Rivva — Back to the Roots

RivvaFrank Westphal hat heute für seinen Dienst Rivva einen tiefen Einschnitt angekündigt. In den letzten Wochen dazugekommene Features werden wieder abgestellt — Rivva präsentiert sich heute praktisch wie zum Start als es online gestellt wurde. Ab sofort heißt es back to the roots. Frank schreibt:

Mit Ernüchterung stelle ich fest, dass 90% der entwickelten Features, wenn überhaupt, dann nur von einer Handvoll Leute genutzt wird. […] Kaizen, Travel light, Simplicity, Yin & Yang […] Dass mir dieses Posting nur bitte niemand als resignierten Hinwurf interpretiert. Für mich ist es mehr ein Zurückbesinnen aufs Wesentliche, auf Rivvas Stärken.

Für die Menschen, die gar nicht wissen, was Rivva ist, sei dieses Interview bei den Blogpiloten ans Herz gelegt — dazu möchte ich hier nicht viel zu schreiben. Wer den Dienst nicht kennt, die sogenannte deutsche Blogosphäre nicht im Ansatz interssiert, der wird mit diesem Artikel nicht viel anfangen können. Ich habe Rivva zwar täglich besucht, relevant [böses Wort] war es aber für meine persönliche Internetrecherche, für das Lesen der aktuellen News des Weltgeschehens nicht. Ich kann aber dennoch aus der Sicht eines kleinen B-Bloggers [und noch ein böses Wort] meine Eindrücke zusammenfassen, immer wenn F!XMBR beteiligt war oder eben beim Drüberschauen, wenn ich Rivva besucht habe.

1. Rivva ist natürlich auch gefangen in seiner Grundidee, in dem Konstrukt, was sich deutsche Blogosphäre nennt. Dieser Punkt nimmt dem Dienst schon die eigentliche Relevanz — wen interessiert schon in unserem Land ein paar Blogger, das muss man auch mal zugeben können. Dementsprechend war der Kurs, auch SPIEGEL-, Heise– und andere Topics aufzunehmen, der Schritt in die richtige Richtung. Die deutsche Blogosphäre ist im heutigen Zustand nur ein Katalysator der vorhandenen News aus den etablierten Medien — selten werden eigene Themen (Abmahnungen lassen wir mal als Sonderfall beiseite) in Klein-Bloggersdorf besprochen, zum Thema gemacht.

2. Rivva zeigt trotz des Schrittes, den ich in Punkt 1 beschrieben habe, die typische Schwäche der deutschen Blogosphäre — ich nenne es mal Inzestveranstaltung. Als Beispiel nehme ich mal die Diskussionen rund um WordPress — als die Diskussion so richtig an Fahrt aufgenommen hat, waren schon zig Blogs daran beteiligt. Auf Rivva lief es unter ferner liefen — erst als Robert Basic und die Blogbar sich eingeschaltet haben, wurde es auf einmal stark promotet. Das zeigt die alte Krankheit — die Großen machen ein Thema auf, und folgt nur ein Trackback, ist es Top-Thema. Kleinere Blogs haben es ebenso schwer, wahrgenommen zu werden, wie in den diversen Charts, wo sie teilweise gar nicht aufgeführt werden. Ob dies gut oder schlecht für die kleinen Blogs ist, soll hier nicht bewertet werden.

3. Rivva wird immer mehr vom SEO-Porn-Geöns, den Trafficnutten ausgenutzt. Diese soganannten Pro-Blogger verlinken sich grundsätzlich gegenseitig — und so ist das tägliche SEO-Gespräch auch Thema auf Rivva. Klicke ich in meinen Favoriten auf Rivva und als Top-Thema oder als zweites Thema sind diese Trafficlutscher zu sehen, schließe ich Rivva wieder. Diesen Dreck braucht niemand, ich erst recht nicht.

4. Als grandiose Geste gegenüber den Blogs, aus denen der Content gezogen wird, empfand ich, die Suchmaschinen bei Rivva auszusperren. Wenn man da an andere Plattformen denkt, wie zum Beispiel Yigg, ist das schon aller Ehren wert und nicht selbstverständlich in heutiger Zeit. Es gibt bei uns Suchbegriffe, da kommen die Leute über Yigg zu uns und nicht direkt per Google & Co. Wobei man natürlich über den Wert von Google-Nuzern für ein Blog auch die eine oder andere Abhandlung schreiben kann — Britneys Möse und StudiVZ ziehen immer und zu jeder Tageszeit, dem Blog bringt es aktuell aber nicht mehr allzu viel.

