Reden wir doch mal Tacheles #2

Wie ich im ersten Teil festgehalten habe, ist das Gebilde, welches sich bedeutungsschwanger Blogosphäre nennt, innerhalb der deutschen Medien völlig irrelevant. Es hält manchmal für den einen oder anderen Treppenwitz her, das war es dann aber auch. Bei aller Kritik haben deutsche Journalisten wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als sich mit einer (neuen) Luftblase zu beschäftigen. Und ja, natürlich gibt es Ausnahmen, aber ein ständiger Austausch von Informationen, ein regelmäßiger Ausdruck von gegenseitiger Hochachtung und gegenseitigem Respekt findet nicht statt. Es ist mehr ein Kampf, als ein Miteinander.

Schauen wir uns heute mal die Zugriffszahlen der deutschen Blogs an — Zahlen, die man in diversen Kreisen mit besonderen Argumenten unterlegt, Blogs hätten das gewisse Extra, man verkauft sich als etwas Besonderes, Einmaliges. Viele deutsche Blogs lassen sich von blogoscoop messen — der berühmt-berüchtigte Schwanzvergleich stirbt halt nie aus. Wenn man sich das Ranking so anschaut, dann ist es schon erschreckend, was für Themen und was für Abzockbuden auf den ersten Plätzen landen. Das soll uns aber nicht weiter interessieren. Old school kann man beim SPIEGEL oder der BILD das gleiche Phänomen beobachten. Gehen wir mal davon aus, dass ein Blog 5.000 unique IPs am Tag zu verzeichnen hat. Ziehen wir die Abzockbuden ab, landen wir da schon ganz weit oben im Ranking der Blogosphäre. Ein deutsches Top-Blog sozusagen. Doch was hat diese Zahl wirklich zu bedeuten, will man sie groß vermarkten?

Laut den Vermarktern kann es für ein Unternehmen nichts interessanteres geben, als auf einem Blog zu werben. Als Beispiel kann eine Aussage vom Blogwerk stehen, welches sich gerade an dem anderen bekannten Player beteiligt hat, Adnation. Es steht geschrieben: Medien haben Leser — Blogs haben Fans: Dieser Satz bringt auf den Punkt, welche neue Qualität die Zielgruppenansprache in Weblogs haben kann. Informationen aus dem Internet werden immer wichtiger für Kaufentscheidungen. Und Blogs sind wegen ihrer Subjektivität bei gleichzeitiger Transparenz und Offenheit besonders glaubwürdig. Nutzen Sie die Möglichkeit, das engagierte und interessierte Publikum unserer Themenblogs mit Ihrer Werbung zu erreichen. Amen.

Als Blogger ist man natürlich sofort geneigt, dem zuzustimmen. Klar, fühlt man sich doch gleich dieser besonderen Gruppe zugehörig, es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Doch wollen ja ein paar reizende Kollegen ihr Blog vermarkten — wie viel Wahrheit bleibt also bei unserem Beispielblog mit 5.000 unique IPs übrig? Wenn man genauer hinschaut, leider nicht sehr viel. Man muss diese Zahlen nicht aus Sicht eines Bloggers betrachten, sondern aus Sicht eines Unternehmen, einer Werbeagentur, die auf einem Blog werben möchte.

Wenn man ein Blog und seine Leser vermarkten will, dann sollte man das auch tun und nicht mit Fantastilliarden von Lesern werben, die man gar nicht hat. Was den etablierten Medien ihre Bildergalerien sind, ist dem Blogger sein Googlebesucher. Nicht umsonst stehen mehr oder wenige unbekannte Blogs in den Rankings weit oben, Mama Google und SEO lassen grüßen.

Wenn ein Blog und seine Blogleser vermarktet werden sollen, müssen im ersten Schritt Googlebesucher von den absoluten Zahlen abgezogen werden.

Logisch, oder? Wir nennen es hier intern immer Google-Fallout. Googlebesucher sind keine Blogleser, sind nicht die ach so besondere Zielgruppe, die vermarktet werden soll. Ein Unternehmen, welches werben möchte, kann diese Zielgruppe weitaus günstiger mit größerem Impact und größerer Reichweite an anderer Stelle bekommen. Dafür benötigt es keine Blogs. Und wenn wir bei Google anfangen, können wir uns durch die Statistiken weiter durchklicken. Verlinkungen in Foren? Verlinkungen bei den etablierten Medien? Verlinkungen sonstwo? Alles keine Blogleser, nicht die Zielgruppe, die so besonders angesprochen und vermarktet werden soll. Blogleser sind die, die vielleicht nicht täglich, aber regelmäßig Caschy, Spreeblick oder F!XMBR aufrufen — und nicht durch eine zufällige Verlinkung auf einem Blog landen und nach wenigen Sekunden wieder gehen.

Wenn Blogs vermarktet werden sollen, muss erst einmal eine ehrliche Bestandsaufnahme durchgeführt werden.

