Rohrkrepierer Web 2.0

Kris bestätigte mit «Die unerträgliche Lameness des Web 2.0″ eine meiner häufigsten Kritiken an diesem Web 2.0: eine teils unendliche und auch unerträgliche Redundanz und somit ein Input, den man kaum noch adäquat zu konsumieren vermag. Natürlich existieren einige Applikationen, die hier und da ein wenig zur Ordnung beitragen. Doch bei diesen wird mehr an Symptomen herumexperimentiert, denn die eigentliche Ursache bekämpft. Und zu letzterem ist einzig der Dienst selbst in der Lage, dort aber scheut man sich, denn man möchte Nutzer binden, nicht verteilt wissen über eine Vielzahl von Konkurrenten.

Dieses Web 2.0 ist nicht wirklich vernetzt, allenfalls recht lose Verbindungen sollen den Alleinstellungsanspruch diverser Anbieter kaschieren, dem Nutzer eine Vernetzung vorgaukeln. Bezeichnend sind dabei oftmals die äußerst ausgeprägten Fähigkeiten eines Dienstes in puncto Informationsakquise, aber die relative «Sprachlosigkeit», geht es denn darum sich anderen Diensten vernetzt mitzuteilen. Facebook ist in diesem Zusammenhang ein recht markantes Beispiel, hier versucht man quasi ein «Netz im Netz» aufzubauen, d.h. FB versucht seinen Nutzern alles zu geben, sei es der Chat, der Bilderdienst, Ersatz für Twitter/Blog etc. pp. Puristen wird immer das eine oder andere fehlen, doch die Mehrheit hat längst gewählt. Aber dies nur am Rande.

Ich sehe keine großen Chancen für ein wie auch immer geartetes Web 3.0. Woher soll die Inspiration für jenes kommen? Das sogenannte Web 1.51, also quasi der «Urzustand», war recht frei und ungebunden. Web 2.0 hingegen schuf Insellösungen, teils erheblich abgeschottet vom Rest der digitalen Welt, verbunden untereinander mittels einem «digitalen Nadelöhr». Im Web 1.5 trug man mehr aktiv bei im Sinne von Qualität, heute meint man mittels schierer Quantität dieses 2.0 rechtfertigen zu können. Ein Web 3.0 bräuchte also jene von Kris angesprochenen Fähigkeiten, um «persönliche Nachrichten» zu generieren, aber auch mehr der Inhalte. Kurzum, die Freiheit und Ungebundenheit des Web 1.5, sowie die technischen Möglichkeiten heutiger Webtechnologien wären eine geradezu perfekte Basis.

Doch wer soll all dies richten? Wer soll ein Umdenken initiieren? Die bunte Welt des Web 2.0 und deren Insellösungen degradierte das Gros der Teilnehmer längst wieder zu profanen Konsumenten. Man möchte wie gesagt diese Teilnehmer an das eigenen Angebot binden und darüber hinaus auch monetär verwerten, nichts steht dem mehr entgegen als das Schaffen eigener Inhalte. Denn wer Inhalte opulenter, nachhaltiger Natur schafft möchte selbst entlohnt werden für diese oder bietet jene gar kostenlos feil. Alles nicht im Sinne des «Erfinders», der Smalltalk regiert … money talks, so jedenfalls sieht das Konzept für diese Web x.x aus. Diese «Inhaltsbruchstücke» schaffen eine Abhängigkeit vom jeweiligen Dienst, man sieht selbst kaum einen Wert in diesen, wohl aber in dem jeweiligen Dienst, der diese transportiert. Und wer bereits den dargebotenen Dienst den Inhalten vorzieht, wird auch zukünftig dazu bereit sein, selbst Dienste marginalen Anspruchs fürstlich zu entlohnen. q.e.d.

Wir werden uns also darauf beschränken müssen selbst zu Filtern bzw. uns im Verzicht zu üben. Dieses ganze Prozedere hat letztendlich etwas von einer Blase, vielleicht gibt es danach einen Neuanfang und wir finden den Weg tatsächlich hin zu einem Web 3.0, bei welchem der Inhalt zählt und der Dienst selbst als Transporter mehr und mehr transparent gerät.

Bild: «La chute de Babylone», Wikimedia Commons ; für mich übrigens Symbol für den kulturellen Fall, die Zäsur. Die christliche Komponente ist nicht gemeint.

