Schäuble is my homeboy

Im Moment ist die Diskussion um Google Streetview im vollen Gange. Die einen würden am liebsten a la Christo das gesamte Anwesen verhüllen und selbst die verdutzt Dreinblickenden mit Gewalt von dannen jagen, andere schauen gar die letzte Bastion der Grundrechte in Streetview, die es zu verteidigen gilt.1

Ich möchte gar nicht auf die Irrungen und Wirrungen diverser Journalisten eingehen, die da einerseits vermeinen den «digitalen Einzellern» schmeicheln zu müssen bzw. jenen andere, die es Google heimzahlen möchten ob der «raubkopierten» Schlagzeilen in Form von Google News etc. Selbst die befremdliche Äußerung eines dieser Vertreter der Holzmedien, Mario Sixtus, sind mir da eigentlich schon arg abstrus, um diese denn näher zu beleuchten. Wenn jener Sixtus denn meint, dieses Recht unangepaßt in diese «digitale Welt» übertragen zu können, um damit seine absurde Betrachtungsweise vom «öffentlichen Raum» oder gar den Bürgerrechten zu rechtfertigen, dann erweist er eben jenen Kämpfern für ein Plus an Bürgerrechten mehr als nur einen Bärendienst. Plötzlich paßt auch das arg kritisierte Urheberrecht, plötzlich ist alles in Ordnung. Sinn und Unsinn liegen in der medialen Welt eng beieinander und es vergeht kaum ein Tag, an welchem nicht mindestens ein Vertreter dieser medialen Gefilde sich aufmacht, diese fragile Barriere eindrucksvoll zu durchbrechen.

Wäre der Spaß bzw. der Komfort nicht vordergründig, respektive die zum Teil auch vorhandene «Schrebergarten»-Mentalität der anderen, so könnte vielleicht ein Diskurs entstehen, der mehr als nur digital eingeschlagene Köpfe hervorzubringen vermag. Vielen geht es da gar nicht um die gänzliche Verhüllung, sondern schlicht die datentechnische Erfassung in Form von Datenbanken und dem damit einhergehenden Mashup-Potential. War bei «Stasi 2.0″ einst noch die Maxime «weniger ist mehr» an der Tagesordnung, so schauen wir heute genau das Gegenteil. Polemisch ausgedrückt ist heute «Stasi 3.0″ längst Realität in Form von Geo-Daten, WLan-Metrik, Google Earth, Google Maps, Bing Maps, Microsoft Streetslide, OpenStreetMap etc. pp. Jeder «wannabe-IM» meint Daten sammeln zu müssen, diverse Konzerne beherbergen unlängst ein Meer an Datenbeständen, je detailierter um so besser. «Schäuble is my homeboy» wäre gemäß der einstigen Polemik, die ihrerseits noch gegen die Begehrlichkeiten des Staats gerichtet war, durchaus der adäquate Slogan für diverse Zeitgenossen heute. Spaß, Komfort sind das Ziel, ich unterstelle noch nicht einmal schlechte Absichten, insofern belasse ich es auch bei dieser Polemik.

Sicherlich, es mag wichtigere Dinge geben als «Streetview», doch eben dieses «Streetview» bzw. Google per se markiert einen Wendepunkt: ist «Spaß/Komfort um jeden Preis» das Credo oder kämpfen wir noch wie zuvor gegen die stetig massive steigende Datenflut an? Zählt nur noch der eigene Vorteil, sprich ist der digitale Bürgerrechtler schon gescheitert oder sind einige sich tatsächlich nicht im klaren darüber, welches Potential eine derartige Datenflut in sich birgt?

Betrachte ich die allgemein doch recht spärliche Resonanz zu Themen wie Bildung, Soziales, der kommenden Volkszählung oder auch der Netzneutralität, so kann ich mich nicht des Eindruckes erwehren, doch nur «Generation Fun» zu schauen. Wo bleibt der Eifer bei jenen «wichtigeren Themen», gereichen sie doch als Argumentation gegen die «Streetview»-Kritiker. Wo ist der Einsatz beispielsweise eines Sixtus für Bürgerrechte im «digitalen» als auch «analogen» Raum, sein Eifer gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten etc. pp. Wo ist die Medienwelt per se, die sonst diese «wichtigeren Thematiken» entweder ignoriert oder gar abschätzig betrachtet? Wo ist der Einsatz der Blogosphäre, abseits denen der eigenen Person gereichenden Vorteile?