5. Was mir noch auffällt, ist, dass Rivva praktisch keine Community hat. F!XMBR hat Stammleser, die wir seit Ende der 90’er Jahre kennen, es sind neue dazugekommen, wir haben aber auch das genaue Gegenteil von Freunden — andere Leute, die wir irgendwann mal auf die Füße getreten haben, und die nun mit Speichel vor dem Mund täglich vor dem Monitor F!XMBR beobachten in der Hoffnung, sie können es uns irgendwann mal heimzahlen. Unter dem Strick also eine kleine, aber feine Community — mich amüsieren zum Beispiel diese speziellen Freunde einfach nur noch. Wenn ich mir das Blog von Rivva zum Beispiel anschaue, dann fehlt da etwas — nennen wir es mal Persönlichkeit. Ich kenne Frank Westphal nicht, ich weiß nicht, ob er noch ein anderes Projekt führt, ein eigenes Blog (außer dem von Rivva selbst) betreibt. Da ist nichts weiter, wo ich sagen kann, es interessiert mich oder ich kann mich daran reiben. Wtf is Rivva?

6. Frank schreibt, der Traffic ist in letzter Zeit eingebrochen. Ich mache da meine Beobachtungen mal am Beispiel Burma fest. Ein erstes Spielzeug in Richtung Hot Thema, eines der letzten neuen Features, die programmiert und jetzt wieder eingestampft wurden. Das Problem ist: Irgendwann interessiert es die Leute nicht mehr. Ich schlage Rivva auf, sehe Burma und laufe wieder schreiend weg — gerade in den letzten zwei Wochen war das extrem. Zwar nicht in diesen Auswüchsen, ist das auch bei anderen Theman zu beobachten. Wenn über mehrere Tage immer und immer wieder das gleiche Thema oben steht, wird es langweilig — gut, mancher A-Blogger ist halt ein wenig langsam, nur wenn das Thema durch ist, muss man es nicht immer wieder aufwärmen, nur weil A-Blogger XYZ noch einen Einfall hatte oder über einen Link gestolpert ist. Nichts ist so alt, wie das Thema von gestern. Siehe oben zum Beispiel auch das Thema WordPress — als es bei Rivva Top-Thema wurde, was das Thema für die ursprünglich Beteiligten praktisch schon abgeschlossen. Zig Blogs hatten das Thema schon durch — ein paar Tage später kommt es bei Rivva an — das hatte was von den etablierten Medien, die auch manchmal auf den Zug aufspringen, nur ist es dann viel zu spät.

7. Ein Blog ist — wenn es nicht gerade ein Fachblog mit nur einem Thema ist — aufgrund seiner Struktur, seiner chronologischen Reihenfolge bei den Artikeln mehr oder wenig chaotisch. Man hat Kategorien, manche Blogs benutzen ein Tagging-System — diese Sachen werden vom Besucher, vom Leser aber kaum genutzt. Diese Chaotik verleiht dem Bloggen auch ein wenig das sympathische. Bei Rivva jedoch wirkt das Ganze irgendwie halbgar. Hört sich jetzt dumm an, aber wie wäre es mit Politik-Rivva, IT-Rivva oder Gott und die Welt-Rivva? Rivvas Hauptseite ist zur Zeit ein Haufen, gerade unterhalb des Top-Themas, unübersichtlicher Themen — es ist sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, nur anhand der Überschrift und eines (Halb-) Satzes auf den Inhalt des verlinkten Artikels zu schließen. Sprich: Ich bezweifel, dass außer den Top-Themen die anderen Artikel großartig wahrgenommen werden. Ist F!XMBR mal unter den Top-Themen zu finden, gibt es einige Klicks — sobald wir aber irgendwo unten aufgeführt werden, ist praktisch kein Besuch mehr über Rivva messbar (zumal wir da keine Statistik am Laufen haben, wir sehen nur aktuelle Referers).