Wenn dies nicht geschieht, blasen sie sich zu mehr auf, als sie sind. Wie sagte der Blogvermarkter Sascha Lobo so schön: Wir sind nicht nur an der Blase gescheitert, sondern auch an unserer eigenen Haltung. Wir haben einen Audi A8 geleast, haben 30 Leute eingestellt, obwohl wir Arbeit für fünf hatten, wir haben irgendwann gedacht, wir müssen jede Woche einen einstellen, einfach weil es so sein muss. Traurig ist, dass er und seine Partner offenbar nichts dazugelernt haben. Die Zahlen der deutschen Blogs sind schon ohne ehrliche Bestandsaufnahme lächerlich. Wenn man sich die Zahlen aber genauer anschaut, bleibt nicht viel übrig. Ich behaupte einfach mal, 10% bis 20% von den veröffentlichten Zahlen. Wahrscheinlich sogar weniger. Und wenn wir dann noch bedenken, dass viele Besucher mehrere Blogs am Tag lesen, dann wird es richtig grausam — dann fallen die zum Beispiel von Adnation propagierten Zahlen von 2 Mio. unique IPs des gesamten Adnation-Netzwerkes völlig in sich zusammen. Leser A liest Blog A, B und C, wird auf den unterschiedlichen Blogs aber jeweils als ein Besucher gezählt, im Netzwerk also 3-fach. Die Blase platzt dann noch schneller als die Dotcom-Blase.

Wenn Blogger als offen und transparent gelten, warum wird dann in diesem Bereich derart dreist gelogen?

Geld verdirbt den Charakter, so sagt ein deutsches Sprichwort. Ich behaupte: Die Vermarktung und die Jagd nach dem goldenen Kalb hat das Bloggen verdorben. Und die Blogvermarkter stehen vor dem Trümmerhaufen ihrer selbst. Vielleicht hätte man es von Anfang an mit mehr Ehrlichkeit versuchen sollen. Dass diese Fantastilliarden von Bloglesern und die propagierte Offenheit und Ehrlichkeit nicht zusammenpassen, merkt selbst der zugekokste Werber, der die Nacht mit der Praktikantin verbracht hat.

Ich mein ja nur…

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12 Antworten zu “Reden wir doch mal Tacheles #2”

  1. Eine kurze Widerrede/Ergänzung wg. des meiner Ansicht nach ständigen falschen Ansatzes mit Unique-IPs oder, noch viel schlimmer, mit PIs zu argumentieren.

    In Sachen Google Besucher:

    * Google Besucher suchen und erwarten relevante Seiten. Auf relevanten Seiten erwarten sie relevante Werbung.
    * Relevante Werbung wird eher als Service denn als Belästigung empfunden.
    * Google Besucher bringen mehr Klicks als Stammleser.

    In Sachen Adnation und Ähnliche:

    * Keine relevante Werbung sondern Gießkannenprinzip
    * Kein Service sondern reine Flächenbelegung nach dämlichem klassischen 1000er-Kontakt-Preis (TKP)
    * Das TKP Prinzip ist viel zu billig für den Werbenden, weil die Relevanz der ‘lockenden Seite’ völlig außer Acht gelassen wird.

    In Sachen Blogs und Relevanz:

    * Die Relevanz eines Blogartikels lässt sich gut messen.
    * Die Relevanz eines Blogartikels ist nicht PI.
    * Eine saubere inhaltliche Struktur erzeugt werblich interessante Blogbereiche.
    * Eine (!) Anzeige für das ganze Blog schießt sauber an der Relevanz der einzelnen Artikel vorbei und erzeugt klassischen Streuverlust.

    Die oben zitierte «neue Qualität der Zielgruppenansprache in Weblogs» ist durchaus vorhanden, wird aber von den quantitativen klassischen Werbeansätzen total vernebelt und per TKP Prinzip verbilligt.

    > «Ein Unternehmen, welches werben möchte, kann diese Zielgruppe weitaus günstiger mit größerem Impact und größerer Reichweite an anderer Stelle bekommen. Dafür benötigt es keine Blogs.»

    * Google AdSense ist bis jetzt das einzige Werbenetzwerk, das es verstanden hat die Werbung bis hinunter auf die einzelne URL nach Relevanz zu granularisieren und den Preis für den Werbetreibenden per Auktionsprinzip und die Preiskalkulation durch einziehbare Schranken beherrschbar zu gestalten.
    * Werbung auf relevanten Seiten erzeugt den Impact über relevante Werbemittel und nicht über Reichweite.

  2. @Markus_Merz sagt:

    commented: Eine kurze Widerrede/Ergänzung… http://tinyurl.com/cxbfyk

  3. @Markus_Merz sagt:

    commented: Eine kurze Widerrede/Ergänzung… http://tinyurl.com/cxbfyk

  4. Interessante Gedanken und ein ebenso weiterführender Kommentar. Ich will zwar mit meinem Blog kein Geld verdienen, aber es bewusst, wie wenig echte Leser man eigentlich hat. Bei mir sind es vermutlich 10 — 20. Ganz schön wenig.

