Schließt endlich die Stasi-Akten!

brandenb_tor 
lukelukeluke | CC-Lizenz

Vor 20 Jahren ist die Mauer gefallen – Genscher in der Prager Botschaft, ein feierndes Land, unvergessene Bilder. Ich war damals 16 Jahre alt, verfolgte vor dem Bildschirm die tanzenden Menschen auf der Mauer, in Berlin und sah diese unbändige Freude in den Gesichtern derjenigen, die mit ihrem Trabbi über die Grenze kamen und wie sich Berlin in den Armen lag. ich spürte, hier passierte etwas Großes – doch in meinem damaligen Alter erfasste man nicht wirklich, dass Geschichte geschrieben wurde und man Zeuge eines historischen Ereignisses wurde. Man hatte auch andere Sachen im Kopf.

Der Feier folgte jedoch bald Ernüchterung – in vielen Köpfen, gerade im Westen, steht die Mauer noch heute, viele Ostdeutsche wünschen sie sich gar zurück. Dazu trägt insbesondere die Birthler-Behörde bei, welche die Stasi-Unterlagen beherbergt. Immer wieder liest man Schlagzeilen, wer wann und wo angeblich Stasi-Mitarbeiter gewesen sein soll. Das Bild des Westens über den Osten wird auch heute noch durch die Stasi, Hockecker und Mielke gezeichnet, nicht aber durch die Menschen selbst. Wir sind kein gemeinsames Volk, wir sind ein Volk mit dunkler Vergangenheit im Osten. Damit muss endlich Schluss sein – die Stasi-Akten sollten endlich geschlossen werden.

Wann immer ich über neue Stasi-Enthüllungen lese, muss ich an meinen ehemaligen Chef denken. Er kam aus Ost-Berlin und arbeitete im Außenhandelsministerium. Dementsprechend genoss er das Privileg, ins Ausland reisen zu dürfen. Doch nach jeder Reise musste er der Stasi einen Bericht vorlegen, meist wurde er sogar persönlich besucht und eine Aussage von ihm aufgenommen. Mein Chef sagte immer: Wir sagten denen, was sie hören wollten und gingen nach Hause.

Es wird mit Sicherheit eine Stasi-Akte über ihn geben, er wird ebenso als IM geführt werden. Aus westlicher Sicht könnte man ihn heute dafür verurteilen – doch wenn man die Umstände sieht, ist er dann auch wirklich schuldig? Ich glaube nicht. Ich denke, dass es viele solche Fälle gab, bei denen sich die Menschen aus welchen Grünen auch immer mit den Gegebenheiten arrangiert haben. Wenn mein ehemaliger Chef heute angeklagt werden würde, fände ich das doch ziemlich absurd, nicht angemessen und auch den Begebenheiten entsprechend völlig überzogen.

Selbstverständlich gab es großes Unrecht in der damaligen DDR – jedoch wird es mit der Hetzjagd, die seit dem Mauerfall auf alles, was irgendwie nach Stasi riecht, auch nicht besser. Es wird nicht gesühnt, schon gar nicht erfahren Opfer Gerechtigkeit. Durch die Hatz auf alles, was irgendwie Stasi-ähnlich ist, verhindert der Westen den Blick darauf, dass auch der goldene Westen ein Mythos war – die Finanzkrise hat es gerade erst bewiesen. Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, muss man sich selbst nicht hinterfragen.

Heribert Prantl schreibt heute in der SZ: Aus der Öffnung der Akten kamen, wie aus der Büchse der Pandora, Segen und Fluch, Erkenntnis und Misstrauen, Entlarvung und Entsolidarisierung — die Entsolidarisierung der Menschen, die sich zuvor bei den Montagsdemonstrationen noch so solidarisch gefühlt hatten. 20 Jahre nach dem Mauerfall wird es so langsam Zeit, dass Deutschland wirklich wiedervereinigt wird – dazu gehört auch die Schließung der Stasi-Akten. Um Heribert Prantl noch einmal zu zitieren: Es geht um einen inneren Frieden; innerer Friede führt zu innerer Einheit. 20 Jahre lang ist angeklagt und verurteilt worden, 20 Jahre lang wurde verdächtigt, bezichtigt, geargwöhnt — und aufgeklärt. Jetzt, da es nichts mehr oder nicht mehr viel zu vertuschen gibt, kann es Gnade, Nachsicht und Vergebung geben. Man muss ja nicht vergessen, um sich zu vertragen. Die deutsche Einheit braucht ein Klima der neuen politischen Verträglichkeit.

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16 Antworten zu “Schließt endlich die Stasi-Akten!”