Das waren so die Punkte, die mir ad hoc eingefallen sind — Rivva ganz spontan aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge sozusagen. Der Dienst, die Idee ist durchaus interessant, nur muss sie sich noch viel weiter öffnen, auch Richtung Newsquellen aus Übersee. Als reine Inzestveranstaltung der deutschen Blogosphäre (mit angeschlossenen Newsquellen) wird Rivva irgendwann (in naher Zukunft) nicht mehr wahrgenommen werden. Wie soll die deutsche Blogpsphäre jemals ihrer Selbstreferenzialität entfliehen, wenn die Dienste, die aus ihr wachsen, entstehen, eben nur auf die deuschen Blogs zählen, obwohl sie technisch in der Lage wären, andere mit einzubeziehen?

Ich hoffe doch, die eine oder andere Idee war dabei, auch wenn man durchaus der Meinung sein kann, mit diesem Text könne man ebenso gut Bullshit-Bingo spielen. 😉

6 Antworten zu “Rivva — Back to the Roots”

  1. Dank Dir fürs detaillierte Feedback! Gelungene Analyse, wie ich finde. In gewissen Punkten triffts sogar punktgenau, wohin es auch m. E. mit Rivva zukünftig gehen sollte/könnte.

  2. RacheAngel sagt:

    Ich habe den Artikel aufmerksam gelesen, mir ein paar Infos über Rivva zusammen gesucht und trotzdem bleibt bei mir die Frage «Wtf is Rivva?», für mich klingt es immer noch nach A-Blogger die sich selber pushen, was in etwa genauso dämlich ist wie die BarCamps, welche nur von den Bloggern genutzt werden um sich selber zu feiern. (Die Ursprungsidee FooBar ist genial, nur leider wird sie in Dt. perversiert.)

    Ach wie gut ist es das ich Z-Blogger bin, da brauch ich mir nicht mit solchen Themen rumschlagen.

  3. Chris sagt:

    Aktuelles Beispiel Frank: ich schaue in den Feedreader, sehe zweimal das Thema Edellight, zweimal nichts anderes als Werbung für ein Unternehmen…

  4. korvin sagt:

    Wäre es nicht möglich jedem «A-Blogger» einen Wert zuzuweisen, zum Beispiel Spreeblick 10, und wenn dann 10 ein Thema von 10 irgendwelchen B/C/D/E-Blogs besprochen wird, dass es genauso relevant ist wie ein Thema das bei Spreeblick angeschnitten wird?

    Ich habe keine Ahnung wie genau Riva funktioniert, aber ich könnte mir so ein Scoringsystem als wirkungsvoll vorstellen.

  5. Einen A-Blogger-Bonus gibts nicht, Rivva analysiert allein Linkstrukturen. Ist jedoch gar nicht einfach, einem Programm so viel Eigenintelligenz auf den Weg zu geben, dass es autonom immer so handelt, wie es für den Menschen offensichtlich und richtig erscheint. Mein Fokus wird jetzt sein, erst einmal den Signalrauschabstand zu verbessern. Wenn mir die Leser weglaufen, ist alles andere eh für die Katz … Danke noch mal für die Kommentare!

  6. Chris sagt:

    Wow, 5 Tage später und jetzt gibt es bei ein paar Web 2.0-Bunnies (hiermit melde ich das Markenrecht, international Copyright auf diesen Begriff für div. deutsche Blogger an :D) den großen Aufschrei, dass Rivva an diesen Web 2.0-Alles-Verlinkern-Deppen und somit Dreck-auf-den-Frontpage-Bringern kaputt geht.

    Das ging ja schnell. 😀

    Siehe oben. q.e.d.

    Und anstelle diesen Werbedreck zu fördern, könnte man besser jetzt das eigene Topic, sprich, mit dem eigenen Blogeintrag «Sticky» setzen — die Leute scheints ja doch irgendwie zu interessieren — denn darauf beziehen sich alle. Außer Chat Atkins, aber der läuft ja lieber mit den manuellen Trackbacks den anderen hinterher, ich will auch 20 Klicks

    Die Automatisierung ist das fatale an der Geschichte, so haben die Web 2.0-Spammer leichtes Spiel.

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