während Konservative und Rechte, anfangen zu diskutieren, ob die Linke nicht vielleicht doch Recht hat, ermüdet und langweilt mich diese zusehends.» Das trifft insbesondere auf den neuen Spiegelfechter zu — die neuen Autoren, ob sie sich nun Oeffinger Freidenker oder XYZ nennen, sind an Langeweile nicht zu überbieten.

Die zerstörerische Kraft der Rechten steht heutzutage die zerstörerische Kraft der Linken gegenüber. Während die Einen an der Macht sind, bemühen die Anderen die Kraft des Wortes. Ich sehe bei den Linken keine Vision, keine Utopie, kein Argument, wie man es besser machen könnte. [1] Ausnahme waren immer die Nachdenkseiten, die aus der Kraft der eigenen Erfahrung schöpfen konnten.

Will sagen: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Jens hätte sein Blog, sein Baby weiter füllen sollen — auf den Nachdenkseiten wirkt er völlig deplatziert. Mit seinen Gastautoren sieht es ähnlich aus. In ihrem eigenen Umfeld, zum Beispiel dem Oeffinger Freidenker, sind sie stark — auf dem Spiegelfechter verlieren sie sich.

Gastautoren sollten die Ausnahme bleiben, nicht zur Regel werden — wie es zum Beispiel Carsten @caschy Knobloch immer sehr gut vorlebt. Ein Blog entsteht, wächst und entwickelt sich durch die Persönlichkeit seines Autors, seiner Autoren. Einen, auch mehrere Autoren, ein gestandenes Projekt übernehmen zu lassen, wie es Jens mit dem Spiegelfechter getan hat, kann nur schiefgehen. Besser wäre eine völlig neue Plattform, die alle Autoren gemeinsam entwickeln, sich und die eigene Persönlichkeit einbringen. Und die Nachdenkseiten? Lieber ein, zwei Artikel in der Woche weniger, dafür wieder mehr Analyse und Visionen, Rückblenden von Wolfgang Lieb und Albrecht Müller. Ich verstehe, warum Schirrmacher die Vergangenheitsform gewählt hat.

[1] Und bevor Missverständnisse aufkommen, ich zähle mich da auch zu.

Disclosure: Ich werde in Zukunft, den einen oder anderen Text von Google+ crossposten, weil mich ein paar Mails erreicht haben, man lese hier, von Google+ aber die Finger lassen würde.

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7 Antworten zu “Schuster, bleib bei Deinen Leisten!”

  1. Marc sagt:

    Ich finde es gut, wenn sich Mehrautorenblogs bilden. Es ist ein aus meiner Sicht sinnvoller Prozess. So entstehen Blogs, die eine bestimmte Perspektive intensiver beleuchten und durch die Anzahl an Publikationen hoffentlich genügend Leser binden können.
    Wer bestimmte Autoren lesen möchte, der findet ihre Texte. Und ein Jens Berger auf den NDS liest sich für mich genauso schön wie auf dem Spiegelfechter.
    Für alte Bloggerhasen sind Veränderungen vielleicht schwerer verdaulich. Hach, früher war alles besser :)

  2. Grainger sagt:

    Ab wann wird aus einem Mehrautorenblog ein Forum? 😉

    Gegen gelegentliche Gastautoren habe ich keine Einwände, aber ein Blog sollte doch immer überwiegend von seinem Gründer und Hauptautor geprägt sein, sonst kann ich gleich ein «traditionelles» Forum lesen.

  3. hast Deine Texte ja unter CC-Lizenz, da darfst Du auch ruhig «Crossposten» ;))) … aber mal «ernsthaft»: finde ich gut so, gehaltvolle Texte sollten sich doch auch in Deinem eigentlichen Web-Wohnzimmer einfinden … und wer weiß, vielleicht werden irgendwann die Klarnamen-Profile bei G+ ohne Ankündigung von heute auf morgen gelöscht und alles ist futsch 😀

  4. Herm sagt:

    Das einzige was ich mir bei deinem Text gedacht habe war ein lang gezogenes, absolut zustimmendes «Oooh ja!».

    Seit Jens Berger die Seite quasi vollständig seinen Gastautoren übergeben hat (die nebenbei gemerkt immer die gleichen Themenkomplexe immer wieder neu anschneiden, vgl. Herrn Sasse und seine Amerikaanalysen), sehe ich immer seltener auf spiegelfechter rein, überfliege lieber die Überschriften im RSS Feed und schließe den Reader meist wieder.

  5. Thomas S. sagt:

    Sehe ich ganz genauso. Anfangs dachte ich noch: Oh toll, Berger schreibt jetzt bei den NDS! Aber das Ergebnis hat mich eher ernüchtert. Seine Texte waren spritziger und (mit Verlaub) weniger oberlehrerhaft, als er sich noch auf der eigenen Spielwiese tummelte.
    Lesen tu ich sie aber trotzdem noch.

  6. Kempec sagt:

    Ich finde die Gastautoren beim Spiegelfechter eine Bereicherung. Wer nur die Ueberschriften liesst kann gar nicht Wissen was fuer Interessante Artikel oft da erscheinen. Ehr finde ich es hier etwas lahm die letzte Zeit ‚wenn nur noch Google+ Artikel kommen. Aber das ist ja Geschmacks Sache.
    Keine Ahnung wer diesen Spruch erfunden hat mit dem Schuster, aber ich finde es langweilig immer das selbe zu machen. Was soll schlecht daran sein was neues auszuprobieren? Und ich bin froh andere Autoren beim Spiegelfechter lesen zu koennen von denen ich sonst nie gelesen habe.

  7. muxux sagt:

    Also ich finde Jens macht auch bei den Nachdenkseiten einen guten Job, siehe den Beitrag zur Wirtschaftsregierung (heute?). Weiterhin haben die Nachdenkseiten nunmal die größere Leserschaft als der Spiegelfechter und die Aufsätze von Jens sind nunmal gut, vollkommen nachvollziehbar und sinnvoll, dass die sich zusammentun. Der Herr Müller ist nunmal ein älteres Semester und ich finde es gut, dass er die Jugend fördert. Qualitativ hat nur der Spiegelfechter gelitten, aber so ist das nunmal, you can’t have everything.

    Welche politischen Blogs liest Du denn so in letzter Zeit? Das würde mich viel mehr interessieren, als nicht hilfreiches Gebashe.

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