sage mir was du liest und ich sage dir wer du bist

Ich finde und habe immer gefunden, daß sich ein Buch gerade vorzugsweise zu einem freundschaftlichen Geschenk eignet. Man liest es oft, man kehrt oft dazu zurück, man nahet sich ihm aber nur in ausgewählten Momenten, braucht es nicht wie eine Tasse, ein Glas, einen Hausrath, so in jedem gleichgültigen Augenblick des Lebens, und erinnert sich so immer des Freundes im Augenblick eines würdigen Genusses.

–Wilhelm von Humboldt

Geht es nicht vielen derart, zumindest jenen die sich vornehmlich in Bücher anstatt visuellen Geistlosigkeiten vertiefen? Man ist zu Gast in fremden Gefilden und der Blick wandert recht unverholen gen etwaig vorhandenem Bücherregal. Die Quantität alleine weiß oft schon zu beeindrucken und birgt diese noch so manche geistigen Schätze, dann ist es um mich geschehen. Der erste Eindruck zählt, jedoch kaum mehr oberflächlicher Natur wie bei vielen usus, sondern auf einer höheren Ebene angesiedelt. Schnell kommt man mit diesen Leuten ins Gespräch, Literatur kann gewaltige Brücken schlagen, und vertieft den gewonnenen Eindruck — eine neue Freundschaft ist recht schnell geboren.

selection of books

Vice versa schaut man auch desöfteren einen Hort Geistlosigkeit, inmitten des Raumes prangt ein gewaltiger Altar geistiger Trägheit umringt von vielerlei Jüngern, die selbst im Angesicht der nahenden Gäste kaum von ihrem Götzendienst ablassen. Selten findet man in diesen geistlosen Hallen ein Buch, selten auch Geschmack per se — aber ich schweife ab. Literatur vielfältiger Natur, ist ein Spiegel der Geisteshaltung, ebenso auch wie viele andere Dinge die dem Nutzenden eine hohe geistige Aktivität abverlangen. Andere Dinge wie zuvor beschrieben, neigen dagegen sehr oft dazu demjenigen einen Stempel aufzudrücken — einen Stempel geistiger Trägheit. Zumindest verdichtet sich dieser Verdacht mit Größe und Plazierung der Gerätschaft.

Aber wie dem auch sei, Literatur ist kein Siegel für Arroganz. Literatur muß auch gelesen und verstanden werden. Mit Hochgeistigkeit allein ist es nicht getan, schnell findet man sich in seinem eigens geschaffenen Tempel wider und betrachtet die Welt abseitig. Dabei kann Literatur viel mehr sein: ein Schlüssel zu Wissen, eine Schulung des Geistes, ein Tor zu der Welt, ein Schlüssel zum menschlichen Geist.

Strongest minds are often those of whom the noisy world hears least.1

Fernab dieser recht abgehobenen Sichtweise verbindet Literatur, wie auch Humboldt im obigen Zitat nur allzu treffend bemerkte. Freundschaften werden geknüpft, Erinnerungen ausgetauscht, verblassende Erinnerungen werden aufgefrischt, man tauscht sich aus. Literatur kann man nicht konsumieren, man muß sich diese erarbeiten, teils mit weiterer Literatur, teils mit dem zuvor erwähnten Austausch — man lernt also fortwährend hinzu, hält den Geist aktiv und ist somit auch gegen mancherlei Niederung heutiger Zeit gewappnet bzw. kann diese erst durchschauen oder dieser gar mit Wortgewalt begegnen.

Alles kann man mir nehmen, nur nicht die Literatur und ja zumindest ein Terminal mit Textbrowser muß ich ebenso mein eigen nennen 😉

  1. William Wordsworth, The Excursion []

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6 Antworten zu “sage mir was du liest und ich sage dir wer du bist”

  1. Tja, alles gesagt. Was bleibt? Eben dieses zu tun, mal wieder zu lesen.

  2. […] Ein paar gereifte Gedanken zum Lesen, zur Kultur im Allgemeinen und über die Freuden, die daraus resultieren, dass sie einem […]

  3. Seraphyn sagt:

    «Alles kann man mir nehmen, nur nicht die Literatur und ja zumindest ein Terminal mit Textbrowser muß ich ebenso mein eigen nennen«
    Kling fast wie eine Ode an das Buch Fahrenheit 451, Okay, bis auf die Sache mit w3m/links/etc 😉

  4. slowcar sagt:

    Es gibt nicht besonders viele Bücher die ich mehrmals lese — allerdings sind Bücher wirklich sehr geeignete Geschenke da man eine sehr facettenreiche Auswahl treffen kann, es gibt Bücher die man quasi jedem schenken kann, Bücher mit denen man einen bestimmten Geschmack trifft (oder verfehlt).

    Und: Wie wär’s mit nem Buchregal? Im Zweifelsfall findet man seine Bücher dann sogar wieder :)

  5. Oliver sagt:

    Aus meinen paar tausend Büchern forme ich Regale, schaut weitaus schicklicher aus. Hat wer noch derlei Bemerkungen über?

  6. Wie bitte ist der Kommentarschatz bzw. die –ausbeute hier nun zu bewerten? Kommentar– und klaglose Zustimmung oder völlige Benommenheit ob des Themas? Wer in seinem Leseleben keine Bücher gefunden hat, die er gerne und mit Gewinn mehrfach liest – nun, ich denke der hat nicht genügend gelesen.

    Mir fiel heute beim Studieren der ZEIT (mit Literaturbeilage wg. Leipzig) auf, dass das Lesen über Bücher allemal ergiebiger ist als das über aktuelle Politik. Der intellektuelle Kick ist um ein Vielfaches höher. Es gibt also noch Rettung; selbst wenn man nur _über_ Bücher liest :-)

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