Und wie belanglos ist denn ein global agierender Konzern, der beinahe schrankenlos, dank antiquierter Gesetze, Daten sammeln und verarbeiten kann? «Don’t be evil», aber nur solange Eric Schmidt keine Einwände zeigt. Google ist ein wenig mehr als nur die Spitze des Eisbergs, Google verteilt «Geschenke» und fordert dafür die bisher noch digitale Prostitution ein, die analoge Entblätterung folgt stehenden Fußes. Andere tun es diesem Konzern gleich und sammeln eifrig mit, man könnte somit Google auch als Speerspitze beim datentechnischen Dammbruch bezeichnen. Eine Schlüsselrolle in der Privatisierung der «Vorratsdatenspeicherung» steht diesem Konzern somit sicherlich zu.

«Where do you want to go tomorrow?» Der größte Fehler bis dato war es zu glauben, der Staat würde die Bürger schützen, der zweite große Fehler ist es gewesen, den Staat aufgrund seiner Begehrlichkeiten zu überschätzen und somit die aufkeimende Gefahr seitens der Konzerne und einer kaum aufgeklärten Bevölkerung zu vernachlässigen. Ich will mich hier nicht mannigfaltigen Kassandra-Rufen hingeben, doch eines ist zu bedenken: jeder kann diese Daten nutzen, auch der Staat. Indirekt kommt dieser somit auch zum Ziel, dank willfähriger Zeitgenossen, aber auch ob oberflächlicher Kritik, die dem Bestreben, um ein Plus an Bürgerrechten, einen nicht zu unterschätzenden Bärendienst erweist

Meine Frage also lautet: «Ist Schäuble euer Homeboy?»

Bild: Nicolas Poussin «The Adoration of the Golden Calf», Wikimedia Commons, Public Domain; Google Logo

  1. Mario Sixtus: «Jeder Angriff auf Foto-Dienste wie Street View ist ein Angriff auf diese Grundrechte.» []

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5 Antworten zu “Schäuble is my homeboy”

  1. Don Alphonso sagt:

    Ich fände es nett, wenn das ZDF zumnindest mal das Grundrecht auf Schleichwerbefreiheit verteidigen und den seinen Adnation-Geschäftspartner lobenden Mario Sixtus rauskicken würde. Damit fängt es an: Dass man keine Grundrechtedebatte mit von Zwangsgebühren finanzierten Leuten führen braucht, die keine Ahnung von Rechten haben.

  2. Maschinist sagt:

    Herr Sixtus heisst «Mario».

  3. phoibos sagt:

    nein, ich bin neuerdings ein fan von schäuble: seitdem er rößlers hirngespinste tötete und jedem seiner abstrusen ideen ein nein entgegenschleuderte, mag ich ihn. leider finde ich den zeitungsartikel nicht mehr, in dem er als «alter, knurriger schloßhund, der die staatsschatulle bewacht» bezeichnet wird. es war aber in diesem zusammenhang: Schäubles listige Munition gegen Rösler

    schäuble selbst ist die klügste besetzung in merkels kabinettsimulation. alle, die ihr gefährlich werden können, hat sie auf unwichtige posten und schleudersitze gesetzt und einen überaus getreuen, politikerfahrenen auf den posten, der es der fdp eigentlich unmöglich macht, den sozialstaat weiter zu demontieren.

  4. lukeman sagt:

    Ein sehr guter Text, danke. Wenn der demokratische Staat wild Daten und Macht anhäuft, ist das schon schlimm, aber globale Börsenkonzerne? Ich glaube, diese ganze Internet-Ideologie wird massiv missbraucht, um davor abzulenken, was Google&Co da eigentlich gerade durchziehen. Zensursula — who cares. (bei mir schreibe ich etwas ausführlicher dazu…)

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