  1. Oliver sagt:

    >Selbstverständlich gab es großes Unrecht in der damaligen DDR – jedoch wird es mit der Hetzjagd, die seit dem Mauerfall auf alles, was irgendwie nach Stasi riecht, auch nicht besser.

    Sehe ich als Historiker anders und zwar aus folgendem Grund: lückenlose Aufarbeitung tut Not. Sonst bekommen wir es im Laufe der nächsten Jahre mit einem ähnlichen Wiedergänger zu tun, wie mit dem allseits bekannten dritten Reich. Auch dort gehen Glorifizierung, Methodik a la Scherbengericht, wahnwitzige Verschwörungstheorien, gar Mystifizierung Hand in Hand. Wir erleben dies ebenso in der ehemaligen Sowjetunion und deren Stalin-Ära, wir erleben dies hierzulande neuerlich anhand der DDR. Warum? Spärliche Informationen, politisch losgestoßene Diffamierungen … tatsächliche, lückenlose Aufarbeitung weit gefehlt.

    Indem ich diese «Akten schließe» und mit einem «gut ist ..:» abhefte ist der Aufklärung nicht im mindesten geholfen und wir schauen den Advent ähnlicher streckenweiser Geschichtsklitterung wie bei oben genannten Dingen. Weil Fehler nun mal geschehen und der Mensch dem Mensch nicht immer wohlgesonnen ist — lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit — werden wir auch hierbei mit den Fehlungen leben müssen, aber in freiheitlichen Gefilden sollte dies kein Problem darstellen.Der oftmals unterbewußt geforderte Schließreflex ist freiheitlichen Gefilden unwürdig und arbeitet entgegen diesen Prinzipien. Die teils schmerzhaften Vorgänge gehören zum freiheitlichen Diskurs. Der Kolateralschaden bleibt dabei nicht aus, andererseits wer hatte je behauptet Freiheit wäre ein Spaziergang? Und letztendlich geht eine Demokratie wie diese nur gestärkt daraus hervor, schon zu lange sind wir eine einzige Wach– u. Schließgesellschaft in derlei Dingen und wundern uns über Symptome, obwohl doch die Ursachen recht klar auf der Hand liegen.

  2. Chris sagt:

    Es gibt keine lückenlose Aufklärung, das ist IMHO eine Mär. Denk mal allein an all die Unterlagen, die verschiedene Behörden von Dir angelegt haben, Finanzamt, Studium, Einwohnermeldeamt, Bank/Sparkasse, was auch immer. Da könnte man auch ein Bild zeichnen, welches Dich als Mensch und Deinem Wirken nicht im Geringsten entspricht. Im Gegenteil. Es sind Akten, teilweise von Beamten angelegt, aus denen man Dir, wäre man Dir nicht wohlgesonnen, einen Strick drehen könnte.

    Und dass die Stasi-Akten heute noch zur Aufklärung beitragen, halte ich auch für ein Gerücht. Im Regelfall hat die BILD wieder eine Schalgzeile mehr, eine Sau wird durchs mediale Dorf getrieben, und das war es dann. Die Köpfe der ehemaligen DDR sind bereits tot, verurteilt oder haben sich einem Richterspruch entzogen. Will man wirklich ein ganzes Volk unter Generalverdacht stellen, inkl. der von Dir schon angesprochenen Kolateralschäden? Ich denke nicht, Freiheit hört auch da auf, wo Unschuldige mit Konsequenzen rechnen müssen. Ich möchte als Unschuldiger, weswegen auch immer, nicht als Kolateralschaden bezeichnet werden.

  3. Robert Guder sagt:

    Lückenlose Aufklärung mag es nicht geben, da gebe ich Chris recht. Allerdings könnte ein verschließen der Akten einen Schleier über die Zeit legen und damit auch Dinge vergraben, die nicht vergraben werden dürfen sondern in dem Bewußtsein der Menschen weiter leben müssen.

    Dieses Thema ist äußerst sensibel und in Deutschland durch das Erbe des Dritten Reiches sehr heikel, denn es werden Denker schnell in eine Ecke geschoben, in die sie nicht gehören, nur weil die falschen Worte zur falschen Zeit gesagt wurden. Die Frau mag zwar nicht die cleverste sein, aber Eva Hermann ist ein Parade Beispiel dafür.