    Mir persönlich ist es wichtig, bleibenden Wert zu erschaffen (ich übe aber noch). Das heißt, wenn ich ein Filmkritik schreibe, möchte ich, dass nicht heute oder morgen, aber in einem Zeitraum von vielen Jahren, Leute, die genau nach dieser Kritik zu diesem Film suchen, etwas vorfinden, was für sie relevant ist und vielleicht andere Kritiken auf meinem Blog lesen und neue Filme finden. In diesem Zusammenhang finde ich grundsätzlich SEO wichtig (auch wenn ich es nicht anwende, sollte ich aber vielleicht).

    Ob sich aus diesem Ansatz ein Business-Konzept entwickeln weiß ich nicht, ist auch nicht mein Ziel. Vorstellbar aber, dass Werbung (etwa für die DVD des besprochenen Films) zumindest die eigenen DVD-Käufe finanzieren kann. Und ich denke, «viele» Popkulturblogger freuen sich auch, dass sie ihre DVDs, CDs, Games und Zines über ihr Blog finanzieren können. Reicht doch.

  5. Morla sagt:

    Mir sind diese Werbeblogs suspekt. Mal kurz reingeschaut — und bedient von dem Hohlsinn, der da verbreitet wird — schnell wieder weg.

    Die «echten» Blogger sind mir da schon lieber — vorallem, wenn sie ihre «eigne» Meinung vehement vertreten.

    Und da beißt sich die Katze in den Schwanz — das Ganze läuft nämlich genauso ab wie in den Printmedien:
    Die Firmen scheuen Formate, die kritische Standpunkte vertreten — obwohl, wenn sie ihre Produkte «überarbeiten» würden, wäre beides oft kompatibel; und die Nutzer würden sicher des Öfteren vorbeischauen, um sich auf viel subtilere Art «täuschen» zu lassen.

    Die meisten wollen das ja auch, schließlich will der Konsument sich «optimal» informieren, um dann eine andere Kaufentscheidung zu treffen.

    Aber, Werbung ist nun mal Täuschung — und da haben die Marketingstrategen schlichtweg keinen «Durchblick» und auch kein Format, um hinter ihrem «Käse» (Marketigstrategien) zu stehen.

    Ist halt alles endlich.

  6. David sagt:

    Die Frage ist einfach, ob das alles bei klassischen Werbekanälen wie Zeitungsinserate, Plakate, Radio– und Fernsehspots besser ist. Wie viele unique Leute erreicht man dort wirklich? Wer schaut die Seite 38 einer Zeitung auch wirklich an?

  7. Dexter sagt:

    Hinweis:
    Typo im ersten Wort und sollte es nicht eigentlich «zugekokstete» (blödes Wort) im letzten Satz heißen?
    (Kommentar kann gerne gelöscht werden)

  8. Chris sagt:

    Typo korrigiert, zugekokste sollte IMHO so bleiben.

    Danke. :)

  9. Detlef Borchers sagt:

    Wollen wir mal ehrlich sein? Ich kommentiere hier als Journalist, der Blogger mag, ganz ohne «Hochachtung und gegenseitigem Respekt» — solche Sachen sind mir einfach zu fremd. Ich halte die ganzen Zahlen, nicht nur die der Blogosphäre, für großen Humbug. Sie stammen aus der Parallelwelt der Vermarkter, die ihre eigenen Gesetze hat. Ich denke da nur an die lustigen Einwürfe vom Weltherrscher,der das Ganze mal getestet hat:

    Spiegel Online mal wieder

    und

    Fakten Ficken Fiktionen

    Aber: Was bitte, hat die ganze Aufrechnung dieser Vermarktungstricks mit dem Verhältnis von Bloggern und Journalisten zu tun, diesem «ständigen Austauch von Informationen»? Kann jemand einen Journalisten nennen, der vor der Kommunikation mit einem Blogger einen Blick auf einen Schwanzlängenvergleich wie diese Charts wirft? Ich nehme bis auf Weiteres an, dass Journalisten, die an einem Thema dran sind und recherchieren, sehr gut wissen, wo/wer die Fachblogger zu einem bestimmten Thema sind und die ungeachtet aller PIs, Unique-IPs etc. kontaktieren. –Detlef

  10. Chris sagt:

    Respekt und Hochachtung sind Dir also fremd. Interessant. 😉

    Ich denke nicht, dass Du das wirklich ausdrücken wolltest. Oder?

    Ansonsten hast Du den Artikel nicht gründlich gelesen. Der erste Absatz war praktisch nur eine Zusammenfassung des vorangegangenen Artikels. Nicht mehr und nicht weniger. Wie Du schon festgestellt hast, hat das eine mit dem anderen wenig zu tun. Lieber Detlef, hättest Du Dich nur ein wenig mehr mit dem Text auseinandergesetzt, wäre Dir das klar geworden (die Trennung wird insbesondere mit dem Einleitungssatz des zweiten Absatzes deutlich).

    Ehrlich gesagt, habe ich den Kommentar nur freigeschaltet, weil Du es warst…

  11. Macht einfach keine Werbung.

    Gruss Frank

  12. […] Chris hat sich mal Gedanken gemacht, wie relevant Blogs eigentlich wirklich sind, wenn es um Vermarktung derselben geht und dabei auch […]

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