  1. Web 1.5 im Sinne von Web 1.0 plus adäquate Webtechnologien []

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5 Antworten zu “Rohrkrepierer Web 2.0”

  1. Reden wir mal tacheles: wer mir hier jetzt Angst vor Veränderungen, Phobien, Kulturpessimismus und anderes vorhält, der sucht am besten gleich das Weite. Facebook ist exemplarisch gemeint, da es recht plakativ derartige Problematiken eines «closed shops» aufzeigt. Ich habe auch kein Problem bezüglich eines echten Diskurses, aber wer mir hier Oberflächlichkeit vorwirft, der zeigt mir erst einmal seine Publikation und Artikel, die mehr als nur ein in «drei Zeilen» umgesetztes «Ack» aufweisen. Denn um die Inhalte geht es und nicht mehr. Wer hingegen wieder die Form stattdessen lobpreist, hat nicht im Ansatz verstanden worum es mir geht.

    Meine Texte bzw. jene von Chris findet man auf dieser Publikation, ebenso zum Themenkomplex «Web 2.0″ . Wir fördern nicht den Konsumenten, sondern den aktiven, mitarbeitenden und mitdenkenden Leser. Ich denke, wer da nicht selbst mindestens eine eigene Publikation im Web führt, besitzt da eher schlechte Karten und ist anderswo besser beraten.

    Wer also seine kleine bescheidene, oberflächliche, digitale Welt durch meine Meinung bedroht sieht, sollte sich vielleicht ein wenig Gedanken bezüglichen der Armseligkeit seines Daseins machen!

    Disclaimer: der Autor ist ebenso auf Facebook, Twitter, Diaspora, identi.ca vertreten, ist seit Mitte der 80er Jahre online und probiert ganz verzückt so ziemlich jede neue Spielerei aus.

  2. phoibos sagt:

    moin,

    ich halte webzwonull für den wunsch der bildungsferneren menschen, teil einer intellektuellen revolution (die mittlerweile schon wieder am abklingen ist, da diese revoluzzer im weißen rauschen hinweggespült wurden) zu sein. es geht nicht um qualität oder quantität, es geht um das dabei-sein.

    ciao
    phoibos

  3. cellardoor sagt:

    Danke phoibos,

    Sushi oder Sloterdijk…
    gleiches Kaliber.

  4. phoibos sagt:

    äh, nein. ich will nicht gegen einen wie auch immer gearteten pöbel (neudeutsch prekariat) hetzen. im gegenteil, ich begrüße angebote wie blogspot als niederschwelliges angebot auch für nichttechnikaffine menschen, inhalte zu schaffen. wenn sie denn inhalte schaffen. denn genau darum geht es mir: nicht um arm oder reich, sondern um neugierig oder dummdösig. es ging mir nicht bei «bildungsfern» um schulabschlüsse bzw. noten (die irrelevant ohne gleichen sind), bildungsfern sind für mich die menschen, die jeden ihrer hirnfürze als überlieferungswürdig betrachten.

    ciao
    phoibos

  5. COPOKA sagt:

    Warum sollte s.g. Web-2.0 anders sein als die Leute, die es erschaffen haben? Das was sich Web-2.0 nennt, ist nur ein Abbild dessen, was unsere Gesellschaft ist.
    Web-1.0 wurde von Enthusiasten geschaffen, daher war es auch von der Idee her frei gewesen und bleibt es hoffentlich noch eine Weile. Spätestens seit 2000 wurde es jedoch von Kommerz entdeckt und belagert. Nun haben wir das, was sich Web-2.0 nennt. Aber hey, so schlimm ist es gar nicht. Die auch so geschäftstüchtige T-com fängt schon damit an, Glasfasern in die Wohnungen zu verlegen, um ihre geile Filmchen für Fuffzig Cents an den Mann zu verhökern. Und so schaffen sie die technische Basis dafür, was einmal Web-3.0 seien könnte. Freenetproject ist m.M.n. der richtige Anfang. Aber derart Infrastruktur braucht nicht nur schnelle Rechner und TB-Platten, die wir mittlerweile fast alle haben, sondern auch wirklich schnelle Verbindungen — daran hapert’s noch. Erst wenn das «Netz im Netz» mit genügenden technischen Voraussetzungen keinem gehören wird, wird es sich frei entfalten können — Enthusiasten sind zwar immer in Minderheit, sterben jedoch nie aus.

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