    In Bezug auf die DDR werden immer noch Menschen, die sagen, in der DDR war nicht alles schlecht, belächelt. Vor allem weil das rote Schreckengespenst mit all seiner Misswirtschaft, Korruption und Unterdrückung noch so stark über uns schwebt wie ein Damokles-Schwert. Die Angst mag nicht unbegründet sein, aber doch auch sehr stark übertrieben. Die Stasi-Akten jetzt zuzumachen wäre aber auch dieser Angst nachgeben. Angst mag gut sein, da sie uns vor Fehlern schützt. Aber Angst kann auch zu Fehlern führen.

  4. horscht sagt:

    Schließt endlich die Stasi-Akten!

    …und öffnet die BND-Akten!!1!

  5. actionpapst sagt:

    die ddr muss aufgearbeitet werden und das beknackte ost-west-denken muss aufhören!

  6. Chris sagt:

    Kommentaren, die hier aufschlagen und meinen, ich würde mit obigen Artikel irgendetwa negieren oder verniedlichen wollen, werden kommentarlos gelöscht. Danke.

  7. […] F!xmbr schrieb Chris gestern einen äußerst interessanten Beitrag über die Stasi-Akten. Darin geht es um den Vorschlag, die Stasi-Akten wieder zu schließen, um der Einheit des […]

  8. alexkid sagt:

    > Wann immer ich über neue Stasi-Enthüllungen lese, muss ich an meinen ehemaligen Chef denken. Er kam aus Ost-Berlin und arbeitete im Außenhandelsministerium. Dementsprechend genoss er das Privileg, ins Ausland reisen zu dürfen. Doch nach jeder Reise musste er der Stasi einen Bericht vorlegen, meist wurde er sogar persönlich besucht und eine Aussage von ihm aufgenommen. Mein Chef sagte immer: Wir sagten denen, was sie hören wollten und gingen nach Hause.

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mein Vater war Oberkommissar, Leiter der Dienststelle bei uns im Ort und Abschnittsbevollmächtiger, also das Bindeglied zwischen Staatssicherheit und Polizei vor Ort. Allerdings kenne ich auch seine Dienstakten, seine privaten Aussagen dazu und die von Freunden und Bekannten, selbst den kritischen. Mein Vater hat sich nichts zu schulden kommen lassen. Viel mehr hat er Sorge dafür getragen, das niemand an die Stasi verraten wurde und hat dabei permanent mit seiner Freiheit gespielt. Aber er wollte dieses Unrechtssystem nicht mittragen, hat nicht an die Märchen der Regierung geglaubt. Und trotzdem wurde er kurz nach der Wende aus dem Polizeidienst entlassen, als er gerade die Verbeamtung beantragt hatte. Der einizge Grund: Er hatte, wie so viele, die mehr als zwei Kinder hatten und in wichtigen Positionen saßen, zur Beruhigung der Stasi ein Papier unterschrieben, das ihn dazu verpflichtete, mögliche Republikenflüchtige und «subversive Elemente» an die Stasi zu melden und zu beschatten. Was mein Vater nachweislich niemals getan hat. Aber das interessierte niemanden. Weder das neue Innenministerium noch die untersuchende Behörde noch viele Bekannte und Freunde. Sie hörten das Wort Stasi und damit war das Urteil ohne Verhandlung gesprochen. Mein Vater, meine ganze Familie leidet darunter noch heute. Er gibt das zwar nicht offen zu, aber wenn er gelegentlich in Redelaune verfällt über frühere Vorgesetzte und die Zustände damals merkt man seinen Verdruss, seine Wut auf dieses System und das, was es ihm indirekt angetan hat.
    Die Mauer besteht weiterhin in den Köpfen der Menschen. Durch solche Vorverurteilungen, ohne die Umstände wirklich zu kennen.

  9. Tom sagt:

    Ich bin «Ossi» und verstehe nicht, wie man sich die Mauer zurückwünschen kann. Nur weil man dann Arbeit hat? Spätestens wenn die Leute dann wieder im leeren Konsum stehen anstatt im Edeka kommen sie sicher ganz schnell zu sich.
    Mein größte Problem war, dass meine Lehre nicht voll anerkannt wurde und ich somit insgesamt 4,5 Jahre gelernt habe. Wir haben das normalerweise ja in 2 Jahren geschafft. 😉
    Ist schon gut so, wie es gelaufen ist! :)

  10. Ich als Ossi sehe das ambivalent: Einerseits bin ich dafür, die ewige Hexenjagd einzustellen. Auf der anderen Seite hätte ich als Betroffener ganz heftig etwas gegen die Schließung der Akten. Denn ich möchte gerne wissen, wer da in meinem Leben herumgepfuscht hat. Das interessiert mich, weil es mich ärgert. Aber es interessiert mich auch, um einfach ein paar Dinge, die vorgefallen sind, besser zu verstehen.

    Mir geht es nicht um Anklage. Diese Hysterie, mit der das Thema Stasi behandelt worden ist, ist mir fremd. Ich würde viel von einem sachlichen Umgang damit halten. Die Stasihysterie wurde ja nicht umsonst von denen betrieben, die in ihrem Leben nicht vergleichbar diesem Druck unterworfen waren, sich anpassen zu müssen. Leute, die in einem Rechtsstaat großgeworden sind, können die Bedrohung durch selbst kleine Funktionäre iwe z.B. Schuldirektoren gar nicht nachempfinden. Daher können sie auch kaum wissen, ob sie diesem Druck selber standgehalten hätten.

    Andererseits sollte man hier auch keine Reinwaschung vornehmen. Wer in der DDR — wenn auch unter Druck — Mist gebaut hat, sollte diese Verstrickung auch einräumen. Man kann das nicht verdrängen.

    Unterm Strich hoffe ich mal, dass wir endlich zu sachilchen Beschreibungen kommen, anstatt dass wie in den letzten Jahrzehnten der Kalte Krieg fortlebt in mancherlei überzogener Moralisierung.

  11. Timm sagt:

    Ich bin komplett anderer Meinung und halte die hier dargestellte obendrein für hochgefährlich. 
    Wie soll denn irgendetwas besser werden, wenn die Akten geschlossen werden?
    Die DDR wird immer ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte bleiben, und jedes Stück Aufarbeitung (so ihr der Meinung seit es gäbe keine vollständige) ist das Offenhalten der Akten wert! 

    Dass die Köpfe bereits alle tot sind möchte ich stark bezweifeln, oder was war mit Gysi und anderen aus seiner Partei? 

    Zu sagen, man solle es «gut sein lassen» kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich und der Wahrnehmung der DDR als das, was sie war: ein Unrechtsstaat, faktisch eine Diktatur.

    Bloß, weil jemand schöne Erinnerungen hat an Geschehnisse, die zufällig in der DDR stattgefunden haben, heißt das nicht, dass das System nicht menschenverachtend war.

    Wir brauchen jedes Quentchen Aufarbeitung, das wir bekommen können. 

    Ob sie das Dritte Reich betrifft, die DDR oder sonst irgendeinen geschichtlichen Zeitabschnitt: Wer Aufarbeitung entgegentritt, füttert ein Mysterium, begünstigt Verklärung, Verharmlosung bzw. Glorifizierung und flüchtet vor den Erkenntnissen aus Fakten, aus denen man so etwas wie Wahrheit ablesen kann.  

  12. […] [F!XMBR] via Mein Politikblog … Schließt endlich die […]

  13. Yksolut sagt:

    Hier der Link zu einem offenen Brief des Willy-Brandt-Kreises aus dem Jahr 2005 zur Birthler-Behörde. Die Kritik, wahrscheinlich wesentlich von Friedrich Schorlemmer formuliert, benennt klar die Probleme der Birthler-Behörde: Parteilichkeit (im Sinne der von Klaus Kinkel geforderten «Delegitimierung der DDR»), keine Einordnung in einen gesellschaftlichen Zusammenhang (keine Öffnung der Archive des BND), Prägung des DDR-Bildes als eines Stasi-Staates. Eine Lösung wird auch genannt: Die Überführung des Archives in das neutralere Bundesarchiv.

    Der offene Brief findet sich hier
    .

  14. phoibos sagt:

    «Dass die Köpfe bereits alle tot sind möchte ich stark bezweifeln, oder was war mit Gysi und anderen aus seiner Partei?» mmm, die wurden bis ins bundeskanzleramt hin wessifiziert… guck dir mal die biographie des jetzigen kanzlers an

  15. Andi sagt:

    @Yksolut:
    Die Forderung nach einer «Delegitimierung der DDR» ist natürlich Quatsch, denn dazu hätte sie ja irgendwann erst mal legitim sein müssen. Aber auch die Gleichsetzung von Stasi und BND nach dem Motto «sind ja beides Geheimdienste» ist Unfug, weil die Stasi unbestreitbar in einer völlig anderen Dimension operiert hat. Die Aufarbeitung einer Diktatur davon abhängig zu machen, dass irgendwer irgendwas halbwegs ähnliches ebenfalls «aufdeckt», speziell wenn es sich bei dem irgendwer um eine Demokratie handelt, ist ein Nullargument. Den Mantel des Schweigens über eine Diktatur zu werfen, bloss weil die Erkenntnisse unbequem sein könnten, ist meiner Meinung nach das gefährlichste was man damit tun kann.

  16. Yksolut sagt:

    @Andi:
    Die DDR war also nicht legitim. Von welcher übergeordneten Warte aus beurteilst du das? Weil sie vom Westen nicht anerkannt wurde? Weil sie, wie man so schön sagt, auf Unrecht gegründet wurde? Ist das Unrecht der 17. Juni? Ich würde sagen, es gibt dazu einige sehr verschiedene Ansichten, die aber in letzter Zeit immer wieder auf die eine zugespitzt worden sind (auf Unrecht gegründet). War es Unrecht, dass die Russen den Osten besetzt haben? War die Westbindung der BRD durch Adenauer die richtige Strategie – oder hätte er statt dessen für die Erlangung der Einheit auch Konzessionen an die Russen machen müssen? Das alles wurde ja mittlerweile faktisch entschieden, da man gesehen hat, dass sich doch alles zum Guten gewendet hat und die Einheit doch noch kam. Da werden die kontroversen historischen Debatten und Auseinandersetzungen leicht mal zu einer gradlinigen Geschichte geschönt: «Das passierte, weil das war und darauf folgte logischerweise das.«
    Zur Gleichsetzung von BND und MfS: Das darf man natürlich nicht! Aber vergleichen kann sie doch, oder? Eigentlich ist es auch spannend, wo hier die Grenzen gezogen werden: Gleichsetzen geht nicht, nicht einmal vergleichen darf man. Warum nicht? Die aktuelle Antwort: Weil hinter dem einen Geheimdienst ein demokratischer Staat und hinter dem anderen ein totalitärer Staat steht. Außerdem seien die Methoden gänzlich verschieden gewesen. Diese Antwort war nicht immer so. Ein kurzer Schlenker zur Populärkultur hilft hierbei: In den siebziger und achtziger Jahren des kalten Krieges gab es ja tausende Agentenschmonzetten. Da trat der eine Geheimagent gegen die anderen bösen Geheimagenten an. Waren da die Geheimdienste auch schon nicht gleichzusetzen? Eine spannende Zusatzfrage: War der KGB eigentlich ein normaler Geheimdienst, oder fällt der auch unter das Vergleichsverbot? Dahinter stand ja auch ein totalitärer Staat.
    Aber eigentlich geht es ja um die Methoden der Stasi. Zum einen geht es dabei um Folter, zum anderen um das Netzwerk der Inoffiziellen Mitarbeiter. Die Stasi soll Leute kopfüber an Gittern aufgehängt haben, sie in Zellen großer Kälte und großer Hitze ausgesetzt haben. Allerdings sind dazu im Nachhinein sehr wenige rechtskräftige Urteile gefällt worden. Ich bin mir dabei auch noch nicht sicher, warum nicht, will ich noch recherchieren. Entweder sind das zum Teil Horrorgeschichten, oder die Täter konnten nicht mehr gefunden und belangt werden. Das zweite ist die Vorstellung die DDR sei ein Schnüffelstaat gewesen. Das hat sich mittlerweile stark etabliert (vermutlich auch durch Filme wie „Das Leben der Anderen“). Die Zahlen, die ich zur Durchsetzung der DDR von Stasi und IM gefunden habe, variieren von 2 % bis zu 6 % der Bevölkerung. Es ist allerdings nicht einmal klar, inwieweit diese wirklich aktiv in der Stasi waren oder nur, wie in dem oben beschriebenen Fall, sich mit dem System arrangiert haben.
    Auf das Argument der politischen Instrumentalisierung bist du gar nicht eingegangen. Der Fall Gysi verdeutlicht das sehr schön. Die Birthler-Behörde wirft ihm immer wieder vor, er habe in den achtziger Jahren als IM Daten seiner Mandanten an die Stasi weitergegeben. Dagegen hat er sich gerichtlich immer gewehrt und Recht bekommen. Dennoch bleibt das an ihm kleben, weil die Argumentation so läuft: Er ist halt ein Winkeladvokat, dem kann man das, was er gemacht hat, nicht nachweisen. Immer wieder zu politisch opportunen Zeiten, kurz vor Wahlen beispielsweise, wird so etwas herausgekramt. Ist das im Sinne deiner Aufklärung? Dass es politisch missbraucht wird?
    Ich sage ja auch nicht, dass die Aufarbeitung beendet werden soll. Das sollte nur neutraler geschehen und nicht immer wieder medial aufgebauscht werden. Gerade dieser Umgang führt nämlich im Osten zu Geschichtsklitterung und Ostalgie.

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